35. AMSTERDAM-MARATHON, 17. Oktober 2010
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AUFBAUKÄMPFE
Int. Stierstädter Kerbelauf (Halbmarathon), 11.7.10
Karbener Stadtlauf (Halbmarathon), 8.8.10
Bruchköbeler Stadtlauf (Halbmarathon), 21.8.10
Münster-Marathon, 12.9.10
Lauf gegen das Vergessen Frankfurt (10 km), 3.10.10
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Uhrwerk Orange (2) - Vom Kampf der langen Schatten
 

Heldenhaft, entschlossen und barmherzig: Treu der Losung des Amsterdamer Wappens wollten wir in diesem Jahr ein zweites flinkes Rennen auf niederländischem Boden hinlegen. Im Ausland sind wir sowieso immer am stärksten. Nach dem Frühling im südholländischen ROTTERDAM sollte die Grachtenstadt im Norden zu einem neuen Uhrwerk Orange im Herbst führen. Amsterdam ist ähnlich flach und schnell wie der Erzfeind und mit der Erstaustragung 1975 sogar noch fünf Jahre älter in der Tradition. Überdies bieten Start und Ziel im Olympischen Stadion von 1928 und die Streckenführung über Teile des Olympiamarathons immer eine ganz besondere und einmalige Aura. In der alten Arena wurden die wichtigsten Spiele von Ajax und das Europacup-Finale von 1962 zwischen Benfica Lissabon und Real Madrid ausgetragen. Die Siegerliste des Marathons zieren so ruhmreiche Namen wie Karel Lismont, Bill Rodgers, Gerard Nijboer oder Haile Gebrselassie. Amsterdam zählt neben den Major-Läufen zu den Größten der Welt. Und 2010 war das 35. Jubiläum!
 
Wir strebten folgende Zeiten an
Marathona Peanut: 3:59 Stunden
Kampfläufer Vitus: 2:49 Stunden
 
.:: DIE STRECKE ::.
Der Start erfolgt im Olympischen Stadion. Nach einer halben Bahn führt die Route über einen Rechtsbogen in den Vondelpark. Es folgt eine Schlinge über die Hobbemakade und den Stadionweg rund um den Stadtbezirk Zuid, und die Route biegt in den Marathonweg und den Haarlemmermeer-Kreisel. Über den Amstelveense- und Stadionweg geht es weiter auf die angestammte Route durch das Dorf Ouderkerk ganz im Süden, und durch den Osten und die Innenstadt mit vielen ihrer Höhepunkte. So säumen das achtzig Jahre alte Olympiastadion, die Naturlandschaft mit ihren Landhäusern und Windmühlen beiderseits der Amstel, und das weltberühmte Reichsmuseum den Weg. Außerdem führt der Marathon zweimal durch den herbstlichen Vondelpark. Das Gelände ist platt - aber Wind kann mögliche Bestmarken verhindern. - Frankreichs Boughera El-Ouafi brauchte bei seinem Olympiasieg 2:32:57 Stunden. Gerard Nijboer stellte 1980 mit 2:09:01 eine inoffizielle Weltbestzeit auf. Das ist lange her. Seit 2010 hält Getu Feleke aus Äthiopien den Kursrekord von 2:05:43. Schnellste Frau war bisher Äthiopiens Gete Wami mit 2:22:20 Stunden.
 
Eine virtuelle Streckenführung
>> GPSies
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Das Programm für Amsterdam besteht aus 16 Wochen. Dabei übte ich erstmals einmal wöchentlich in der Leistungsgruppe von Spiridon Frankfurt mit. Übungsleiter Kurt Stenzel, mehrmaliger Deutscher Meister und Zwölfter der Marathon-WM 1993 in Stuttgart, hatte mich eingeladen. - Peanut machte alles allein, wobei ich ihr einmal in der Woche Tempoarbeit leistete.
 
Ein Trainingsbeispiel - die Gipfelwoche vom 9. bis 15. August 2010:
 
Mo.: 16 km Wiederherstellung nach Halbmarathon-Wettkampf
Di.: VM: 6 km Auflockerung,
Di.: NM: mit Spiridon Frankfurt auf der Sportanlage Hahnstraße:
Di.: Lauf-ABC (Erwärmung, Koordination, Beweglichkeit),
Di.: danach 8 x 4 Min. + 3 x 30 Sek. -insg. 22 km - im Wald,
Di.: dazu 18 km Rad
Mi.: 12 km ruhiger Dauerlauf
Do.: VM: 22 km Steigerungslauf im Hügelgelände,
Do.: NM: Bahntraining mit 1 x 2000 m, 2 x 1000 m + 3 x 400 m, insg. 12 km
Fr.: 5 km Auflockerung mit Lauf-ABC
Sa.: 40 km langer Ausdauer-Lauf
So.: 20 km aktive Erholung
Täglich: 15 Min. Kräftigung für Rücken, Bauch, seitlichen Rumpf sowie vordere und hintere Oberschenkel. Dazu Dehnen und die Frequenzübung »Tapping«.

 
Die bestrittenen AUFBAUKÄMPFE (Klick auf das jeweilige Veranstaltungssymbol öffnet den Laufbericht):
 
26. INT. STIERSTÄDTER KERBELAUF, 11.7.10
(Halbmarathon)
Hoffentlich ist bald wieder Herbst
 
Seit Wochen kein Regen, ein blutrot hinterm Horizont auftauchender Sonnenball, tief überm Boden kreisende Schwalben, das Thermometer schon morgens um 5 auf 28 Grad, viel zu wenig Schlaf, schlechter Schlaf, dumpfe Schmerzen in beiden Knöcheln, der rechte dazu knackend: Schon morgens wußte ich, daß das kein schnelles Rennen werden kann. Auf dem Anschwitzkilometer durch Rödelheim hab ich kaum Luft gekriegt. Der Wohnort glich einer Kloake, in der die humanoiden Ausdünstungen seit Wochen in der Hitze festhingen. Alles war verwanzt, verlaust, verzeckt und unerträglich. Man fühlte sich selbst schon wie einer unter abertausenden Müllsäcken. Die Hoffnung auf Besserung vor den Toren des Molochs sollten sich nicht erfüllen: Auch in der Taunusgemeinde Stierstadt warteten brutale 30 Grad. Wenigstens war um neun die Sonne von Wolken verhangen (und das blieb nur während dem Kampf so).
 
