Nie hätte ich geglaubt, jemals über Saint Vitus zu schreiben. Führte der Doom doch lange Zeit für mich ein Mauerblümchendasein... bis ich im reifen Metalalter die wahre Tiefe erkannte... und ganz besonders von einer Gruppe fasziniert war: von den sagenumrankten Saint Vitus!
 
Für Dave, Mark, Armando, Scott, Wino & Chritus
GESCHICHTE ¤ MITGLIEDER ¤ WERKE & TEXTE ¤ LIVE ¤ FILME
 
.:: DIE GESCHICHTE ::.
Erinnerung
 
Die Geschichte begann 1978, als sich vier langhaarige Black-Sabbath-Anfleher im kalifornischen Los Angeles zur Gruppe Tyrant zusammentaten: Sänger Scott Reagers, Gitarrist Dave »D.C. Vitus« Chandler, Bassist Mark Adams und Schlagzeuger Armando Acosta. Das war auch das Erwachen einer kleinen und weitgehend unbeachteten Subkultur namens Doom Metal. Wegen der Häufigkeit des Namens benannten sich Tyrant 1981 um. Patron für den neuen Gruppennamen war ein im Mittelalter lebender junger Mann, der wegen seiner Liebe zu Gott mit Metallplatten und siedendem Öl gefoltert wurde. Er widerstand und vollführte eingekerkert ekstatische Tänze. Sein Rufname war Vitus. Saint Vitus´ Musik ist ein Abbild des jungen Märtyrers, sie liegt ganz auf der Schattenseite des Lebens. Die Lieder sind unheimlich, sie sind voller Pein, schwarz wie die Nacht und sie besitzen einen speziellen, sehr morbiden Beigeschmack. Ihre Texte stecken voller schwerer Gedanken und unterschwelligem Zynismus. Es geht um die Abgründe des menschlichen Wesens, um die Ablehnung von Normen, um Kriege und Drogen (Folgen inbegriffen). Der Tod spielt eine nicht ganz unwichtige Rolle. Alles zusammen wird mit einem Höchstmaß an Echtheit und Eindringlichkeit zelebriert.
 
In rascher Abfolge setzten Vitus beim von Black Flag geführten Hardcore/Punk-Label SST Records - als Antikultur zum Punk - drei urelementare Metalkolosse in die Welt. Jeder dunkel grollend wie ein Vulkan: das 1979 - noch unter Tyrant - entstandene, ungeschliffene Langeisen Saint Vitus (1984), den metallisch-brausenden Nachfolger Hallow´s Victim, und das tiefdüstere Minialbum The Walking Dead (1985). Nach dem folgenden US-Kreuzzug stieg Reagers aus.
 
Das Jahr 1986 brachte einen Schlüsselmoment. Scott »Wino« Weinrich stieg in die Gruppe ein und löste damit Reagers ab. Mit Wino verfügte man jetzt nicht nur über einen Frontmann mit begnadetem Gesang, sondern auch über einen starken zweiten Gitarristen! Winos kräftige, klare Stimme veredelte den ursprünglich mit Reagers entstandenen Klassiker Born Too Late (1986) und die Thirsty And Miserable EP (1987). Dazu verstärkte sein rauher Sechssaiter auf Mournful Cries (1988) und dem manisch schwarzen Ungetüm V (1989) die Instrumentenfront. Winos schamanengleiche Erscheinung, Daves besessene Wah-Wah-Gitarre, Marks drückende Bässe und Armandos dumpf dröhnende Trommeln machten Saint Vitus zur Seele des Doom. Niemand im Doomladen besitzt die dunkle Leuchtkraft von Vitus. Jede ihrer Noten ist pure Magie, jedes Stück ein heiliges Schaffenswerk für die Ewigkeit. Die gesammelten Überlieder der inoffiziellen »Best of« Heavier Than Thou schlossen 1988 das Kapitel SST.
 
