29. ADVENT-WALDMARATHON AROLSEN, 28. November 2009
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AUFBAUKÄMPFE
Koberstädter Wald-Marathon (Halbmarathon), 30.8.09
Int. Hugenottenlauf Neu-Isenburg (Halbmarathon), 20.9.09
Chicago-Marathon, 11.10.09
Rodgauer Winterserie (10 km), 7.11.09
STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER
Wind, Regen, Matsch und steile Hänge: durch den Fangorn von Hessen
 
 
Der Marathon von Arolsen ist ein Relikt aus alter Zeit. Die Wurzeln reichen zu den Anfängen der Bewegung zurück. Einer der Starter bei der Frankfurt-Premiere 1981 war es, der sieben Monate nach besagtem Ereignis den ersten Marathon durch die Wälder Nordhessens schuf. - Drei Jahrzehnte später ist alles immer noch so, wie es früher mal war. Der von Henner Kuhaupt gemachte Lauf durch die Wildnis im Norden folgt eigenen Regeln. Die Reduktion des Kampfs auf Mensch und Natur haben auch 2009 Bestand. Das beginnt mit einer pfadfindergleichen Unterbringung in einer Turnhalle; eine kultige Brandrede zur Einstimmung in der Stunde vorm Start gehört ebenso dazu wie eine antike Beschilderung und der Verzicht auf Reklame und Geldgeber. Grund genug, mal zum Urspung der Sportart zurückzukehren!
 
Ferner war es Peanut und mir einfach nicht wert, die Form von CHICAGO nahtlos in die Tonne zu treten. Ene Zeit ohne Marathon bis zum Frühjahr schien uns zu lang, und ein Bummel über die Frankfurter Marathonmesse tat sein Übriges: Die angenehm normalen Ironman-Helden Nicole und Lothar Leder hatten uns dort noch mal nachhaltig die Freude am Sport eingeimpft. Für das fünf Wochen später steigende Arolsen war dann rasches Handeln nötig: Viele Frankfurtstarter haben das gleiche vor. Nach Arolsen ist´s nicht weit, Arolsen liegt in zeitlich günstigem Abstand zum Frankfurt-Marathon und Arolsen ist einer der fünf letzten Marathons zum Saisonausklang. Da die Strecke nur eine bestimmte Anzahl verkraftet, sind die Starter auf 600 begrenzt.
 
Nach Versand der Anmeldeformulare und der Startgebühr von 25 Euro - nicht über »Internet« sondern den guten alten Landweg und in bar - waren wir zum 26. Oktober fernmündlich bestätigt eingeschrieben. Nach zehn Jahren Einzelkämpfertum trat ich dabei erstmalig für Spirdon Frankfurt an.
 
.:: DIE STRECKE ::.
Arolsen hatte es in sich. Es ging durch die Hügel des Waldecker Landes. 480 Steigungsmeter mußten dabei überwunden werden. Gestartet wurde in Wetterburg. Nach dem Auftakt am Twistesee ging es über Stock und Stein und durch Wald und Feld über Landau zur Südspitze vor Wolfhagen. Von dort dann nach Westen durch den »Langen Wald« vorbei an Dehringhausen, Volkardinghausen und Braunsen zurück zum Twistesee. Ein stark kuppiertes Gelände gemeistert (davon 308 Höhenmeter allein bis Halbmarathon, und zwischen Kilometer 28,5 und 31 noch mal barbarische 108 Meter), führte die Route ab Kilometer 31 fast nur noch bergab. Da der Marathon fast vollständig auf Naturwegen verlief, war ein nicht ganz unproblematischer Punkt die Witterung am Wettkampftag. Die herbstüblichen Kapriolen können zu schwierigem Geläuf führen. Außer bei höherer Gewalt sollte der Kampf aber immer ausgetragen werden! 1991 stellte Pavel Baverad-Tschechoslowakei den Streckenrekord von 2:31:38 Stunden auf. Flachläufern ist vom Start dringend abzuraten!
 
.:: DIE VORBEREITUNG ::.
Arolsen bedeutete für uns eine Verlängerung der 17 Wochen für Chicago. Wir haben noch mal sieben drangehängt. Eigentlich zu kurz für einen neuen Formaufbau und zu lang für das Halten des Niveaus. Leider war ich direkt nach Chicago obendrein auch noch zu einer zehntägigen Antibiotika-Behandlung gezwungen, die mich zurückwarf.
 
