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112. BOSTON-MARATHON, 21. April 2008 ¤ AUFBAUKÄMPFE Silvesterlauf Frankfurt (10 km), 30.12.07 Mörfelden-Halbmarathon, 10.2.08 Frankfurter City-Halbmarathon, 2.3.08 Brechener Halbmarathon, 29.3.08 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Mass adchu ut: Aus den Hügeln Massachusetts ... durch den Tunnel der Liebe ... zum Mittelpunkt des Sonnensystems Boston. Schon der Name ist ein Mythos. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen 1896 wurde der erste organisierte Lauf über 40 Kilometer ins Programm genommen - ein Marathon. Ein Jahr später versammelten sich 15 Wagemutige bei Boston. Der älteste Marathon der Welt wird seither immer am dritten Montag im April (anläßlich der Militärparaden zum Patriot´s Day) ausgetragen. Boston ist das Monument und der Inbegriff des Marathonlaufs aus dem vorletzten Jahrhundert, der von der höchsten Kultur, der mit dem meisten Prestige - und der Härteste von allen. Neben der unbeherrschbaren Wetterlotterie - plötzliche Klimaumschwünge sind ganz normal, meist weht »Headwind« (Gegenwind), selbst aus heiterem Himmel aufziehende Blizzards traten schon auf - wartet das spezielle Gelände mit dem sagenumwobenen »Heartbreak Hill«. Boston ist auch der Exklusivste unter den Großen Fünf. Nur 25 000 Starter läßt die Boston Athletic Association zu. Nur klassische Marathonläufer! Startberechtigt ist nur, wer in den letzten achtzehn Monaten die aufgestellte Zeitnorm nachweisen kann, oder durch eine vom Weltverband autorisierte Reiseagentur eingeschrieben wird. Frauen ist die Teilnahme erst seit 1972 erlaubt. Der Preis für einen Startplatz belief sich 2008 zwischen 110 und 200 US-Dollar (85 bis 150 Euro). Zu gewinnen gab es auch was: Der erste Mann und die erste Frau kassierten jeweils 150 000 Dollar - so viel wie nie zuvor. Sieben Monate vorm Kampf - am 9. Oktober - hatte wir über die Geschäftsstelle von interAir zwei Startplätze ergattert. Was kostete uns die Welt? Für Flugkarten und Unterbringung mußten wir pro Person 1400 Euro auf den Tisch legen; eine Startnummer mit erfüllter Norm kostete 108, mit fehlender Norm 158 Euro. Dazu kam noch die Verpflegung usw. usf... Nach BERLIN und LONDON wurde der Lauf in Neuengland unser dritter in der Serie der World Majors. Ein wiederum unauslöschlicher! | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| .:: DIE STRECKE ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Die berühmte Achterbahn nach Boston beginnt am Ehrenmal »Marching Doughboy« im Wald von Hopkinton. Von Hopkinton führt die Landstraße Route 135 durch sieben Ortschaften in den Hügeln von Massachusetts. Nach einem steten Rauf und Runter über Ashland, Framingham, Natick und Wellesley drohen im fortgeschrittenen Stadium die sieben Steigungen von Newton mit dem mythischen Heartbreak Hill am Ende. Das trügerische an diesem Kanten ist, daß er anfängt, wo man glaubt, oben zu sein! Oben angelangt geht es über Brookline hinein nach Boston, wo unter den Wolkenkratzern des Copley Square der Showdown wartet. Bis zum Ziel sinkt die Höhe tendenziell leicht ab, der Gesamtanstieg beträgt 159, das Gefälle 282 Meter. Auf die 42 Kilometer umgerechnet sind das 3,2 Meter pro Kilometer. Damit ist Boston auch nicht als Weltrekordkurs anerkannt (erlaubt ist 1 Meter pro Kilometer. Dazu kommt die Entfernung zwischen Start und Ziel, die 91 Prozent der Renndistanz beträgt. Ferner kann Rückenwind - »Tailwind« - zu einer unerlaubten natürlichen Hilfe werden). Eine halbe Million Schlachtenbummler stehen jedes Jahr hinter den Kämpfern und schreien sie bedingungslos und hautnah ins Ziel. Aktueller Streckenrekordmann war Kenias Robert Cheruiyot mit 2:07:14 Stunden aus dem Jahre 2006. Interaktive Streckenführung: >> Boston Course Map Von Hopkinton nach Boston in 4:30 Minuten: >> Real Video Course Tour GPS-Strecke: >> GPSies | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| .:: DIE VORBEREITUNG ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Den Grundlagenbereich gestalteten wir nach den Trainingsplänen der Boston Athletic Association. Während ich nach dem »16 Week Veteran Training Program« übte, das bei sechs Trainingstagen für 60 bis 70 Meilen in der Woche (95 bis 115 Kilometer) ausgelegt war, bereitete sich Marathona Peanut nach dem »16 Week Rookie Training Program« mit 40 bis 60 Wochenmeilen (65 bis 105 Kilometer) vor. Die einzelnen Wochen setzten sich aus folgenden Übungseinheiten zusammen: 1. Rest Days: ohne Erholung keine Anpassung; 2. Interval Workouts: mit Abschnitten von 800 bis 3000 Metern im 5-Kilometer-Renntempo; 3. Distance Runs: typische Dauerläufe in mittlerer Geschwindigkeit; 4. Medium-Long Runs: 30 Sekunden langsamer als Marathon-Renntempo; 5. Marathon Tempo Running: Tempo-Gefühlsläufe im Bereich von +/- 10 Sekunden des angestrebten Marathontempos; und 6. Long Runs: das wichtigste Teil im großen Puzzle mit Teilabschnitten im Marathontempo Ab Woche 5 erfolgte ein Umstieg auf die Anleitungen des Greif-Clubs. Nachfolgend die 16 TRAININGSWOCHEN vom 30. Dezember 2007 bis 21. April 2008 in der Kurzfaßung: 1. Wo. (100 km): Einer Klatsche beim Berlin-Marathon im Herbst folgte der Absturz. Ich lief nicht mehr und verstieg mich in gesitigen Getränken. Alle Fitness war dahin - und dann ging es mit einer Schnellkraft-Aktion gleich richtig ab: | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER 1. AUFBAUKAMPF ::. 