GRIDE, LAHAR
D-Berlin, Køpi - 27. September 2006
Nach einem Vierteljahr Dauerlauf mit der Krönung Berlin-Marathon, war Peanut und mir heute sehr nach »Underground«. Dazu zählen in erster Linie Konzerte mit den passenden Leuten und Getränken. Wobei Berlin in den Tagen nach dem Marathon diesbezüglich verdammt wenig zu bieten hatten. Drei Hardrock-, ein Gruftrock-, ein Emo-, ein Death Metal-, zwei Girl-Punk- und ein Punk-´n´-Roll-Gig: mehr lief nicht Ende September in der Millionenstadt.
 
Nur eine Veranstaltung - von der Hauptstadtpresse totgeschwiegen aber im Netz erspäht - hatte mich gleich fasziniert: ein Grindcore-Gig. Ein ganz Spezieller: in einem besetzten Haus. Einem der letzten seiner Art in Berlin! »Köpi«, so heißt dieser im vormaligen Osten liegende Ort. In den Wirren des Wendefebruars 1990 wurde es besetzt. Erst durch Punks aus dem Westen - und gegen den Widerstand der Ostpunker - dann aber ohne weitere Zwischenfälle. Nach Zwangsräumungen in ähnlichen Objekten, die immer mit heftigen Straßenschlachten verbunden waren, waren es die Stadtoberen, welche die Köpi an einem Runden Tisch legalisierten. Darauf folgte Streß mit einem Immobilienhai, dessen Räumungsklage aber »wegen Nichtzuständigkeit des Gerichts« abgeschmettert wurde, und so wurde die Köpi samt einem im Hofgarten errichteten Wagenplatz auch 2006 noch immer von sechzig Anderslebenden bevölkert.
 
Halb zehn waren wir schwarz ausstaffiert an der U-Bahn-Station Kottbusser Tor eingetroffen. Da, wo bei den Maikrawallen jährlich Steine und Knüppel fliegen - und drei Tage zuvor die 15-Kilometer-Kontrolle des Berlin-Marathons war. Nach einem Halt am legendären SO36 und der Wegweisung durch einen Skin, hatten wir uns unversehrt durch Kroizberg geschlagen, und waren um zehn im Abbruchsareal zwischen Kreuzberg und Friedrichshain eingetroffen. Die Köpenicker 137 entpuppte sich als graffitibeschmierte, zappendustere Hinterhausruine. Eine im Hof baumelnde Glühlampe erhellte eine Handvoll Punks und einige Hunde. »Da geh ich nicht rein!«, so Peanut. Mann ist aber doch rein - frau kreidebleich hinterher. Die Kontaktaufnahme verlief sympathisch. Die Besetzer informierten uns mit netten Worten, daß die Musiker gerade angekommen wären, daß sie was essen seien, und nach dem Aufbau gegen 23 Uhr loslegen würden.
 
Nach ´ner Molle außerhalb waren wir um elf zurück. Für Dreifuffzich durften wir rein, unter die Erde, in die Cocktailbar »KOMA F«, wo das Konzi stieg. 60 Piepel waren angerückt: Zeckenpunks, keine (!) Iros, aber Langhaarige und Rastas, und besonders viele Frauen! Für polnisches Tyskie Nullfünf hat man 1,70 Piepen geblecht, Becks und Wernesgrüner schlugen mit drei zu Buche, an die Aborts hatte man sich nach den ersten Halben auch gewöhnt, und dann ging es auch bald rund...
»We are LAHAR from the Czech Republik. Thanx for coming!«, so das kurze und schmerzlose Ahoi! um 23 Uhr 20. Zrout, Klouca, Korek und Gizbern - eine Brigade vier schwertätowierter Männer - hatten die Schau eröffnet. Doch Obacht! Denn diese Lahar sind nicht zu verwechseln mit den Sludgecorelern! Denn erstens waren die heutigen Lahar nicht superlangsam, sondern superschnell. Und zweitens kamen diese Lahar nicht aus Holland, sondern aus Pisek bei Budweis, der Heimat meiner sudetendeutschen Ahnen! Wie gesagt: Lahar waren schnell. Schneller als Speed, schneller als Black und schneller als Death. Lahar sind die schnellste Band der Tschechei! Gesang und - von einzelnen Punktrommeln abgesehen - Melodien, alles was man so landläufig unter »Musik« versteht, sind bei Lahar sekundär. Denn: Lahar machen Grind - oder wie sie es selbst sagen - Trashing Fastcore. Was zählt, sind Tempo, Aggressivität, Brutalität und Inhalte. Lahar kredenzen Krach, gleichmäßig schnell wie ein Maschinengewehr. Forciert von derben Texten, welche vom in Charles-Bronson-Hemd steckenden Klouca mit maximaler Intensität herausgekrächzt wurden. Anfangs im Vollkontakt zur Meute, später - nachdem sich der Pogo ins Chaos gewandelte hatte - vom sicheren Podest aus. Lahar waren etwa so wie die legendären Speedster D.R.I. mit Kreators giftendem Mille hinterm Mikro. Ganz im Wortsinne von Lahar: wie ein von einem Vulkan ausgespiener, schnellfließender Schlammstrom, der mit Vehemenz und 100 Sachen alles plattmacht. Mit Zugaben der 80er-Idole Hellnation und Nuclear Assault, dazu Napalm Death´ 1-Sekunden-Hymne »You Suffer«, hatten die Südböhmer binnen 25 Minuten 17 politische Totengedichte ins Volk gedroschen. In Grind we crust!
 
