34. BERLIN-MARATHON, 30. September 2007
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AUFBAUKÄMPFE
Sonnenwendlauf durch die Niddaauen (10 km), 21.6.07
Karbener Stadtlauf (Halbmarathon), 12.8.07
Internationaler Volkslauf Mühlheim (Halbmarathon), 2.9.07
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Flach, schnell und unauslöschlich (2) - Zwei Killermücken, zwei Superstars und ein Himmelfahrtskommando auf dem Beton von Berlin
 
 
Im Rausch von London und so mancher Pint Ale hatten wir noch in England über das nächste World-Majors-Spektakel nachgedacht. Berlin und London waren geschafft. Es blieben die Rennen in Noramerika: Boston, Chicago und New York. Da NYC (November 2007) schon lange ausgebucht, und Boston (April 2008) zu langfristig war, blieb als Nahziel nur Chicago im Oktober 2007. Es waren aber nicht die kalten Wolkenkratzer, sondern die horrenden Kosten, die uns (vorerst) abschreckten. Und dann war da auch noch der sportliche Aspekt: Warum nicht einen letzten Angriff auf die persönlichen Bestzeiten starten?! Berlin ist mit das schnellste Pflaster der Welt, wir kennen die Stadt und haben keine Zeitverschiebung. Am 8. Mai stand die Entscheidung - für Berlin!
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Kampf wird auf einem Rundkurs ausgetragen. Der Start liegt westlich des Brandenburger Tores in der Lunge der 3,4-Millionen-Stadt, dem Großen Tiergarten. Auf flachen und ausladenden Asphaltchausseen und nahezu ohne Rhythmusbrechung führt die Strecke durch die Ortsteile Tiergarten und Moabit, dann durch Mitte nach Kreuzberg, weiter über Schöneberg und Friedenau bis nach Schmargendorf, und schließlich über Wilmersdorf und Charlottenburg wieder bis Mitte. Zurück in Tiergarten findet das Rennen nach dem Durchlauf unter der Victoria sein grandioses Finale. Neben den grundverschiedenen Gesichtern der Stadt werden unterwegs solch geschichtsträchtige Orte und Bauwerke wie Siegessäule, Kanzleramt, Reichstag, Fernsehturm, Rathaus Schöneberg, Wilder Eber, Kurfürstendamm, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Philharmonie, Dom und Unter den Linden gestreift. Eine Million Schlachtenbummler tragen die Läufer alljährlich ins Ziel. Daß die Schleife durch Berlin nicht nur sehr ansehnlich, sondern auch äußerst schnell ist, davon zeugen sechs dort aufgestellte Weltbestzeiten und Weltrekorde:
 
1977 - Christa Vahlensieck (Deutschland) 2:34:48
1998 - Ronaldo da Costa (Brasilien) 2:06:05 (erster Mensch über 20 km/h)
1999 - Tegla Loroupe (Kenia) 2:20:43
2001 - Naoko Takahashi (Japan) 2:19:46 (erste Frau unter 2:20)
2003 - Paul Tergat (Kenia) 2:04:55 (erster Mann unter 2:05)
und...
2007 - Haile Gebrselassie (Äthiopien) 2:04:26

 
Interaktive Streckenführung:
>> SCC Events
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Das Programm für Berlin ´07 bestand aus 16 Wochen, die in drei Phasen unterteilt waren:
 
1. Die Vorbereitungsphase I, das Ausdauertraining ohne intensive Reize zur Erlangung der zur Energiegewinnung notwendigen Stoffwechselfähigkeit (Dauer: 4 Wochen), bestritten wir nach einer Beilage des Laufmagazins Runners World, die speziell für Berlin erstellt wurde.
2. Die Vorbereitungsphase II, das Ausdauertraining mit intensiven Reizen zur Erhöhung der Muskel- und Organkraft und damit der Verbesserung der Tempohärte (10 Wochen), sowie
3. Die direkte Marathonvorbereitung, die durch geringe Umfänge mit nur einigen Vorbelastungen die Kraft kommen läßt (2 Wochen), mit der virtuellen Laufgruppe
Greif.
 
 
Das LAUFTAGEBUCH vom 11. Juni bis 30. September:
 
1. Wo. (78 km): Der lange Weg nach Berlin begann wie immer im Hochsommer. Tropische Luftfeuchte mit Blitz und Donner trieben den Schweiß in Sturzbächen aus den Poren. Das Programm der Runner´s World sah für die Ambitionierten (Ziel zwischen 3:00 und 3:30 Stunden) drei lockere Dauerläufe, ein Fahrtspiel, ein Bergtraining und einen längeren Dauerlauf von 120 Minuten vor. Mangels Erhebungen in Frankfurt habe ich die Berg- durch 1000-Meter-Intervalle ersetzt, und aus Zeitnot die drei kurzen zu zwei mittellangen Dauerläufen zusammengelegt. Zudem versuche ich die Schrittfrequenz auf die erfolgsverheißenden 180 pro Minute umzustellen. - Peanut wiederum durfte sich am 13. Juni beim Firmenlauf JP MORGAN CHASE CORPORATE CHALLENGE mit 67
 270 Kollegen durch Frankfurt quetschen, und sich damit auf den »Clash of Civilizations« der nahen Zunkunft einstimmen (9 Milliarden Humanoiden auf dem Erdball: viel zu viele). Den Pflichtauftritt über die 5,6 Kilometer schaffte sie in selbstgestoppten 32 Minuten.
 
2. Wo. (88 km): Wir suchten einen ersten Aufbaukampf:
 
3. SONNENWENDLAUF DURCH DIE NIDDAAUEN, 21.6.07
(10 km)
Die Sommersonnenwende
 
... besagt den längsten Tag und die kürzeste Nacht im Jahr. Sonne und Mond haben zur Solstiz die größte Strahlkraft und können ganz besondere Kräfte freisetzen. Manche huldigen dem mittsommerlichen Ereignis mit kultischen Festen - manche mit einem Lauf ins Abendrot. - Sintflutartiger Regen mit Blitz und Donner ließen den Sonnenkult 2007 indes ins Wasser fallen. Die Unwetter hatten das Nordufer der Nidda, auf dem der Lauf stattfinden sollte, überschwemmt. 3 ½ Stunden vorm Start gab das Organisationsbüro bekannt:
 
»Aufgrund der Regenfälle müssen wir den Lauf absagen! Die Niddaauen stehen voller Wasser und es ist zu gefährlich dort im Moment zu laufen. Schade... wir hatten uns soviel Mühe gegeben. [...] Wir haben uns wegen der Unfallgefahr - rutschiger Niddauferweg - dazu entschliessen müssen, den Lauf abzusagen. Wir haben es uns nicht leicht gemacht; wenn Sie einen kleinen privaten Lauf machen wollen (auf der linken Uferseite in Richtung Ffm - da ist es o.k.), laden wir Sie gerne ein und haben auch eine kleine Überraschung für Sie bereit.«
 