Um 9.10 Uhr erfolgte der Start. Angesichts des Wetters und des nicht gerade leichten Geländes wagten nur drei Hundertschaften eine Anstrengung, davon 150 eine über die Halbmarathonstrecke. Seit diesem Jahr mit neuem Organisationsstab arbeitend, folgte die Strecke wieder ihren alten Wegen vom Sportplatz Stierstadt erst nach Oberursel, und von dort in zwei unterschiedlich langen Schlaufen über die verbrannten Äcker mit ihren tantrisch langen Steigungen zwischen dem Taunus und Frankfurt. Bestimmt wurde die Hitzeschlacht von einem Mann aus Bayern. Der unscheinbare Diensthuber hatte nach 1:16 Stunde die Hessen aus Frankfurt und Wiesbaden nebst einem Bus Adlerträger aus Wetzlar um Längen geschlagen, und im Ziel unerkannt - und innerlich schmunzelnd - neben uns Kuchen gegessen. - Wir selbst hatten uns nicht viel ausgemalt. Neu-Spiridonfrau Peanut nach ihrer Rennstrategie befragt, hatte diese mit »Durchkommen!« beantwortet. Ich wollte wieder unter die ersten Zehn, und erntete den 8. Gesamtplatz. P. konnte sich gegen eine drahtige Geisha aus Hongkong behaupten. Am Ende wurden wir beide überraschend Klassensieger. Neben der Medaille und Urkunden gab es als Ehrenpreis eine
Präsenttasche mit ungarischem Akazienhonig und anderen Kleinigkeiten (Pfefferstreuer, Süßwaren, Kuli und Schweißband). Während der Ehrungen durchquerte der letzte Läufer vorm Besenrad den Zielanstieg vor der Sporthalle. Im Pfeifen und Johlen der Läuferbande schaffte Senior Kott die 21 097 und ½ Meter in 3 Stunden und 7 Minuten.
 
Salutionen an »Die Roten«. Es ging alles seinen Gang.
 
Einige Stunden später hat im erquickenden Winter von Südafrika die »Elftal« der Niederlande das Endspiel der WM 2010 gegen die »Furia Roja« aus Spanien verloren. Die schon lange vorher Weltmeister waren, durften mit der Goldenen Ananas heimfliegen. Selbst viele Schwalben machen eben noch keinen schönen Sommer.
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
dicht bewölkt mit Höchstwerten um 32ºC, dazu schwacher Wind aus Südwest
 
Teilnehmer im Ziel:
310 (HM: 132, 10 km: 147, 5 km: 25, 2,5 km: 6)
Halbmarathonläufer im Ziel: 132 (M: 108, W: 24)
 
Männer:
1. Josef Diensthuber (LG Gendorf) 1:16:37
2. Christian Spaich (TSG Oberursel) 1:20:17
3. Heiko Özaykut (TV Waldstraße Wiesbaden) 1:21:49
8. Kampfläufer Vitus (Spiridon Frankfurt) 1:27:26 (1. M45, 8. Gesamt)
 
Frauen:
1. Prisca Lepper-Schwarzer (RFC Oberstedten) 1:36:53
2. Ute Steffek (Laufziel) 1:39:31
3. Svenja Lepper (RFC Oberstedten) 1:46:04
13. Peanut (Spiridon Frankfurt) 2:00:55 (1. W45, 102. Gesamt)
 
Ergebnisse:

TV Stierstadt 1891
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21. KARBENER STADTLAUF, 8.8.10
(Halbmarathon)
Statt Warten auf Godot, Warten auf Nichts (mal wieder zu Gast in der Wetterau)
 
In Karben hätte ich gar nicht antreten dürfen. Seit Langem war mein Knöchel und die rechte Achillessehne entzündet, und zehn Tage vor Karben hatte ich auch noch einen Muskelfaserriß in der linken Wade erlitten. Die Schraube war seit Langem überdreht. Einen holländischen Wunderheiler, der einen wie Herrn Robben mit »aggressiver Behandlung« fit macht, kenne ich nicht. Aber Eiswasser, heilende Hände, Kompression, viel Dehnen, die Einnahme von Magnesium, eiweißreiche Kost, und naturgegeben gutes sächsisches Heilfleisch hatten auch so zu einer Blitzheilung geführt! Wir waren bereit!...
 
... im Gegensatz zu vielen Stadtläufern aus dem Vorjahr. Denn nach dem Jubiläum 2010 mußten die Macher einen Schwund von 30 Prozent hinnehmen. Statt 742 liefen diesmal nur 518 ins Ziel, beim Hallbmarathon gar nur 186. Doch das Feld war bestens besetzt. Neben den flinken Armadas von Skills 04 Frankfurt und dem SSC Hanau-Rodenbach war auch Gegnerschaft aus Mannheim angereist.
 
Traditionell der Bürgermeister feuerte um 9 Uhr den Halbmarathon ab. Wie gewohnt führte die Strecke in vier Schlingen durch die Straßen seiner Stadt. Schon bald waren die Schnellen entschwunden und mir selbst ein Platz unter den ersten Zehn genommen. Aber angesichts meiner Verfassung konnte alles Trachten heute sowieso nur dem Durchkommen gelten. Antrieb spendete dabei der junge Äthiopier Gammachu Ararsa, der als 10-Kilometer-Sieger auf der zweiten Runde an mir vorbeiflogen war und mir dabei ein fröhliches Lächeln zugeworfen hatte (Spiridoner unter sich). 21 Kilometer mußte ich aber weitgehend allein auf weiter Flur abspulen...
 
... bis sich auf der Schlußfeier im Sportfeld die Begegnungen überschlugen. Erst war es Gammachu, der uns zum Tisch mit seinen afrikanischen Begleitern einlud. (Ararsa will den Frankfurt-Marathon 2010 in 2:12 Std. schaffen.) Und später unter anderem Frauensiegerin Sattler, die mir von ihrem jüngsten Triumph beim Elsaß-Marathon berichtete. (Dabei wurde die Spiridonfrau mit Wein aufgewogen. Eine Wippe wurde solange mit Wein beladen, bis sich Frau und Wein die Waage hielten. Sattler durfte sich über 69 Flaschen französischen Riesling freuen.)
 
Mit den Ergebnissen von Karben waren wir mehr als zufrieden. Beflügelt vom Spiridontrikot, daß sie heute erstmalig trug, hatte Peanut seit Mai endlich mal wieder die 2-Stunden-Marke unterboten. 1:53 Std. reichten für die 11. Stelle unter den Frauen. Ich selbst hatte von einer Zeit von 1:24 Std. nicht zu träumen gewagt. Das war der 12. Gesamtplatz unter zirka 200 angetretenen Halbmarathonis. Der Sieger kam weder aus den Reihen der schwarz-orangen Flitzer aus Frankfurt, noch aus Mannheim. Nein, ein alter Mann aus der Wetterau hat sie alle geschlagen. Leider kam es bei der Ehrung zu den für Karben üblichen Verzögerungen. Diesmal war es aber nicht ein »Warten auf Godot«, sondern ein »Warten auf Nichts«: Regen hatte auf der ersten Runde einen Kurzschluß in der mittleren Antenne der Zeitmeßanlage verursacht. Nach Zielschluß mußten die Zeiten den Runden in Handarbeit zugeordnet werden, was viel Zeit in Anspruch nahm. Um 13.15 Uhr - fast drei Stunden nach meinem Zieldurchlauf - hatten die Verantwortlichen dann beschlossen, die Auszeichnungen ohne großen Händedruck rauszugeben oder nachzusenden.
 