29. MAINOVA SILVESTERLAUF FRANKFURT, 30.12.07 (10 km) | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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2. Wo. (104 km): Während wir plötzlich von »Überfällen jugendlicher Ausländer auf Deutsche« erfuhren, derweil in den U-Bahnen Frankfurts Gewalt herrschte und selbst Koch und Merkel von Fremdlingen angefeindet wurden, wird auch der Langstreckenläufer immer mehr durch Gesindel bedrängt. Neben Radlern, Gassigehern, Kinderwagenschiebern und fidelen Rentnern, machten einem vermehrt multikriminelle Drogendealer und Gewaltbereite die Laufstrecken am Fluß Nidda streitig. Dienstbedingt mußten wir zudem oft im Dunkeln trainieren. Vor allem Peanut konnte so manchen Kilometer nur im Licht der Laternen machen. Die zweite Woche war eine klassische Grundlagenwoche: Mo.: 40 Min. Kraft- und Koordinationsübungen Di.: Tempowechsellauf mit 1 Meile - 2 Meilen - 1 Meile im 10-km-Renntempo Mi.: 15 km lockerer Dauerlauf Do.: Tempodauerlauf mit 2 x 15 Min. im Marathontempo Fr.: Ruhetag Sa.: 31 km langer Dauerlauf So.: 24 km Crescendo 3. Wo. (102 km): 14 Wochen vor Tag X ging die Netzseite des Ausrichters auf Sendung. Die Starter in spe fanden Trainingspläne- und Treffpunkte für die Laufkultur Bostons - der Rest der Welt die Notiz, daß Radstar Lance Armstrong für Boston gemeldet hat. - - Für mich selbst stand das erste Bahntraining an: 3 x (800 m-600 m-400 m-200 m). Mit Trabpausen hatten sich 22 Bahnen auf Asche ergeben. Zuviel fürs Sprunggelenk: Die Kurven hatten sich im stärker belasteten Innenknöchel gleich wieder als stumpfer Schmerz bemerkbar gemacht. Eine alte Kinderkrankheit... 4. Wo. (104 km): Zur Simulation von Boston gehören Hügel. Up- und Downhill-Läufe in Frankfurt? Natürliche Erhebungen gibt die Finanzmetropole nicht her. Aber zwei Schuttberge, in Frankfurt »Monte Scherbelino« genannt. Zum einen den aus Kriegstrümmern errichteten südlich des Mains, dazu seinen Bruder im Norden mit den Altlasten des Rüstungsbetriebes Vereinigte Deutsche Metallwerke von 1943. Letzteren hatte ich neu entdeckt und frisch ausgespäht: Eine Autostraße gipfelt nach 250 Metern auf einem 25 Meter hohen Parkplatz. Mit 14 Wiederholungen überwindet man also 350 Höhenmeter. Die Halde von Heddernheim war unser Heartbreak-Hill-Ersatz! - Zur Strafe hätte ich mir unter der Woche fast den Tod geholt: Während ich trainierte, hatten drei bewaffnete Drogendealer in meinem Haus eine Geisel genommen. Als ich naß bis auf die Knochen zurückkam, war mein Daheim von einem SEK der Polizei abgeriegelt und den Bewohnern der Zutritt zur eigenen Behausung verwehrt. So kam es, daß ich erst nach einer Dreiviertelstunde in der Kälte des Januarabends unter die heiße Brause durfte. 5. Wo. (120 km): Eine Woche voller Enttäuschungen. Enttäuschung eins: Ich habe meine Schnelligkeit verloren und war über 1000 Meter über die Vier-Minuten-Marke entschleunigt. Als Konsequenz habe ich den Umstieg auf den expliziten »T6Z« von Greif beschlossen. Peanut trainiert nach T4Z. Enttäuschung zwei: Die Humanoiden mit der Lizenz zum Töten, die selbsternannten »Jäger«, trieben wieder ihr Unwesen in unserem Trainingsgebiet. Enttäuschung drei betraf den Dienst: Nach monatelanger Hinhaltetaktik wurde mir am 31. Januar mitgeteilt, daß mein Arbeitsgebiet abgewickelt und in einer so genannten »Offshoring«-Maßnahme nach Ungarn ausgelagert wird und ich ab August mein Leben neu ausrichten muß (darf). 6. Wo. (85 km): Mit der Ausmusterung überschlugen sich alle Planungen für ein Morgen. Schlagartig war nichts mehr wie zuvor. Statt auf dem Weg nach Boston befand ich mich in Gedanken schon in den Wäldern Skandinaviens oder irgendwo sonst auf der Welt..... Zudem erlitt ich einen Hexenschuß, der jedes Training hemmte. Geistig und körperlich im Nichts, stand das Luxusproblem »Boston ´08« definitiv vorm Abbruch. Und am Sonntag war - als wäre nichts geschehen - ein Wettkampf zu absolvieren! | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER 2. AUFBAUKAMPF ::. 31. HALBMARATHON DER SKV MÖRFELDEN, 10.2.08 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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7. Wo. (130 km): Zehn Wochen vorm Marathon hatte ich dem Bier abgeschworen. Zehn Wochen auf Straight Edge sind wie sieben Tage ohne Sünde. Aber ich mußte abspecken. Zudem würde ich statt eines Tempowechsellaufs einmal in der Woche Bergsprints üben. Nachdem eine Hochdeponie in Frankfurt-Heddernheim jüngst von mir fürs Hügeltraining entdeckt wurde, keuchten diese Woche bereits zwei andere, unbekannte Bergziegen den Hang hinauf. Und: Nur sechs Tage nach dem halben Marathon von Mörfelden bin ich meine 40-Kilometer-Runde bei Frost und ohne Zufuhr von Wasser und Verpflegung in 3:23 Stunden gelaufen: eine völlig unerwartete Leistungsexplosion und eine absolute Hochform im tiefsten Februar! 