27. LONDON-MARATHON, 22. April 2007
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AUFBAUKÄMPFE
Silvesterlauf Frankfurt (10 km), 31.12.06
Winterserie Hofheim-Lorsbach (20 km), 4.2.07
Frankfurter City-Halbmarathon, 4.3.07
Int. Gießener »Rund um den Schiffenberg« (Halbmarathon), 25.3.07
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Zwei für Deutschland (vom »Marathon of Doom«)
 
 
Ende der 70er, in einem Londoner Pub namens »The Dysert Arms«, hatte alles seinen Anfang genommen. Berauscht vom Vorbild New York und einigen Pinten Ale wuchs in besagter Schänke die Idee um ein Straßenrennen durch die Hauptstadt Englands. Ein Jahrzehnt später, 1981, wurden aus Gedanken Taten und mit Unterstütztung eines Rasierklingenherstellers der erste London-Marathon ausgeführt. - - Ein Vierteljahrhundert später operierte »The Great Suburban Everest« als teilnehmerstärkster und einer der schnellsten Marathons mit einem Etat von fünf Millionen Britischen Pfund (weit über sieben Mio. Euro). Der von Ex-Langstreckenidol David Bedford organisierte Marathon ist der reichste der Welt und eins der fünf Prestigerennnen der World Marathon Majors.
 
Allein schon das Dabeisein ist ein kleiner Sieg. Für die 49
 000 Startnummern bewerben sich jedes Jahr über 125 000 Läufer. Wer weder zur gesetzten britischen Championships-Elite zählt und sich auch über die Zeitnorm Good for age nicht qualifiziert, kann es über die Lotterie Ballot versuchen, Geld sammeln und für eins der vielen Hilfswerke, die sogenannten Charity places, antreten, oder sich für viel Geld in die Sponsorship einkaufen. Neben dem eher unwahrscheinlichen Start für einen englischen Leichtathletikverein, die Club Entries, bieten vom Weltverband abgesegnete Sports-Tours-Veranstalter die letzte Möglichkeit zur Nominierung. Wer flink handelt - Deutschlang verfügte über 360 Slots - und das nötige Moos hat - Reise und vier Nächte ab 900 Euro, Startgebühr 190 bis 220 Euro -, zählt so zu den Glücklichen für einen Tag.
 
Nachdem BERLIN für Marathona Peanut und mich so was wie das große Erwachen war, lautete unser Endziel fortan, die fünf Rennen von Boston, London, Berlin, Chicago und New York alle zu bewältigen. Am 10. Oktober 2006 hatten wir eine Anmeldung beim Reisebüro interAir getätigt. Mit Erfolg. Anfang Januar wurden die Meldungen von Polheim nach London weitergeleitet. Damit war der erste Schritt Richtung England getan und die Vorbereitungen konnten beginnen. Laufend sollte uns die Welt gehören.
 
.:: DIE STRECKE ::.
London ist ein flaches Rennen. Start und Ziel liegen dabei nicht zusammen. Synchron aus drei Straßen im Südosten der Millionenstadt startend, führt die Route zunächst von Blackheath nach Woolwich. Nach einer Linkswende nach Greenwich wird der historische Teeklipper »Cutty Sark« passiert. Nun folgt die blaue Linie der Themse weiter durch die Docklands, quert über die Tower Bridge zum Nordufer und führt über die Ausfallstraße The Highway auf die Halbinsel Isle of Dogs mit dem Geschäftskomplex Canary Wharf. Nach einer Schlinge durch das East End geht es auf dem Highway wieder zurück zur Themse. Den Fluß erreicht, geht es in westlicher Richtung vorbei an den englischen Heiligtümern Tower of London, Cleopatra´s Needle, Big Ben, Palace of Westminster und Buckingham Palace zum finalen Showdown im St. James´s Park im Herzen Londons (zwei Monate später endete hier auch die Auftaktetappe zur Frankreich-Rundfahrt). Die Steigungen kommen zusammen auf 100 Höhenmeter. Streckenrekordmann ist seit 2002 Khalid Khannouchi mit 2:05:38 Stunden. Beim London-Marathon wurden vier inoffizielle und offizielle Weltbestzeiten aufgestellt:
 
1981 - Joyce Smith (Großbritannien) 2:29:57
1983 - Grete Waitz (Norwegen) 2:25:28
1985 - Ingrid Kristiansen (Norwegen) 2:21:06
2002 - Khalid Khannouchi (Marokko) 2:05:38 (erste offizielle Weltbestzeit)
 
Dazu ein offizieller Weltrekord:
 
2003 - Paula Radcliffe (Großbritannien) 2:15:25 (erster offizieller Weltrekord)
 
Eine virtuelle Führung:
>> Interactive Map
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Das LAUFTAGEBUCH vom 1. Januar bis 22. April:
 
Neues Rennen, neuer Kampfplan, neue Ausrüstung. Erstmals bestritt ich die Vorbereitung nicht im klassischen 12-Wochen-Verfahren, sondern mit dem für ein Ziel zwischen 2:45 und 3:15 Stunden ausgelegten London Marathon Advanced 16-Week Training Plan. Dieser sah wöchentlich fünf Läufe mit bis zu 115 Kilometern vor. Zur Vermeidung der gefährlichen Einseitigkeit sollte das Laufen einmal in der Woche durch »Flexibility«- (Gymnastik), »Cross«- (Rad/Schwimmen) oder »Resistance« (Kraft)-Übungen ergänzt werden. Obendrein nahm ich einen Materialwechsel zu Adidas, dem Ausrüster des London-Marathons, vor. - Peanut übte sechs Wochen nach dem Intermediate 16 Week Plan und stieg ab der 7. Woche auf einen Plan von Herbert Steffny um. Allen Plänen vorgeschaltet war eine wilde Jagd durch den Wald...
 
.:: DER 1. AUFBAUKAMPF ::.
 
28. MAINOVA SILVESTERLAUF FRANKFURT, 31.12.06
(10 km)
Last Order
 
Schon zum 28. Mal traf sich die erweiterte hessische Spitze zum Saisonfinale im Frankfurter Stadtwald. Neben jungen Stars hatte das Feld auch Legenden wie Ex-Rad-und-Jetzt-Triathlonprofi Kai Hundertmarck unter sich. Die Korken durften am Ende jedoch die in Orange angetretenen Kenianer knallen lassen. Bei milden Temperaturen und böigem Wind setzte sich Philemon Kipchilat vor seinem Landsmann Keitany durch. Bei den Frauen siegte Chepkwony.
 
Start und Ziel lagen vor der Wintersporthalle am Waldstadion, nah den Sportzentralen des DFB und des Deutschen Sportbunds. Über 2800 Aktive hatten sich auf der alten Flughafenstraße eingefunden, als um 12 Uhr die Startpistole für den 10-Kilometer-Lauf abgefeuert wurde. Das kleine Feld der Elite ging unbedrängt mit fünf Minuten Vorsprung auf den Rest auf die Strecke. 12.05 Uhr folgte der in drei Blöcke unterteilte Hauptlauf. Die Strecke war schön gelegen, vollständig im Sachsenhäuser Stadtwald über regenweiche, aber befestigte Forstschneisen verlaufend und amtlich vermessen. Durch den Einsatz elektronischer Zeittransponder ergab sich eine bestlistenfähige Endzeit.
 