»Nach der Schinderei ist vor der Schinderei« hieß die Parole auch für Peanut und mich nach dem Kampf und dem vergeblichen Warten (ich war 3. der Altersklasse). Bei Regen, Wind und Sonne sind wir noch mit den Rädern am Fluß Nidda lang zurück nach Frankfurt gefahren.
 
ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
wechselhaft, mal aufgelockert, mal bewölkt, teils Schauer, Höchstwerte um 23ºC, leichter Wind
 
Teilnehmer im Ziel:
518 (HM: 187, 10 km: 216, Rest: 5,4 km, NW, 3000 m, 1000 m, 300 m)
Halbmarathonläufer im Ziel: 187 (M: 156 / W: 31)
 
Männer:
1. Markus Riefer (SSC Hanau-Rodenbach) 1:16:14
2. Frank Zimmer (Skills 04 Frankfurt) 1:16:32
3. Raphael Grotti (Laufundsportshop Manheim) 1:17:25
12. Kampfläufer Vitus (Spiridon Frankfurt) 1:24:57 (3. M45, 12. Gesamt)
 
Frauen:
1. Annette Sattler (Spiridon Frankfurt) 1:33:50
1. Frauke Bastady-Bieniek (TG Naurod) 1:39:48
3. Kirsten Aalling (Bio Runner Rhein-Main) 1:41:06
11. Peanut (Spiridon Frankfurt) 1:53:30 (5. W45, 132. Gesamt)
 
Ergebnisse:

Team Endzeit
GPS-Strecke:
GPSies
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27. BRUCHKÖBELER STADTLAUF, 21.8.10
(Halbmarathon)
Verkracht, zusammengerauft, versöhnt - erneut kaum Barmherzigkeit für den Läuferwurm
 
Nach einem verregneten August sind ausgerechnet zum Bruchköbeler Altstadtfest die Werte in den zweistelligen Bereich geschnellt (bevor am Montag die nächste Kaltfront kam). Mörderische 31 Grad herrschten an diesem Wochenende im Schatten! Dazu wehte ein Lüftchen über die Wetterau. Und nicht zuletzt hatten mir der Morgensport und die weiten Wege kreuz und quer durch Bruchköbel (Bahnhof-Meldepunkt-Umkleide-Start allein fünf Kilometer!) einige Energie aus dem Leib gesogen. Von chronischen Fußschmerzen gar nicht zu reden (das Gelenk und die Achillessehne rechts).
 
Mit den Halbmarathon- und 10-Kilometer-Läufern hatte der Bürgermeister von Bruchköbel um 14.45 Uhr die letzten der über 500 Teilnehmer ins Rennen geschossen. Rund 200 davon stellten sich der 21,1-Kilometer-Distanz. Über 100 Helfer gaben ihr Bestes am Rande, dazu der Hilfsbetrieb »Bauhof«, der für die Absperrung sorgte. Die Zeiten wurden von der Startnummer Bib-Chip auf die elektronische Maschine übertragen. Als Außenstehender hat man keine Vorstellung von diesem riesigen logistischen Aufwand. - Wie wir es gewohnt waren, führte der erste Streckenanteil über das nördlich der Landesstraße 3268 liegende Dorf Issigheim, der zweite Teil durch den Bruchköbeler Wald im Süden der Straße. Besonders die drei Brocken über die Fechenmühle rauben einem in Bruchköbel leider immer früh jedes Hoffen auf eine schnelle Zeit. Zwar beträgt der Gesamtanstieg nur 67 Meter, aber die finden sich gleich zum Einstieg - und danach ist eigentlich schon alles futsch. Dazu kam heute ein Zwischenfall, den ich hautnah miterlebte: Am 9. Kilometer war ein junger 10-Kilometer-Läufer zusammengebrochen. Zwei Leute kümmerten sich um die Nummer 540, aus der Ferne tönten Martinshörner, und fortan fuhr ein Gespann mit Getränken durchs Feld, damit nicht noch mehr passiert. (Der Ausrichter würde später von einem »Notfall für das Rote Kreuz« reden, den Ausgang aber verschweigen.) Unmittelbar darauf ging es auf acht einsame Kilometer unter Bäumen. Innerlich hatte ich B´köbel schon abgehakt, aber ein Lokalmatador stand mir diesmal zur Seite. Nur durch den Kameraden konnte ich mich überhaupt ins Rennen reinkämpfen. Wir lagen auf den Positionen 6 und 7, hatten am 15. Kilometer im Verbund zwei Kontrahenten eingekriegt, und nachdem ich einen Kilometer weiter auch noch den alten Begleiter abgeschüttelt hatte, war ich ohne große Gegenwehr auf die 4. Stelle vorgedrungen. Damit nicht genug, rückte 600 Meter vor Schluß plötzlich auch noch der bis dahin Dritte in meinen Blick. Der Arme krabbelte in einem Schwächeanfall jedoch nur noch am Bordstein lang. Und so wandelte sich Bruchköbel für mich zu einer faustdicken Überraschung. Ich war Gesamtdritter und Klassensieger im Halbmarathon geworden! Die Spitze lief in großen Abständen von je fünf Minuten ins Ziel. - Unter der sengenden Sonne hatte nicht nur der zweimalige Sieger und Zweite Lehr die Waffen gestreckt, nein, auch bei meiner Partnerin ging heute überhaupt nichts. Peanut war 21 Minuten langsamer als vor zwei Wochen in Karben! Sie erzählte mir später, daß die Läufer in ihrem Bereich schon nach drei Kilometern erstmals gegangen sind! Mehr als die Hälfte der Halbmarathonläufer blieb über der Zwei-Stunden-Marke. 142 schafften es bis zum Zielschluß nach 2¾ Stunden um 17.30 Uhr.

 
Ab 18.15 Uhr nahm der Schirmherr an der Freilichtbühne Freier Platz die Siegerehrung vor. Alle Gewinner erhielten einen kleinen silbernen
Pokal. Bei guter Laune haben wir erst mit dem schnellsten Sportgeher von »Astrid Jungs« gequatscht, und später auch noch drei Kaltgetränke im Garten der Bahnhofskneipe »Gleis 3« gezischt. Halb 10 abends war der neuerliche Einsatz in der Wetterau für uns beendet. Nach sieben (!) Stunden konnte ich erstmals wieder pinkeln! Peanut auch.
 