8. Wo. (141 km): Ein härterer 10-Kilometer-Tempodauerlauf in 4:20 Min./Kilometer, ein quälerisches Hügeltraining mit 12 Wiederholungen à 250 Meter, ein autistischer 10-Kilometer-Tempoturn mit 17 Quarters (400 Meter) in 1:39 Min. und je 200 Meter Trabpause auf knöcheltiefer Asche, sowie ein einsamer 40-Kilometer-Dauerlauf in 5:29 Min./Kilometer: das waren die Kerneinheiten der achten Woche. Peter Greif legte blumige Worte auf die gemarterten Glieder: »Die Anforderungen steigen, die alten Bestzeiten zittern jetzt schon um ihr Leben, und bald schon wirst Du ein Läufer von einem ganz anderen Niveau sein!« 9. Wo. (89 km): Der nächste Härtetest: | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER 3. AUFBAUKAMPF ::. 6. FRANKFURTER CITY-HALBMARATHON, 2.3.08 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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10. Wo. (125 km): Als Erinnerung an den Frankfurter Semi hatte ich mir feste Waden und Beschwerden im Fußgewölbe und den Achillessehnen eingehandelt. Dazu kamen neue Probleme in den Lendenwirbeln. Ich konnte diese gesamte zehnte Woche nur unter Schmerzen laufen! - - Enttäuschend auch die Informationen, die von Amerika nach Deutschland durchdrangen. Nämlich gar keine. Kein Rundschreiben, keine Trainingstipps, keine Aktualisierung im Netz, absolut nichts kam aus der Neuen Welt. Also bekam man auch überhaupt keinen Draht nach Boston. Es war, als hätte ich all die Zeit für Langstreckenlauf XYZ geübt. Im Prinzip könnte ich Ende April auch bei einem Wald- und Wiesenmarathon antreten. Es wäre der gleiche Aufbau. Nur mit dem Unterschied, dann nicht um 1400 Piepen ärmer zu sein. 11. Wo. (135 km): Endlich, Anfang März, funkte Boston erste Lebenszeichen. Zunächst einen Netzbrief der Boston Athletic Association: »This is to notify you that your entry into the 112th Boston Marathon on Monday, April 21, 2008 has been accepted«. Und wenig später, am 14. März, trudelten aus Hopkinton die schriftlichen Bestätigungen auch per Schneckenpost ein: die Acceptance Cards! Damit waren Peanut und ich 2 von 151 glücklichen Deutschen und 2 von 24 786 insgesamt (14 544 Männer und 10 242 Frauen), die in Hopkinton das Rennen aufnehmen würden. - Am Mittwoch hatten wir extra Urlaub genommen, um morgens auf der Bahn unbehindert 5 x 2000 Meter durchzuziehen. Leider waren die Stoppuhren weit nach den Vorgaben stehen geblieben. Aber auf Orkan »Emma« war Sturmfront »Kirsten« gefolgt, die uns mit Wind und Regen fast von der Asche gefegt hätte. 12. Wo. (131 km): »Du suchst die Gründe deiner Muskelprobleme an der falschen Stelle. Niemals macht ein HM 14 Tage lang Probleme, der ist spätestens nach 5 Tagen verdaut. Aber 40-km-Läufe können im Gegensatz zu 35-ern erhebliche Schwierigkeiten bereiten.« Derart vom Mentor eingebremst, war es nicht leicht, den Monat bis zum Marathon zu planen: Seit dem Frankfurter Halbmarathon hemmten mich Wadenkrämpfe im Vorankommen. Und ausgerechnet in diesem Stadium mußte ein Aufbaurennen bestritten werden. Nur wann? Vier Wochen vor Boston (mit besagten Muskelproblemen und der Gefahr, daß alles böse endet) - oder drei Wochen vor Tag X (mit der Gefahr, sich nicht völlig zu erholen)? Die Vorgaben lauteten: »22.03.: 35 km, 29.03.: HM, 05.04.: 35 km, 12.04.: 35 km, 21.04.: Marathon« - Gute alte Pferdesalbe und die Heilkraft aus dem eigenen Glauben machten mich für unser kleines Ostertrainingslager fit. Es sollte unter schwierigen Umständen stattfinden. Am Karfreitag bei Kälte auf die 35-Kilometer-Runde begeben, setzten nach wenigen Kilometern Wind, Regen, Schnee und Graupel mit vereinzelten Gewittern ein. Derweil ich die Unbilden nach drei Stunden hinter mir hatte, währten sie für Peanut über vier Stunden. Selten habe ich mit meinem Mädel derart mitgelitten! 13. Wo. (90 km): Der letzte Prüfstein: | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER 4. AUFBAUKAMPF ::. 3. BRECHENER VOLKS- UND STRASSENLAUF, 29.3.08 (Halbmarathon) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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14. Wo. (124 km): Nach dem Rekord in Brachina war Mäßigung angesagt. Nicht, daß man sich dabei gut fühlte. Ganz im Gegenteil: Ich fühlte mich schrecklich müde und kraftlos und verfiel immer wieder in Gehpausen. Zudem schlug ein Bazillus durch. Auf anhaltende Rückenbeschwerden nun auch noch eine Erkältung. Zwei Wochen vorm Marathon drohte das ganze System zusammenzubrechen! 15. Wo. (102 km): Eine laufende Nase, Ohrensausen, Hustenreiz, Kratzen im Hals, Herzstolperer und anhaltendes Grippewetter: Alles was war, schien in der ersten Wochenhälfte endgültig verloren. Doch dann kam die letzte straffe Übung mit 3 x 4000 m, und die schaffte ich sogar in schwerer Winterkluft im Marathon-Renntempo. 