Nachfolgend die bestrittenen AUFBAUKÄMPFE (Klick auf das jeweilige Veranstaltungssymbol öffnet den Laufbericht):
 
31. NATIONALER
KOBERSTÄDTER WALD-MARATHON, 30.8.09
(Halbmarathon)
 
33. INT. HUGENOTTENLAUF NEU-ISENBURG, 20.9.09
(Halbmarathon)
 
32. CHICAGO-MARATHON,
11.10.09
 
30. RODGAUER WINTERSERIE,
7.11.09
(10 km)
Fast hinters Licht geführt
 
Erst hatten die variantenreichen Ortsbezeichnungen der Ausschreibungen in die Irre geführt, dann war auch noch die selten verkehrende Frankfurter S-Bahn ausgefallen, und am Ende hing in Rodgau kein Hinweis zur Veranstaltung - nichts!: Es war nur einem gütigen Geschick zu danken, daß wir überhaupt in der Heimatstadt des bekannten 50-Kilometer-Ultramarathons starten konnten. Zufällig hatte ich einen Kundigen entdeckt, der uns im Stechschritt vom Bahnhof Jügesheim zur Kampfstätte lotste. Zwanzig Minuten vorm Start hatten wir das Sportgelände »Am Weichsee« (auch »Maingau-Energie-Stadion« genannt) erreicht. Die Nummern waren zum Glück rasch ausgehändigt, flink waren die Trikots übergestreift, und dann hatten wir auf den letzten Drücker das Feld erreicht. Der Start lag einen Kilometer vom früheren Startort »Waldzeitfreigelände Jügesheim« entfernt, außerhalb Nordost (dieser Stadtteil nennt sich Hainhausen).
 
Rund 500 hatten sich an jenem lichtarmen Novembernachmittag versammelt. Manche auf dem absteigenden Ast am Ende eines langen Jahres, manche als Durchtrainierer. Wir selbst wollten die Form von Chicago noch mal aufpolieren und uns den letzten Speed für Arolsen in drei Wochen holen. Der heutige 10-Kilometer-Lauf bot eine gute Gelegenheit. Der Kampf wurde auf einer amtlich vermessen Rundstrecke ausgetragen (auch die Aufstellung hinter der Startlinie unterlag einer peniblen Kontrolle). Die Strecke als solche erwies sich dann als weit weniger kryptisch und aufregend als das gesamte Vorspiel. Sie führte geradlinig durch das Flachland des namensgebenden Landstrichs Rodgau im Südosten der drögen Rhein-Main-Ebene. Vorbei an einem Wasserwerk erst fünf Kilometer durch einen herbstgelben Busch nach Westen bis vor Dietzenbach, dann wieder fünf zurück. Ein Kilometer war asphaltiert, die restlichen verliefen auf mausgrauen Forstschneisen, der Zieleinlauf erfolgte auf Tartan. Den Streckenrekord bei den Frauen hält bis heute keine andere als die deutsche Marathonpionierin Teske!
 
Eine Erkältung hatte mich schon unter der Woche geschwächt. Dazu kam die unsägliche Anreise. Aber das Treppchen würden sich sowieso die Flitzer der Jugend teilen. Immerhin gelangen mir zum Einstand für Spiridon 38 Minuten. Damit war ich der 3. unter 19 Blauhemden. - Partnerin Peanut wurde mehrmalig beeinträchtigt. Nach einem verpatzten Auftakt im Mittelfeld, wurde sie von einem Rettungswagen gehemmt (ein Läufer war mit Herzanfall zusammengebrochen), und obendrein beim Zieleinlauf um 1 Minute betrogen. (Die Zeiten wurden nicht auf der Linie gemessen, sondern ausgangs eines Kanals am Ende der Geraden, an dem eine Dame Nummern und Zeiten in einen Kraftwagen rief, wo dann die maschinelle Erfassung erfolgte. Die kurzen Abstände hatten zu einem Stau geführt, den die Dame allein nicht bewältigen konnte. Die Läufer mußten zur Registration sogar Schlangestehen. Nach Protest wurde Peanuts Zeit auf die eigene Handstoppung korrigiert.)
 

ZAHLEN UND ZEITEN
 
Wetter: dicht bewölkt, zeitweise Nieselregen, 7ºC, windstill
 
Teilnehmer im Ziel: 468 (M: 359, W: 107, Unbekannte: 2)
 
Männer:
1. Manuel Ruhland (LG Neu-Isenburg) 32:56
2. Lienhard Hersel (SSC Hanau-Rodenbach) 33:47
3. Johannes Moldan (FC Dörlesberg) 34:01
35. Kampfläufer Vitus (Spiridon Frankfurt) 38:25 (PB / 6. M45, 36. Gesamt)
 
Frauen:
1. Kerstin Straub (SSC Hanau-Rodenbach) 37:17
2. Jenny Schulz (Skills 04 Frankfurt) 38:54
3. Karin Schenk (Spiridon Frankfurt) 39:20
39. Peanut (Frankfurt) 50:52 (PB / 6. W45, 301. Gesamt)
 