Unter dem Aufmacher »Randale trübt das Bruchköbeler Altstadtfest« berichtete der »Hanauer Anzeiger« folgendes: »Tausende pilgerten am Wochenende nach Bruchköbel, um das Altstadtfest zu feiern. Ob Musik, Sport, Tanz oder Einkaufsvergnügen: Rund um den Freien Platz wurde für jeden Geschmack etwas geboten. In der Nacht zum Sonntag gab es an der Dreispitzhalle aber auch Ausschreitungen. Wie die Polizei am Sonntagmorgen mitteilte, sei es bei der Techno-Party an der Sporthalle zu einer »heftigen Randale« gekommen. Die rund 250 Partybesucher seien von einer etwa 20köpfigen Personengruppe heimgesucht und attackiert worden. Die Randalierer hätten das Partygelände mit Knüppeln bewaffnet gestürmt. Verletzt wurde aber niemand. Bürgermeister Günter Maibach hatte das Fest am Freitagabend mit dem Freibieranstich eröffnet und damit den Startschuss für das Fest gegeben. Live-Bands sorgten ebenso für Stimmung wie DJs. Zudem konnten sich die Gäste bei Kunstausstellungen, bei sportlichen Wettkämpfen oder beim Flohmarkt vergnügen.«
 
Allen Unkenrufen zum Trotz, Dank an LT-Leiter Bowien und seine Mannschaft vom LAZ, an die unbekannte Heilpraktikerin für die Z i e l m a s s a g e, und an das beste Publikum bei einem hessischen Halbmarathon (in Bruchköbel steht nicht nur der Bekanntenkreis).
 

ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter:
sonnig, Höchstwerte um 31ºC, schwacher bis mäßiger Wind aus Südwest
 
Teilnehmer am Start:
über 500
Teilnehmer im Ziel: 467 (HM: 142, 10 km: 167, Rest: 5 km, NW, Sportgehen, Schüler)
Halbmarathonläufer im Ziel: 142 (M: 114 / W: 28)
 
Männer:
1. Patrick Fiederling (SV Höhefeld) 1:18:34
2. Michael Regele (Wertheim) 1:23:16
3. Mario Voland (Spiridon Frankfurt) 1:28:28 (1. M45, 3. Gesamt)
 
Frauen:
1. Christiane Hofer (Frankfurt) 1:44:40
2. Marja-Lena Haid (Hanau) 1:47:57
3. Evelyn Latta (LG Altenstadt) 1:52:01
17. Peanut (Spiridon Frankfurt) 2:14:44 (4. W45, 105. Gesamt)
 
Ergebnisse:
Team Endzeit
GPS-Strecke:
GPSies
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Der AUFBAU-MARATHON
(Klick auf das Emblem öffnet einen separaten Bericht):
 
9. MÜNSTER-MARATHON, 12.9.10
 
7. LAUF GEGEN DAS VERGESSEN, FRANKFURT, 3.10.10
(10 km)
20 Jahre ... und im nächsten Augenblick schon vergessen
 
Am 3. Oktober jährte sich zum 20. Male der »Beitritt« der DDR zur BRD. Ein Tag zum Freuen? Derweil die Eliten die »Wiedervereinigung« als »Tag der Einheit« abfeierten - und ein paar Ausgegrenzte auch Brandflaschen gegen die Bundesparty schleuderten - stand den meisten Deutschen der Sinn wohl eher nach Vergessen. (Eine »Wiedervereinigung« hat es im Grunde ja auch nie gegeben... denkt man an Deutschland, wie es früher mal war...) Etliche liefen heute auch nicht für D´land sondern gegen die Krankheit des Vergessens!
 
Der Lauf »Rund um das Ginnheimer Wäldchen« Frankfurt war als »Lauf gegen das Vergessen« veranstaltet und sollte einerseits unseren verwirrten Mitmenschen zeigen, daß sie nicht vergessen sind, andererseits das Schicksal der Dementen nach außen tragen. Aus diesem wunderschönen Anlaß opferten rund 450 Junge und Alte und Dicke und Dünne zehn Euro. Für die Spende zum Hilfswerk gab´s ein Andenkenhemd. Ferner kam die elektronische Zeitmeßung zur Anwendung: ein Draht in den Startnummern machte es möglich.
 
Von 10.50 Uhr an wurden die Beteiligten der unterschiedlichen Distanzen abgelassen, darunter um 11.15 Uhr die 10-Kilometer-Läufer. Am Sportplatz des PSV Blau-Gelb beginnend, führte eine fünf Kilometer lange, gekieste Parkrunde durch das von Ginnheim, Hausen und Praunheim eingerahmte, ehemalige Gartenschaugelände. Je nach Wettkampf war sie ein bis drei Mal zu absolvieren. Schönes Spätsommerwetter hatte hordenweise Radler und Passanten mit Hundsviech am Bein ins Freie gelockt. Dazu kamen die im Viertelstundentakt losgelassenen Läufer, Kinder und Wandervögel der verschiedenen Distanzen. Schwer, in diesem Klumpen aus Köpfen, Beinen und Fleisch ruhig Blut und Übersicht zu wahren. Dafür öffnete die Strecke mit ihren Kurven, Haken und Kehren und fehlenden Ordnern und Flatterbändern dem Betruge Tür und Tor. Aber egal: Gute Zeiten waren durch das Geläuf im Niddatal ohnehin verhagelt. Der Platz stand im Vordergrund. Die erste Runde lag ich hinter einem Führungsduo, die zweite machte ich allein. Am Ende war ich Dritter unter 143 Ankommern im 10-Kilometer-Lauf. Peanut hatte tags zuvor noch 32 Kilometer trainiert. Dennoch wollte sie sich den Läufchen nicht entgehen lassen, schließlich lag´s vor der Haustüre. Mit 4:52 Minuten war sie den ersten Kilometer schnell wie nie zuvor gelaufen. Den Strich kreuzte sie als neunte Frau.
 
Damit war der letzte Aufbaukampf für Amsterdam geschafft. Vorm Klubheim von Blau-Gelb traf ich im Gehen auf Spiridons glatzköpfigen Portugiesen Coelho (Marathon-Bestzeit 2:35 Std.), der heute mit Frau und Kinderwagen auf der 5-Kilometer-Strecke unterwegs war. Achillessehnenprobleme und der Beruf verhindern das Laufen auf hohem Niveau. Das Ende der Athletennation DDR war übrigens nach 40 Jahren besiegelt. 1990 erfolgte der »Beitritt« - schneller als der Tod. Wann macht die Teilung alles wieder vergessen?
 

ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: sonnig, 21ºC, mäßiger Wind
 
Teilnehmer im Ziel: 430 (15 km, 10 km, 5 km, 3 km, jeweils Lauf und Sportgehen)
10-km-Läufer im Ziel: 143 (M: 93, W: 50)
 
10 km Männer:
1. Robert Wolf (LG Dreieichenhain) 37:21
2. Tobias Rop (TV 1893 Rheinau Mannheim) 37:31
3. Mario Voland (Spiridon Frankfurt) 39:16 (1. M45, 3. Gesamt)
 
10 km Frauen:
1. Clara Hartmann (-) 46:05
2. Sylvia Roberts (-) 47:56
3. Rita Cord to Krax (Ginnheimer LT) 48:35
9. Peanut (Spiridon Frankfurt) 51:04 (4. W45, 51. Gesamt)
 
Ergebnisse:
Chipzeit
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
Und hier Vitus´ 16 TRAININGSWOCHEN vom 28. Juni bis 17. Oktober in der Übersicht:
 
01. Wo. (152 km): Training (Vorbereitungsphase I)
02. Wo. (112 km): Halbmarathon (8. in 1:27:26)
03. Wo. (151 km): Training (Beginn Vorbereitungsphase II)
04. Wo. (162 km): Training und Peanuts Anschluß an Spiridon Frankfurt
05. Wo. (151 km): Training
06. Wo. (119 km): Halbmarathon (12. in 1:24:57)
07. Wo. (155 km): Training
08. Wo. (111 km): Halbmarathon (3. in 1:28:28)
09. Wo. (150 km): Training
10. Wo. (123 km): Training
11. Wo. 0(97 km): Direkte Wettkampfvorbereitung - MÜNSTER-MARATHON (47. in 2:55:15)
12. Wo. (100 km): Wiederherstellung
13. Wo. (151 km): Training
14. Wo. (140 km): 10-Kilometer-Lauf (3. in 39:16)
15. Wo. (121 km): Direkte Wettkampfvorbereitung
16. Wo. 0(93 km): Direkte Wettkampfvorbereitung - AMSTERDAM-MARATHON (243. in 2:54:38)
Gesamt: 2088 km
 
.:: DER MARATHON ::.
 
35. AMSTERDAM MARATHON, 17. Oktober 2010
Donnerstag, 14. Oktober
 
Zum zweitenmal in diesem Jahr hatte uns der Marathon nach Holland geführt. Nach der Rotte diesmal an die Amstel. Rotterdam und Amsterdam unterschieden sich wie Tag und Nacht. Der Frühling hatte uns in die zerbombte Hafenstadt im Süden geführt, der Herbst in die von Fliegern verschonte Schöne am IJsselmeer. In Rotterdam arbeitet man, in Amsterdam lebt man! Vom Sport wird noch die Rede sein... - Nach 4 ½ Stunden waren wir von Frankfurt über Emmerich in Amsterdam Centraal eingetroffen. Peanut hatte uns eine private Unterkunft im westlichen Grachtengürtel klargemacht. Eine Künstlerin würde uns ihren Wohnsitz eine Woche überlassen und in dieser Zeit bei ihrem Freund unterkommen. (Wegen neuer Steuern durch eine neue Regierung mußte die Aktion zudem geheim bleiben.) Wir residierten also ausgesprochen privat und konspirativ dazu! Und zwar über den Dächern von Amsterdam, direkt am Zusammenfluß der Herengracht mit der Brouwersgracht und Coffeeshops wie Sand am Meer ringsherum. Auf Schritt und Tritt stieg uns der unwiderstehliche Geruch von Cannabis in die Nase. Auch die Wohnung war etwas anders als man es gewöhnt ist. Statt aus Schrankwänden, Regalen und Einbauküchen bestand unser Aufenthalt auf Zeit aus lose auf den Boden aufgestapelten Büchern, Bildern und Graphiken, aus meditativen Klangschalen, Glöckchen und Kerzen. Von der Decke wallten schwere Vorhänge, auf dem Tisch stand ein Bild von Dalai Lama, und Kaffee und Tee wurden mit einem Pfeifenkessel von Hand aufgebrüht. Außer einem Feldkocher, einem Kofferfernseher und diversen Lichtspendern war das Quartier frei von jedem elektrischen Zinnober! Wir wohnten sozusagen in einem Refugium des Friedens und der esoterischen Einkehr.
 
Freitag, 15. Oktober
 
Grundverschieden dagegen unser Besuch auf der Marathon Expo, den wir am Freitagmittag erledigten. Das Nervenzentrum der Veranstaltung befand sich dabei in den Sporthallen Zuid am Olympiastadion. Die Stände waren im Schnelldurchgang erledigt, und die Startertüten - in denen nur das weiße Lätzchen und vier Nadeln lagen - ebenso rasch besorgt. (Durch den Versand an die Heimadresse wäre den Sportlern vieles erspart geblieben. So haben wir zumindest die Metro reicher gemacht.) Amsterdam erwies sich als große Abzocke. Peanut hatte auf der Messe nicht einen Cent ausgegeben, ich selbst habe mich zum Kauf zweier Rennhosen hinreißen lassen. Nach der Rückkehr haben wir einen entspannenden Lauf von sechs Kilometern durch den Westerpark unternommen.
 
Sonnabend, 16. Oktober
 
Wie in den Vornächten, haben wir relativ lang aber unruhig geschlafen. Eine wenig esoterische, durchgängige Matratze und Decke hatte jede Bewegung des Bettpartners übertragen. Dazu hatte sich in der ersten Nacht eine Stechmücke als Dritte im Bunde zu uns gesellt. Zudem bereitete mir ein Hühnerauge am kleinen Zeh Sorgen. Aber der Schmerz hielt sich in Grenzen, eine Not-OP war somit nicht nötig... Ein Lockerungstrab über die Grachten am Morgen, am Mittag ein Spaziergang an der frischen Luft, und nachmittags das Zurechtlegen der Rennkleidung und eine Massage: das war der Sonnabend. Zum Abendessen haben wir uns Reis mit Gemüse und Lachs gemacht.
 
Sonntag, 17. Oktober
 
Heute sollte die Stadt vom Langstreckenlauf dominiert werden, vom
AMSTERDAM-MARATHON! Unser Wecker war auf 4.44 Uhr gestellt. Eine katastrophale Nacht mit zwei Stunden Schlaf lag hinter mir. Peanut wäre auch gern länger im Bett geblieben. Mit den Metrolinien 51 und 50 und einem zehnminütigen Fußweg von der Station Amstelveenseweg waren wir anderthalb Stunden vorm Start von der Centraal Station kommend in der Umkleidehalle Sporthallen Zuid angekommen. Die Habseligkeiten konnten auf dem Weg zum Start in einem Zelt außerhalb des Olympiastadions eingelagert werden. Um 9.35 hatten wir uns ins Stadion hineingekämpft. Fünf Minuten nach (!) der offiziellen Schließung, und zehn Minuten vorm Peng... Peanut fand ihren Block unmittelbar am Marathontor, ich mußte mich noch durch die ganze Südkurve durchschlagen. Stewards kontrollierten die Zugänge zu den Blöcken. Auf den letzten Drücker waren wir drin...
 