Nach zwei Monaten Schindluder mit läppischen 30 Kilometern in der Woche, hatte ich wenige Tage zuvor mein erstes hartes Programm gegen die Uhr gemacht. Die zehn Kilometer in 44 Minuten und 6 x 1000 Meter in 4:00 Min. waren dabei absurderweise so schnell wie zur Hochform gewesen. Damit durfte ich vage auf eine 10-Kilometer-Zeit unter 40 Minuten schielen. Die 40 Minuten gelten ja als Gradmesser im Langstreckenlauf, hier trennt sich der Jogger vom Läufer! Anfangs stellten dann aber erstmal schmale Wege und das dichte Läufergetümmel ihre Anforderungen an Lungen und Arme. Manch einer mußte sich auch durchs Gestrüpp am Rande pflügen. Treu der Tagesparole »Sekt oder Schampus« hatte ich mich auch prompt übernommen und im Grunde schon nach drei Kilometern blitzeblau gelaufen. Auf eine entschleunigte Mitte konnte ich das Tempo hinten raus noch mal steigern, wurde aber vom sogenannten »Kamelbuckel« im Schlußabschnitt endgültig aufgerieben und erreichte das Ziel fünf Minuten nach Hundertmarck - als Jogger! Peanut bewältigte die Schleife in 56 Minuten und besetzte damit die Schnapszahl 222 bei den Frauen.
 
Nach einem Erinnerungsfoto mit Marathonclown Michel Descombes (heute mit Plastebrüsten als Dirne verkleidet) haben wir uns dann - in der Wintersporthalle beginnend - bis zum Feuerwerk nach Strich und Faden weggeschossen. Es war ja Silvester, Rauschzeit!
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
trocken, 10ºC, wechselnde Winde mit zuweilen heftigen Böen
 
Teilnehmer gemeldet:
2200 (10 km, 4 km, 2 km, Nordisches Sportgehen)
Teilnehmer am Start:
2068
Teilnehmer im Ziel: 2032
10 km Läufer im Ziel:
1852 (M: 1300 / W: 552)
 
Männer:
1. Philemon Kipchilat (Kenia) 0:30:13
2. Elijah Keitany (Kenia) 0:30:13
3. Sebastian Dehmer (Griesheim) 0:30:31
201. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 0:41:47 (25. M45)
 
Frauen:
1. Caroline Chepkwony (Kenia) 0:33:45
2. Prisca Kiprono (Kenia) 0:35:11
3. Veronika Ulrich (Neu-Isenburg) 0:35:27
222. Peanut (Frankfurt) 0:56:41 (59. W40)
 
Ergebnisse:

Championchip
Der Lauf in einer BILDERTAFEL - anklicken:
1. Wo. - The start (67 km): Muskelkater, Klimawandel und Finsternis: das sind die Erinnerungen an die erste Etappe auf dem Weg nach London. Mit Muskelschmerzen nach dem Silvesterlauf, schlimmer als nach jedem Marathon, quälte ich mich durchs Januardunkel; durch einen Winter, der nicht stattfand, durch Regen, Dreck und Schlick. Und noch bevor alles richtig begann, stellte sich die Frage nach der Bereitschaft zu 16 Wochen Vorbereitungszeit - wo doch schon die gewohnten zwölf sehr an der Sinnfrage zerren! Ich strich die sechste Übung (Kraft) ersatzlos. Zudem würde ich die »Quality sessions« (Tempodauer- und Wiederholungsläufe) nicht nach dem angloamerikanischen, sondern dem metrischen Maßsystem bestreiten (statt einer Neuvermessung der Tempostücke mit Umrechnung der Zeiten rundete ich in Kilometer auf). Am Sonntag erfolgte der erste »Long run« (Ausdauerlauf): im Plan mit 17 miles (27 Kilometer) angesetzt - und von mir auf 30 Kilometer verlängert. Dreißig Kilometer im Zickzack durch Dickbäuchige mit »guten Vorsätzen« - und Auto unterm Arsch.
 
2. Wo. - First race (71 km): Das angesetzte »erste Rennen« war schon an Silvester geschafft. Nun wartete ein »Fartlek« (Tempowechsellauf nach Gefühl) bei starkem Wind: Orkan »Franz« war über Hessen getobt. Der Wetterdienst hatte Sturmwarnung ausgegeben, man sollte nicht in den Wald gehen. Doch weder umherfliegendes Geäst noch aufgewirbelte Mülleimer konnten mich abhalten. Das Teufelsweib war aber Peanut, die dienstbedingt weiterhin erst nach Einbruch der Dunkelheit - auf geisterhaft ausgeleuchteten Wegen - trainieren konnte. Sie tat das furchtlos und ganz beharrlich allein! Das waren die ganz normalen Härten des Langstreckenläufers, die in der Verblendung eines Marathons niemand erahnt.
 
3. Wo. - Building long runs (88 km): Wieder ein Vergeltungsschlag von Mutter Natur. Wieder eine Sturmfront, die stärkste seit zwei Jahrzehnten! Der Zivilschutz hatte die Bevölkerung aufgerufen, ab Donnerstagnachmittag zu Hause zu bleiben. Als Orkan »Kyrill« Frankfurt aufmischte, wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Der Frankfurter Flughafen annullierte 400 Flüge; die Bahn stellte den Verkehr deutschlandweit ein. Elf Tote, die Bilanz der Schau hierzulande.- - Derweil mir der Wind mit 100 Sachen in die Knochen peitschte, fielen die Kilometerzeiten aus der Startwoche. Dennoch mußte das Programm erneut gekürzt werden: 1. fehlt mir die Zeit für sechs Wocheneinheiten; 2. bestehen Zweifel, als Einzelkämpfer den Antrieb über eine Zeitspanne von vier Monaten aufrecht halten zu können; und 3. sehe ich mich rein körperlich noch lange nicht auf der Shooters Hill Road antreten. Trotz einer ersten Kontaktaufnahme (eine telefonische Bestellung): »London« ist für mich ein abstraktes Wort. - In dieser Woche hatte die Beletage des Marathons für den Lauf an der Themse gemeldet: Tergat, Khannouchi, Gebrselassie, Limo, Lel, Ramalaa, Gharib, Baldini, Cherono, Chat, dos Santos, Brown und Keflezighi sollten London 07 zum hochklassigsten Männerfeld aller Zeiten machen!
 
4. Wo. - Endurance race week (81 km): Das von England vorgegebene »Half marathon race« mußte mangels einer entsprechenden Veranstaltung in der Wohnregion verschoben werden. Somit waren die Kerneinheiten - neben dem Long run - diesmal 8 x 1000 metres und 4 x 1 mile. Einen Heidenrespekt zolle ich meiner Freundin, die sich nach Feierabend bei einer Witterung, bei der man keinen Hund vor die Tür jagt (Finsternis, Frost und beißende Winde) ins Training stürzte. Dies ist wahre Liebe und Stärke! Zudem lief ab sofort ein mulmiges Gefühl mit: In unserem Trainingsgebiet wurde am Sonnabend ein Radfahrer erschossen. Sofern es einen Allmächtigen gibt, läßt er London zu einem besonders schönen Marathon werden!
 
5. Wo. - Long run hits 20 miles (80 km): Nachdem unsere langen Dauerläufe die 20 Meilen (32 Kilometer) bereits geknackt hatten und meine Schmerzen im Oberschenkel abgeklungen waren, stellten wir uns einem ersten Halbmarathon-Rennen (respektive einem vergleichbaren Volkslauf):
 
.:: DER 2. AUFBAUKAMPF ::.
 
36. WINTERSERIE HOFHEIM-LORSBACH, 4.2.07
(20 km)
Wo Germanen gegen Römer kämpften und heute Bahá´í Katharsis suchen
 
Lorsbach war ein Volkslauf ohne Wettkampfgedanke. Die Läufer traten nicht gegeneinander, sondern gegen die Zeit an. Jeder startete für sich und ohne Nummer zwischen 8 und 11 Uhr. Läufer mit einer Gesamtleistung von 100 Kilometern erhielten am Ende der sechs Termine vom Turnverein 1885 einen Sachpreis oder Pokal. Heute stand eine Achterbahn über die reizvollen wie schweren Waldwege der »Perle der Nassauschen Schweiz« bevor. Wobei die »8« im doppelten Sinne zutraf: für die Strecke aus der Vogelperspektive als auch für deren Topographie. Auf der 20-Kilometer-Duathlonstrecke waren acht Anstiege mit 420 Höhenmetern zu bewältigen!
 