Ergebnisse:
TGM SV Jügesheim
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
Vitus´ 16 TRAININGSWOCHEN vom 10. August bis 28. November:
 
01. Wo. (162 km): Wiederherstellung nach Halbmarathon
02. Wo. (155 km): Training
03. Wo. (117 km): Halbmarathon (1:25:00)
04. Wo. (180 km): Wiederherstellung
05. Wo. (161 km): Training
06. Wo. (124 km): Halbmarathon (1:22:56)
07. Wo. (165 km): Wiederherstellung
08. Wo. (126 km): Direkte Wettkampfvorbereitung
09. Wo. 0(92 km): Direkte Wettkampfvorbereitung - CHICAGO-MARATHON (666. in 2:58:48)
10. Wo.
0(49 km): Wiederherstellung
11. Wo. (100 km):
Wiederherstellung
12. Wo. (157 km): Training und Vitus´ Anschluß an Spiridon Frankfurt
13. Wo. (159 km): 10-Kilometer-Wettkampf (38:25)
14. Wo. (170 km): Training
15. Wo. (122 km): Direkte Wettkampfvorbereitung
16. Wo.
0(78 km): Direkte Wettkampfvorbereitung - AROLSEN-MARATHON (8. in 2:59:59)
Gesamt: 2116 km
 
.:: DER MARATHON ::.
 
29. ADVENT-WALDMARATHON AROLSEN, 28. November 2009
Donnerstag, 26. November
 
Nach einer vierstündigen Zugfahrt von Frankfurt über Kassel-Wilhelmshöhe kamen wir in Külte-Wetterburg an. Wetterburg war der Arolser Ortsteil, in dem sowohl der Marathonstart wie auch unsere Unterkunft lag. Wir wurden von diesem Bahnhof abseits der Zivilisation extra abgeholt - und bekamen im Dörfchen Wetterburg ein Domizil, in dem wir tanzen konnten, eine Suite mit Terrasse zum Grillen und dem Panorama des Twistestausees vorm Fenster. Und welch eine Ruhe und kristallreine Luft waren da gewesen. Von Sonnenstrahlen mystisch durchbrochene Wolken haben da am Himmel gehangen. Dazu die bewaldeten Berge und die weichen Wellen unten auf dem See. Es war ein wenig wie in Mittelerde! Nur für den Proviant mußten wir noch mal los. In der alten Soldatenstadt Arolsen sind wir gewesen, und haben uns in der dortigen »Belgischen Kaserne« mit eingedeckt. In einem Bau, der seinen Namen einem belgischen Panzerregiment verdankt, das im Kalten Krieg in Arolsen stationiert war. (Zuvor waren in dieser Kaserne auch schon die Preußen und hohe Tiere der SA sowie die Führerelite der SS gewesen.) - Zurück in Wetterburg wartete die totale Stille und Dunkelheit. Die Nächte vorm Marathon habe ich geschlafen wie ein Stein!
 
Freitag, 27. November
 
Wie der Donnerstag bestand auch der heutige Tag aus einem leichten Lauf am See, aus gutem Essen, Muskelpflege und einem Spaziergang zur Startnummernausgabe in der Twisteseehalle. Wie beim gesamten Marathonlauf, so hatten sich die Verantwortlichen auch hier aufs Notwendige beschränkt. Keine penetranten Händlerstände. Nein, nur die Ausgabe der Nummern (die sich zusammen mit einem Badesalz in einem roten Kuvert befanden), das wandzeitungsartig aufgehängte Streckenprotokoll (die erste Einsicht ins Höhenprofil), und ein Tisch mit Andenken: Baumwollhemden für elf Euro, Streckenkarten für einen und Erinnerungsmedaillen für vier Euro. Insgesamt bin ich auf zwei Dutzend Menschen getroffen. Entspannter geht´s nicht! Die einzige Unruhe bereitete mir eine rätselhafte Entzündung im Knie, die sich unter der Woche eingestellt hatte.
 
Sonnabend, 28. November 2009
 
Und dann war
AROLSEN-MARATHON! Nach einem phantastischen Schlaf von sieben Stunden am Stück bin ich um 6.16 Uhr aufgestanden. Ich habe einen lockeren Morgenlauf gemacht und mit meinem Mädel in der Gaststube treppab gefrühstückt. - Halb zehn haben wir uns aufgemacht, um die eigene Versorgung abzugeben, die ab 10 Uhr von der Twistehalle auf die Strecke befördert werden sollte. Sechs Behälter für sechs Versorgungsstellen waren aufgestellt, alte Kasten aus Pappe - vier Flaschen, dazu ein Kohlenhydratgel haben wir jeweils abgeliefert.
 