16. Wo. (40 + 42,195 km = Gesamt 1764 km): Zu all den Wehwehchen gesellte sich nun auch noch ein Schmerz in der Plantarsehne, der sich aber immer nach fünf Kilometern weglief. Alles in allem habe ich in den vier Monaten für Boston knapp 1800 Kilometer gemacht, davon 1350 in den zwölf direkten Wochen vorm Marathon. Mit einem Ruhepuls von 45 war ich bestens austrainiert! Peanut ist 1211 Kilometer gelaufen, 150 mehr als bei ihrer Bestzeit von Berlin! Wir haben die Saltin-Diät gemacht und danach die Alte Welt verlassen..... | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER MARATHON ::. 112. BOSTON MARATHON, 21. April 2008 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Freitag, 18. April Nach einer samtweichen Luftreise vom Weltflughafen Frankfurt über den Atlantischen Ozean an die Ostküste Amerikas war unser Kranich um 14.16 Eastern Standard Time auf dem Logan Airport gelandet. So leicht der Flug, so schwer der Zutritt zur »Cradle of Liberty«, der Wiege der Freiheit, wie das Marathon-Eldorado Boston von seinen Bewohnern stolz genannt wird. Nicht allein, daß sich die Sportler am Einreiseschalter vollständig entblössen mußten (Abnahme von Fingerabdrücken, Konterfei und Biometrie). Nein, auch der mit einem »Protect American Agriculture«-Schild behangene Terrier vom Zoll hatte unsere aus Deutschland eingeschmuggelte Körnerkost erschnüffelt. Einzig einem gütig gestimmten Zollbeamten war es zu verdanken, daß wir nicht schon auf dem Flughafen mit dem angedrohten Penalty von 500 Dollar belegt wurden. - Am Nachmittag hatten wir im altehrwürdigen »Boston Courtyard Tremont« eingebucht, und uns in der einzigen Einkaufsmöglichkeit weit und breit - einem besseren Tankstellenladen namens »7-Eleven« - mit dem nötigsten Proviant eingedeckt. (Eine Warnung an alle Bostonstarter: Die gesamte Downtown gab nichts Gehaltvolles her. Genußmittel wiederum waren nur in einem einzigen, verborgenen Liquor-Store erhältlich!) In der aufkommenden Abendbrise war eine Lockerung durch die Blocks zur Boylston Street angesetzt. Schon mal Zielluft schnuppern... Sonnabend, 19. April Der Sonnabend bestand für uns in der Hauptsache aus dem Besuch der Marathon-Expo mit dem »Number Pick-up« im Hynes Convention Center. Im Epizentrum der Veranstaltung herrschte Hochbetrieb. Die ungezählten Stände waren ausgesprochen feudal ausgestattet - aber von Läufern, den konsumhungrigen Amis und allerlei Schnäppchenjägern auch bis zur Beklemmung übervölkert. Anschließend nahmen wir noch an der Informationsveranstaltung für die Gruppe von interAir im Sheraton-Hotel teil. Die Leiter kannten die Atmosphäre dort gut und konnten uns viele hilfreiche Informationen geben. Eine Trainingsstunde auf den breiten Parkwegen des Boston Common beschloß den Sonnabend. Sonntag, 20. April Am vorgezogenen Sonntag ermittelten die Elitefrauen der USA im »U.S. Womens Olympic Team Trial« wenige Blocks von uns entfernt ihre drei Starterinnen für den Olympia-Marathon von Peking 2008. Derweil Deena Kastor die Ausscheidung gewann, stand für Peanut und mich ein weiteres leichtes Training im Stadtpark an. Am frühen Abend haben wir uns auf dem Hotelzimmer mit dem eigens mitgebrachten Heereskocher deutsche Vollkornnudeln mit einem »Old World Style Ragú« (Tomaten-Käse-Soße) aus dem 7-Eleven zubereitet. Wie an den Vortagen spielte uns die Zeitverschiebung dahingehend in die Karten, daß wir sehr früh müde wurden und uns abends um acht die Augen zufielen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Boston, Boylston Street (© BAA) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Montag, 21. April D-DAY! Leider ereilte mich erneut in der Nacht vorm Kampf ein Fluch. Diesmal die Pest der modernen Zeit. Jemand im fernen Frankfurt hatte in den mitteleuropäischen Morgenstunden eine elektronische Kurznachricht »SMS« gesendet, die in der dritten Nachtstunde laut piepend vom Funkwecker meiner Frau empfangen wurde. Derweil Peanut noch mal Schlaf fand, war die Nacht für mich um 2.50 Uhr Orstzeit zu Ende. Und noch sieben Stunden bis zum Start! Da half weder die »Holy Bible« noch das »The Book Of Mormon« im Nachtschränkchen zur Linken! Zur dunklen Zeit von 4 Uhr 30 habe ich mich völlig entnervt aus den Federn gequält. - »100% Whole Wheat Bread« (schlabbriger Toast) mit Erdnußbutter, Banane und Honig war - Thank heaven for 7-Eleven - unser Frühstück Made in USA. Später nahm ich noch eine Gallone des Kohlenhydratgetränks Vitargo, einen Riegel und in der letzten Stunde ein Energiegel zu mir. Energiezehrend: Damit ist der Starttransport am Besten umrissen. Nichts war es mit der vom Reiseveranstalter versprochenen Überfahrt im schonenden Charterbus. Ab 2008 war nur den Bussen des Ausrichters die Zufahrt erlaubt! Die Spitze des Hancock-Towers verlor sich noch in milchigem Nebel, als im ersten Morgenlicht eine Armada von zwanzigtausend Läufern um Mitnahme in einem der Schulbusse buhlten, die