Gesagt, getan. Eine Stunde vor Ultimo bin ich die Strecke abgelaufen und konnte - außer einigen Pfützen, die bei einem Geländelauf eigentlich das Salz in der Suppe sind - keinen Grund für eine Absage finden. Nachmittags war es aufgeklart und der Boden abgetrocknet. Aber Entscheidungen sind menschlich und oft unergründlich. Zumindest haben die Verantwortlichen allen Angereisten einen Obstkorb und einen Kohlenhydratriegel spendiert.
3. Wo. (88 km): »Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.« Als Emil Zatopek diese schlichten Worte sprach, war das Leben noch eins mit der Natur. Die moderne Welt ist es nicht mehr. Oft müssen Läufer ihr Tagwerk als Denkarbeiter unter den Augen des »Großen Bruders« verrichten. Derweil draußen Bienen und Schmetterlinge durch die Luft fliegen, sind Sportler in den engen Legebatterien von Großraumbüros eingepfercht, atmen Kunstluft und sind der Sicht ins Freie und jeder Bewegung beraubt. Acht Stunden gekrümmt in einen Bildschirm starrend wird der Organismus vor große Probleme gestellt. Hier verkürzte, dort erschlaffte Muskeln, hier versteifte Gelenke, dort Streß und Zwänge, die auf die Seele drücken. Und es bedarf vieler Kilometer im Duft der Freiheit, um das alles abzuschütteln und den Kreislauf hochzufahren - bis »Mensch läuft«. Wie sollen Deutschlands Marathonis um Siege und Medaillen kämpfen, wenn die Bedingungen fehlen? Nichtsdestotrotz war ich nach 250 Kilometern und zwei Läufen über 30 Kilometer im Tunnel nach Berlin. Am 1. Juli gab es eine Berührung mit der Ironman-EM: Die Radstrecke über den »Heartbreak Hill« von Bad Vilbel überquerte unsere Laufwege an der Nidda. Peanut hatte ja schon vor Langem vorhergesagt: »Du bist wie für den Iron Man gemacht!«
 
4. Wo. (81 km): Am 7.7.07 haben unter dem Aufruf »Arbeit statt Dividende! - Volkgsgemeinschaft statt Globalisierung!« 600 Neonazis die antikapitalistischen Forderungen des Nationalen Widerstandes auf die Straßen unserer Frankfurter Wohn- und Trainingsorte Rödelheim, Hausen und Bockenheim getragen. 3000 Linksautonome wollten die Demonstration verhindern; 8000 Bundespolizisten waren im Einsatz; und die dicken Fressen von Multikriminell, Obrigkeit und Hochfinanz (denen die Aktion galt), haben sich angesichts des gegenseitigen Bekriegens der Brüder und Schwestern von Links und Rechts mal wieder ins Fäustchen gelacht. Der gemeinsame Feind blieb unberührt.
 
5. Wo. (110 km): »Hast du schon Erfahrung mit Wiederholungsläufen?« Diese Frage von Peter Greif vermittelte nichts anderes, als den Beginn der Vorbereitungsphase II. Der Punkt, an dem man sich für die Dauer von drei Monaten sechs Mal in der Woche zum Knecht einer Stoppuhr macht. Heißt: Wir bestritten die kurzen, harten Knochen samt den langen Knüppeln mal wieder nach den Anweisungen der lächelnden Läuferlegion aus dem Harz. Neu dabei war das so genannte »Ultrabreathe-Training«: Mittels eines »Lungentrainers« soll sich bei täglich fünfminütiger Anwendung die Stärke und Ausdauer der Einatem-Muskulatur verbessern. Wie diverse andere Helferlein, betrachtete ich besagtes Teil aber als Plunder der Neuzeit, der nur dem Umsatz dient. Am 9. Juli vermeldete Berlin den Anmeldeschluß. Die Obergrenze von 40
 000 Marathonläufern war erreicht.
 
6. Wo. (110 km): Der Sommer war zurückgekehrt. Das Thermometer erreichte in Frankfurt 35 Grad bei absoluter Windstille. Zu hart für einen gescheiten Dauerlauf und für alles Intensive. Einmal durch eine Trabpause der Haut den Wind entzogen, fieberte der Körper mit 45 Grad und in den Lungen rauschte das Ozon. Zum ersten Mal sprach meine Große über A u f g a b e. Und auch meine Lust auf eine weitere Marathonvorbereitung neigte sich dem Ende. Nach zwanzig Jahren Schinderei war der Drops gelutscht. Aber andererseits braucht man Ziele (außer man ist frei wie der testosterongesalbte Märchenonkel Sinke-witz mit einer halben Million Jahresgage).
 
7. Wo. (107 km): Starte langsam und stirb schnell! Mit diesem Denkspruch sind weder die verdopten Tourteams von Astana und Cofidis, noch Rinderblutjunkie Rasmussen oder Fuenteszögling Contador gemeint. Nein, es geht um den Kampf gegen den Schlappschritt und die Verbesserung der Tempo-Variationsfähigkeit durch Tempoflex-Training. »Tempoflex« sind 2000-Meter-Wiederholungsläufe, die langsam begonnen und in fünf Stufen bis über das angestrebte Renntempo gesteigert werden. Die höchste Geschwindigkeit muß dabei im Zustand der größten Erschöpfung erzielt werden. Voraussetzung für diese Läufe, die sekundengenau eingehalten werden müssen, ist eine Laufbahn. Frankfurt besitzt derer etliche. Hingen da nur nicht überall Schilder wie: »Privatsportplatz - Laufen verboten!« oder »Nur für Mitglieder«. Womit wir diese Übungsform fast schon abgeschrieben hatten. Fast. Denn es gibt noch Menschen mit einer sozialen Ader. Wie die Fußballer der SG Praunheim, die uns die Benutzung ihrer Aschenbahn erlaubten: »Ihr könnt hier immer laufen, soviel ihr wollt.«
 
8. Wo. (115 km): Bahntraining ist zermürbend, macht aber flink, bringt Abwechslung und somit auch Freude. Der Herausstecher dieser Woche war ein 10-Kilometer-Tempoturn mit 17 x 400 Meter in 1:39 Min. mit je 200 Meter Temporduktion, ein Dauerlauf von zwei wechselnden Geschwindigkeiten also. Dabei mußte einerseits eine schnelle 10
 000-Meter-Zeit erzielt und dazu die vorgegebenen 400-Meter-Zeiten eingehalten werden. Bei der ersten Ausführung 2005 hatte ich mir dabei eine langwierige Muskelverletzung zugezogen. Zwei Jahre später bin ich die 17 Ellipsen zwischen 1:34 und 1:39 Minuten gerannt und habe eine 10-Kilometer-Zeit von 43:20 Minuten erreicht. Damit war der Plan erfüllt. Peanut fiel durch Atemnot nach hinten etwas ab, lag aber noch in Nähe zu den Greif´schen Anweisungen. Die langen Runden erstreckten sich über 35 Kilometer (Peanut) und 40 Kilometer (Vitus).
 