Nunmehr in der Alten Welt bekannter als in Amerika, wechselten Vitus 1989 zu den Westberliner Hellhound Records. Ausgiebige Klubauftritte in Europa (u.a. mit Agnostic Front und Count Raven), folgten. Zeugnis mythischer (und nicht selten zugedrogter) Konzertnächte, ist die Aufnahme Live (1989). Ganz gleich was Chandler & Co. taten - ein paar Gesten, schlichte Töne - sie fesselten die Fans. Der finanzielle Durchbruch blieb ihnen jedoch verwehrt. Wovon leben? Doom war ihr Ein und Alles! Ernüchterung machte sich breit, und nach einer Tour mit Obsessed kam es zum Bruch: Im Streit mit Dave verließ der Sänger bei Nacht und Nebel den Bund. Wino ging heim in die Wälder Marylands und reformierte sein eigenes Projekt The Obsessed, das er zuvor für Vitus verlassen hatte. - Nachfolger sollte »Messiah« von Candlemass werden, doch dann rekrutierten Vitus Christian »Lord Chritus« Linderson von Count Raven. Chritus wiederum, vertrat einen sehr an Ozzy angelehnten Gesangsstil. Man war nicht wirklich zufrieden und die Liaison scheiterte. Das endzeitliche C.O.D. (1992) blieb eine beachtliche, aber blockierende Affäre.
 
1994 flackerte neues Leben auf. Mit der Rückkehr von Reagers stellten sich Vitus noch mal in der Urbesetzung auf. Doch auch dieser Versuch zerfiel bald schon wieder zu Asche. Das verfluchte siebente Studioalbum, Die Healing, sollte hochgradig elegisch und zum doomigsten Werk überhaupt - aber auch zum kommerziellen Fiasko und finalen Zeichen werden. Nach einer Europatour mit Revelation und inneren Konflikten lösten sich Vitus 1995 auf.
 
Post mortem
 
Wino, der sein ganzes Leben dem Doom vermacht hat, gründete auf den Niedergang von The Obsessed (1995) Shine, die sich später in Spirit Caravan umbenannten. Auf deren drogenbedingten Zusammenbruch folgten Episoden mit Place Of Skulls und den Doompunks The Hidden Hand. Seit 2008 ist er mit dem Projekt Wino unterwegs. - Chandler wurde nach langem Rückzug aus dem Geschäft 2003 von Ron Holzner (Trouble) reaktiviert. Deren Stoner-Metal-Unternehmen trägt den Namen Debris Inc. - Lord Chritus sang von 1998 bis 2002 bei den Heavybluesern Terra Firma. Nach deren Auflösung lebte er eine Zeit lang abgeschieden als Eremit vor Stockholm, bevor er 2008 zusammen mit Vicar (Ex-Reverend Bizarre) unter Lord Vicar wieder auftauchte. - Armando trommelte einige Jahre bei den Southernrockern Dirty ReD. Er starb am Thanksgivingtag 2010 im Alter von 58 Jahren. Bis zum Schluß hatte er medizinische Hilfe abgelehnt. R.I.P. Armando!
 
Neues Leben
 
Saint Vitus atmen noch. Im Frühling 2012 soll mit dem neuen Schlagzeuger Henry Vasquez - nach sieben Jahren Pause - ein neues Album erscheinen. Season Of Mist heißt der Verleger, und Lillie: F-65 der kryptische Arbeitstitel.
 
.:: DIE MITGLIEDER ::.
  Armando Acosta † (dr, 1979-2009)
   Mark Adams (bs)
   Dave Chandler (gt)
   Christian Linderson (vc, 1991/92)
   Scott Reagers (vc, 1979-85, 1995)
   Henry Vasquez (dr, ab 2009)
   Scott Weinrich (vc/gt, 1986-90, ab 2003)
 