sich ab sechs Uhr vom Boston Common auf Achse zum vierzig Kilometer entfernten Hopkinton machten. Halb acht hatten wir zwei Sitze ergattert und eine Stunde später brachte eine Baustelle den gelben Konvoi dann auch noch zum Stillstand... so daß die Läufer (auch die weiblichen) ihre Notdurft sogar mitten auf der Autobahn entrichten durften... Fünfzig Minuten vorm Start war das Schild »Entering Hopkinton« passiert und der Parkplatz vor der Hopkinton High School erreicht. Um 9.15 Uhr betraten wir das unter freiem Himmel aufgeschlagene Athletes´ Village. Raus aus den Klamotten, rein in die Klamotten. Um 9.35 - zu dieser Zeit ließ Joan Benoit, erste Marathon-Olympiasiegerin von Los Angeles 1984, bereits die Frauenelite von der Leine - hatte ich mein Bündel am Laster für den Rücktransport abgeliefert. Und dann galt es ja noch den Kilometer auf der Grove- hinunter zur Main Street zu bewältigen: Im Trab seitlich an den Massen vorbei, und dabei mit einem suchenden Auge nach einer letzten Notdurft in einem der schnieken Vorgärten (ohne dabei von einem der scharfen Ranger ertappt zu werden). Um 9.50 war ich auf dem Starthügel angelangt. Dort »wo alles begann«! Heute war Patriot´s Day. Boston findet immer anläßlich des Patriot´s Day statt! Jemand hielt eine Brandrede. Die Namen der im Unabhängigkeitskrieg, in den Weltkriegen, in Afghanistan und im Irak gefallenen Kriegskameraden aus Hopkinton wurden aufgezählt und die amerikanische Nationalhymne angestimmt. Mit dieser Totenehrung waren die 22 375 Angetretenen patriotisch eingeschworen. Zudem wehte der Geist Olympias über Hopkinton: Im Stadtpark loderte die olympische Fackel! Grund zur Besorgnis bot indes der zur großen Stunde aufreißende Himmel. Und die Sonne meinte es gut. Besonders mit der dreißig Minuten später von der Rampe rollenden zweiten Welle, zu der auch Peanut zählte. Aus mild schimmernden Morgenstrahlen würden unerbittlich sengende Sonnenblitze werden. Und im Ziel würden alle Marathonläufer Rothäute auf der rechten Körperseite sein! Der Wind wehte anfangs nur schwach, frischte aber mit der Annäherung ans Meer merklich auf. Zur Streckenversorgung: Ebensowenig wie Boston eine »Blaue Linie« oder »Pacemaker« hat, so fehlte es unterwegs auch an fester Wegzehrung. An der 17. Meile war eine Station mit Kohlenhydratgels (Power-Gel) aufgebaut, im Übrigen gab es an jeder Meile den mineralhaltigen Durstlöscher Gatorade Endurance Formula und Wasser von Poland Spring. Sonst nichts! Doch die Einheimischen würden nicht nur unentwegt Apfelsinen- und Bananenschnitze reichen, sondern aus Gartenschläuchen auch noch Brausen zum Herunterkühlen der Körper improvisieren. Nachstehend der Wettkampfbericht, aufgeteilt in die acht durchlaufenen Orte von Groß-Boston: | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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H o p k i n t o n »Mass adchu ut« (bei den großen Hügeln) haben die Indianer das zauberhafte Hinterland von Boston, das spätere Massachusetts, genannt. Ein Pistolenschuß - ein sehr dünner - gab um 10 Uhr den START zum großen Abenteuer frei. Und es ging gleich volle Pulle los. Treu des Namens seiner einstigen roten Krieger stürzte sich die von Schlachtenbummlern, Sternenbannern und einer Sandböschung eingefaßte Strecke von den »Mass adchu ut« im freien Fall in die Tiefe: von 475 feet (145 Meter) binnen zwei Meilen auf 165 feet (50 Meter). Unter den Kampfkojoten des »Corral 3« kam ich flink in Tritt. Flink, aber nicht zu flink, denn der ziemliche schmale Asphalt der Route 135 verhinderte ein frühes Überdrehen und allzu harte Schläge auf die Muskeln. Gleichwohl galt es, taktisch klug zu laufen und die richtige Balance zu finden: in den Neigungen nicht zu bremsen, und in den Steigungen nicht zu arg zu drücken. Ein gleichbleibender Herzschlag ist die beste Methode auf welligen Strecken. Und weiter verlor die Route an Höhe. Abschüssig und auf langen Geraden nach Nordosten folgte die Stätte der Geburt, die friedliche »Clock Town«... A s h l a n d Ashland war von 1897 bis 1923 der Startort. Im April 1897 wurde die Strecke hier eingeweiht. Der Sieger des 1. Boston-Marathons, John J. McDermott, brauchte damals 2:55 Stunden. 111 Jahre später beklatschten die heutigen Bewohner von Ashland auf den Schindeldächern, Simsen und Verandas ihrer Häuser sitzend die Läufer der neuen Zeit. Van Halens »Runnin´ with the Devil« erfüllte die Luft. Nach nicht einmal zwanzig Minuten ging ich bei Kilometer 5 durch. Vorbei am alten Glockenturm zog sich das Asphaltband über eine vorübergehend kräftesparende Ebene. Über ein flaches Waldland, das immer im Oktober vom »Indian Summer« in wild flammendes Rot getaucht wird. Eine verwilderte karge Ebenheit indessen heute, bis hin zur dritten Gemeinde im County Middlesex, der von Puritanern gegründeten Kleinstadt... F r a m i n g h a m ... mit dem markanten Framingham Train Depot und seinen kreuzenden Eisenbahnschienen am Kilometer 10. Später würde ich erfahren, daß meine