Während Deutschland später Weltmeister im Handball werden sollte, hatten Peanut und ich in aller Frühe die Sporthalle am Schinderwald am Südhang des Taunus erreicht, und nach Löhnen von drei Euro samt knapper Einweisung um 9.30 Uhr den Zwanziger in Angriff genommen. Bei feuchter Kühle stand die rekordverdächtige Zahl von 0 Zuschauern am Rand. Weitere 304 befanden sich auf der Strecke.
 
Nach einem Kilometer längs des Goldbachs war im Lorsbacher Talkessel unterhalb des germanischen Ringwalls »Alteburg« der Wald erreicht. Fortan ging es Auf und Ab, und zwar auf regentiefem Geläuf über Stock und Stein samt Windbruch von Orkan »Kyrill«. Nach einem Aufwärmhang vor Kilometer zwei stieg die Strecke von 170 Meter über NN stetig stramm an, um nach einer fast senkrechten Himmelsleiter am siebenten Kilometer auf 360 Meter über NN zu enden. Wobei das Problem weniger das Streckenprofil als vielmehr die Beschilderung war. Galt es doch, sich ohne Vordermann - nur anhand winziger Holztafeln ohne Kilometer-Angabe - durchs Holz zu rackern. Weshalb die Veranstaltung auch eher einem Orientierungslauf als einem Geländelauf glich. Vorbei an Orten mit mythischen Namen wie »Heidenkeller«, »Reiche Quelle«, »Domherrnwald«, »Erlensuder« und »Büttelgut«, wurde schließlich mit dem 410 Meter hohen »Judenkopf« der höchste Punkt umschlossen. Nach einer Teestelle bei Kilometer 6,4 und 14,8 traf der Pfad am 17. Kilometer auf eine Lichtung, in deren Mitte die zuckerhutförmige Glaskuppel des europäischen Bahá´í-Tempels zu Langenhain steckte. Am Rain des Buchwaldes entlang verschwand das futuristisch-dadaistische Sektenrefugium und der Weg erreichte an einem Sendemast vor Kilometer 19 wieder die Zivilisation - nebst einer Gabelung, an der man den rechten Weg finden mußte. Den leider nur die Eingeweihten kannten. (Die Orga erklärte später, daß die Gemeinde diesen Punkt nur für den Duathlon markiert.) 800 Meter vor Ultimo habe ich mich beim Sturmlauf ins Tal verirrt, bin ins Gassenlabyrinth von Alt-Lorsbach geraten, habe aber zur Sporthalle zurückgefunden, und hätte mit selbstgestoppten 89 Minuten das Feld gewiß als Sieger verlassen... doch heute war nicht Kampf, sondern nur ein Lauf durchs Grüne ins Blaue hinein. Als Frau hatte Peanut naturgegeben mehr Schwierigkeiten mit der Orientierung und fand nach über zwei Stunden ins Ziel.

 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
stark bewölkt mit Werten um 6ºC, kaum Wind
Teilnehmer: 306 (20 km: 153, 10 km: 153)
 
Männer:
Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:29:59
 
Frauen:
Peanut (Frankfurt) 2:15:58
6. Wo. (100 km): Höhepunkte dieses Abschnitts waren der »Long run« (38 Kilometer), das »Off-road fartlek« (Querfeldein bringt Abwechslung, kräftigt Sehnen und Bänder und schult die Motorik) und eine extrem gutgehende »Steady pace«-Sitzung mit viel Dynamik über sechs Meilen und etwas mehr (der 20-Kilometer-Berglauf aus der Vorwoche hat Mumm in die Knochen gebracht). - So far, so good... so what!: Ein Doomkonzert entfachte einen schweren Glaubenskrieg! Da herrschte wochenlang tote Hose in Rhein-Main und dann krachten Black Shape Of Nexus und der angepeilte Mörfelden-Halbmarathon binnen acht Stunden aufeinander. Womit wir ein Ereignis streichen mußten... die mögliche Bestzeit im Halbmarathon!
 
7. Wo. (105 km): Zehn Wochen vorm Rennen hat Peanut den Wechsel zum »Marathontraining für Frauen« von Steffny vollzogen und kann mit den länger werdenden Tagen zudem endlich im Licht laufen. Auch ich habe den Steffny-Plan in Betracht gezogen, doch mangelt es mir an der Zeit und Ruhe, die erforderlichen sechs Wochentrainingstage einzuhalten. Somit ziehe ich das vergleichbar lockere Programm aus London durch. Draußen in der Natur, wo der Klimakollaps im tiefsten Februar einen Mischmasch aus Sturm, Sonne und Regen bot. Alles verschwamm im Schlamm grundloser Wege. Mutter Erde lag im Clinch mit der Menschheit, mit Abgasen, Luftverpestung und der Gier nach immer mehr - der Sportlermit dem Räderwerk der Arbeit. Der Seelenstreß des Jobs lastete wie Blei auf mir. Müde und erschöpft war ich Lichtjahre entfernt von einer guten Form. Mit Wehmut gingen die Gedanken zurück an die sorglosen Vorbereitungen im Goldmacherland DDR...
 
8. Wo. (120 km): Neun Woche vorm Kampf sah London wieder einen Halbmarathon vor. Und wieder war am Wohnort keine derartige Veranstaltung vorhanden. Improvisierend wurde die Woche zu einem Mix aus dem angesetzten »Mini-Taper« und vorgezogenen Tempoeinheiten: sechs Läufe von 8 x 1000 Meter über zehn Meilen Fartlek bis hin zum Dauerlauf von 25 Meilen.Einem Kompliment der eigenen Frau - »Du bist wie ein Pitbull. Deine Leidensfähigkeit, deine Disziplin, gepaart mit dem notwendigen Talent: dies wäre der beste Sportler überhaupt!« -, folgten neue Härten: Derweil ich beim langen Lauf einen Dreistling aus Fremdlandistan aus dem Weg rammen mußte, mußte Peanut im strömenden Regen über vier Stunden allein gegen eisigen Gegenwind anrennen! Das war wirklicher Hardcore!
 
9. Wo. - Mini taper and half marathon race (83 km):
 
.:: DER 3. AUFBAUKAMPF ::.
 
5. FRANKFURTER CITY-HALBMARATHON, 4.3.07
Zwischen Totaler Mondfinsternis und Critical Mass rasch durch Mainhattan
 
Waren es in den Jahren zuvor »verkaufsoffene Sonntage«, die als Argument für einen frühen Start resp. ein frühes Verlassen des Stadtkerns und des Zielorts herhielten, so waren es diesmal die »umfangreichen Absperr- und Umleitungsmaßnahmen in der Frankfurter Innenstadt«, die den Start für 9 Uhr vorsahen und das Zeitlimit auf 2:40 Stunden festsetzten. Aber in Frankfurt gibt´s nicht nur Baugruben sondern auch die Critical Mass, den friedlichen Zufall der Radfahrer, der jeden ersten Sonntag im Monat ab um zwei langsam, gemächlich und ganz zufällig durch die Straßen der Innenstadt zuckelt - und damit nicht nur Blech, sondern auch Läufer stauen kann! Critical Mass - The revolution will not be motorized!
 
Eigentlich wollten wir gar nicht in Frankfurt starten. Die Organisatoren hatten die Online-Anmeldung 14 Tage vorm Rennen geschlossen und damit zu einer Nachmeldung von 20 Euro gezwungen. Wir hatten über einen Start in Schweinfurt nachgedacht - uns wegen dem Wucher der Bahn aber für das kleinere Leid entschieden. Ja, und dann war da noch die totale M o n d f i n s t e r n i s, die mir mit ihren mystischen Energien die Nacht raubte... Völlig gerädert machte ich mich mit Peanut auf zum Startort im Nordwestzentrum, um acht hielten wir die Nummern in den Händen, und dann war noch eine Stunde in der Titus-Sporthalle durchzustehen...
 