9. Wo. (100 km): Für die Dauer von acht Wochen keine geistigen Getränke. Ich mußte Gewicht machen! Dazu eine erste Trainingskontrolle:
 
.:: DER 1. AUFBAUKAMPF ::.
 
18. KARBENER STADTLAUF, 12.8.07
(Halbmarathon)
Was wir nicht kennen fürchten wir, was wir fürchten vernichten wir!
 
Acht Wochen vor seinem Weltrekordversuch in Berlin hatte Haile Gebrselassie in 59:24 Min. den New-York-Halbmarathon gewonnen und war damit im Stundendurchschnitt schneller als 21 Kilometer! Eine Woche darauf wollten wir mit dem Stadtlauf durch Karben nachziehen. Kurioserweise hatten wir diesen Halbmarathon dem Arbeitsgericht Nürnberg zu verdanken, das den streikenden Lokführern ab 8. August weitere Arbeitsverweigerungen verbot und uns somit die Anreise und den Start in der Wetterau auf den letzten Drücker ermöglichte. Die Räder konnten rollen - für das Endziel Berlin. - Nachdem uns wie stets am zweiten Sonnabend im August das Sauffest der Stadtteilfeuerwehr den Schlaf versaut hatte, waren wir pünktlich angetreten. »Was wir nicht kennen fürchten wir, was wir fürchten vernichten wir!« Mit diesem Kabinenspruch hatten uns die Fußballer des KSV Klein-Karben die passende Parole ausgegeben.
 
Einerseits durften sich die Macher über eine Rekordbeteiligung freuen (558), zum anderen strahlte nach tagelangem Regen pünktlich zum Kampf die Sonne aus allen Rohren (ausgerechnet). Um neun löste der Bürgermeister den Startschuß aus. Los ging´s mit dem »Kärber Berg«, einem Stich von 200 Metern, den es fünfmal zu bewältigen galt - und der einem spätestens bei der dritten Erstürmung ziemlich anzählte. Vorbei am Rathaus führte der Kurs weiter durch vier Gebiete von abwechslungsreichem Charakter: im ersten Viertel durch die Natur, darauf durch die Fabrik- und Lagerhallen von Groß-Karben, dann entlang einer Landstraße, und zum Schluß durch die Siedlung von Klein-Karben. Mit dem vorgeschalteten »Berg« war die Runde für den Halbmarathon viermal zu absolvieren.
 
Beim ersten Durchlauf hatte ich Tuchfühlung zum Frankfurter Altmeister Behle. Nachdem mich zwischendurch eine Handvoll überholte, konnte ich durch den Beifall der Zuschauer zwei wieder abfangen, und damit im Endresultat den 3. Platz in der Altersklasse sichern. Das war mein erster einstelliger Platz in der Gesamtwertung einer Laufveranstaltung überhaupt. Der Sieg ging an Behle, in einer Zeit, die neun Minuten über Kursrekord lag und - nach augenzwinkerndem Bekunden des 49jährigen - »ausbaufähig« ist. Einen neuen Rekord durfte Peanut feiern, die ihre alte Zeit um drei Minuten unterbot und das Rennen mit glühendem Schädel im Mittelfeld beschloß. Ortskundige hatten eine Abkürzung durch einen Park genommen und ihr eine bessere Stelle genommen. Nach 2:16 Stunden lief Ulknudel Descombes über den Strich.
 
Schock für mich hinter der Linie: Ein Funktionär vom Ordnungsdienst hatte mich ausfindig gemacht und in Kenntnis gesetzt, daß ich nicht in der Wertung sei. In der Hitze des Gefechts war ich durch das linke - somit falsche - Zieltor gerannt und hatte damit für die Zielrichterin eine neue Runde begonnen. Dank hiermit ans Team Endzeit, die das Ergebnis im mobilen Büro korrigiert und die Listen bereinigt haben. Die Ehrungen mußten wir leider fallen lassen, da diese alles andere als »zeitnah zum Einlauf« stattfanden. Das rechte Treppchen blieb somit leer.
 

ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: sonnig, Höchstwerte um 24ºC, leichter Wind
 
Teilnehmer am Start: 558
Teilnehmer im Ziel: 502 (HM: 206 [M: 170 / W: 36], 10 km: 209. Rest: NW, 3000 m, 1000 m, 300 m)
 
Männer:
1. Bernhard Behle (Frankfurt) 1:24:21
2. Christoph Pfrommer (Darmstadt) 1:24:58
3. Peter Schneider (Frankfurt) 1:25:13
6. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:27:31 (PB, 3. M45, 7. Gesamt)
 
Frauen:
1. Christiane Wilken (Hofheim) 1:26:45
2. Tina Rudolf (Nidderau) 1:36:33
3. Annette Hübner (Ortenberg) 1:41:27
13. Peanut (Frankfurt) 1:55:48 (PB, 9. W45, 125. Gesamt)
 
Ergebnisse:

Team Endzeit
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
10. Wo. (126 km): Mitten in der Hochphase mußte das Programm geändert werden. Zum einen steckte der nicht vorgesehene Semi noch in den Gliedern; und dann gibt es die Foster-Regel, die nach einem Halbmarathon 13 Tage Ruhe vorsieht. Um keine Verletzung zu riskieren, haben wir die intensiven 17 x 400 mit den extensiven 5 x 2000 Metern der Folgewoche getauscht. Daneben wartete noch des Übungsleiters Lieblingseinheit, die 3 x 3000. Und sechs Wochen vor Berlin war dann auch beim 35-Kilometer-Lauf »Schluß mit Schontempo und Wanderläufen«: Ab 18. August trat die Endbeschleunigung auf den Plan. Nach ruhigem Beginn muß man auf den letzten drei Kilometern aufdrehen »bis die Muskeln fiepen«. Diese Temposteigerung wird in 3-Kilometer-Schritten bis auf 15 Kilometer ausgedehnt. Ich habe sie hingekriegt, bin dafür aber 40 statt 35 Kilometer gerannt. - - Post aus der Glockenturmstraße, die Anmeldebestätigungen: »Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie als Teilnehmer/in am 34. real,- BERLIN-MARATHON 2007 zugelassen sind.« Wenn es soweit ist, werde ich mit der Last einer ungewissen Zukunft den Kampf aufnehmen. Denn am 16. August hat mein Noch-Brotgeber die Auslagerung meines Arbeitsbereiches bekanntgegeben. Im nächsten Jahr werden wir alle in die Wüste geschickt.
 