Von 10.02 bis 10.20 Uhr hielt der Leiter des Marathons, Henner Kuhaupt (Bestzeit: 2:28 Stunden), vor versammelter Schar eine flammende, fast schon aufwieglerische Brandrede. Mit der Bitte, etwaige Holprigkeiten wegen den anwesenden Reportern zu verzeihen, ging der Blick zuerst ins Jahr 1974, wo man noch sehr weit für einen der raren Marathonläufe reisen mußte, wo niemand unter drei Stunden lief, und wo man erst mit einer Zeit von 2:30 Stunden ernst genommen wurde. [Ehrfurchtsvolle Stille.] Der zweite Teil betraf die Gegenwart, in der Marathons zu »Events« verkommen und schon der nichtigste Staffel- oder 10-Kilometer-Teilnehmer mit einer »Finishermedaille« rumprahlen darf. [Stürmischer Beifall der Sechshundert.] HK rühmte den Arolsen-Marathon als einen der fünf letzten klassischen unter den 191 Marathonläufen, die es mittlerweile in Deutschland gibt. [Mit berechtigtem Stolz, und erneut unter donnerndem Applaus.] Der Schlußteil bot Informationen zur Strecke. Diese war bis zuletzt eine »Überraschung«, ein Mystikum geblieben. Manche redeten von 240 Höhenmetern, andere von 300. Es sollten einige mehr werden... Die Läufer bekamen den Ratschlag, Steilhänge besser gehend als laufend zu bewältigen. Dies sei der kraftsparendere Weg. Und keiner solle sich überanstrengen...
Twistesee am Abend (© Vitus)
Um 11 Uhr erfolgte am Twistesee die Aufstellung. Teilnehmer aus zwölf Nationen würden die Strecke im »fliegenden« Start in Angriff nehmen. Neben Deutschen hatten sich Ausdauersportler aus USA, England, Schweden, Belgien, Niederlande, Luxemburg, Schweiz, Österreich, Polen, Kenia und sogar Australien angemeldet. Leider flaggte der Himmel ausgerechnet heute sein wagnerischstes Grau. Neben später einsetzendem Regen schufen kühle fünf Grad und zuweilen stürmische Winde alles andere als gute Voraussetzungen. Erschwerend wartete eine Waldrunde mit 420 Höhenmetern bis zum 31. Kilometer. Das ist, als würde man so nebenbei den Willis Tower von Chicago hochrennen. Zum Ende hin sollte sich das Rennen verflachen, aber immer noch mit 60 Höhenmetern aufwarten. Vom Gelände her teilte sich der Lauf in vier Etappen:
 
1. Etappe (Kilometer 0 bis 2): Ebenheit
 
Nach dem START an der Ostseite des Staudamms führte ein Asphaltweg vorbei an einem Strandbad, einer Wasserskianlage und dem Wetterburger Golfplatz in Richtung Süden. Eigentlich ein schneller und flacher Auftakt ohne Schwierigkeiten. Aber heute wehte eine verderbliche Brise von vorne! Nachdem der Westfale Strothmann wie von der Sehne geschnellt seinem vierten Start- und Zielsieg entgegenstrebte, hatte ich einem kleinen Verfolgertroß bis Kilometer zwei als so eine Art lebendes Schutzschild im Kampf gegen die Elemente gedient. Die beiden Auftaktkilometer waren in acht Minuten zurückgelegt. Nach einer ersten leichten Anhöhe führte die Uferlinie über den Vorstau hinweg und verließ den »leichten« Abschnitt mit Kilometer 3 von der Landauer Straße in die Wildnis. In Manneshöhe an Bäume genagelte Waldzeichen mit roten und grünen M-Symbolen und weisse Pfeil-Runen im Erdreich wiesen den Weg. Vier Kontrahenten - darunter der kenianische 2:13-Stunden-Läufer Linus Mutai - zogen an mir vorbei.
 