... bis zum Start, der bei Sonne und milden Temperaturen erfolgte. Auf traditioneller Route stieg die letztjährige Nummer 18 unter Deutschlands Halbmarathons zunächst nach Norden an, um nach einer Spitzkehre im Mertonviertel über die Stadtautobahn in die Innenstadt abzufallen. Über Miquelalleee, Hansaallee und Eschersheimer Landstraße war an der Abbruchruine des Rundschauhauses der Cityring erreicht. Über Hauptwache und Theaterplatz gelangte man zum Main, wo es am Wasser lang zur Alten Brücke ging. Über Konstablerwache und Bleichstraße schloß sich die Runde um die Innenstadt und der Weg führte immer leicht ansteigend zurück zum Ausgangspunkt Nordwestzentrum. - Fatalerweise hatte ich mich bei der Aufstellung zu weit hinten eingereiht und mir damit selbst die Luft genommen. Ungezählte Luschen hemmten das Vorankommen. Bei den folgenden Manövern hatte ich etwas überzogen und schon nach vier Kilometern erstmals blaue Muskeln. Versteckt hinter Lärmschutzwänden rollte es recht gut in die Innenstadt - bis sich nach zwölf Kilometern am Eisernen Steg die nächste Krise einstellte. Diese währte bis zur Steigung in der Hansaallee (Kilometer 15), wo sich das Läuferehepaar Zimarra zum Anfeuern postiert hatte und ich den zweiten Wind bekam. Zwischenzeitlich schon weit Enteilte kamen mir nun wieder von vorn entgegen, und fast hätte ich auch noch den »Hasen« für die 1:29 eingeholt: die Spiridona Bohn. Der schlechte Schlaf und deutliches Übergewicht haben Besseres verhagelt. Grund zum Jubel gab´s indes für Peanut, die sich resolut ins Training reinhängt, entsprechend gerannt war, was die Lungen hergaben, die als Lohn e r s t m a l s die zwei Stunden knackte, und im Zentrumskreisel entsprechend die Arme in die Höhe reißen durfte.
 
Kenia vor Simbabwe und Äthiopien: das Rennen war fest in ostafrikanischer Hand. Der 17jährige Luftikus Anderson Chirchir, der mir auf dem 2. und 15. Kilometer mit wahnwitziger Geschwindigleit entgegengerast war, verfehlte in 1:02:25 den Weltrekord von Wanjiru nur um 3:32 Minuten! Fragen?
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
sonnig und trocken, 11ºC, leichter bis mäßiger Wind
 
Teilnehmer gemeldet:
3700 (Teilnehmerrekord)
Teilnehmer im Ziel: 2823 (M: 2231 / W: 592)
 
Männer:
1. Anderson Chirchir (Kenia) 1:02:25 (SR)
2. Wirimai Juwawo (Simbabwe) 1:06:06
3. Wellay Amare (Äthiopien) 1:08:44
234. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:29:08 (38. M45)
 
Frauen:
1. Milka Jerotich (Kenia) 1:11:01
2. Irina Mikitenko (Wattenscheid) 1:13:06
3. Anke Holljesiefken (Frankfurt) 1:19:04
272. Peanut (Frankfurt) 1:59:01 (PB, 39. W45)
 
Ergebnisse:
Championchip
Der Lauf in einer BILDERTAFEL - anklicken:
10. Wo. - Building up again (105 km): Regeneration hatte London vorgesehen, eine Wiederherstellung nach dem Halbmarathon von Frankfurt. Ein schöner Plan - eine graue Theorie! Denn diese Woche war absoluter Horror. Der schlaflos bestrittene Wettkampf flatterte wie ein böser Bumerang über dieser Etappe herum. Schlafstörungen machten eine wandelnde Müllgrube aus mir. Ausgerechnet der Schlüsselmonat März, in dem es um hohe Umfänge geht, begann so enttäuschend. Ich kam mir vor, wie ein Akkumulator, der komplett entladen ist. Kein Gedanke an London. Nicht der Schatten einer Vorstellung, in sechs Wochen über die Mall zu rennen. Statt dessen habe ich über einen Abbruch der Vorbereitung, oder ein Pub-to-pub-Race mit den trinkfesten Tommys nachgedacht! Nur Peanut trug das Fähnchen Hoffnung eisern weiter...
 
11. Wo. (120 km): Nach den herkömmlichen Übungsplänen würde nun die aktive Erholung vorm Wettkampf einsetzen. Nichts jedoch, wenn man sich zum Vasall eines 16-Wochen-Zyklus gemacht hat. Dann nämlich geht´s nun erst richtig zur Sache: Die Gipfelwochen standen an. Der lange Lauf mußte auf 24 Meilen (39 Kilometer) erweitert werden. Eine Entfernung, die ich in den Vorwochen schon dreimal absolviert hatte. Dreimal mit totalen Einbrüchen. Diesmal machte ich 40 Kilometer in 3:33 Std! Das Tief schien überwunden, aber dauernd schwere Beine ließen das Vertrauen in die Weisungen aus London weiter schwinden. Ich ging eigene Wege - und das Laufen bekam einen neuen Sinn!
 
12. Wo. - Mini taper and half marathon race (88 km): Kein Ende der Plagen in Sicht: Ein Wasserleck in unserem Frankfurter Wohnhochhaus sorgte für Aufregung, Unannehmlichkeiten und neue Störungen in den Vorbereitungen. Erst die Dunkelheit des Januars, dann widrige Winde, Frost und Regen bis in den März, dazu chronischer Schlafmangel und nahendes Unheil auf Arbeit, und nun auch noch Beeinträchtigungen durch Handwerker-Hackmutanten nach Feierabend!... Aber am 24. März traf dafür die Registration Form mit der »Running number« samt einem Lageplan der an der Strecke befindlichen Kneipen ein. Tags darauf erfolgte der letzte Härtetest. Nicht das vorgegebene »10k race«, sondern ein Halbmarathon.
 
.:: DER 4. AUFBAUKAMPF ::.
 
37. INT. GIESSENER FRÜHJAHRSLAUF, 25.3.07
(Halbmarathon)
Vom Notaufnahmelager zu Bronze aus den Händen des Stadtoberhaupts
 

Zum 37. Mal hat der Halbmarathon »Rund um den Schiffenberg« stattgefunden. Diesjahr mit Beginn der Sommerzeit. Das hieß, neben allen mechanischen auch die innere Uhr eine Stunde vor zu drehen. Bei einem Start in der zehnten Stunde ist dies ist kein Handikap. Wird aber eins, wenn sich selbiger kurzfristig um eine halbe Stunde verschiebt. Grund: Der Termin war im Netz falsch ausgeschrieben (10.45), und die Organisatoren wollten auch den Auswärtigen die Möglichkeit zum Start nicht nehmen. Somit Start um 10.45 Uhr! Aber von vorne:
 
Gießen ist von Frankfurt aus gut zu erreichen. In 90 Minuten waren wir im Süden der Stadt angelangt. Startnummern und was zum Umziehen gab es in der Bücherei-Mensa des Uni-Philosophikums (vor dem übrigens ein sinniges Pferdedenkmal steht). Die Läufer präparierten sich gewissermaßen an einem Ort, an dem gewöhnlich Köpfe rauchen und Studentenfutter verzehrt wird, zwischen Kantinenmobilar, Essensausgabe und Kaffeeautomaten. Um 10.40 Uhr streckten wir die Nasen ins Freie. Zuweilen ließ sich die Sonne blicken, doch sobald sie verschwand, war es empfindlich kühl. Ich hatte mich für kurze Buxen und ein festes Spielertrikot von Dynamo Dresden entschieden und lief in Schwarz-Gelb.
 