11. Wo. (131 km): Back on the track! 25 Umrundungen der Ellipse mit den berühmten 17 Tempostücken á 400 Meter und möglichst schneller 10
 000-Meter-Zeit am Ende. Mit 42:24 war ich eine Minute schneller als vor drei Wochen. P. unterbot ihre Zeit gar um fünf Minuten. Auf dem langen Kanten mußte ab sofort das »Beißholz« herausgeholt werden. So ein Ast, der zur Freisetzung von leistungsfördernden Streßhormonen herhalten muß. Statt der Vorgabe - »35 km mit 6 km Endbeschleunigung bis nah ans Marathontempo« - hab ich wiederum 40 Kilometer gemacht... und wurde unterwegs nach mentalen Einbrüchen zweimal von der eigenen Frau eingeholt - und stehengelassen! Wir hatten für diese spezielle Übung extra einen Tag Urlaub genommen.
 
12. Wo. (94 km): Ein großes Ereignis warf seinen Schatten voraus: Am 27. August bestätigte uns interAir die verbindliche Reservierung von 2 Startnummern zum New-York-Marathon 2008.
 
.:: DER 2. AUFBAUKAMPF ::.
 
35. INT. VOLKSLAUF MÜHLHEIM, 2.9.07
(Halbmarathon)
Von Basaltköppen und Killerläufern in den Tiefen des Mühlheimer Kampfwalds
 
Vier Wochen vorm Hauptkampf ist ein guter Zeitpunkt für einen letzten Tempobringer über die halbe Strecke. Zwei Halbmarathons standen im Rhein-Main-Gebiet dafür zur Wahl: der Stadtkurs von Kelkheim und der Waldlauf von Mühlheim. Zum springenden Punkt wurde die Anreise. Zwölf Kilometer sind es von uns nach Kelkheim. Ein Klacks - und eine unüberwindbare Hürde an einem Sonntagmorgen mit dem »Rhein-Main-Verkehrsverbund«. Damit ging es in den Frankfurter Südosten, ins zweiminütlich von und nach Frankfurt einschwebenden Düsenjets zugelärmte Mühlheim. Zu einem Rennen, daß sich auch 35 Jahre nach seiner Gründung äußerst rar im Medium »Internet« macht. Der Präsident der Turngemeinde von 1881 hatte uns auf Anfrage eine Ausschreibung zugeschickt. Ein »Halbmarathon rund um das Naherholungsgebiet über eine der schönsten und waldreichsten Laufstrecken Hessens« wurde darin angepriesen. Mit dem Vermerk: »Die Strecke ist eben und fast ausschließlich im Wald. Da in der letzten Woche Bäume abtransportiert wurden könnten sich Spuren auf den Wegen befinden.«
 
Im echten Leben ging es von der Sportanlage Dietesheim zuerst in die Wälder und Seen der Steinbrüche von »Diddesem«, wie es in der Mundart genannt wird. Flache Forstwege führten weiter in Richtung Süden nach Mühlheim-Lämmerspiel, und weiter nach Obertshausen-Hausen bis zur Wende vor der Bundesstraße 448. Auf der Länge von zwei Kilometern ging es nun auf Asphalt längs zur Bundesstraße 45 hin zum Kilometer 10, und von dort in Form eines großen »V« zurück nach Dietesheim. Außer drei Wassertischen und den verwitterten Steinsäulen eines mittelalterlichen Galgens: keine Spur von Menschenhand, nur Natur.
 
Hatte bei unserer Ankunft noch herzlich wenig ein Sportereignis erahnen lassen (halb acht wurden gerade die ersten Aufbauten getätigt), so schoß Staatsminister Hoff planmäßig um 9 Uhr im Dietesheimer Stadion 626 Akteure in die Rennen über 10 und 21,1 Kilometer. Nach einem Auftakt im Hurra-Stil entschwand ich auf der zehnten Stelle liegend in den Wald - wurde aber bald schon von einer Schar cooler Tightträger nebst einem jung-dynamischen Studiogestählten überrannt. Nachdem ich auch noch dem selbstbezeugten »Trainingsweltmeister mit 170 Wochenkilometern«, dem »Bereits-am-Vortag-einen-Halbmarathon-Gerannten« sowie dem stolzen »Familienvater in spe« den Vortritt gelassen hatte, war ich alle Plagen los - und die verbleibenden 16 Kilometer allein mit der Stille, mit langgestreckten Forstschneisen und vielen Baumriesen, in denen eine starke Schwüle hing. Ich war triefend naß von Anbeginn. Nach einem ruhigen Mittelteil über steiniges und knorriges Geläuf, konnte ich ab Kilometer 18 die Marathonausdauer mobilisieren und vorm Stadion noch eine Handvoll der entwischten Flitzer abfangen. Final stand eine unerwartete Bestzeit und ein 3. Platz in der Laufklasse. Im Kabinentrakt angelangt, reckte dort der Studiogestählte die Faust in die Höhe: »Wow, was ein Killer-Lauf!« Oh ja, das war ganz großer Sport!
 
295 Halbmarathonläufer erreichten das Ziel binnen 2:30 Stunden, so Behle in 1:22 (Jahresbestleistung), Biorunnerpropagandaminister Trippel in 1:42 (PB) und Peanut in 1:55 (ebenfalls PB). Ab 12 Uhr wurden die Ehrungen und Fototermine vorgenommen. Nachdem ich schon in Karben mangels Zeit verzichten mußte, wollte ich diese heute wahrnehmen. Leider sollte sich auch die Zeremonie von Mühlheim mit seinen zwölfhunderteinundfünfzig Rahmenkämpfen und Diddesemer Basaltkoppmeisterschaften ins Unendliche ziehen. Um eins haben wir uns ausgeklinkt.
 
Am Rande
Der Reinerlös der Veranstaltung ging an die Familie eines Mühlheimer Marathonläufers, der bei einem Triathlon einen Herzinfarkt erlitt und seither im Wachkoma liegt. Neben den Start- und Urkundengebühren und Zusagen von Gönnern fand auch eine Tombola statt. Die Haupttreffer waren ein Rundflug ab Egelsbach und Flüge mit dem legendären Wellblechflieger »Tante Ju« über Berlin, Hamburg oder Frankfurt. Die Mitglieder von Kickers Offenbach Endres, Judt, Binz und Dämgen standen zu einer Autogrammstunde bereit.
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: stark bewölkt, 18ºC, windstill
 
Teilnehmer am Start: 738
Teilnehmer im Ziel: 640 (HM: 295 [M: 237 / W: 58], 10 km: 231; Rest: 5000 m, 1000 m, 600 m)
 
Männer:
1. Heiko Ludewig (Frankfurt) 1:12:29
2. Harald Klein (Mörfelden-Walldorf) 1:13:47
3. Björn Kuttich (Offenbach) 1:18:01
24. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:27:12 (PB, 3. M45, 24. Gesamt)
 