2. Etappe (Kilometer 3 bis 31): Hügelreich
 
Nun begann der anspruchsvolle Teil. Denn es waren einige Höhenmeter zu überwinden. Es ging nun für eine sehr lange Zeit durch die ausgedehnten Mischwälder des Waldecker Mittelgebirgslands. Tagelanger Regen hatte die Strecke aufgeweicht und in triefend nasse Trails verwandelt. Mal ging es runter, aber ungleich öfter ging es bergauf. Bald war ein Loch von hundert Metern zu den nächsten gerissen. Der Schwarze blieb in Sicht. Seltsamerweise verlor ausgerechnet der behende Afrikaner auf den Anstiegen immer wieder an Boden. Dann hatte ich ihn wieder überholt, und hörte dessen hechelnden, gehetzten Atem im Nacken. Bis er auf einem weiten Acker im Schatten eines anderen wieder an mir vorüber zog. Es war ein sehr unrhythmischer Lauf des sichtbar unaustrainierten Mutai. Vielleicht auch eine Schwäche im Geiste. Peanut ihrerseits war lange mit der zwergwüchsigen Landsfrau Mutais zusammen gewesen, die vorm Rennen in der Twistehalle gesichtet wurde, und die nach der Hälfte die Waffen streckte. Auch ein skurriler, alles Mögliche aufsammelnder Australier mit Ränzlein und Kamera, und ein Paar aus Belgien, bei dem die Frau den Mann anstacheln mußte, waren die Begleiter meines Mädels. »Fünfzehnte Frau«, hatte man Peanut an der Video-Kontrolle von Kilometer 7 zugerufen. Außer den Marathonläufern waren nun auch die eine Stunde früher gestarteten Sollzeitläufer unterwegs, denen 6:30 Stunden bis zum Zielschluß eingeräumt waren. Vorm 10. Kilometer war eine Landstraße zu überqueren. Polizei riegelte den Kraftverkehr ab. Direkt danach ging es eine Böschung hoch und über ein offenes Feld in den »Langen Wald« mit sehr vielen schlammigen Abschnitten. Auch die Versorgungsstelle Kilometer 14, an der ich das erste eigene Getränk erwartete, lag im Langen Wald. Dieses war aber durch einen O r g a n i s a t i o n s f e h l e r - genauso wie jene an Kilometern 26 und 34 - nicht zur rechten Zeit bereitgestellt worden. Ich lief ohne Energiegetränk und auch ohne die angepriesenen »Wasser, Tee, Iso« durch, und hatte so zumindest nicht den Rhythmus eingebüßt. (Bei Peanuts Durchlauf waren die Kästen aufgestellt. Sie hatte auch meine Pullen gesehen und sich gesorgt, daß ich wegen Kniebeschwerden ausgestiegen sei.) Auf einem Gefälle hin zur ersten nennenswerten Ansiedlung schlitzte mir ein Dornengestrüpp den linken Arm auf, der fortan ziemlich blutete. Vorbei am historischen Brunnen »Wasserkunst« verlief die Strecke durch Landau kurz auf glattem Asphalt - nur um am 17. Kilometer völlig unorthodox in einen Hang zu stechen, der so steil war, daß er mit normaler Lauftechnik nicht zu bewältigen war. Die Schwächeren würden diese fürchterliche Mauer aus Schotter und Schlamm nur krabbelnd schaffen. Vielen zermürbte es schon im frühen Stadium die Kraft und den Willen. Stetig ansteigend ging es weiter. Dann war die Marke Halbmarathon erreicht. 1:31 Stunde zeigte meine Stoppuhr an. Peanut würde 1:58 brauchen. Leider war meine Suche nach der Eigenverpflegung erneut vergebens. Dafür wurde der Kenianer neben mir rassistisch bepöbelt: »Ach, da ist ja unser Bimbo!« (Das soll aber von keinem Helfer sondern von einem am Verpflegungspunkt stehenden Zuschauer gekommen sein.)
 
Nach dem Jeppenteich führte eine nächste gleichmäßig ansteigende Schneise über eine Lichtung aus struppigem Gras. Hier konnte ich ein Rudel von fünf Leuten auf einen Schlag stehen lassen. Die Gelenke mußten einiges aushalten, aber nun war ich wieder nah an den ersten Zehn dran. Auf der zwölften Stelle dürfte ich über den südlichsten Punkt beim Schloß Höhnscheid nahe Wolfhagen gelaufen sein. Die zweite Video-Kontrolle war hier aufgebaut. Nach überstandenen 23 Kilometern war das. Spätestens ab Wolfhagen lief jeder für sich allein. Geredet wurde sowieso nichts. Kein Laut war zu hören. Nur das Tröpfeln des Regens und das Rascheln im nasen Laub. Manchmal auch ein knarrender Baum. Auf dem Heimgang nach Norden begegnete ich Abgehängten, die sich in der Gegenspur noch auf dem Weg nach Süden befanden. Hinterm Siebringhäuser Teich ging es für kurze Zeit etwas weiter in den Westen hinein. Seit dem siebenten Kilometer war ich nun ohne Flüssigkeitszufuhr unterwegs. In meiner Not redete ich einen Radfahrer an, der mich mit knatterndem Ritzel und Trinkflasche am Rahmen überholte - und wurde glatt ignoriert. Der höchste Punkt mit 430 Meter über dem Meer befand sich am Rande der kleinen Ansiedlung Dehringhausen.
 