vom Zeiterfasser AT&T vorhergesagte Marathonendzeit an diesem Punkt auf »Proj. Finish 2:49:25« lag. Eine unglaublich schnelle Zeit. Und ich konnte dieses Rennen lesen wie ein Buch! Weiter führte die alte Landstraße Rt. 135 - auf ausnahmsweise flachem Tiefland zwischen den still und geheimnisumwittert daliegenden Gewässern Fiske Pond und Lake Cochituate hindurch nach... N a t i c k ... und einer weiteren, der typisch neuenglischen Siedlungen mit ihren hell angestrichenen Holzhäusern und von Naturmauern umgebenen Gärten. Einer der zehn ältesten Diners der USA soll hier beheimatet sein. Und nur einen Steinwurf entfernt im Norden, schrieb Henry Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts sein Buch »Walden«, das von seinem Einsiedlerdasein in einer winzigen Blockhütte am Waldensee handelt. Nachdem es bis Kilometer 15 - außer den in Bäumen sitzenden Yankees von Hopkinton - eher ruhig, durch ein noch im Winterschlaf liegendes Naturreich gegangen war, wartete an der zwölften Meile der lauteste Streckenabschnitt überhaupt. Der Punkt war schon von Weitem zu verorten!... W e l l e s l e y Die Athleten durchliefen den jährlich von zweieinhalbtausend wie am Spieß kreischenden Frauen des Wellesley Colleges formierten »T u n n e l o f L o v e«. Ich sag nur: Wow, wow, wow! Wem in diesem Hexenkessel keine Schauer übers Kreuz jagten, wer hier nichts fühlte, der war kein Mensch (oder schon tot)! Manch einem sollen im Sturm der Sprechchöre die Trommelfelle mehr geschmerzt haben, als die Muskeln. Ich konnte selbst die eigene Atmung nicht mehr hören. In Wellesley wartete zugleich die Halbmarathon-Marke. Rein rechnerisch lag ich mit 1:26:56 auf einer Endzeit von 2:53 Stunden. Das war einfach unglaublich! Die Uhren liefen erstmals für mich! Und zugegeben: Ich hatte an dieser Stelle nicht nur eine meterdicke Gänsehaut, sondern auch noch ziemlich viel Wasser in den Augen! Dieser Marathon war von Beginn weg einsame Spitze und löste einfach nur unbeschreibliche Gefühle aus. Im Gefälle der Hell´s Alley und unter nicht endenden Anstachelungen der marathonverrückten Neighborhood, wie »Good job!«, »Great work!« und »Keep on pushing!«, war der 25. Kilometer erreicht. Nun stand der schwierigste Teil bevor... N e w t o n Run to the hills, run for your lives: das Bollwerk der Newton Lower Falls und Newton Hills zwischen Meile 16 und 21! Mit keinen Leitern zu Gott zwar, aber das fortgeschrittene Stadium reibt die Muskeln in diesem Sektor auf. Gleich der erste von sieben Anstiegen, die sich wie Kaugummi ziehende Brücke über den Charles River, hatte es nur so in sich. Es war die einzige Stelle des Marathons ohne Anfeuerung, zudem blies der Wind ungehindert ins Gesicht, und vom Himmel brannte die Sonne herunter. An der 17. Meile, Woodland Country Club, wurde die einzige Energiezufuhr des Wettkampfs gereicht: ein Kohlenhydratgel. Und auf der Meile danach, hinter der backsteinroten Fire Station, erwartete die Läufer in der Commonwealth Avenue die erste kräftigere Steigung der Newton Hills. Eine wiederum phantastische Kulisse trieb mich diesen Knüppel nur so empor. Um gleich darauf vom Mann im Gelben Trikot, von Lance Armstrong, überholt zu werden. »Livestrong« nahm mir bis ins Ziel zehn Minuten ab. »Es gibt nichts, was mit den Schmerzen auf diesem hügeligen Kurs vergleichbar ist. Einige Leute haben mir gesagt, daß die Anstiege hier nicht so schlimm seien, wie sie immer beschrieben werden. Aber das ist falsch. Dieser Kurs ist viel schwerer und nicht mit New York zu vergleichen, denn die Leute stehen viel dichter an der Strecke«, stellte der siebenmalige Toursieger nach dem Kampf fest. Meine Durchgangszeit am Kilometer 30 von 2:04:50 lag weiterhin auf Kurs 2:55 Stunden. Zu keinem Zeitpunkt ist mir überhaupt auch nur in den Sinn gekommen, daß der Traum noch entgleiten könnte. Aber am 32. Kilometer folgte der letzte Wall, das legendärste Teilstück im Marathonzirkus überhaupt: der sich auf der Länge von einem Kilometer stufenförmig in die Höhe schraubende »H e a r t b r e a k H i l l«! Die Straße steigt so krumm an, daß man den Endpunkt nicht sehen kann. Nachdem ich alle Anstiege locker auf dem Vorfuß gemeistert hatte, war der gefürchtete Mythos - ohne zu ahnen, daß er es ist - die erste Erhöhung, die mich nicht kalt ließ. Wären da nicht die schrillenden Jubelelfeen und eisernen Jungfrauen des Boston Colleges gewesen, die jeden Läufer wie einen Rockstar abfeierten - Spruchbänder wie »Kiss me, I´m single!« und »I only date runners, because they have great stamina!« waren entrollt -: Ich wäre schwach geworden. Obwohl ich mir auch noch selbst in mantrischer Manier »Push it!« und »Das ist dein Rennen!