400 Akteure - davon 180 Halbmarathonläufer - hatte es auf die Behagelstraße verschlagen, als die Rennen freigegeben wurde. Nach einem Kilometer auf Straße ging es in den Wald unterhalb des Schiffenbergs. Über wilde und verschlungene Wege, entlang einiger Hügelgräber, über den Oberhag, um den Anneberg und den Brauhofsberg herum, über eine steile Straße hinunter nach Petersweiher, und wieder rein in Wald, vorbei am Kloster Augustiner Chorherrenstift und um den Hasenkopf herum, kam man über die Behagelstraße aus dem Forst heraus und wieder zum Philosophikum, wo sich das Ziel befand. Insgesamt ging die Strecke schon in die sehr hügelige Tendenz. Es galt 245 Höhenmeter zu durchstehen, von denen sich der schwierigste Anstieg zwischen Kilometer 7 und 12 mit 110 Metern Höhendifferenz auftürmte. Erschwerend hatte es tags zuvor Hunde und Katzen geregnet. Die Strecke war glitschig und von Schlammkuhlen übersät, die nur mit riskanten Sprüngen zu überwinden waren. Zudem lagen Äste herum. - Nach einem kühnen Beginn hinterm späteren Sieger, hatte ich mich vom dritten Kilometer an unter den ersten Zwanzig behauptet. Trotz der Verschiedenheit der Oberfläche, trotz zermürbenden Steigungen, trotz windreicher Feldüberquerungen, trotz schlechter Markierungen (Holzspäne auf nassem Boden) und trotz brenzliger Löcher und Haken, war alles eng zusammengeblieben. Geländeläufe sind auch immer Platzierungskämpfe. Wer ringt wen nieder? Als es auf die Schlußkilometer ging, konnte ich drei schon weit enteilte und sich verzweifelt wehrende Kontrahenten einholen und hinter mir lassen. Der Einsatz wurde mit einem 3. Platz in der Altersklasse belohnt. Nicht minder erfolgreich war Peanut, die Zweite der gestandenen Frauen wurde.
 
Die Siegerehrung im Philosophikum gab dem Kampf eine kultische Bedeutung. 1984 als Flüchtling nach Gießen gekommen, schloß sich 23 Jahre später - bei meinem zweiten Besuch in der Stadt - der Kreis. Die Ehrung wurde vom Gießener Oberbürgermeister Haumannn vorgenommen, der uns zum Glückwunsch die Hand drückte! - Den Ruhm haben wir mit einem Bier im sonnigen Garten des alten Bahnhofsvorplatzes gefeiert.
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
heiter bis wolkig, 8 bis 10ºC, leichter bis mäßiger Wind
 
Teilnehmer im Ziel:
378 (Halbmarathon, 10 km, 5 km, 1.200 m)
Halbmarathonläufer im Ziel: 160 (M: 130 / W: 30)
 
Männer:
1. Gerhard Schulze-Velmede (Heuchelheim) 1:21:51
2. Matthias Huppmann (Gießen) 1:22:52
3. Oliver Ott (Krofdorf-Gleiberg) 1:24:33
14. Kampfläufer Vitus (Frankfurt) 1:32:28 (15. Gesamt, 3. M45)
 
Frauen:
1. Natascha Schmitt (Frankfurt) 1:28:06
2. Renate Fritz (Alten-Buseck) 1:39:45
3. Meike Hensele (Gießen) 1:40:18
13. Peanut (Frankfurt) 2:04:21 (124. Gesamt, 2. W45)
 
Ergebnisse:
VfB 1900 Gießen
Der Lauf in einer BILDERTAFEL - anklicken:
13. Wo. - Peak mileage week (121 km): Auch die umfangreichste Woche war wieder eine voller Lasten abseits der Laufstrecken. Das System überholte sich selbst. Um aus der Verlustzone zu kommen, haben die Chefs im fernen Amerika meinem Brotgeber einen Standortwechsel befohlen. Niedrigere Mietkosten sollten das sinkende Schiff fortan gegen die Wogen des globalen Kapitalismus rüsten. Ein Kampf ohne guten Ausgang: der proklamierte »Aufbruch« wird der »Absturz« werden! Noch drei Wochen bis London.
 
14. Wo. - Start of race taper (120 km): Nach 100 Tagen Laufen nonstop war der Countdown eingeläutet. Endlich! Eine unsagbare Lethargie lag auf mir. Es kostete mich ungeheure Überwindung, nach den bedrückenden Tagen in der Denkfabrik abends noch den Schweinehund zu besiegen. Alles verlief lustlos und leer... bis das Osterfest mit ein paar freien Stunden kam. Der Plan sah eine Umfangskappung um ein Drittel vor. Für den langen Dauerlauf sollten 25 Kilometer nah am Marathon-Renntempo genügen. Aus der Verunsicherung heraus, ob dies der richtige Weg sei, habe ich diese Woche noch mal voll durchgezogen. Peanut litt sehr unter ihrer Pollenallergie.
 
15. Wo. - Further taper (63 km): Die zwei letzten Taperwochen bestritt ich nach der Vorgabe von London. In der vorletzten standen vier »easy jogs« mit kurzen Sprints, ein zügiger Dauerlauf im »brisk«-Tempo, sowie ein allerletzter »long run« an. Der Lange maß aber nur noch zehn Meilen, mußte »slower than marathon pace« gelaufen werden, und stand damit erneut im Widerspruch zu den Lehren anderer Fachleute. - - Der Klima-Overkill ging in die nächste Runde: Plötzlich war der Sommer über Europa hereingebrochen. Eine urplötzliche, außergewöhnliche Hitze, hatte zum Abbruch des Rotterdam-Marathons geführt. 14 Läufer waren aus den Pantinen gekippt und eine Fortführung dieses großen Marathons zu gefährlich gewesen.
 
16. Wo. - Final taper and preparation week (29 + 42,195 km = Total 1484 km): Mit den reduzierten Umfängen galt es auch auf die Kalorienzufuhr zu achten. Jedes Gramm Fett ist toter Ballast. Nach dem letzten, mittellangen Abschlußtraining habe ich von Sonntag bis Mittwoch die Saltin-Diät gemacht (erst Glykogenentladung durch Kohlenhydratentzug, dann massive Neuaufladung, mit dem Effekt einer erhöhten Wiederherstellung der Energiespeicher in Muskulatur und Leber). Auch die gedankliche Einstimmung auf den Wettkampf ist nicht zu kurz gekommen. Mit hohem Interesse haben wir die Marathonübertragungen aus Paris und Boston verfolgt. 48 Stunden vorm eigenen Auftritt stand für uns noch eine Muskelpflege bei Ex-Eintracht-Frankfurt-Masseur Bär im Kalender; und in den Mittagsstunden des 20. April ging der Flieger nach London.
 
.:: DER MARATHON ::.
 
27. Flora LONDON MARATHON, 22. April 2007
Freitag, 20. April
 
Nach einer peinlichen Sicherheitskontrolle - unser fürs Hotelzimmer bestimmter Feldkocher hatte die behördlichen Röntgenaugen in Alarm versetzt - sowie doppelter Leibesvisitation und Handgepäckkontrolle, war die britische Insel letztlich in siebzig Minuten erreicht. Beschwerlicher gestaltete sich die selber zu bewerkstelligende Fahrt von Heathrow zur Unterbringung. Der Eigenheiten von »Tubes and trains« nicht kundig, hatten wir beim Umstieg von der Piccadilly- in die District-Linie prompt einen falschen Zug erwischt und wären - statt in Kensington - fast auf dem Rasen von Wimbledon gelandet. Eines der skurrilen Minicabs (Londoner Taxi) brachte uns von West Brompton aus in buchstäblich letzter Sekunde zum Hotel. (Beim Betreten englischen Pflasters wäre ich fast unter die Räder gekommen. Im Empire kommt der Verkehr aus einer anderen Richtung!) Um 15.05 Greenwich Mean Time war ich mit meiner kleinen Deutschen im Royal borough of Kensington and Chelsea eingetroffen. Wir waren in einem schäbigen Stundenhotel untergebracht, daß sich »Hilton London Olympia« nannte. Anyway, Punktlandung!...
 