Minuten nach der Schau bot sich am Plattenstand die Gelegenheit zu paar Worten mit Klouca. Der erwies sich als extrem kumpelhafter Bursche mit einer extrem leisen, fast sanften Stimme. Sozusagen als Gegenteil zum Ausbruch des Lahar!
Als Kopfgruppe auf der »Barbarian-Invasion«-Tour fungierte ab 0 Uhr 15 das ebenfalls zur umtriebigen südböhmischen Punk- und Hardcore-Szene zählende Fast-Thrash-Kommando Iny, Czert, Pufffy und Maxeek alias GRIDE. Gride aus Prachatice sind Veteranen unter den Krachkombos ihres Landes. Sie existieren seit den Mittneunzigern. Und: Gride hatten mit dem platinblonden Sprachrohr Ivy heute Abend den Hünen im KOMA F in ihren Reihen. Ivys riesenhafter Körperwuchs sprengte gar die Maße der Koma-Katakombe - und weil er nicht auf die Bühne paßte, mußte er zwangsweise auf dem Kampfboden darunter singen. Was nicht ungefährlich war, ließ in diesem Areal doch zu den bereits bei Lahar aktiven Springteufeln nun auch noch eine abgebrochene Bierflasche die Sirenen schrillen. Auch Gride waren wieder ein rasendes, jede musikalische Virtuosität zerstörendes Projektil. Anfangs noch krustiger, noch kratziger, noch kaputter, in der Überholspur von Lahar knüppelnd, später eher roh, rauhbeinig und frei von Schnickschnack zwischen Extreme Power Hardcore und Grindcore umherrumpelnd. Systemkritik, die guttural herausgeschrien und von vielen »Go, go, go«s forciert war, machte den essentiellen Sound der Welt. Auch Gride huldigten final den Lehrmeistern. Zum einen - unter operativem Einsatz des Lahar-Sängers - »Lidi, deti« von den lokalen Ultrahelden Telex. Zum anderen den Genrehelden Napalm Death durch das mit blitzenden Augen von Ivy angesagte »Dead«. Gride waren wie ein Auftritt mit der Seele der Metal-Endachtziger! Um 0 Uhr 52 war Schluß. Und zwar »Faster than death - harder than life!«
 
Trotz einer Klopperei (ein Schwachkopf hatte vor die Bühne gepinkelt und war unmißverständlich rauskomplimentiert worden): Es war schön im Köpi. Zwei dufte Gruppen, die lang vermißten Punker, einendes Bier und der Schauplatz als heimlicher Star: Was will man mehr!? Hoffend auf die letzte S-Bahn hatten wir uns davongeschlichen ... standen nach Überquerung der Spree und des Todesstreifens auch rasch vorm Ostbahnhof (wo es laut Köpi-Personal so »minderwertiges Essen« gibt)... hatten per S-Bahn die Friedrichstraße erreicht... und wären um ein Haar für wenig Geld nach Steglitz gekommen. Aber leider ging kein Zug mehr nach Steglitz! Denn in Berlin herrscht nach eins tote Hose! Nach einer Fahrt durch mausetote Straßen hat uns eine Droschke um zwei Uhr am Steglitzer Damm ausgeladen.
 
 
Heiliger Vitus, 9. Oktober 2006
(Fotos: Hl. Vitus)
ABSPIELLISTE LAHAR
1. Rozdily Jsou V Nas
2. Prazdne Oci
3. Obet Doby
4. Jak Dal?
5. Lzi Jak Cilces
6. Rano
7. Uslizit Dvakrat
8. Pribeh Tveho Zivota
9. Skladanka
10. Ve Vterine
11. Pad
12. Mosh Pit
13. Dar
14. Sberatele Kosti
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15. Fucked Up (Hellnation)
16. My America (Nuclear Assault)
17. You Suffer (Napalm Death)
 
ABSPIELLISTE GRIDE
1. Made in Hell
2. Moznost volby? (The Possibility of Choice)
3. Kudykam? (Where to Go)
4. Zavody chrtu
5. Geometrie radu (Geometrie of an Order)
6. Lobotomie virou (Lobotomy by Belief)
7. Inside
8. Arogance moci (Arrogance of Power)
9. Nadese v miseni
10. Jailoby nic
11. Znovu a opet znovu (Again and Again)
12. Posedlost (Obsession)
13. V kunde panne marie
14. Buenavist
15. Fucked Up (Hellnation)
16. Povrcem
17. Souk visni, tour tresni
18. Nicem
19. Skripot
20. Uniforma (The Uniform)
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21. Lidi, deti... (Telex)
22. Dead (Napalm Death)
Köpibühne