« zugeschrien habe: Er hat mir ein wenig das Herz gebrochen. B r o o k l i n e Hinterm Chestnut Hill Reservoir waren die sieben schweren Plattmacher genommen und im nächsten Hexenkessel, dem Cleveland Circle, das von den Flüssen Charles und Muddy River umgrenzte Akademikerstädtchen Brookline, der Geburtsort John F. Kennedys, erreicht. Trotz einer Schwächephase am Heartbreak Hill war nach 35 Kilometern eine Endzeit unter drei Stunden zum Greifen nah. Doch dann holte mich die Müdigkeit ein. Weniger die körperliche, als vielmehr die mit der vermaledeiten Schlaflosigkeit verbundene. Fünf Kilometer vor Ultimo, auf der kerzengerade vom Speckgürtel in den Zielort führenden Beacon Street, kam der Einbruch. B o s t o n Leider war mir am Stadtrand jede Orientierung verloren gegangen, da ab Halbmarathon nur noch Meilenwerte ausgewiesen waren und ich bis dahin in Kilometern gedacht hatte. Erschwerend warteten immer noch kleinere Schikanen. Mal ein Zug marschierender Landser, dann ruckelige Gleise und Kanaldeckel, und schließlich die Senke unter der Autobahn Mass Pike hindurch. Im Niemandsland um den Kenmore Square, vorbei am Fenway Park - der ältesten Baseballarena seit 1912, in der die Red Sox heute ihren Saisonauftakt am »Green Monster« feierten -, vorbei an der Riesenreklame der Kraftstoffzentrale »Citgo« zur Linken und einem Friedhof zur Rechten, fielen die Zeiten ins Bodenlose. Es kam die Schlußmeile. Ein letztes Hügelchen von der Commonwealth Ave auf die Hereford... und gleich wieder links... auf die verlierend lange, verlierend breite Boylston Street mit dem donnernden Ende unter den Wolkenkratzern drei Blocks voraus. Mit den Beinen des 29jährigen Siegers hätte ich heute die »Drei« geknackt. Wenn nicht höhere Mächte in der Nacht es verhagelt hätten. Doch hätte, wenn und aber gibt´s im Marathon nicht! Nach 3:00:51 Stunden kreuzte ich als 1313. insgesamt und als 13. Deutscher die Linie auf dem Copley Square. 52 Sekunden, also noch nicht einmal 200 Meter, fehlten zur Schallmauer. Dennoch war Boston ein entscheidendes Ereignis. Seit dem 21. April 2008 w u ß t e ich, daß ich Marathons in 2:59 Stunden schaffen kann! Peanut hatte im Wortsinne bis aufs Blut gekämpft. Schon früh hatte sie sich den großen Zeh aufgerieben und wird wohl auch nie wieder Schuhe mit den drei Streifen tragen. Aber sie hat sowohl der Wunde - die im Verlauf bis aufs rohe Fleisch ging -, wie auch den Mulden und Hügeln und der gleißenden amerikanischen Sonne tapfer widerstanden und diesen herrlichen Marathon ebenfalls in einer neuen Bestzeit zurückgelegt. Trotz einer Verschnaufpause am ersten der Newton Hills steigerte sie ihren Rekord über die 42,195 Kilometer um eine Minute auf 4:17:34 Stunden. Weit vor uns waren die Gladiatoren über die Boylston und ins ZIEL unterm Hancock-Turm gefegt. Im erbittertsten und dramatischsten Finale der Geschichte hatte sich die anmutige Äthiopierin Dire Tune mit einem wilden Schlußspurt vor der ehemaligen Frankfurt-Siegerin Biktimirowa aus Rußland ins Ziel geworfen. Nach 42 Kilometern hatte ein Wimpernschlag von zwei Sekunden über Sieg und Niederlage entschieden. Direkt nach den mit 25 Minuten Vorsprung ins Rennen gegangen Frauen kam schon der erste Mann ins Ziel. Kenias Hüne Robert Cheruiyot hatte erneut alles und jeden klar dominiert und durfte zum Zeichen seines vierten Triumphs ebensoviele Finger zum Himmel strecken. Es war Cheruiyots vierter Sieg in Boston und der dritte in Serie! Mit 2:07:46 Stunden war der Majors-Abräumer aus dem Vorjahr (eine halbe Million Dollar) lediglich um 32 Sekunden langsamer als bei seinem Rekordlauf 2006. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Die Ehrungen ließen auf sich warten. Erst nach hunderten Metern in den Fallwinden der Boylston wurde den Läufern die begehrte Medaille umgehängt. Eine alte Frau vom »Medical Team« frug mich besorgt: »Are you okay? You look chilled!« - Etwas abseits, im Deutschen Eck der Family Meeting Area, wartete nach zehn Wochen Verzicht das erste Bier. »Bud light« aus einer Blechbüchse. Ungenießbar - und nur streng versteckt aus einer Papiertüte heraus zu trinken (in Neu-England gilt in der Öffentlichkeit Alkoholverbot). Reisebegleiterin Ina hatte jedem ihrer Starter eine Büchse mitgebracht. Dazu haben wir die süßen Bagel (Teigkringel) aus den Verpflegungstüten gegessen. FAZIT Wirkung: Boston ist der speziellste und intensivste Straßenlauf der Welt. Boston ist nicht nur ein Sportereignis, es ist Teil der Kultur Neu-Englands und Spiritualität! Wer den Lauf von Hopkinton nach Boston gewinnt, hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern sozusagen sicher. Schade, daß die Sendeanstalt von »Eurosport« seine jährliche TV-Übertragung ausgerechnet ab 2008 einstellte. Ausstrahlung: Das Publikum schaut nicht einfach nur zu. Auch schreit es nicht einfach nur lauthals wie andernorts. Nein, die Bostonians und ihre Vorstädter LEBEN diesen Marathon. Boston bedeutet aber auch immer eine knifflige Strecke aus Hügeln und Mulden, Hängen und Senken, unberechenbares Wetter und in der Regel 26 Meilen Gegenwind. Gegen letztes ist der Läufer machtlos. Aber wer sich auf das Gelände vorbereit, kann auch Boston schnell laufen (durch die unterschiedliche Belastung der Muskeln ergeben sich auch Abschnitte zum Durchpusten). »Boston is a course