... denn genau in dieser Minute brach der Troß von interAir zur Marathonmesse auf. Betreuerin Ina stand jedoch bereit und wartete extra für uns in der Halle. Dummerweise mußten wir uns zusammen mit Ina ein weiteres Mal verirren. Nach einer weiteren Hetzjagd von 75 Minuten zu Fuß, mit der U-Bahn »London Underground« und mit der führerlosen Hochbahn »Docklands Light Railway« vom West- zum Eastbound der Mammutstadt, war halb fünf das Ausstellungszentrum ExCeL am Arsch von Ost-Indien erreicht. Der Erhalt der »Kitbags« (Starterbeutel) war dann wiederum kein Problem - für die Engländer, denen 30 Schalter offenstanden. Der Rest drängelte sich an deren drei. Nach halbstündigem Schlangestehens hielten wir die Wundertüten mit den Lätzchen zum Preis von 150 Pfund pro Exemplar (interAir mußte im Einkauf gar 400 Pfund - umgerechnet 585 Euro - blechen) endlich in den Händen... und haben nach einem Napf Nudeln für fünf Pfund dann auch geschwind das Weite gesucht. Die Messe von London war eine kalt kalkulierende Welt!
 
Für 20 Uhr waren wir zu einem Willkommenstreffen ins Parterre des Hilton bestellt. Gruppenleiter Wricke und Deutschlands »Lord London-Marathon«, Uli Sauer, brachten für die Dauer einer Stunde einen hervorragenden Lichtbildervortrag mit nützlichen Informationen zum Wettkampf. In der elften Abendstunde bin ich mit höllischem Kopfweh und dem Brummen eines Abluftschachtes im Hinterhof mehr tot als lebend ins Bett gefallen.
 
Sonnabend, 21. April
 
Ein Geräusch ähnlich dem eines durchstartenden Jagdfliegers schreckte mich gegen 5 Uhr hoch: ein Klosett irgendwo in einem der Pferche der Bettenburg... Für den Morgen war ein Trainingslauf angesetzt. Auch dieser verlief unter chaotischen Zuständen: Neben meinen noch immer rasenden Kopfschmerzen hätten wir um ein Haar auch noch die Gruppe verpaßt. Gerade noch den Schwanz der Riege hinterm Hotel verschwinden sehend, ergab sich ein S i g h t j o g g i n g von 45 Minuten durch die Parks der Windsors, namentlich den Holland Park und die Kensington Gardens mit dem Baldachin des Albert Memorials, der Konzerthalle Royal Albert Hall und Prinzessin Dianas Kensingtonpalast. - Zurück im Quartier prellte ich mir beim Brausen ein Knie am Waschbecken, - Gott segne die Königin! - ohne einen Muskel zu verletzen. Den Rest des Tages haben wir zum Selbstschutz auf dem Bett verbracht. Mit der Zubereitung eines Abendessens auf dem eingeschleusten Heereskocher war um 22.15 Uhr der Zapfenstreich eingeläutet.
Die Tower Bridge
(© Vitus)
Sonntag, 22. April
 
LONDON CALLING! Um 4.44 Uhr war Aufstehen! Nachdem ich nächtelang kaum schlafen konnte, waren es in der Nacht auf den Marathon stolze sechs Stunden. Zum Frühstück versorgten wir uns an der Hotelbar mit Banane und Honig beschmiertem Weißbrot, dazu gab es Kamillentee. - Englands Wetterfrösche hatten für den »Sunday Morning 11ºC« vermeldet. Für die Tea Time orakelten sie 23 voraus. »Where are the April showers?«, hatte sich der »Daily Telegraph« gefragt. Nun war der Sonntag da, und die Werte kratzten schon morgens an den 20 Grad. London würde heute nicht nur Lärm und Schmutz, sondern dazu auch noch Hitze spucken. 2007 sollte »The hottest London marathon ever« werden. - Um sieben stiegen wir in den vorm Hotel geparkten Charterbus. Nach einer Stunde durch den Stoßverkehr war der Starttransfer ins südöstliche Lewisham bewältigt. Halb neun betraten wir den Blackheath Common, einen weiten Hügel, der von abertausenden Marathonkämpfern übersät war, die unter der Sonne im Gras kampierend der entscheidenden Stunde entgegenfieberten. Das Szenario erinnerte an einen Sitzkrieg im Grünen. Noch 80 Minuten bis zum Peng. Mit dem Adrenalin am Siedepunkt, mit großem Druck auf den Blasen, und einer Armee von Marshals, die jede Beschmutzung der Gemeindewiese im Ansatz unterband. Am Horiozont war da eine Kette von Latrinen und Urinalen. Endlos lang - und mit langen Schlangen davor. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen! Halb zehn hatten wir die Kitbags an den »Baggage vehicles« (Kleiderlaster) abgeliefert, die Blockkontrollen passiert, und uns neben den Fesselballons in Stellung gebracht. Ein Marshal geleitete die Menge vom Vorstart zum scharfen Start, und dann ging´s rund...
 
Start von drei verschiedenen Punkten in Blackheath
 
Nachdem um 9.00 GMT der separierte Start der Frauenelite erfolgt war, ertönte um 9.45 Uhr im B l u e Start das Hornsignal und das »Go!« für die Starparade der Männer, der Britischen Meisterschaft und für alle Überseeischen. In Greifweite zu den hohen Tieren um Limo, Tergat, Gharib, Baldini, Ramaala, Gebrselassie und Lel, hatte ich nach wenigen Sekunden die Zeitmaschinen auf der Shooters Hill Road überquert. Peanut folgte mit dem gehörigen Abstand von sieben Minuten im siebenten der neun Startblöcke. Mit den aus dem St. John´s Park gestarteten Zeitqualifizierten vom G r e e n Start (die nach einer Meile dazustießen), sowie den vom Charlton Way kommenden Prominenten und Jubiläumsläufern des R e d Start, waren an den Woolwich Royal Artillerie Barracks (Mile 3) über 36
 000 Läufer vereint. Mit einem Mineralgetränk in der Rechten hatte ich mich ans Werk gemacht. Obgleich es an Nachschub nicht mangeln sollte: An jeder Meile war eine Station mit aufgeschraubten Wasserflaschen von Vittel aufgestellt. Zudem wurde im Abstand von fünf Meilen das Zuckergetränk Lucozade Sport in Beuteln von einem drittel Liter angeboten. Verdursten würde niemand. Eher schon einen Hungerast erleiden. In London wurde keine Verpflegung angeboten! Derweil ich die abschüssigen Meilen durch das Villenviertel Greenwich und über die Ha Ha Road runter zur Flutbarriere von Woolwich mit je 6:30 Minuten weit unter der planmäßigen »Pace 3h« zurücklegen konnte, kam Peanut ganz schlecht aus den Löchern und verlor in den Stockungen der ersten Meile drei Minuten auf ihre »Pace 4:20h«. Dazu mußte sie viel Trauriges sehen. Menschen rannten für ihre Angehörigen und trugen Jerseys mit deren Bildern und Zusätzen wie »Stop cancer disease!« und »This run is dedicated to mum (dad) who died...«
 
Vorbei an den Pubs und durch die Docklands südöstlich der Themse
 
Auch durch New Charlton hin zum Ankerplatz der »Cutty Sark« war ich flinker als der Plan. Wenngleich der einst schnellste Teeklipper der Welt heute nicht zu bestaunen war (er wurde andernorts runderneuert), so sorgte dieser Flecken an Mile 6,5 auch in diesem Jahr für den ersten großen Funkenflug. Kopf an Kopf und in vielen Reihen drängelten sich die Zuschauer am Rande um die Läufer unentwegt anzufeuern. Vom stinkfeinen Greenwich ging es weiter, längs der Themse durch die weniger gutbetuchten, aber nicht minder sympathischen südöstlichen Arbeiterbezirke Deptford, Rotherhithe und Bermondsey mit den früheren Hafenanlagen und Lagerhäusern der Surrey- und Greenland-Docks sowie vielen traditionellen Kneipen. Sage und schreibe 71 Wirtshäuser sollen mit weit aufgedrehten Lautsprechern um den Titel des »Best dressed pub« gekämpft haben, darunter der alte »Mayflower Pub«. Kinderhände reichten Apfelsinenschnitze. Bis das Ganze in Southwark wie aus heiterem Himmel im völligen Irrsinn gipfelte...
 