3. Etappe (Kilometer 32 bis 37): Gefälle
 
Von Dehringhausen führte die Strecke wieder in den Langen Wald hinein. Nun von Süden aus nach Norden führend. Aber ohne den erwarteten Rückenwind. Der hatte sich weitgehend gelegt. Sieben abfallende Kilometer durch die kathedralenhohen Bäume links und rechts sollten für all die Leiden entschädigen. Indes sich Anstiege durch Gefälle ebenso wenig ausgleichen lassen, wie Gegenwind durch Schiebewind. Läufer wissen das! Und einer der mit Vorsprung gestarteten Traditionsläufer wußte auch, daß es nicht mehr weit bis zum nächsten V-Punkt war. Vor der alten Schänke »Waldschmiede« von Volkhardinghausen war der angeflehte Ort gekommen. »Wasser. Tee. Iso.« Und ja: sogar Eigenverpflegung! Die erste überhaupt. Doch derart schändlich postiert, daß ich anhalten mußte und nach einer Rangelei neben der Strecke bald eine Minute verlor. An dieser Stelle wären fast F ä u s t e g e f l o g e n! Aber ich hatte nach 27 (in Buchstaben: siebenundzwanzig) Rennkilometern endlich was zu Trinken! In einer steil in eine Schlucht hinabfallenden Serpentine erblickte ich zwei, die ich noch überrollen würde.
 
4. Etappe (Kilometer 38 bis 42,195): Ebenheit
 
In Braunsen traf man sich nicht nur zum Nußecken-Essen, sondern auch um die finale Etappe hin zum Twistedamm zu laufen. Nach einem allerletzten sachten und doch so ungeheuer schmerzhaften Huckel war bei Kilometer 40,5 das Wasser erreicht. Ein blutjunger Triathlet war der Letzte, den ich überholte. Peanut erlitt an dieser winzigen Kuppe einen leichten Schwächeanfall... mußte einige Meter gehen... lief schließlich doch weiter - und bewegte damit sogar noch einen Italiener zum Durchhalten. (Der Südländer dankte im Ziel.) Leider waren mir auf dem Endstück einige Gassigeher und Kinderwagenschieber in die Quere gekommen, die nicht nicht nur meine Moral milde trübten. Mit ausgetrocknetem Körper und ramponiertem Knie hatte ich mich nach drei Stunden ins ZIEL gequält. Das Kampfgericht hatte das Abticken der magischen Stundengrenze im gleichen Atemzug vermeldet. Das Wichtigste in diesem Augenblick: Die eigene vage Vorgabe war überstimmt. Ich hatte den ersten Marathonlauf unter den ersten Zehn beendet und mit dem 8. Gesamtrang zugleich Silber in der Klasse M45 erbeutet. Der Rückstand auf den Gesamtdritten betrug weniger als vier Minuten. Mir ist erstmals ein negativer Split gelungen: die zweite Hälfte war zwei Minuten schneller als die erste! Und ich war nur zwei Minuten langsamer als zwei Monate zuvor auf der Weltrekordpiste von Chicago! - Peanut bewältigte die ungeliebten Berge mit schmerzenden Knöcheln (die zum Rande hin abhängenden, ungleichgewichtigen Wege) in fabelhaften 4:10 Stunden. Das brachte ihr die 6. Stelle bei den gestandenen Frauen ein. Henner Kuhaupt befragte Peanut hinter der Linie noch nach ihren Eindrücken. Der Aussage Herbert Steffnys folgend, wonach Arolsen »mit einem M a l u s von 6 bis 15 Minuten zu besetzen« ist, und in Anbetracht der extremen Witterung, wären unsere Leistungen auf vielen Strecken dieser Welt Zeiten von unter 2:49 bzw. unter 3:59 Stunden wert gewesen. Aber was nutzt einem dieses Wissen?............
 
80 der 600 Gestarteten hatten den Lauf durch die Kälte und Feuchtigkeit aufgegeben. Der Ex-Europameister im Duathlon, Dirk Strothmann, gewann Arolsen zum vierten Mal: diesmal unangefochten in 2:44 Stunden. Kenias Linus Mutai erreichte den Twistesee abgeschlagen nach 3:28 Stunden. Der mit knapp 1700 Marathonstarts weltweit führende Preisler aus Hamburg, kam nach 5:50 Stunden an der Twistehalle an.
 
