GALLHAMMER, SKITLIV, ABYZZ
Berlin, K17 - 3. Oktober 2007
Marode Häuser, unsanierte Häuser, besetzte Häuser, katzenkopfsteingepflasterte Straßen, Mauerreste, Klubs und Kneipen, Künstler, Lebenskünstler und Außenseiter: dies ist der Szenekiez Friedrichshain im wilden Osten Berlins. Jwd im Quartier, auf einer Anhöhe hinter der stalinistisch-breiten Frankfurter Allee steht der Gothic-, Electro-, Metal-, Hardcore- und Rockclub »K17«.
 
Kurz nach neun in dieser zappendusteren Oktobernacht, hatten wir den Standort im zweiten Hinterhof der Pettenkofer Straße 17a erreicht, und uns nach Umtausch der per Elektropost zugeschickten und selbsausgedruckten Eintrittskarten gegen »richtige« Eintrittskarten (Handzettel zum Preis von 19 Euro) in die 550 Personen fassende Doppelhalle K17 durchgeschlagen. In dieses Ambiente aus schwarz verhüllten Wänden und schwarz geklufteten Dunkelseelen. Rund 200 waren gekommen: Rocker und Metaller in Eisen, Leder und schwarzen Leibchen. Preußenvolk, daß sich treu den ausgehängten Warnhinweisen »Stroboscope lights can cause epileptic attacks!« in gleichgeschalteter Starre übte. Lediglich ein Dutzend würde später die Tanzstiefel schnüren. Im Volk auch zwei alte Bekannte von den Doom Shall Rise-Festivals: Herr Krukenberg vom Berliner Heavy Metal TV-Magazin »HardlineTV.de« sowie Alabama Thunderpussy-Anbeter Oliver.
ABYZZ aus den schwarzmetallischen Wäldern des Absurdreiches Thüringen oblag die gleichwohl ehrenhafte wie undankbare Aufgabe, die Verstärker vorzuglühen. Sie taten dies mit atmosphärischem Melodic Death im mittleren Zeitmaß, der mitunter gewisse Doom/Death-Momente im Stile von Officium Triste durchschimmern ließ. 'Terror Mundi' und 'Warmasutra', so heißen die Langeisen, die Arno, Krusty, Seb, Matzen und Bolzen am Start haben und die von Kickass-Promoter Stalin vertrieben werden (Stalin, dem Leiter der Dresdendroogs Gorilla Monsoon). Eingebettet im agnostisch herausgegurgeltem Stahlnagelstoff zwischen der »Warmachinery« und »Now You´re Die« zelebrierten die Herren auch eine neue, leicht psychedelisch, leicht melancholisch angehauchte Nummer mit dem Namen »The Heritage«. Betrüblicherweise wurde das als Zugabe vorgesehene »Stahlgewitter« Opfer eines straffen Zeitplans. Alles in allem fand ich Abyzz und ihr düster-mystisches Totenreich nicht übel, aber auch nicht übermäßig unter die Haut gehend. Doch stille Abgründe sind bekanntlich tief......
Maniac, der langjährige Frontmann der norwegischen Black Metal-Mitbegründer Mayhem, hat ein brandneues Projekt an der Startrampe. SKITLIV heißt es. Skitliv bestehen aus dem Kapuzenmann Kvarforth und Ingvar an den Sechssaitern, aus dem kanadischen Trommler Trish, Viersaiter, Satan und Gott Spacebrain, sowie besagtem Maniac als Stimme, Stromgitarre und Geistesfick. »Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.« Gleichsam dieser Myspace-Ausführung leiteten beklemmende Lärmverzerrungen aus dem Nichts um 22:20 den Auftritt der Nordländer ein. Wie es der Name suggeriert - »Skitliv« ist das schwedische Wort für Scheißleben -, so zelebrierte der Trupp in der Folge eine infernalische Fontäne aus Scheiße für diese Welt von Scheiße, einen allzerstörerisch hingekratzten Trip aus der Ästhetik der isoliert-hypnotischen Burzum und den chronisch-depressiven Khanate. Doom Black Metal nannten sie dieses aus weißem Nebel hervorbrechende Getöse selbst. Dieses bizarre Gekreuz aus scharrendem und zerrendem Endzeitlärm, tiefgrollenden Lavawalzen und der unter krudem Hass ins Mikro gekeiften Misanthropie von Maniac, der mit seinem grellen Iro übrigens wie ein Punk erschien. Nach fünf Slowbangern mit Überlänge verliessen die Künstler unter fiependen Rückkopplungen einer nach dem anderen das Podium. Der langmähnige Ingvar war es schließlich, der nach einigen Minuten noch einmal zum verwaisten Schauplatz zurückkehrte und dem Publikum die fiesen Frequenzen von den Ohren nahm. Skitliv sind die kommenden Ultradoomer!
 