.:: DIE WERKE ::.
Klick auf die Titel öffnet die Texte
Saint Vitus (SST, 1984)
Saint Vitus (4:49)
White Magic / Black Magic (5:27)
Zombie Hunger (7:21)
The Psychopath (9:26)
Burial At Sea (8:38)
Hallow´s Victim (SST, 1985)
War Is Our Destiny (4:14)
White Stallions (5:26)
Mystic Lady (7:44)
Hallow´s Victim (2:51)
The Sadist (4:00)
Just Friends (Empty Love) (5:45)
Prayer For The (M)asses (5:33)
The Walking Dead E.P. (SST, 1985)
Darkness (3:27)
White Stallions (5:22)
The Walking Dead (11:46)
Born Too Late (SST, 1986)
Born Too Late (6:57)
Clear Windowpane (3:19)
Dying Inside (7:26)
H.A.A.G. (Hell Ain´t A Game) (5:04)
The Lost Feeling (5:24)
The War Starter (6:45)
Thirsty And Miserable E.P. (SST, 1987)
The End Of The End (5:49)
Look Behind You (3:21)
Thirsty And Miserable (3:54)
Mournful Cries (SST, 1988)
The Creeps (2:47)
Dragon Time (7:24)
Shooting Gallery (6:44)
Bitter Truth (4:12)
The Troll (6:54)
Looking Glass (4:49)
Heavier Than Thou Comp. (SST, 1988)
Clear Windowpane (3:14)
Born Too Late (6:52)
Look Behind You (3:18)
Thirsty And Miserable (3:51)
Dying Inside (7:23)
The Lost Feeling (5:22)
H.A.A.G. (5:02)
Shooting Gallery (6:44)
Bitter Truth (4:12)
Dragon Time (7:33)
War Is Our Destiny (4:10)
White Stallions (5:26)
White Magic/Black Magic (5:26)
St. Vitus (4:47)
V (Hellhound, 1989)
Living Backwards (2:30)
I Bleed Black (5:10)
When Emotion Dies (2:00)
Patra (Petra) (7:28)
Ice Monkey (4:02)
Jack Frost (7:12)
Angry Man (4:23)
Mind-Food (3:07)
Live (Hellhound, 1989)
Living Backwards / Born Too Late (9:39)
The War Starter (7:30)
Mind-Food (3:15)
Looking Glass (4:50)
White Stallions (5:40)
Look Behind You (4:37)
Dying Inside (8:59)
War Is Our Destiny (4:10)
Mystic Lady / Clear Windowpane (17:06)
C.O.D. (Hellhound, 1992)
Intro (1:47)
Children Of Doom (6:07)
Planet Of Judgement (7:39)
Shadow Of A Skeleton (5:55)
(I Am) The Screaming Banshee (3:48)
Plague Of Man (8:01)
Imagination Man (4:25)
Fear (4:48)
Get Away (7:23)
Bela (5:58)
A Timeless Tale (2:17)
Hallow´s Victim (Exhumed) (4:03)
Die Healing (Hellhound, 1995)
Dark World (4:55)
One Mind (4:32)
Let The End Begin (7:36)
Trail Of Pestilence (5:10)
Sloth (8:11)
Return Of The Zombie (6:41)
In The Asylum (8:10)
Just Another Notch (4:30)
 
.:: UNITED EIN TIME ::.
Im Sommer 2003 schlossen Vitus ein letztes Mal Frieden - erstmals seit 1991 in der Born-Too-Late-Besetzung. Auslöser war Chandlers Auftritt in Wacken ´02, wo er mit Debris Inc. »Born too Late« gespielt und gefühlt hatte, daß einige Leute Saint Vitus noch immer lieben. Vom Bassisten Holzner bestärkt, gab er die Reaktionen an die alten Komplizen weiter - und die waren berührt. - Am 1. Juli 2003 erfolgte im »Double Door« Chikago eine Aufwärmschau und vier Tage später betraten die Totgeglaubten deutschen Boden: zur einmaligen Wiederauferstehung beim With Full Force auf dem Fliegerhorst Roitzschjora. Sturm und Regen hatten Doomflair geschaffen. Weder eine strapaziöse Anreise noch bizarre Szenen im Festivalgelände konnten uns nun noch abhalten. In der fünften Stunde betrat ich mit meinem Mädel die durchtränkte Plane vor der gigantischen Hauptbühne. Ein Pressepaß von Bogo Ritter ebnete mir den Weg ins Sperrgebiet - vier St. Vitus über mir, 25 000 Metalfans im Rücken. Und der Himmel schloß die Schleusen...
 