 
FAZIT
 
Strecke:
500 Steigungsmeter verteilt auf lange, gleichförmige Anstiege wie auch auf kurze, steile Knüppel lassen aus diesem Marathon einen anspruchsvollen Langstreckengeländelauf werden. Dazu kann je nach Witterung schwieriger Untergrund und erschwerender Wind kommen. Auf Kilometerschilder wurde in Arolsen weitgehend verzichtet (es waren nur die ersten und letzten fünf Kilometer ausgewiesen, dazu die krummen Entfernungen an den Versorgungsstellen). Ausstrahlung: Was will man von einem Lauf durch den Wald erwarten? Arolsen lebt vom Kult und dem Idealismus seiner Macher und der Kameradschaft unter den Läufern. Die Organisation war gelinde gesagt sehr eigenwillig. Spartanische Informationen. Spartanische Verpflegung unterwegs. Nur Wasser und Tee, und im Ziel arme Bananenhäppchen. Dazu kam ein Streckenservice, der nicht im Geist der Läufer dachte. Aber am Ende muß die 42 Kilometer sowieso jeder für sich bestreiten. Wirkung: In Arolsen kocht man sein eigenes Süppchen. Durch den Verzicht auf Geldgeber tritt auch keine Prominenz an. Der Masse geht´s nicht um Bestzeiten, sondern um das Laufen in der freien Natur ohne Leistungsdruck. Durch das intensive Gelände und den Kampf Mann gegen Mann wirken die 42 Kilometer jedoch sehr kurzweilig. Schmucklose Medaillen lassen das Andenken an Arolsen nicht im schönsten Licht scheinen. Für die Materialinteressierten noch unsre Ausrüstung: Frau lief mit Asics Gel-3000, Mann mit Adidas adiZero Adios.
Der Lauf in einer BILDERTAFEL... anklicken............
EHRUNG UND SCHLUSSFEIER
 
Um 17.30 Uhr haben sich rund zweihundert Ausharrer und Begleiter in der Twisteseehalle eingefunden. Mit einer Dankesrede des Ausrichterpaars (es gab keinen Schadensfall) fand die Veranstaltung ihr Ende. Ein Dank ging an die freiwilligen Helfer, Versorger und Unterkunftsanbieter. Ferner wurden alle ins Ziel Gekommenen mit Stolz bedacht. (HK hatte früher selbst viele Marathons aus Enttäuschung abgebrochen.) Eingebunden waren auch die Auszeichnungen der Sieger und Platzierten. Aber: »Nicht die Ehrung ist der Höhepunkt. Der Höhepunkt war der Lauf!« hatte Henner Kuhaupt vor der Gemeinde verkündet. Mein zweiter Platz in der Altersklasse wurde mit einem
Nylonbeutel, einem Jahres-Abo der »Laufzeit«, einem Buch des Zehnkämpfers Busemann, einem Gutschein der Firma »Runners Point« sowie drei kleinen Laufutensilien gewürdigt. Mit den Sachpreisen blieb der Amateur-Status gewahrt. Nach einem Meinungsaustausch mit dem Bruderpaar Strothmann war Arolsen für uns um 18.30 Uhr Geschichte. Derweil sich die Schar in alle Winde zerstreute....
 
... habe ich meine Verabredung eingehalten und mir im Wetterburger Tattoostudio zwei neue Runen unter die Haut stechen lassen. Das war m e i n Höhepunkt, und damit war der Marathon von Arolsen für immer verewigt. - Mehr galgenhumorig als ritterlich fiel unser Abendessen in der mittelalterlichen Ritterfestung »Wetterburg« aus: Die Mägen waren die deftige Kost und das Germanengebräu nicht mehr gewöhnt. Zu vorgerückter Stunde haben wie noch ein Altes Gasthaus im Dorfkern beehrt, in dem ein betrunkener Schlesier in »White Power«-Hemd mich als Marathonläufer wiedererkannte.
 
Sonntag, 29. November
 
Der Tag danach war wie zum Hohn ein sonnenheller Spätherbsttag. An den Bäumen bewegte sich kein Blatt. Nach einem Umtrunk mit Sagres (Bier) und Generoso (Likörwein) im portugiesischen Klubhaus des »F.C. Porto« sind wir zurück nach Frankfurt gefahren. - In den eigenen Wänden angekommen, war mein Knie geschwollen und eingeblutet; der Schmerz war ungeheuer......
 
 
Das Ende vom Lied - ein bitterer Nachgeschmack (Antwort des Veranstalters auf meine Hinweise und Anregungen vom 12. Dezember)

 