you need to do many times before you get the hang of it«, formulierte es Bill Rodgers mal. Damit ist auch alles gesagt. Für die Materialinteressierten noch unser Schuhwerk: Wir liefen mit Adidas Supernova Cushion 7 (Peanut) und Adidas adiZero CS (Gebrselassies Weltrekordschuh, Vitus). | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Der Kampf in einer BILDERTAFEL - anklicken: | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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POST-MARATHON-KULTUR Boston endete in einer wenig stimmungsvollen Post Race Party. Untermalt von einer jamaikanischen Hottentottencombo, grauseligen »Soundvibrations« und den Bewegtbildern des Tages, durften die Läufer ab um acht im Ballsaal des Nachtclubs »The Roxy & Pearl« eine flotte Sohle der tänzerischen Art aufs Parkett legen. Tausend Nimmermüde hatten sich eingefunden und dem wunderbaren Tag ein ziemlich unrühmliches Ende beschert. Wir selbst waren mit dem Versenken abartiger Flüssigkeiten im Dinerpub »Rock Bottom« allerdings keinen Deut besser dran. Bierschöpfungen wie »Lumpy Dog«, »Black Sheep« und »Molly´s Titanic« redeten dort Bände. Dienstag, 22. April Zu unseren Unternehmungen am Tag danach zählte ein Marsch vom beschaulichen Boston Common über die fünf Kilometer lange Pflasterspur des Freedom Trail (Nordamerikas Pfad in die Freiheit). Durch die Betonklötze der Downtown ging es durchs alte Viertel von Little Italy und über den Charles River in die Charlestown mit ihren Häusern aus der Pionierzeit im Norden der Stadt. Unterwegs sahen wir 16 Propagandaplätze, Gotteshäuser und Friedhöfe aus dem Unabhängigkeitskrieg der englischen Siedler gegen das verhaßte Vaterland, so den Common (ältester Park der USA von 1634), die King´s Chapel, das Old State House (ältestes Haus Bostons von 1711), die Markthallen Faneuil Hall und Quincy Market, die U.S.S. »Constitution« (ältestes Kriegsschiff der Welt), und wir waren auf der monumentalen Steinsäule des Bunker Hill (Schlachtfeld der Kolonisten gegen die Rotröcke Englands von 1775). Dazu haben wir im »Ye Olde Union Oyster House« (älteste Schänke der USA) gespeist; und uns abends in einem Rockklub in Somerville herumgetrieben. Ein Erlebnisbericht dazu findet sich hier: ...... Shepherdess, Whistle Jacket und The Great Buriers. Mittwoch, 23. April Die letzten Stunden haben wir für einem Einkaufsbummel in Boston genutzt. Wir haben das Bill Rodgers Running Center besucht, und zwischen verstaubten Rennschuhen, Trophäen und Lorbeerkränzen auch den viermaligen Boston- und New-York-Matador ganz in echt angetroffen. - Der Rückflug fand am Nachmittag statt. Da die meisten europäischen Marathonläufer bereits am Vortag abgereist waren, kamen wir in den unglaublichen Luxus, uns in einem der superlangen - und heute halbleeren - Langstreckenflieger auszubreiten. Donnerstag, 24. April Am Donnerstagmorgen Ortszeit setzte unsere Luftlande-Divsion auf dem Boden des Frankfurter Flughafens auf. Damit fand die wundervolle Expedition nach Boston ihr Ende. - Nach drei Stunden Schlaf gegen die Zeitverschiebung erfolgte am Nachmittag des 24. April unsere Anmeldung für den BERLIN-MARATHON. Kampfläufer Vitus, 1. Mai 2008 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| .:: ZAHLEN UND ZEITEN ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Wetter: sonnig und trocken, 56ºF (13ºC), dazu eine mäßige bis frische Brise Zuschauer: ca. 500 000 Starter: 22 375 (M: 13 263 / W: 9112) Ankommer: 21 963 (M: 13 028 / W: 8935) Aufgaben: 412 (M: 235 / W: 177) Nicht gestartet: 2908 (M: 1581 / W: 1327) Außerhalb der Zeit: 0 Männer: 1. Robert Kipkoech Cheruiyot (Kenia) 2:07:46 2. Abderrahim Bouramdane (Marokko) 2:09:04 3. Khalid El Boumlili (Marokko) 2:10:35 4. Gasha Asfaw (Äthiopien) 2:10:47 5. Kasime Adillo (Äthiopien) 2:12:24 6. Timothy Cherigat (Kenia) 2:14:13 Frauen: 1. Dire Tune (Äthiopien) 2:25:25 2. Alewtina Biktimirowa (Rußland) 2:25:27 3. Rita Jeptoo (Kenia) 2:26:34 4. Jelena Prokopcuka (Lettland) 2:28:12 5. Askale Tafa Magarsa (Äthiopien) 2:29:48 6. Bruna Genovese (Italien) 2:30:52 Kampfläufer Vitus (Deutschland) Startnummer: 6397 Zeit: 3:00:51 (PB) Platz: 1313 von 22 375 Gesamt Platz: 1251 von 13 263 bei den Männern Platz: 293 von 4690 in Klasse M45 Zwischenzeiten: 05 km: 0:19:52 10 km: 0:40:09 15 km: 1:01:14 20 km: 1:22:25 Halb: 1:26:56 25 km: 1:43:24 30 km: 2:04:50 35 km: 2:27:05 40 km: 2:50:51 Minuten pro Meile: 6:54 Peanut (Deutschland) Startnummer: 25368 Zeit: 4:17:34 (PB) Platz: 17 286 von 22 375 Gesamt Platz: 6542 von 9112 bei den Frauen Platz: 2253 von 3021 in Klasse W45 Zwischenzeiten: 05 km: 0:28:37 10 km: 0:57:20 15 km: 1:26:21 20 km: 1:56:47 Halb: 2:03:20 25 km: 2:27:49 30 km: 2:59:44 35 km: 3:32:30 40 km: 4:04:24 Minuten pro Meile: 9:50 Ergebnisse: >> Boston-Marathon Photos: >> Boston.com Von Hopkinton nach Boston in 4:30 Minuten: >> Real Video Course Tour | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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