Über 31
 000 Teilnehmer aus 73 Ländern, davon 10 241 über die klassische Distanz, bedeuteten einen neuer Teilnehmerrekord. Ungefähr 10 000 Zuschauer bevölkerten die Traversen des alten Olympischen Stadions von 1928. Das waren die erhabenen Augenblicke jenes Oktobermorgens, als Stadtoberhaupt van der Laan bei sehr kühlem aber sonnigem Herbstwetter und einer leichten Brise vom Nord- und IJsselmeer um 9.45 Uhr den Schuß abfeuerte: START!
Olympiastadion von 1928 (© Amsterdam-Marathon)
Kilometer 0 bis 10: Vom Olympischen Stadion durch den Vondelpark rund um den Alten Süden
 
Wegen des großen Starterfeldes wich die Route von den Vorjahren ab. Die halbe Runde auf der Stadionbahn verlief von der Ehrentribüne durch die Nordkurve in entgegengesetzter Richtung. So konnte der Läuferwurm mit einer nur unmerklichen Krümmung durch das Marathontor entschwinden. Im weiteren Verlauf war auch noch ein Tunnel gewichen. Andererseits schufen der Engpaß im Amstelveenseweg und die Gleise der Trambahn gleich zum Auftakt für großes Unheil. Die Gefahr, vom Hintermann in die Achillessehne getreten zu werden, ist immer allgegenwärtig. Nach einem hitzigen ersten Kilometer führte der Lauf mit leichter Steigung durch den Vondelpark und durch ein schmales Tor aus dem Park heraus. Nun mußte ein Rechtsbogen von zehn Kilometern rund um den Stadtbezirk Zuid durchgehalten werden. Den Schlüssel zu einem schnellen Marathon unter der 2:50-Stunden-Marke habe ich von Anfang nicht finden können. Dafür hätte ich jeden Kilometer in 4:02 Minuten zurücklegen müßen. Durch die Behinderungen zeigte die Stoppuhr aber für zwei Kilometer 4:20 Minuten an. Nach zehn Kilometern deutete sich gar ein Kampf selbst um das Unterbieten der Drei-Stunden-Marke an. Lächerlich! Eine etwa 25köpfige Ausreißergruppe rannte mir im Gegenverkehr des Stadionwegs entgegen - Afrikaner und Asiaten, was sonst?! Und mit einigen hundert Metern Abstand noch mal sieben Leute, darunter mit Stitzinger der erste Niederländer. Später brachte die gleiche Stelle eine Begegnung zwischen Peanut und mir. Meine Große hatte sechs Kilometer hinter sich, ich war schon zwei weiter.
 
Kilometer 11 bis 20:
Von Rivierenbuurt auf olympischen Wegen nach Ouderkerk aan de Amstel
 
Der zusammen mit dem Olympiastadion ehrfürchtigste Abschnitt waren die Kilometer 13 bis 20. Die Strecke schlängelte sich über das geschliffene Pflaster des olympischen Marathons von 1928. Was einem da so durch den Kopf ging... wer da schon drübergerannt ist... die Helden der Vergangenheit... nur Nurmi nicht. Leider war der geschichtsreiche Abschnitt der schlimmste im ganzen Marathon für mich. Im Amstelpark fiel ich in eine unergründliche, zeitlupenhafte Lähmung. Ich lief fast am Anschlag und war dennoch furchtbar langsam. Jemand in einem rot-weissen Trikot aus Berlin ließ mich locker stehen. Und Ruderer zogen auf der Amstel ihre Bahn. Zugleich brachte mich ein Dampfer mit kitschiger Volksmusik fast zum Lachen. Lautsprecher ahmten gute Stimmung und fröhliche Zuschauer nach. Mit der Überquerung der Amstel im südlich vor Amsterdam liegenden Dorf Oudekerk war ich zum 20. Kilometerpunkt vorgedrungen. Eine ländliche Idylle mit herrlichen alten Herrenhäusern lud hier zum Ausstieg ein. Aber man fährt nicht ins Ausland, um aufzugeben...
 
Kilometer 21 bis 30:
An der Amstel lang mit einer Schlinge um Overamstel wieder nach Norden
 
Mit 1:27:44 Stunde war mein Halbmarathon zwei Minuten langsamer als der von Rotterdam im Frühling. Welten! Eine frische Brise vom Meer fuhr in die Räder der Windmühlen. Es ging über baumlose Felder. Und ausgerechnet am schwersten Punkt überhaupt, ging ein wundersamer Ruck duch den Kampf. Schon geraume Zeit hatte ich arrogantes Englisch im Rücken gehört. Das Wort »Competition« (Wettkampf) war gefallen. Die das sagten, zogen nun an mir vorbei. Zwei von der Insel. Der eine ein erfahrener Mann mit dem schönsten Laufstil, den man sich vorstellen kann, mit hochfliegenden Fersen und einem ungekünstelt langen und gleichmäßigen Schritt. Ein rostbraunes Jersey der »Tamar Trotters« hing auf seinen Schultern. Der andere ein durchtrainierter, zäher Bursche mit kurzgeschorenem Schädel und der Verbissenheit eines Kampfhundes. Sicher glaubten die Engländer, ich sei müde und mit der Kraft am Ende. Damit hatten sie ja fast Recht. Eine Kapitulation kam aber nicht in Frage - und so entbrannte unter der tiefen Herbstsonne ein fanatischer Kampf... So wie mir die Läufer von der Insel kilometerlang im Kreuz gehangen hatten, würde ich nun deren Windfang ausnutzen. Neben Wasser konnte man sich alle fünf Kilometer mit dem roten Fliegerbier AA Drink und Bananen stärken. In keinem Marathon habe ich öfter zu fester Nahrung gegriffen, bei den letzten Rennen eigentlich gar nicht. Diesmal habe ich mir gleich drei Bananen reingehaun. Der Wind und die Kühle verbrauchten unerhört viel Energie. Mit den üblichen Siruptütchen wäre ich nie durchgekommen. Den Schatten der Engländer folgend, nahm der Lauf nun eine unerwartete Wendung. »Seventeen kai to go« (noch 17 Kilometer) war das Letzte, was ich hörte. Fünf Kilometer weiter war das fremde Palaver verstummt.
 
Kilometer 31 bis 40:
Ab Watergraafsmeer im großen Bogen um Oost und weiter an der Singelgracht
 
Die Route verlief nun durch den mit Verlaub gesagt beschaulichen Osten Amsterdams. Eigentlich war überhaupt kein Mensch unterwegs. Wenn da mal eine Ansammlung herumstand, handelte es sich um »Fietsers« (Radfahrer), die an Schleusen mürrischen Blickes auf die Erlaubnis zum Überqueren der Strecke warteten. Anfeuerungen hat es keine gegegben. Dafür habe ich einen Läufer nach dem anderen niedergemacht. Tod oder Gladiolen hatte ein holländischer Sportlehrer propagiert. Ich bin auf der letzten Rille gerannt - immerhin war dies der vierte Marathon im Jahr - und habe auf den »Mann mit dem Hammer« gewartet. Aber er kam nicht. Der Marathon von Münster brachte die erhoffte Durchhaltekraft. Es hätte auch anders kommen können - aber es ist noch mal gutgegangen. Der Kopf wollte und Bauch und Beine haben alles hergegeben. Über seelenlose Geradeauspisten waren Watergraafsmeer und Oost überrannt. Dazu das rot-weiße Trikot aus Preußen. Auch der Tamar-Trotter tauchte noch mal aus dem Hintergrund auf: der Ältere der Tommys. Der andere war längst zerbrochen. Noch mal flammte die seit Stunden währende Schlacht auf. Aber jetzt wollte ich selbst zum Schlußangriff ansetzen. Am 38. Kilometer hatte ich mir den Engländer zurechtgelegt - und eingangs des Vondelparks war dieser hartnäckige Gegner endgültig VERNICHTET. Ein Wadenkrampf konnte mich nicht mehr aufhalten, den Rest bin ich marschiert. Der Abschnitt zwischen Kilometer 35 und 40 war mit 20:16 Minuten der schnellste im ganzen Marathon.
 
