RASTA KNAST, DIE MIMMIS, DÖDELHAIE, THE SHOCKS, NO EXIT
Berlin, SO36 - 2. Oktober 2007
Der Kult hat ein Kürzel: SO36 steht zum einen für den Postbezirk Berlin-Kreuzberg, zum anderen für einen der ältesten Rockklubs im Lande überhaupt. Genaugenommen existiert das Objekt in der Oranienstraße 190 bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als es als Biergarten eröffnet wurde. Später, in den 1930er Jahren, entstand am selben Ort das erste Lichtspielhaus Berlins. In den 60ern wiederum, hatten Aktionskünstler die Lokation in Beschlag. Und seit den 1980ern schließlich, ist das »SO« - mit Unterbrechungen nach Zwangsräumungen - das, was es heute ist: einer der ersten Punkerschuppen im Lande überhaupt. Karrieren von Szenehelden wie den Einstürzenden Neubauten oder den Dead Kennedys haben hier begonnen.
 
Im Jahr 2007 war es auch uns vergönnt, die heilige Halle mit den gewissen Parallelen zum Frankfurter »Café ExZess« endlich einmal zu besuchen. Im Nachlauf vom Berlin Marathon hatte sich ein Anlaß geboten: das Festival »BERLIN PUNK ATTACK Vol. II - Control The State«.
Wobei uns die Attacke Vol. I schon beim Einmarsch im Multikultikiez Kroizberg ereilte. Beim Versuch das »SO« abzulichten, war ein baumlanger Türsteher auf mich zugestürmt: »Hier wird nich fotografiert. Die Leute wollen das nich. Beim nächstenmal fliegt die Kamera in hohem Bogen weg!« Derart stigmatisiert war es für uns dann auch nicht leicht, einen unbefangenen Abend zu erleben. Obendrein wurden für die Eintrittskarten 16 Piepen fällig. 16 pro Person...
 