Frauen:
1. Petra Seibert (Frankfurt) 1:34:13
2. Cora Bretschneider (Offenbach) 1:38:57
3. Gabriele Timmermann (Frankfurt) 1:40:14
23. Peanut (Frankfurt) 1:55:09 (PB, 4. W45, 207. Gesamt)
 
Ergebnisse:
Team Endzeit
Der Lauf im BILD... anklicken............
13. Wo. (141 km): Eine Woche voller Chaos im Kopf. Eine Vermengung aus dem kraftspendenden Halbmarathon (im Mühlheimer Wald sind mir neue Flügel gewachsen), der lehrreichen Wegstrukturierung meines Arbeitsplatzes durch die unsichtbare Hand ins billige Ostgebiet und nach Indien (nie vergessen: Kapitalismus ist Kriminalität, Globalisierung ist Genozid!), und der motivationsfördernden Nähe des Marathons (alles außer Laufen war mir egal wie ein Stein im Berg). - Trainingsmethodisch trat ein neues Element auf den Plan: die Teufelstreppe! Ein grausames Spiel aus je einem 1000-, 2000-, 3000- und 4000-Meter-Tempostück im Marathontempo. Der Ausdauerlauf über 40 Kilometer stand wiederum unter der Devise »Ruhig einsteigen, ab der Mitte Spannung aufbauen, und am Ende loslegen wie ein Gepard auf der Jagd«. In unbeobachteten Augenblicken durften die Beine schon von Bestzeitmordlust geflutet sein. Als Lohn - und von gut unterrichteten Kreisen sogar als Regenerations-Verstärker angepriesen - waren zwei Weizen erlaubt. Statt Bier hab ich mir ein schönes Vollbad gegönnt. Mit 141 Wochenkilometern und 3:23 Std. über die 40 Kilometer hatte ich zwei Uralt-Rekorde ausradiert und VERNICHTET!
 
14. Wo. (130 km): Am Montag war die 10
 000-m-Bestzeit zum Abschuß freigegeben. Der Übungsleiter hatte das Beißholz und 40:30 bis 42:23 gefordert - das selbstgesteckte Ziel lautete »Unter 40«. 25 Sportplatzbahnen in je 96 Sekunden, so mein Plan. Eine steife Brise, regenschwerer Aschenboden und konzentrationstötendes Fußballjungvolk haben das Unterbieten der elitären 40 Min. versaut. Womit ich in den Augen von Übungsleiterfascho PG weiterhin minderwertiges »Joggerpack« bin. Doch meine Stunde wird in Berlin schlagen! Am »Tag der Wahrheit«, dem extensiven 35-Kilometer-Lauf am Sonnabend, hab ich die angewiesene 15-Kilometer-Endbeschleunigung auf den Grüngürtelweg zwischen Bad Vilbel und dem Frankfurter Stadtteil Rödelheim gehämmert.
 
15. Wo. (100 km): Die reduzierte unmittelbare Wettkampfvorbereitung wird bei PG immer von einem Marathon-Renntempo-Test eingeleitet: »15-km-Tempodauerlauf so schnell es geht. In der Regel ist es so, daß man das erreichte Tempo auch im Marathon durchlaufen kann. Das gilt sicher, wenn du mindestens sechsmal in der Woche in der ganzen Vorbereitung trainiert und jeden 35-km-Lauf absolviert hast.« Mit 1:03 Std. über die »15« lag exakt auf Marathon-Richtzeit »2:59«, ich habe 16 Wochen lang 6 mal trainiert, habe acht Läufe über 35 Kilometer gemacht (vier davon über 40), und die im Plan vorausgesetzten Grundwesenszüge »Leidensbereitschaft und Kampfwille« sind mir angeboren.
 
16. Wo. (42 + 42,195 km = Gesamt 1683 km): Progressiver Umfangsabbau und Erholung waren nun die Maßgaben. In den zurückliegenden 16 Wochen bin ich knapp 1700 Kilometer gelaufen, davon 1350 innerhalb der zwölf Greif-Wochen. Am Ende stand ein niedriger Puls von 45. Peanut ist 1066 Kilometer gelaufen, von denen 888 nach den Anleitungen des Greif-Clubs erfolgten. - In Erwartung großer körperlicher Schmerzen, aber voller Siegesgewißheit sind wir am Donnerstagmorgen nach Berlin gefahren. Wir waren in absoluter Kampfeslaune! Doch alles sollte ganz schrecklich werden...
 
.:: DER MARATHON ::.
 
34. real,- BERLIN-MARATHON, 30. September 2007
Berlin ´07... Es fällt mir schwer, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Und ich habe lange überlegt, ob ein Rapport verfaßt werden soll. Aber einerseits hat Berlin keinen Tadel verdient. Zum anderen muß der Stachel einer bitteren Zeit gezogen werden. Und überhaupt... Berlin... Geschichte wurde dort geschrieben: ein neuer Weltrekord!
 
Donnerstag, 26. September
 
Seinen Anfang hatte das Unheil im heimischen Frankfurt genommen. Nachdem ich monatelang Woche für Woche 120 Kilometer gelaufen war, war ausgerechnet in den zwei Ruhewochen vorm Marathon eine ausgemerzt geglaubte Sprunggelenksverletzung wieder aufgerissen ... und hatte sich auf der Anreise zum Marathon weiter verschlechtert. Am Mittag hatte ich mit Peanut das angemietete Appartement im Westberliner Ortsteil Schöneberg bezogen. Was wir nicht ahnten: Schöneberg teilte sich grob gesagt in drei Sorten von Menschen auf: 1. gewollte Alternativlinge, 2. Ausländer und 3. Schwule und Lesben. Wir waren in der »Queerzone« von Berlin gelandet, und neben 57 Freudenhäusern und Lack- und Lederläden obendrein auch noch von tosenden Autostraßen eingekesselt. - Die Beschaffung von Verpflegung sowie der Startunterlagen auf der Messe unterm Funkturm hatten wir am frühen Abend hinter uns. Weiterhin stand ein Lockerungslauf im nahen Tiergarten an. Dort war L
 i c h t b e r l i n! Lichtkünstler hatten die Lunge der Stadt mit Lampions und Windlichtern in nächtliche Illuminationen getaucht. Selbst auf den Teichen schwammen kleine Lämpchen. Aber statt Kraft durch Stille und Schönheit gab es für mich Schwächung durch Glühen im Knöchel. Und nur noch 75 Stunden bis zum Start!
 
Freitag, 27. September
 
Nach einem Totenschlaf von zehn Stunden habe ich mir ein »Regenerations-Beschleuniger-Müsli« mit Blütenpollen aus dem Harz einverleibt, ich habe mir extra für den Marathon die Haare schnellschneiden lassen, und in den verbleibenden Stunden nur noch auf eine wundersame Genesung gehofft.
 