Kilometer 41 bis 42,195:
Durch den Vondelpark zum Olympischen Stadion
 
Über den Amstelvenseweg erfolgte die Zielannäherung und der beifallsüberschüttete Platz vorm Stadion öffnete den Blick auf den Marathonturm mit der Feuerschale und das Marathontor. CITIUS-ALTIUS-FORTIUS: das Motto der Olympischen Spiele erstrahlte auch 82 Jahre nach dem Ereignis von 1928 noch voller Stolz über dem Reichsmonument. Paavo Nurmi bestritt damals den 10-Kilometer-Lauf, für mich waren allein die letzten zweihundert Meter des Marathons zur ehrwürdigen Tribüne unbeschreiblich. Die totale Erhöhung! Durch eine schnellere zweite Hälfte war das Ziel »2:49« am Ende nur um 4 ½ Minuten verfehlt. Ich besetzte den 243. Gesamtplatz (Männer und Frauen wurden zusammen gewertet), und nahm in der Länderwertung die 7. Stelle für Deutschland ein.
 
Gewonnen wurde Amsterdam von einem Afrikaner. Dabei hatte der Verlauf lange wie eine Kopie des Kampfs von Rotterdam angemutet: die gleichen Trikots, die gleichen Anweisungen vom Krad. Nur daß der blutjunge Getu Feleke diesmal die Tradition der Siege des »armen« Äthiopien über das »reiche« Kenia an der Amstel fortsetzte. Feleke legte die 42,195 Kilometer in 2:05:43 zurück. Das war neuer Streckenrekord! Am 35. Kilometer hatte sich Feleke von der blau-gelben Armada aus Kenia gelöst. Meter für Meter wuchs sein Vorsprung, und nach 37 Kilometern war der härteste Gegner, Wilson Chebet, um 100 Meter abgeschüttelt. Mit Dechase wurde ein weiterer Äthiopier Dritter. Die schnellsten Holländer folgten dichtauf nach 2:16 Stunden (Schröer) und 2:17 (Stitzinger). Letzer hatte im Ziel bitterlich geweint. Krämpfe hatten Besseres verhindert. Nach 3:14 Stunden lief der bekannte Eisschnelläufer Erben Wennemars über den Strich.
 
Peanut hatte in der Kühle ihre ideale Verbündete gefunden und ist mit eigener Kontrolle der Zwischenzeiten einem Uhrwerk Orange gleich den Marathon ihres Lebens gelaufen. Nach 5 Kilometern betrug ihr Vorsprung auf die angestrebten 3:59 Std. eine Minute, nach 10 Kilometern waren es schon zwei Minuten, nach 25 Kilometern waren es vier, und als diese vier Minuten auch noch am 30. Kilometer Bestand hatten, und sie sich immer noch sehr locker und schnell fühlte, wußte sie, daß sie unter vier Stunden bleiben wird. Ab dem 35. Kilometer schmolz das Polster zwar dahin, aber durch Kampfeseifer und Standhaftigkeit konnte sie 2 ½ Minuten ins ZIEL retten. Der Augenblick, als mein Mädel weit vorm Vier-Stunden-Zeitmann den Stadionplatz erreichte, ihr Zuruf »Ich schaff´s!« und ihr Einzug durchs Marathontor ins Stadion waren für mich das Schönste von Amsterdam! Nach 3:57:35 war das Bollwerk der vier Stunden zum zweitenmal geknackt! Und dabei wirkte Peanut noch ausgesprochen frisch.
 
 
FAZIT
 
Strecke:
Amsterdam ist flacher als Berlin, aber nicht so schnell wie Rotterdam. Zum engen Auftakt kamen die rauhen Pflasterkilometer entlang der Amstel. Ferner droht in Amsterdam im Oktober stets Regen. Und Wind kann sowieso alles kaputtmachen. Organisation: Hollands Marathons scheinen sich auf das Notwendige zu beschränken. Wir kannten das von Rotterdam. Alles verlief reibungslos, aber ohne jede Strahlkraft. Erfreulich wirkte sich die Trennung der Rahmenwettbewerbe vom Marathon aus. Der Start im Olympiastadion war nur den Marathonläufern vorbehalten. Der Rest startete räumlich und zeitlich weit vom Marathonlauf getrennt. Somit hatten nur die langsameren Marathonis um fünf Stunden Feindberührung mit dem Rest. Ausstrahlung: Merwkürdig. Im Grunde interessierte man sich nur im Start- und Zielbereich für den Marathon. Vermutlich setzten sich die Zuschauer auch noch überwiegend aus Freunden und Angehörigen zusammen. Aber was kann man auch schon von einer Stadt voller Touristen, Snobs und alternativer Hippies erwarten? 60
 000: mehr waren nicht an der Seitenlinie. Wirkung: Amsterdam war schnell und ohne größeren Schattenwurf überrannt. Es hat sich niemand für den Marathon interessiert. Die Presse von »De Telegraaf« und »De Echo«, die als Unterstützer der Veranstaltung auftraten, berichteten nur mit winzigen Artikeln im Innenteil ihrer Blätter. Einzig dem Fernsehsender »RTV Nord-Holland« war der Lauf etwas mehr wert. RTV übertrug direkt und in voller Länge! Daß man Deutscher ist, sollte man besser nicht erwähnen! Für die Materialinteressierten: Wir liefen mit Asics Gel-3010 (Blitzmädel Peanut) und Adidas adiZero Boston (Vitus).
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
POST-MARATHON-KULTUR
 
Eine Schlußfeier gab es nicht. Peanut und ich haben uns vorm Stadion gefunden. Ich habe meinem Blitzmädel einen Strauß hoher G l a d i o l e n besorgt, und wir haben in den Katakomben des Stadions Bier getrunken und Bitterballen gegessen. Beim Gehen habe ich mir eine riesige Beule am Kopf gestoßen. Nachdem wir zu Hause gebraust hatten, sind wir noch mal losgezogen und haben eins der wegen ihrer Holzvertäfelung und der dunklen Ausleuchtung so genannten »Braunen Cafés« im Grachtenviertel beehrt. Weit vor Mitternacht sind wir in den Schlaf gefallen.
 