Guten Tag,
zu Ihren Vorwürfen kann ich z.Zt. noch nicht komplett Stellung nehmen.
1. Die Bezeichnung »Bimbo« kam nach Befragung der Helfer von einem beim VP Punkt stehenden Zuschauer.
2. Ob es ein organisatorischer Fehler war oder ein hektischer am VP Punkt, werde ich nach weiteren Befragungen klären.
3. Die versprochen neue Urkunde mit 2:59,59 werden Sie bekommen egal wie (der EDV Mann ist z.Zt.in Urlaub). (Gegen die ursprüngliche Bewertung hatte ich Protest eingelegt. Der Veranstalter zeigte sich kooperativ und wollte meine Brutto- in eine Nettozeit von 2:59 Std. umwandeln. Bei der Siegerehrung wurde mir gesagt, ich könne die »abgedruckte Zeit ja mit der Schere ausschneiden«. Anm. d. Verf.)
4. Die zugesandte Urkunde ist auf Ihren Antrag gefolgt.
5. Sie sollten bedenken, dass alle freiwilligen Helfer auf ihren Lauf verzichtet haben um Ihnen einen Lauf zu ermöglichen...
6. Ihre Mißachtung gegenüber den freiwilligen Helfern gefällt mir überhaupt nicht. Ich schäme mich den helfenden Mitläufern Ihre Stellungnahme zu schildern, weil ihnen sonst die Lust vergeht weiter zu helfen.
7. Bitte schreiben Sie mir keine E- Mails mehr. Ich habe in meiner 35 jährigen organisatorischen und läuferischen Tätigkeit bisher immer »Gleichgesinnte« kennen gelernt. Das kann ich bei Ihnen nicht feststellen.
8. Alle Teilnehmer können in einer sachlichen, kameradschaftlichen Kritik bei uns landen, und wir lernen daraus.
9. Ihnen empfehle ich zukünftig z. B. in Ffm zu laufen. Hier haben Sie dann vor Ort die bessere Gelegenheit Ihrer Unzufriedenheit freien Lauf zu lassen. Meine Lebenserfahrungen und läuferischen Kenntnisse sagen mir: »Junge wärst Du zufriedener, dann wärst Du auch läuferisch besser«! In so einem Zustand bin ich 52 jährig noch 2:29:51 Std. gelaufen!!
Guten Tag, HK, eigentlich nur ein » Läufer«. Mit der Organisation von Lauf-Treffs, Volksläufen und Marathonläufen wollte ich eigentlich anderen nur Freude bereiten!!

 
Von der »One-Man-Show« aus Arolsen habe ich nie wieder etwas gehört.
 
 
Vitus dankt
»Tattoo & Piercing by Stephan« in Wetterburg (für die Blutgruppentätowierung) und Marathona Peanut.
 
Kein Dank
an Petrus, die nichthelfenden Helfer und den Wortbrecher aus Wetterburg.
 
Nachtrag (Provinzposse), 1. Dezember 2011
Nach Querelen mit der Stadt und mangels Geld wurde der Veranstalter zu einem Umzug von der Twisteseehalle ins Strandbad gezwungen. Nach drei Jahrzehnten wurde der Termin des Advent-Marathons 2010 auf Pfingsten 2011 verlegt. Die 42-Kilometer-Runde wurde auf zwei 21-Kilometer-Runde verkürzt. Neuer Ausrichter des alten Advent-Marathons ist das »Sport Event Team« Arolsen in Person der Familie Wierschula, die nur hundert Meter vom Haus Kuhaupt beheimatet ist. Wierschula hofft auf 200 Meldungen.

 
 
Kampfläufer Vitus im Dezember 2009
 
.:: ZAHLEN UND ZEITEN ::.
Wetter: dicht bewölkt und regnerisch bei 5ºC, dazu 40 Stundenkilometer Wind aus Süd mit drehenden Böen
 
Meldungen:
650
Am Start:
600
Im Ziel: 516
 
Männer:
1. Dirk Strothmann (LG Solbad Ravensburg) 2:44:50
2. Michael Leck (Laufteam Wolfhagen) 2:53:31
3. Andreas Frigger (PSV Brilon) 2:57:06
4. Carsten Leck (LG Fuldatal) 2:58:17
5. Henning Hahn (TSC Höchstadt/Aisch) 2:59:13
6. Henning Austerschmidt (Tri-City 2001 Paderborn) 2:59:47
8. Mario Voland (Spiridon Frankfurt) 3:00:47
 
Frauen:
1. Iris Walter (TV 1848 Meisenheim) 3:21:03
2. Antje Krause (Ultra Sportclub Marburg) 3:24:43
3. Anita Ehrhardt (Oldenburg) 3:29:50
4. Ursula Henning (ASV Köln) 3:34:54
5. Sanna Almstedt (ASFM Göttingen) 3:36:55
6. Beate Rosentreter (Paderborn) 3:39:24
 
Kampfläufer Vitus (Frankfurt)
Startnummer:
207
Nation: GER
Zeit: 3:00:47
Platz: 8 von 516 Gesamt
Platz: 8 von 431 bei den Männern
Platz: 2 von 104 in Klasse M45
Zwischenzeiten:
HM 1: 1:31:13
HM 2: 1:28:46
 
Peanut (Frankfurt)
Startnummer:
208
Nation: GER
Zeit:
4:10:54
Platz: 275 von 516 Gesamt
Platz: 30 von 85 bei den Frauen
Platz: 6 von 20 in Klasse W45
Zwischenzeiten:
HM 1: 1:58:30
HM 2: 2:12:24
 
Ergebnisse:

>> Arolsen-Marathon
Bilder:
>> Runner´s World