Sonnabend, 28. September
 
Am Morgen des Sonnabend grassierte das Marathonfieber schon sehr heftig. Ein Trupp heißer Dänen kreuzte unsern Weg zum Bäcker. Mit noch immer schmerzendem Knöchel erfolgte ein Frühstückslauf durch den Tiergarten, und nach einem gehaltvollen Abendessen haben wir uns halb zehn schlafen gelegt. Leider ohne die Rechnung mit den M
 ü c k e n vom Landwehrkanal zu machen. Es sollten die Einzigen in der ganzen Berlinwoche bleiben. Aber ausgerechnet in der Marathonnacht waren die Biester da - um zu stechen und zu piesacken! Schlagen, Kratzen und Jucken um Mitternacht! Neuneinhalb Stunden vorm Start war Nummer 1 erlegt... darauf fielen die virulenten Warmen aus der Kneipe vis-à-vis auf die Straße... und eine weitere Zeigerumdrehung später (7 Std. vor Rennbeginn) wurden wir von Schnake Nummer 2 geweckt. Horror und Alptraum, Wut und Verzweiflung: alles in einem! Dazu ein zu schmales Bettsofa, in dem wir uns wie die berühmten Eierkuchen wälzten. »Gott, wenn es dich gibt, mußt du ein Arschloch sein« hab ich gedacht, und nur noch das Schrillen des Weckers herbeigesehnt.
Brandenburger Tor - Quadriga (© Vitus)
Sonntag, 30. September
 
Nach einer komplett durchwachten Nacht hab ich mich um 4.22 Uhr aus dem Laken gequält. Ich hatte keine Sekunde geschlafen und sollte nun Höchstleistung bringen:
BERLIN-MARATHON in »2:59«. Das muß man sich mal vorstellen! Peanut hatte es auf ein Nickerchen von vier Stunden gebracht, war aber durch einen Insektenstich am Lid gehandikapt. - Nach einem Trab durchs Morgengrau haben wir gefrühstückt und uns mit der U-Bahn ab Nollendorfplatz auf den Weg zum Potsdamer Platz gemacht. - 7.20 Uhr befanden wir uns im Startarael zwischen Brandenburger Tor und Reichstag. Umkleidezelte schützten vor vereinzelt durchziehenden Schauern. Halb 9 waren die Kleidersäcke an den vorgesehenen Punkten abgegeben, und nachdem wir mit einem Zuckerwasser von Lucozade den Geist von London beschworen hatten, waren wir um 8.45 Uhr in der bunten Masse untergegangen. 33 476 Marathonläufer aus 115 Ländern stellten sich dem Kampf. Allen voran: der gottbegnadete Gebrselassie bei seinem zweiten Angriff auf den Weltrekord. Herbstliche Werte und ein vertretbarer leichter Windzug schufen das ideale Äußere für ein günstiges Gelingen.
 
Kilometer 0 bis 10:
Tiergarten, Moabit und Mitte
 
Um neun gab »Wowi«, wie Berlins »Rejierender« im Volksmunde heißt, grünes Licht. START für mich zu einem Himmelfahrtskommando ins Nichts. Denn nichts anderes als ein unwirklicher Streifen von 42 Kilometern würde sich in den kommenden Stunden vor meinen Augen abspulen. Über die sechsspurige Ost-West-Achse bewegte sich der unreal,- Berlin-Marathon 2007 zunächst durch den Tiergarten und an der Siegessäule vorbei nach Charlottenburg hin, um nach zweieinhalb Kilometern nach Norden, in den Arbeiterkiez Moabit abzubiegen. Zwar wollte ich mich an den Zugläufer für »Sub 3:00« heften, war aber vor ihm gestartet und hatte ihn später im Gewühl nicht zu Gesicht bekommen. Erstmals geschah dies auf dem sechsten Kilometer, nach der Passage des Spreebogens mit dem Reichstag und dem Streckenfest auf der Bismarckallee. Die »blaue Linie« führte in den Osten und auf die im Vorjahr von einer heiklen Baustelle beherrschte Friedrichstraße. Außer den Straßenbahngleisen waren nun alle Klippen entschärft und über die Tor- und Mollstraße ging es hurtig voran zum zehnten Kilometer. Mit 41 Minuten war mein Angang exakt auf Marschplan »2:59«.
 
Kilometer 11 bis 20:
Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln
 
Wie in straßenbaulicher Hinsicht, hatte der Osten gegenüber 2006 auch in Zahlen aufgerüstet. Vor allem in der »Platte« zwischen der früheren DDR-Vorzeigemeile Stalinallee und dem Beginn vom wilden Kreuzberg herrschte Volksfeststimmung. Schwarzgekleidete Kroizbergpunks und andere gegenkulturelle Randfiguren wurden gesichtet. Und der berühmte R
 u n n e r s h i g h, dieses Phänomen eines nicht zu schildernden, höchstmöglichen Einklangs zwischen Kopf und Körper, die bedingungslose Öffnung des Körpers, ein Höhenflug, wie man ihn nur bei den ganz Großen kriegt, stellte sich ein. Und gerade dann gilt es, kühlen Kopf zu bewahren. Am »Kotti«, dort wo es bei den Mai-Krawallen Feuer und Knüppel hagelt, spielte heute eine türkische Rockcombo (die einzigen Gitarren auf der gesamten Schleife, denn Spreeathen frönt dem Swing und Jazz). Auch die 15-Kilometer-Kontrolle des Marathons war in jenem Quartier postiert. Mit einer Durchgangszeit von 1:02 Std. war ich früh wie nie zuvor an diesem Punkt. Vorbei am Volkspark Hasenheide und dem Südstern waren die gußeisernen Yorckbrücken erreicht, an deren Ausgang eine Trommlergruppe einen wuchtigen Effekt erzeugte.
 
Kilometer 21 bis 30:
Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf
 
Mit 1:27:49 war ich zur Halbmarathon-Marke in Schöneberg vorgedrungen, und Kilometer 25 war nach 1:44 Std. erreicht: zwei Minuten schneller als Plan »2:59«! Das war Wahnsinn und komplett verrückt. Ich fühlte mich wie ein Nachtschwärmer, wie einer der durchgefeiert hatte und nun in einem Kanal von einer Million Menschen im Sturmlauf der Sonne entgegenrast. Das konnte nicht gutgehen. Ging es auch nicht! An der Friedenauer Ampelkreuzung Schmiljanstraße veränderte sich der Lauf urplötzlich und dramatisch: In einem Augenblick der nachlassenden Aufmerksamkeit bin ich beim Räubern über die Bordsteine abgerutscht und umgeknickt. Ein Fehltritt, der sämtliche Sehnen und Bänder hätte zerfetzen können. Aber es war »nur« ein dumpfer Schmerz in der Hüfte zu spüren. Anfangs... Welcher mich jedoch unweigerlich zwang, einen Gang rauszunehmen. Mit der Folge, daß fortan alle Bewegungen unrund wurden und die Muskeln verkrampften. Ausgerechnet der »schwache« Oberschenkel. Der Kultplatz mit dem Bronzeschwein »Wilder Eber« war diesmal weit weniger erquickend als im alten Jahr. Ein Handradfahrer hätte mich dort fast abgeschossen, und auf der ansteigenden Rheinbabenallee wurde ich von der Schar um den ersten Zugläufer geschluckt. Derweil ich mich zum dreißigsten Kilometer kämpfte (noch immer mit Polster auf Plan »2:59« und vier Min. schneller als im Vorjahr)...
 