Um 17.33 Uhr warnte Dave Chandler - mit abgespreizten Armen und Händen das ´V` formend -: »Hey man! Beware of what you wish for!« Darauf rollte stoischer Trommelwirbel über die Grasebene, darüber ein Riff wie ein feuerspeiender Drache: »Clear Windowpane«... Götterdämmerung! Wino erschien. Wie Dave mit angegrauten, jedoch wunderschönen arschlangen Haaren. Der Wino erhob seine Stimme und sang durchdringend bis auf die Knochen: »I see colours everywhere, I have things living in my hair... » LSD, Täuschung oder Wirklichkeit? Da oben standen St. V in echt! Die Endorphine strömten nur so, ich zitterte wie ein Grashalm und konnte kaum die Kamera halten. Allein beim Tippen dieser Zeilen steigen mir Tränen in die Augen. Wino machte seine erste und einzige Ansage: »Hallo Duitschland! Wie geht´s?« Schocker Nummer 2 folgte auf den Fuß: »Dying Inside«. Wino litt sich noch mal durch seine eigene Hölle: »I can´t control my addiction. I´ve tried time and time again. I´m losing all my friends and lovers. Alcohol knows it´s gonna win.« Gott labte sich an Gänsewein und alle litten mit. Das Nächste widmete Dave den »people in the old Vitus-shirts«, und Wino entstaubte es mit beschwörenden Augen: das mystische »White Magic/Black Magic« mit den weißmagisch-schwarzmagischen Linien »I believe in miracles, I don´t believe in sin. I believe in wizardry, I don´t believe in trends.« Die erste Walze vom Überwerk 'V' rollte über Roitzschjora: »Living Backwards«. Wieder zelebrierte Wino jede Silbe mit höchster Eindringlichkeit. »Dreams were made for mortals, none were left for me. So I´m living backwards, the past is all I see.« Die Reporter mußten den Fotograben verlassen. Ich kämpfte mich durch die vorderen Reihen, sah Leute weinen, andere tanzten in Ekstase, viele waren paralysiert. Ein tintenschwarzer Alptraum strich über uns: »I Bleed Black«. Mit den Zeilen »Open my veins, I do it every day. I live in a dark world, where death is just an L.A. game.« Vor zehn Jahren lief schwarzes Blut durch Winos Adern. Er war dem Tod näher als dem Leben. Heute durften wir ihn anbeten. Die adrenalinbeladenen Rösser »White Stallions« galoppierten. Selbst der introvertierte Mark doomte nun wie ein Derwisch übers Podium, der lederbehelmte Acosta wuchtete wilde Hufschläge auf die Snares und Dave glitt unter fakirgleichen Verbiegungen mit den Zähnen über seine Geliebte. Der raserische Ritt endete als dreizehnminütige Fuzzlawine. Dave fluchte kurz: »No drums and bass!«, doch war der Groll schnell verflogen. Denn Vitus hatten noch ein Eisen im Feuer: »Born too Late«! Was nun kam, ist kaum in Worte zu fassen. Wino zelebrierte mit höchster Intensität was viele denken, schlichte Zeilen, jede eine hochgradige Absage an Regeln und eine glühende Ode an die Freiheit: »Every time I´m on the street, people laugh and point at me. They talk about my length of hair, and the out of datet clothes I wear. They say I look like the living dead, they say I can´t have much in my head«, und schloß mit ungeheuren Emotionen: »I was born too late, and I´ll never be like you!« Und dann schrien es Dave und Wino zusammen: »I´ll never be like you!!!« Magische Momente, die ich bis zum Ende meiner Tage nicht vergessen werde! Vitus sind alte Männer. Aber sie sind, wie sie immer waren, und so werden sie immer sein. Dave kreuzte mit Mark die Gitarren und bat - einen Kuß ins Volk werfend - »Save me a beer!«
 
Das geschah am 5. Juli 2003, um 18.17 Uhr im sächsischen Hinterland. Ich sah ins Gesicht meines Doomkumpels Kalle. Seine Augen glichen Feuerbällen: Der gestandene Mann hatte die ganze Zeit über geweint. Und Peanut hatte unter einem Regenschirm leise mitgesungen. Ich lief vor der verwaisten Kanzel auf und ab. Es war vorbei, Saint Vitus waren Geschichte, wir hatten ins selbe Licht gesehen, es wäre ein schöner Tag zum Sterben gewesen...
 
Um sieben gewährten die Unberührbaren eine kleine Audienz. Ich durfte ihnen in die Augen blicken, und dem stillen Wino und dem exzentrischen Dave die Hände drücken. Mit schlotternden Knien und rasendem Herz. Ich machte von Peanut und Wino ein Bild, Armando grinste glücklich, Mark erteilte mir mit »God bless you!« den spirituellen Segen, und Wino signierte meine Haut. Daraus wurde ein Tattoo... Vitus lebt für immer!

 
 
Heiliger Vitus, 7. Juli 2003
(Foto: Hl.Vitus)
 
.:: FILME ::.
  White Magic / Black Magic ... Clip 1984
   Saint Vitus ... USA-Palm City, The Palm Springs Community Center, 16. Mai 1986
   White Stallions ... USA-Palm City, The Palm Springs Community Center, 16. Mai 1986
   Zombie Hunger ... USA-Palm City, The Palm Springs Community Center, 16. Mai 1986
   Clear Window Pane ... USA-Palm City, The Palm Springs Community Center, 16. Mai 1986
   Prayer for the (M)asses ... USA-Palm City, The Palm Springs Community Center, 16. Mai 1986
   I Bleed Black ... Clip 1989
   Ice Monkey ... Clip 1989
   Fear ... Clip 1992
   One Mind ... Clip 1995
Stand: 30. Januar 2012