Über die Tower Bridge zur Halbinsel Isle of Dogs
 
... Nach einer Kurve um die Kneipe »The Pommelers Rest« tat sich plötzlich die Tower Bridge mit ihren elfenbeinweiss strahlenden Zuckerbäckertürmen und den hellblauen Stahltrossen auf. Auf dem von Zinnen und Flaggen gezierten Bauwerk herrschte ein überwirkliches Gewitter aus kreischenden Menschenmündern in mehreren Kolonnen. Anfeuerungen wie »Go, Jesus, go!«, »Jesus, you can do it!« und immer wieder »Go, Jesus, go!« brandeten mir entgegen. Und manch einem entfuhr in diesem unerhörten Szenario ein ergriffenes »Ah!«. Diese Augenblicke haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Gleich nach dieser gotisch-erhabenen Stairway to Heaven war der Halbmarathon erreicht. Ich passierte diesen Punkt nach 1 Stunde und 30 Minuten, leicht über meiner Marschroute. Der mit einer kleinen blauen Papptafel bestückte Zugläufer für die Meilenzeit von 7:00 Minuten zog vorbei. Egal: Ich lief sowieso ganz allein, nur im Kampf gegen die Uhr. Und weiter ging der Irrsinn. Zum Nordufer der Themse rübergekreuzt, wartete mit »The Highway« keine der berüchtigten Ausfallstraßen. Nein, an der Betonader durch Shadwell lauerten die Menschen wie auf Tribünen aufgestapelt. Um einen Krawall und eine Stimmung wie in einer engen englischen Fußballarena zu machen. Mit Mile 15 war die so schwer von der Luftwaffe und Vergeltungsfeuern getroffene Isle of Dogs erreicht. Die Strecke führte durch die Docks von Millwall und vorbei an der Riesenfarm »Mudchute«. In diesem einzigen ausgestorbenen Sektor war mein Pulver verschossen. High noon bei schwindender Kraft und immer wiederkehrenden ruppigen Rampen, Wellen und Kurven, schlechter Luft, stehender Luft und sengenden Strahlen von oben und glühender Erde von unten. All das übergeschüttete Wasser war ruckzuck wieder verdampft. Ein Rugbyspieler berichtete: »You could see people just burning up in front of you.«
 
Unterdessen lieferte sich vorn eine Fünfergruppe einen packenden Kampf. Am Ende jubelte der taktisch ausgebuffte Martin Lel aus Kenia. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit einem phänomenalen Schlußspurt hatte der New-York-Sieger von 2003 den Marokkaner Goumri und seinen Landsmann, den hochgehandelten Titelverteidiger Felix Limo, niedergerungen. Die entscheidende Attacke hatte Lel vor dem Victoria-Turm eingangs der Feststraße und Zielgeraden Mall gesetzt. Goumri und Limo und den Champion trennten nach den 42 Kilometern lediglich sechs Sekunden. Weitere sieben Sekunden später folgten fast zeitgleich die alten Haudegen Gharib und Ramaala. Mehr Dramatik ging nicht. Bei den Frauen krönte sich Chinas Zhou Chunxiu zur Königin von London.
 
Von der Hundeinsel nach Westen ins Zentrum von London
 
Für das erweiterte Vorderfeld mäanderte sich die Strecke um die Mile 19 durch das amerikanisch anmutende Banken- und Geschäftszentrum Canary Wharf mit dem höchsten Gebäude Großbritanniens, dem »One Canada Square« - und einem Lärm, der den Wolkenkratzer schier vibrieren ließ. Allein um den Wharf drängten sich soviele, wie beim ganzen Frankfurt-Marathon zusammen. Die Route untertunnelte den One Canada Square. Während sich Etliche im Dunkel der Röhre erbrachen, stellten sich bei mir Wadenkrämpfe ein. Ganz in der Nähe, vorm Athletenhotel, war zuvor auch Haile Gebrselassie von der Strecke gegangen. Magenprobleme. Zu hoch dosierte Getränke mußten als Entschuldigung herhalten. Ich bekam meine Schwierigkeiten in den Griff und über Limehouse führte der Weg nun auch definitiv dem Ziel entgegen. Nach Verlassen der India-Docks und einem nochmaligen Marsch durch die donnernden Wände des Highway, durch Menschenmassen, die ich so vorher nie gesehen habe, vorbei auch an einigen im Straßenstaub Kollabierten, breiteten sich nun die Innenstadt und Westminster vor mir aus. Die Themse zur Linken ging es Schlag auf Schlag mit den Weltberühmtheiten. Eingeleitet vom ältesten noch erhaltenen Bauwerk Londons, der Normannenfestung Tower of London, schloßen sich entlang der Flaniermeile Victoria Embankment flußaufwärts in kurzer Abfolge der Obelisk Cleopatra´s Needle, das Riesenrad »London Eye«, der gotische Westminster-Palast mit dem goldenen Glockenturm Big Ben und die Kirche Westminster Abbey an.
 
Ziel vorm Buckingham Palace
 
Ab dem Parlamentsplatz war das Finale eingeleitet. Nachdem ich wegen eines übersehenen Meilenbogens etwas die Orientierung verloren und die Schlußoffensive zu spät gestartet hatte, war Mile 26 am St James´s Park dann wieder klar beschildert: »600 metres to go« eingangs Birdcage Walk, »400 metres to go« ausgangs Birdcage Walk und »200 metres to go« vor der Einmündung in die Prachtallee Mall mit dem Buckinghampalast im Hintergrund. Vorm Heim der Windsors war ein Läufer gestrauchelt und bei meiner Ankunft unterm Jubel der Menge filmreif wiederauferstanden. Der Schlußspurt unter frühlingslichten Wipfeln hängenden »Union Jacks« beschloß das Rennen. Ende für mich nach 3:12:31 Stunden - fünf Minuten nach Olympia-Silbermedaillengewinner Ryffel und Deutschlands früherem Weltklasse-Mittelstreckler Wessinghage als achter Deutscher in der Nationenwertung und auf dem 1627. Gesamtplatz. Eingedenk des Hundewetters - trotz sechs Liter Flüssigkeit konnte ich im Ziel nicht pinkeln - ging das Ergebnis in Ordnung. Aber es hätte auch 13 Minuten schneller sein können! - Peanut hatte nach ihrem Grottenstart alles aus sich herausgeholt. Nach einem Schreck kurz vor Schluß - ein Läufer aus dem Empire war ihr hinterm Big Ben in die Ferse getreten und hatte sie im selben Augenblick in ritterlicher Manier im Fallen aufgefangen - konnte sie sich so immerhin noch weit vor den schrägen Vögeln der Szene ins ZIEL retten. Mit 4:29:50 Stunden war der Angstgegner um zehn Sekunden geschlagen, eine persönliche Bestleistung aufgestellt, und dazu ein Platz im vorderen Mittelfeld der Damenkonkurrenz errungen.
 