... stürmte in der Spitze Haile Gebrselassie - erst im Schutze eines fünfköpfigen Afrika-Expresses, und ab Kilometer 30 als Solist - unbedrängt zu seinem vorangekündigten Marathon-Weltrekord: 2:04:26! Damit war eine weitere Krönung seiner ruhmreichen Laufbahn erreicht. Gebrselassie hatte sich auch zum zweiten Mal in Folge zum Kaiser von Berlin gekrönt. Eine Viertelstunde später folgte mit Falk Cierpinski auf der 23. Stelle der erste Deutsche.
 
Kilometer 31 bis 40:
Charlottenburg, Schöneberg und Mitte
 
Für viele führte die Strecke jetzt über die große Einkaufspromenade des Westens, den Kurfürstendamm, hinunter zum 35. Kilometer. Auch hier war ich noch immer gefühlte Lichtjahre schneller als 2006, doch zeichnete sich nun ein rascher und totaler Niedergang ab. Ausgerechnet am ominösen 35. Kilometer... Noch am Morgen hatte ich mit Peanut gespöttelt, daß wir dort einen Abstecher auf ein Bier zuhause machen könnten. Auch Ausstieg und Start beim Frankfurt-Marathon Ende Oktober waren eine Option. Denn unser Marathonquartier lag in Spuckweite von jenem Punkt in der Kleiststraße entfernt (an dem sich übrigens mit der »San Marco« auch die erste und älteste Pizzeria Berlins befindet)...
 
Ein Déjà-vu der speziellen Art folgte vor der »Potse«: Wie vor Jahresfrist wurde ich am zentralen Platz der Stadt von einem zottelbärtigen Rübezahl im Trikot des Vogtländischen Radsport-Teams Plauen überlaufen. Grußlos diesmal, denn der Mann kämpfte selbst am Anschlag. Zwischen den von So-nie und Deimler hochgezogenen Protzkästen der »Neuen Berliner Mitte« hindurch, und weiter über die endlos windige und ins Nichts führende Leipziger Straße, war der 39. Kilometer erreicht. Von hier an wurde der Weg sehr lang und s
 e h r hart. »Jeht´s noch?«, hatte mich die Streckensicherung gefragt. Und: »Hinta der nächsten Kurwe jibt´s Wassa.« Leider hatten weder Wasser noch das angebotene Energiegetränk Basica ein Wunder bewirkt. Ausgekühlt vom Schlafentzug und geschüttelt von Krämpfen im Oberschenkel kämpfte ich mich nach einem ersten Zwangsstopp mit Kilometerschnitten von 6:30 Min. dem Ende entgegen.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Mitte und Tiergarten
 
»Der läuft schon blau an«, hörte ich eine Omi zur anderen sagen. »Wer durchkommt, steht in der Zeitung«: Einzig dieses Spruchband der »Morgenpost« konnte jetzt noch das Ziel sein. Nur noch eintausend Meter. Nur noch? Die Prunkstraße Unter den Linden - treffenderweise »Kahlbaumstraße« genannt - brachte den finalen Niederschlag. Das Brandenburger Tor voraus, verwehrte mein linkes Bein den Dienst. Derweil Abertausende am Rande vor Begeisterung schrien, schrie ich meinen Schmerz heraus. Ganze Kompanien zogen an mir vorbei. Eine große Möglichkeit war zu Grabe getragen und monatelange harte Vorbereitung vergeblich geleistet. Das beschliffene Pflaster vom Pariser Platz war der Tiefpunkt. Von Qualen gelähmt strauchelte ich - - und dann stand ich - - Ein Kampfrichter wollte mich aus dem Rennen nehmen - 500 Meter vorm Ende! Doch ich konnte mich ohne Hilfe bis unter die Quadriga durchschlagen. Voraus noch knapp dreihundert Meter. Mit pickepackevollen Tribünen links und rechts. Und einem weiteren Krampfanfall. Nachdem ich allein für den letzten Kilometer neun (!) Minuten benötigte, war es vollbracht. 3:13:43 die Weltuntergangszahl im ZIEL.
 
Leider gewährte mir das medizinische Personal keine Massage. Auch keine auf Anflehen. Schlotternd vor Frost und Schmerzen, und mit einer Banane, drei Keksen und einem ungenießbaren Pflanzenextraktgetränk im Verpflegungsbeutel, habe ich mich zu den Massageliegen für Jedermann bewegt. Zu Feldbetten auf einer Wiese im Tiergarten, über die der Wind und Regen fegten. Nachdem man mich eine Viertelstunde umsonst stehenließ, bin ich mit letzter Kraft zum Zelt gekrochen, wo trockene Wäsche zumindest etwas Wärme brachte. Kaum Glück brachte leider Gottes auch der Freibierstand, wo vier Wirte eine aussichtslose Schlacht gegen vier Legionen durstiger Läuferkehlen kämpften. Auch das erste Helle nach acht Wochen hat ewig gedauert. Ein lange hinter mir hergelaufener Italiener vom Reschenseelaufteam, der mich im Tiergarten wiedergetroffen hatte, war kraft seiner Jugend nach 2:54 Std. über die Linie gelaufen.
 
Peanut wollte gleichmäßig ihre eigene Geschwindigkeit laufen, jeden 5-Kilometer-Abschnitt in 30 Minunten absolvieren und so auf eine Endzeit von 4:15 Stunden kommen. Sie konnte das geplante Tempo (6:02 Minuten pro Kilometer) lange halten, und hatte das Glück, nicht gravierend einzubrechen. Peanut ist mit großer Leidensfähigkeit in 4:18:39 Stunden bis zum ZIEL durchgedrungen. Damit war die alte Bestmarke um elf Minuten unterboten.
 