Montag, 18. Oktober
 
Bei einem ausgiebigen Frühstück haben wir auf dem Fernsehsender RTV N-H die Zusammenfaßung des Marathons gesehen. Der Nachmittag bestand aus einem Rungang durchs historische Joordan-Viertel. Peanut wollte das Haus des jungen jüdischen Mädchens Anne Frank besichtigen, die sich im Krieg zwei Jahre hier versteckt hielt. Eine Schlange von Touristen hat diesen Plan zerstört. Ebenso erfolglos verlief der Aufstieg zur Spitze der Westerkerk, die ungeplant eine Stunde früher schloß. Somit beschränkte sich der Ausflug auf einen Gang über die Prinsen- und Keizersgracht, und ein Mahl im »Rosereijn«. Der eigentliche Höhepunkt wartete am Abend mit einem Rockkonzert im »Bitterzoet« und den Gruppen
...... Royal Republic und Fata El Moustache Morgana
 
Dienstag, 19. Oktober
 
Eine unheimliche, weltuntergangsartige Detonation nach 4 Uhr, hatte mir eine weitere miese Nacht beschert. In der Frühe waren wir schon wieder vier Kilometer laufen, wir haben herrliches flämisches Brot gegessen, und uns auf einen Grachtenspaziergang gemacht, um uns in einem der vielen kleinen Läden längs der Singel die Marathonmedaillen gravieren zu lassen. Die Gravur der Medaillen mit Name, Platz und Zeit wurde von »Alfons de Lette« ausgeführt und kostete vierzig Piepen. Ferner hat sich Peanut einen handgemachten Ring mit Blutkoralle geleistet. Wir waren in einem schönen alten Café und einem Gasthaus am Spuiplein. - Abends haben wir dann eine Kneipentour durch die Haarlemmerstraat unternommen. »Best Stoner food in town since 1985«: dieses Siegel war dem Choffeeshop »Green House« verliehen. Wir waren dort aber nicht zum Essen erschienen, sondern um was zu Rauchen. Nach jahrelanger Abstinenz habe ich in der Nebelung des Kellers einen Joint Haschisch konsumiert. Vorgedreht und unvergeßlich! Nach einer Kreuzfahrt mit den Schiffen auf den alten Porzellankacheln waren wir irgendwann auch wieder über der Erde und haben uns im Braunen Café »De Blauwe Druif« weiterhin mit Hellem verwirrt.
 
Mittwoch, 20. Oktober
 
Der letzte Tag in A´dam verlief unter dem Motto »Rundgang durch den Sündenpfuhl«. Um 10 Uhr wurden wir von der Esoterikerin verabschiedet. Wir mußten raus, der neue Gast wartete bereits. Nun blieben uns noch sechs Stunden zum Gucken und Kaufen in der Innenstadt. Oder auch sechs Stunden verschwendeter Zeit zwischen hupendem Blech, hunderttausenden Fietsers und mindestens genausovielen Touristen, zwischen Sexclubs, Haschwinkeln und Ramschbasaren. Wir waren im Rotlichtviertel, haben unsere Nasen ins Dampfloch »Grasshopper« gesteckt, und wurden unsererseits von Sexarbeiterinnen bestaunt, die ihre riesigen Busen an Fenstern plattdrückten. Wir haben in einem historischen Backhaus mastigen Käsekuchen gelöffelt, und vor der Oude Kerk von 1250 gestanden (Rembrandts Frau Saskia ist hier begraben). Wir sind vom zentralen Platz der Stadt, dem Nieuwmarkt, zum Hauptplatz, dem Dam mit dem Königlichen Palast, gestolpert, und zum Abschied hab ich in einer Kneipe beim Centraal noch einige Blonde vernichtet. In der fünften Nachmittagsstunde fuhr unser Zug zurück nach Deutschland. Wie auf dem Hinweg, waren die Wagen nur zu einem Zehntel gefüllt (auch darin zeigt sich die explizite Liebe zum Nachbarn...). Einen »großen Bahnhof« in Frankfurt haben wir nicht erwartet. Für mich gab es den dort sowieso nie. Statt dessen... Aber darüber redet man nicht.
 
Ein »Dank u wel« an:
die Amsterdamer Künstlerin Hennie für die Überlassung ihrer Wohnung, Marathona Peanut für die aufgebrachte Geduld und den kühlen Kopf im Irrgarten der Windschiefen (die 3:57 vom Marathon waren sowieso das Allergrößte in Amsterdam!), und die Leistungsgruppe von Spiridon Frankfurt für die gemeinsame Schinderei im Sommer.
 
 
Kampfläufer Vitus, 30. Oktober 2010
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: sonnig, 8 bis 11ºC, eine leichte bis mäßige Brise mit Windstärke 2
Zuschauer: geschätzt 80
 000
 
Teilnehmer Gesamt:
31
 463 (Rekord)
Marathonläufer am Start: 10
 241 (73 Nationen)
Marathonläufer im Ziel:
7887
Halbmarathonläufer im Ziel: 10
 447
8-km-Läufer im Ziel: 2784
1-km-Läufer im Ziel:
0409
Firmen-Halbmarathonläufer im Ziel: 847
Firmen-8-km-Läufer im Ziel: 1127
 
Männer:
1. Getu Feleke (Äthiopien) 2:05:43 (
SR)
2. Wilson Chebet (Kenia) 2:06:10
3. Chala Dechase (Äthiopien) 2:07:22
4. Cherkos Feleke (Äthiopien) 2:07:29
5. Hailu Mekonnen (Äthiopien) 2:07:37
6. Shadrack Kiplagat (Kenia) 2:07:56
 
Frauen:
1. Alice Timbilil (Kenia) 2:25:01
2. Eyerusalem Kuma (Äthiopien) 2:27:02
3. Robe Guta (Äthiopien) 2:27:43
4. Woinshet Girma (Äthiopien) 2:27:51
5. Shitaye Bedaso (Äthiopien) 2:29:48
6. Miranda Boonstra (Niederlande) 2:34:24
 
Kampfläufer Vitus (Deutschland)
Startnummer:
7248
Nation: GER
Zeit: 2:54:38
Platz:
243 von 7887 Gesamt
Platz: 23 von 1087 in Klasse M45
Zwischenzeiten:
05 km: 0:20:47 (20:47)
10 km: 0:41:23 (20:36)
15 km: 1:02:01 (20:38)
20 km: 1:23:04 (21:03)
HM: 1:27:44
25 km: 1:44:02 (20:58)
30 km: 2:04:33 (20:31)
35 km: 2:25:21 (20:48)
40 km: 2:45:37 (20:16)
Geschwindigkeit: 14,497 km/h
 
Peanut (Deutschland)
Startnummer:
12012
Nation: GER
Zeit:
3:57:35 (
PB)
Platz: 4545 von 7887 Gesamt
Platz: 80 von 234 in Klasse W45
Zwischenzeiten:
05 km: 0:27:39 (27:39)
10 km: 0:54:33 (26:54)
15 km: 1:22:00 (27:27)
20 km: 1:49:39 (27:39)
HM: 1:55:52
25 km: 2:17:38 (27:59)
30 km: 2:46:15 (28:37)
35 km: 3:15:35 (29:20)
40 km: 3:44:49 (29:14)
Geschwindigkeit: 10,656 km/h
 
Ergebnisse:

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