Mit Fotogenehmigung und bestandener Leibesvisitation ( »Haste Pfeffer? - »Nö!« ) hatten wir uns um acht in den legendären Veranstaltungsraum, der im Grunde nichts anderes ist, als ein überdachter Hinterhof für 800 Leute, durchgeschlagen. 600 hatten den Weg in den auf jedwede Plakate, Aufkleber und sonstige Propaganda verzichtenden, tintenschwarzen Schlauch gefunden: Punks, Skins, Renees und Kreuzüberte; Leute mit Iros, Glatze, Rastas; gekluftet in St.-Pauli-, Fred-Perry- und Lonsdale-Hemden, mit zerrissenen Jeans und Armeehosen, in Turnschuhen und Stahlkappenstiefeln mit Kambodscha-Schellschnürung, mit schwarzen wie auch weißen Schnürsenkeln. Im Volk auch eine Freudenspenderin mit Ficken Oi!- sowie ein Herr mit Stalingrad 43-Hemd. Die Hausbesetzer vom »Köpi« waren mit einem Solistand vor Ort, um in den Deutschen Einheitsbrei hineinzufeiern. Kurzum: das volle Ballett der Antiwelt. Sport frei!...
... Zuerst mit der Quinte NO EXIT aus Berlin, die 19:45 losgelegt hatten, und von denen uns eine Viertelstunde entgangen war. Das roh-rebellische »Let´s Go« war eine der ersten Nummern, die uns um die Schädel geknallt wurden. No Exit machten Straßenpunk mit räudigem Gegröle auf Deutsch, hooliger You-Will-Never-Walk-Alone-Attitüde und motörheadschem Geratter im Kessel. Ein geklautes Riff hier, eine anarchistische Parole dort, und mittendrin ein ausgestreckter Mittelfinger, kurzum: Karlsquellpunk wie aus dem Bilderbuch. Auch feindbildanimierte Durchsagen, wie ein Aufruf zur Verhinderung des Faschoaufmarschs am 6. Oktober in Königs Wusterhausen, haben nicht gefehlt. No Exits Stolz auf ihre große Stadt dokumentierte sich im flammenden »Berlin« und als Zugabe wurde ein gewisses Zitat mit der Zeile »Punkrock wird es ewig geben« kredenzt. 20:38 waren No Exit durch.
THE SHOCKS - drei Altpunks vom Prenzlauer Berg mit den schönen Tarnnamen Smail, DoN LotzO und Älex - waren kurzfristig für die wegen Krankheit abblasenden Hamburgpunks RUBBERSLIME eingesprungen und kamen in einer etwas moderneren, subtileren Optik daher. Rein stilistisch dem guten, alten Minimal-pUnKrock aus dem Jahre 1977 verpflichtet, versahen die Ostberliner diesen mit einer gehörigen Injektion Hardcorethrash und leicht kryptisch wirkenden Inhalten. Die Lieder trugen Titel wie »13«, »Und wie geht's«, »Banned from the USA«, »Ich bin der Peter«, »Schizophrenia« und »Fenster in meiner Zelle«. Programmatisch wie der ganze Abend: alles auf Doitsch! Nach einem etwas unterkühlten, uninspirierten Wischiwaschi zu Beginn, kamen thE ShoKS in Hälfte zwei mächtig auf Touren und entfesselten schließlich unter der Bühne einen sehr amtlichen Pogo. Der 40-minütige Blitzkrieg von der Spree wurde um 20:40 mit dem »Endsieg« besiegelt.
Ist es im Punk Rock erlaubt, spaßig zu sein? Die DÖDELHAIE haben zwar einen spaßigen Gruppennamen gewählt, sind aber alles andere als spaßig. Schon 1982 gegründet, blieb den vier straßenkriegerprobten Duisburger Domspatzen der Durchbruch zwar verwehrt, dafür sind sie das, was man gemeinhin »Legende« bezeichnet. Treibender Punk Rock mit gelegentlichen Oi!-Attacken, durchkreuzt von sarkastischen bis nihilistischen und stets kritischen Texten in der Muttersprache, das ist es, was die Haie zu einer Szenegröße gemacht hat. Platten wie 'Sinfonie des Wahnsinns', 'Mitternacht' und 'Schätzchen, ich habe das Land befreit!' sprechen ihre deutliche Sprache. Und anno 2007 waren Andi, Hardy, Mani und Axel auch wirklich ins SO gekommen. Im hundertsten Jahr ihrer Existenz zwar nicht mehr zum Jungvolk zählend, war die Schau der Haie - trotz minutenlanger tiefenphilosophischer Ergüsse ganz im Geiste von Friedrich Nietzsche - immer noch mitreißend chaotisch und willkommener Grund für zahllose Hauptstadtkinder, sich todesmutig von der übermannshohen Bühne zu stürzen. Herausstecher in einer knappen Zeigerumdrehung D-Punk der ersten Stunde waren sicher das TonSteineScherben-Cover »Die letzte Schlacht gewinnen wir«, das düstere »Weiter geh´n«, der rasende Hassbolzen »Worauf bist du stolz?« und »Radikal«. Ein Russki-Special vollendete um 22:40 die dritte Halbzeit, eine Neuinterpretation des sowjetischen Volksliedes »Katjuscha« mit dem Titel »Heute Nacht«. Und wenn die Haie einmal greise und weise 90 sind, dann werden sie sich von gutaussehenden Pflegerinnen in Rollstühlen mit schwarz-roten Decken sitzend in die nächste NPD-Demo schieben lassen. Das haben sie versprochen! Splitterwestensicher!
 
Die ab 23:00 folgenden Spaßpunks MIMMI´S und die für 0:15 geplante Sprengbrigade in Gestalt der doitschen Schwedenpunks RASTA KNAST haben wir uns geschenkt. Die Mimmi´s kannten wir, Rasta Knast waren uns in diesem nervös-hibbeligen Punkmarathon einfach zu spät. Wer weiß schon, was in dieser Nacht im SO noch geschah... Einer sicheren Quelle zufolge, ist der Drummer der Mimmi´s zusammengebrochen...
 
 
Heiliger Vitus, 9. Oktober 2007
(Fotos: Hl.Vitus)