Berlin war eine bittere Pille. Das sprichwörtliche Sportlerpech ist auch auf der Weltrekordstrecke nicht geschwunden. So unglaublich es auch klingt: Zwei winzige Mücken hatten alles zuschanden gemacht. Eine schon sicher geglaubte Bestzeit war vergeben und - was noch schlimmer ist - vielleicht der letzte Angriff auf die Bestleistungen vergeben! Die Möglichkeit auf einen Marathon eröffnet sich nicht oft, und ab einem unbestimmten Punkt ist es zu spät. Vier Monate haben wir trainiert, um im entscheidenden Augenblick durch eine Verletzung und Schlafprobleme um die Früchte der Arbeit gebracht zu werden. So mußten wir ruhmlos davon ziehen. Aber man braucht ja Ziele.
 
 
FAZIT
 

Ausstrahlung: Der Hauptstadtmarathon 2007... Böse Zungen redeten vom »Judenmarathon Berlin«. Aber damit tut man ihm unrecht. Obgleich viel Kalkül im Spiel war. Alle Aufmerksamkeit und Zuwendung galt nur dem Wunderläufer. An Geld für den eingekauften Ersten - einschließlich einer Schar Hasen - fehlte es in Berlin nie. Der Rest (60
 000 Teilnehmer)? Nur blechende Staffage. Kommerz hin, Kommerz her: Die Strecke ist nach wie vor denkwürdig und war nach dem Abzug alter Baustellen schneller denn je. Wir waren Teil eines historischen Laufs, dem neuen Marathon-Weltrekord! Wirkung: Berlin war in 3 ¼ Stunde überrannt. Die Vorleistungen hatten 3 ½ Monate beansprucht. Für die Materialinteressierten: Frau lief mit Asics GT-2120, Mann mit Adidas adiStar Competition.
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
SCHLUSSFEIER & KULTURLEBEN
 
Die äthiopischen Vorjahressieger Gete Wami und Haile Gebreslassie haben ihre Titel verteidigt. Damit durfte Wami in New York von den 300
 000 Dollar aus der Serie der »World Majors« träumen. »Gaba« fuhr schon heute einen Koffer voller Geld ein: unfaßbare 150 000 Euro Antrittsgage, 50 000 Preisgeld, dazu 80 000 Zeitprämie. »Ihr wart mein Rückenwind und seid auch alles Rekordläufer!«, soll er allen zugerufen haben, die auf der Abschlußfeier waren. Wir waren es nicht. Die Dritte Halbzeit haben wir als Not und Elend in einer Schöneberger Queerkneipe mit dem bezeichnenden Namen »Raststätte Gnadenbrot« gefeiert.
 
Montag bis Donnerstag, 1. Oktober bis 4. Oktober
 
In der folgenden Nacht habe ich von noch härterem Training und von BOSTON geträumt. Zur kulturellen Erquickung zählte eine Tageswanderung durch Kreuzberg, eine Fahrt übers Brandenburger Land zu unserem Doom-Kumpel Kalle und seiner Familie in Genthin sowie zwei Konzertbesuche im »SO36« (Kreuzberg) und »K17« (Friedrichshain). Die Erlebnisberichte dazu finden sich hier:
...... Rasta Knast, Die Mimmis, Dödelhaie, The Shocks und No Exit
...... Gallhammer, Skitliv und Abyzz
 
Am siebenten Tag haben wir Berlin in Unfrieden verlassen. Gute Nacht, Ickedettekiekemal!
 
 
Dank und Gruß an:
Peanut (für die unerschöpfliche Geduld), Kerstin & Kalle (für den Tag in Genthin), Frisör-Studio Seifert (für die selbstlose Hilfe und den Kampfschnitt), Axel H. aus Dresden, alle Marathoninteressierten aus dem virtuellen und dem wirklichen Leben (für das Interesse), und an die unbekannte Menge vom Rand (fürs Anpeitschen).
 
 
Kampfläufer Vitus, 6. Oktober 2007
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: heiter, 13 bis 18ºC, mitunter eine leichte Brise, 70 % Luftfeuchtigkeit
Zuschauer: ca. 1
 000 000
 
Gesamtsummen
(Läufer, Sportgeher, Handradfaher, Rollstuhlfahrer, Kufenroller)
Gemeldet:
48
 026
Gestartet: 38
 743
Im Ziel: 37
 490
 
Marathonläufer gemeldet:
40
 025 (M: 31 938 / W: 8137 / Nationen: 115)
Marathonläufer gestartet: 33
 476 (M: 26 797 / W: 6679)
Marathonläufer im Ziel: 32
 497 (M: 26 010 / W: 6487)
 
Gesamtwertung Männer:
1. Haile Gebrselassie (Äthiopien) 2:04:26 (
WR)
2. Abel Kirui (Kenia) 2:06:51
3. Salim Kipsang (Kenia) 2:07:29
4. Philip Manyim (Kenia) 2:08:01
5. Mesfin Adimasu (Äthiopien) 2:09:49
6. Lee Troop (Äthiopien) 2:10:31
 
Gesamtwertung Frauen:
1. Gete Wami (Äthiopien) 2:23:17
2. Irina Mikitenko (Deutschland) 2:24:51
3. Helena Kirop (Kenia) 2:26:27
4. Irina Timofejewa (Rußland) 2:26:54
5. Naoko Sakomoto (Japan) 2:28:33
6. Hayley Haining (Großbritannien) 2:30:43
 
Kampfläufer Vitus (Deutschland)
Startnummer:
27205
Nation: GER
Zeit: 3:13:43
Gesamtplatz: 2602 von 32
 497
Platz: 2502 von 26
 797 bei den Männern
Platz: 388 von 4447 in Klasse M45
Zwischenzeiten:
05 km: 0:20:23 (20:23)
10 km: 0:41:14 (20:52)
15 km: 1:02:01 (20:48)
20 km: 1:23:08 (21:07)
25 km: 1:44:26 (21:18)
30 km: 2:07:03 (22:38)
35 km: 2:31:04 (24:01)
40 km: 2:58:32 (27:28)
Halb 1: 1:27:49
Halb 2: 1:45:53
Geschwindigkeit: 13.07 km/h
Zeit pro km: 4:35 min
 
Peanut (Deutschland)
Startnummer:
F7716
Nation: GER
Zeit:
4:18:23 (PB)
Gesamtplatz: 20
 858 von 32 497
Platz: 2768 von 6679 bei den Frauen
Platz: 459 von 1129 in Klasse W45
Zwischenzeiten:
05 km: 0:28:38 (28:38)
10 km: 0:58:21 (29:44)
15 km: 1:27:53 (29:32)
20 km: 1:57:51 (29:59)
25 km: 2:28:30 (30:40)
30 km: 2:59:45 (31:15)
35 km: 3:31:24 (31:40)
40 km: 4:04:30 (33:06)
Halb 1: 2:04:56
Halb 2: 2:13:27
Geschwindigkeit: 9.80 km/h
Zeit pro km: 6:07

 
Ergebnisse:

>> Berlin-Marathon