Hinter der Linie warteten die Medaillen, Helfer, die einem mit Scheren den eigenen Zeittransponder aus den Schuhen schneiden wollten, sowie der »Goody bag« (Verpflegungsbeutel), der neben dem Einläufertrikot ein schützendes Cape und diversen Trink-, Knabber- und Werbe-Ramsch enthielt. Rasch noch am Laster den Kleidersack in Empfang genommen, und dann wurde man von den Marshals auch schon aus der Zielszenerie hinauskomplimentiert. Versorgungsstände, Wasch- oder Brauseanlagen, Klosetts, Massageliegen, ein Ort, an dem der Athlet den monatelang vorbereiteten Kampf ausklingen lassen kann: all das existierte im Vorgarten der Blaublüter nicht. Nur Reiseleiter Wricke hat jedem seiner Männer im Schatten des Admiralty Arch ein Bierchen spendiert. Nach einer ungeduschten Fahrt vom Lieblingsplatz der Tauben (Trafalgar Square) kreuz und quer durch den Londoner Westen, sind wir in einem der rammelvollen Doppeldecker zurück ins Quartier gekommen. Das war´s.
 
 
FAZIT
 
Ausstrahlung:
Mit einem Ausländeranteil von sieben Prozent ist London eine ausgesprochen nationale Veranstaltung. London ist ein Marathon mit wohltätigem Charakter. Viele laufen für soziale Aktionen und für Stiftungen gegen den Krebs. Damit ähnelt der Marathon auch einem gigantomanischen Hilfswerk. Das Tragen von Kostümen ist explizit erwünscht! Strecke: Die Routenführung ist meist spektakulär, mitunter aber auch unauffällig. Mit 100 Höhenmetern ist London anspruchsvoller als Deutschlands Gegenstück Berlin. Dafür sind die Zuschauer an der Themse noch wahnsinniger als die an der Spree. Organisation: Wenig Gegenwert für sehr viel Geld! Durch eine Fehlkalkulation und Nachschubschwierigkeiten fand das Hinterfeld oft nur leere Versorgungsstationen vor. Diese Läufer bedienten sich aus Verzweiflung an weggeworfenen Behältnissen. Wirkung: Unabhängig vom Sport ist Berlin die ungleich lebenswertere Weltstadt. In London herrschen Maßlosigkeit und Wucher. London ist etwas für Heuschrecken, Broker und Kosmopoliten, für die Gentlemen in den grauen Anzügen, die die Zeit und das Geld kaufen, für all die weltbeherrschenden Kunstfiguren, die in hohem Maße die Schuld am Treibhauseffekt tragen, unter dem der Marathon litt. Für die Materialinteressierten: Wir liefen mit Asics GT-2110 (Peanut) und Adidas adiStar Competition (Vitus).
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POST-MARATHON-KULTUR
 
Nach dem Marathon haben wir uns ins Londoner Nachtleben gestürzt. Punk mit Pidzama Porno im subkulturellen Stadtbezirk Camden war ausgesucht. Am Klub »Underworld« angelangt, war das Konzert zwar ausverkauft, doch fand sich im angrenzenden Laden »World´s End« ein trefflicher Behelf. Es waren die Heavy Metaller Dead Seed, die uns bei einigen Kannen Ale und steinzeitlicher Schwermetallmusik vom »Marathon of Doom« auf den »Highway to Hell« geschossen haben. Zum Bericht dazu geht´s hier lang...
...... Dead Seed
 
Montag, 23. April
 
Zwei Tage sind wir noch in London geblieben. Wie zur Ironie des Schicksals bei wolkig-kühlen Konditionen! Am Montagmorgen haben wir uns erstmal auf Hotelkosten richtig satt gegessen: mit Ham and Eggs, gebackenen Bohnen, gebratenen Tomaten, Pilzen und Würstchen satt, dazu Toast. Später haben wir noch mehr Ungesundes vertilgt - Fish and Chips vor den Kettenbrücken der tausendjährigen Festung Tower of London! Wir haben die Raben von London und die Kronjuwelen mit dem indischen Edelstein Koh-i-Noor bestaunt, und noch mal die Tower Bridge betreten (ein Hasten und Treiben aus Yuppies, Krawattenfiguren und rasendem Blech hatte den Zauber des Marathonlaufs schnell verjagt). Wir haben den für immer auf der Themse ankernden Leichten Kreuzer »Belfast« erspäht; die offizielle Schlußfeier von interAir im altenglischen Pub »The Cumberland Arms« nachgeholt (das einzige seiner Art inmitten der Perserbuden der Kensington High); und in der stylischen Hilton-Bar »Plum« diverse Ale und Bitter versenkt (die Pinte für sündhafte 3,50 Pfund, rund fünf Euro).
 
Dienstag, 24. April
 
Zu guter Letzt waren wir dort, wo in den Siebzigern Sex Pistols, Punk und Vivienne Westwood, heute aber nur noch Hugo Nixchef und andere exquisite Großkotze herrschen: auf der Kings Road von Chelsea. Haß schlug uns entgegen, da ich ein Hemd der Kieler Schwarzmetaller Endstille trug. Der Sound der City verklang für uns am frühen Nachmittag und sehr aristokratisch: im Holland Park. Nach dem Flug über den Ärmelkanal haben wir wohlbehalten Deutschland erreicht.
 
Over and out,
 
 
Kampfläufer Vitus, 26. April 2007
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig und trocken, 24ºC (die »Radiated heat« auf der Zielgerade betrug 28ºC), dazu eine mäßige bis frische Brise
Zuschauer: ca. 1
 500 000
 
Marathonläufer gemeldet:
49
 963
Marathonläufer am Start: 36
 396 (Ausländer: 2511; darunter Franzosen: 525, Italiener: 332, Deutsche: 275, US-Amerikaner: 147, Südafrikaner: 91, Iren: 39)
Marathonläufer im Ziel: 35
 674
 
Männer:
1. Martin Lel (Kenia) 2:07:41
2. Abderrahim Goumri (Marokko) 2:07:44
3. Felix Limo (Kenia) 2:07:47
4. Jaouad Gharib (Marokko) 2:07:54
5. Hendrick Ramaala (Südafrika) 2:07:56
6. Paul Tergat (Kenia) 2:08:06
 
Frauen:
1. Zhou Chunxiu (China) 2:20:38
2. Gete Wami (Äthiopien) 2:21:45
3. Constantina Tomescu-Dita (Rumänien) 2:23:55
4. Salina Kosgei (Kenia) 2:24:13
5. Lornah Kiplagat (Niederlande) 2:24:46
6. Marah Yamauchi (Großbritannien) 2:45:41
 
Kampfläufer Vitus (Deutschland)
Startnummer:
54854
Nationalität: GER
Zeit: 3:12:31
Platz: 1778 von 36
 396 Gesamt
Platz: 1627 von 24
 815 bei den Männern
Platz: 204 in Klasse M45
Platz: 8 von 275 National (1. M45)
Zwischenzeiten:
10 km: 0:42:07
20 km: 1:26:10
HM: 1:30:52
30 km: 2:11:5
40 km: 3:02:11
 
Peanut (Deutschland)
Startnummer:
54868
Nationalität: GER
Zeit: 4:29:50 (PB)
Platz: 16
 106 von 36 396 Gesamt
Platz: 3326 von 10
 854 bei den Frauen
Platz: 599 in Klasse W40
Platz: 166 von 275 National
Zwischenzeiten:
10 km: 1:01:57
20 km: 2:04:40
HM: 2:11:40
30 km 3:10:05
40 km 4:16:38
 
Die medizinische Bilanz:
Die St. John Ambulance mußte 5032 mal Erste Hilfe leisten.
73 Läufer wurden mit Kreislaufkollaps in Hospitale eingeliefert.
Bei zwei Läufern war der Zustand am Tag nach dem Rennen weiterhin kritisch.
Ein 22jähriger Fitness-Instrukteur, der im Ziel zusammengebrochen war, starb am Montag an den Folgen einer Wasservergiftung. Zuviel Wasser hatte dem Körper das Natrium entzogen und zu einer tödlichen Hirnschwellung geführt.
 
Ergebnisse:

>> London-Marathon