Im Anschluß faszinierte Basser Spacebrain mit einigen ganz speziellen Aktionen. Nachdem er mir einen soliden Stahlstift geklaut hatte, verblüffte er später auch noch einen verzweifelt in seinem Englisch-Vokabular wühlenden Skitliv-Jünger, indem er mitten im Gespräch von Englisch auf Hochdeutsch umschaltete. »Du redest ja Deutsch« war das Einzige, was der baffe Fan darauf noch raus brachte. Zu fortgeschrittener Stunde entleerte Spacebrain u.a. auch noch eine Tüte voller Werbezinnober vom bekannten Kräuterlikörproduzenten über dem Shirtstand. Den Sinn hat keiner begriffen...
Das düster treibende Fluidum des Hellhammer-Metal, die wahnsinnigen, gepeinigten Melodien des Burzum-Black-Metal, ein Schuß harschem Amebix-Crust-Punks, dazu die glimmenden Zeitlupengitarren der Drone-Doomer Sunn, verkuppelt mit heiserem Gekreisch und tiefem Grunzen - das klingt auf seine Art einzigartig, das klingt erquickend, und exakt das sind die Riot-Grrrls Vivian Slaughter, Mika Penetrator und Risa Reaper alias GALLHAMMER aus Tokio! Das Reich des Sonnenballs zählt ja nicht erst seit 2007 zu den Trendsetzern im Extremdoom. Man erinnere sich nur an Church of Misery, Solar Anus oder Boris. Gallhammer gehören unbedingt in diese Linie. Mit dem kleinen Unterschied, daß wir es bei dieser Gruppe mit drei zierlichen Frauen mit viel schwarzem Kajal, Thorshämmern, Killernieten, Patronengurten, schwerem Schuhwerk, ekstatischen Bewegungen und tonnenweise ungekünsteltem Charisma zu tun haben. Ein Geständnis wie »We are not good at English«, gepaart mit demütigem Neigen der Häupter, dies erlebt man in der achso »coolen« Metalszene nicht allzu oft, dies war schlicht entwaffnend. Dementsprechend wurde den Gallhammerdoomcrusties auch bedingungslos aus den zarten Händen gefressen. Sei es beim burzumschen »Speed of Blood«, bei rumpelnden Punkattacken wie »Crucifixion« oder dem schwarzgallisch-zähen Doomgewerk »May Our Father Die«. Mit diesem Auftritt in Berlin haben Gallhammer Geschichte geschrieben. 23:50 verließ Risa Reaper - nach einem sehr seltsamen, abrupten Ende - als Letzte der Geishas die Kanzel. Mit einem unterwürfigen Diener. Wie auch sonst. Absolute Killer!
SET ABYZZ
1. Warmachinery
2. Ad Nocte Abyss
3. Fear, Emptiness, Despair
4. Bloodbath
5. The Heritage
6. Ignorance
7. Rememberance
8. Creation Divine
9. And Now You´re Die
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10. Reborn Again
11. Stahlgewitter
 
SET SKITLIV
1. Hollow Devotion
2. Virescit Volnere Virtus
3. Amfetamin
4. I hennes sovrum (Imperiet)
5. How I Wish that God Existed
Auf dem Rückmarsch durch die spärlich ausgeleuchteten Straßen von Friedrichshain sind wir auf einen Tante-Emma-Laden gestoßen, dessen Boden mannshoch mit lose herumfliegenden Bierflaschen bedeckt war. Chaos. Wahnsinn. Auflösung. Doom!
 
 
Heiliger Vitus, 12. Oktober 2007
(Fotos: Hl.Vitus)