DOOM SHALL RISE VI
 
WINO, LORD VICAR, VOODOOSHOCK, OMEGA MASSIF, SEMLAH, THE LAMP OF THOTH, BLACK SHAPE OF NEXUS, TORTURED SPIRIT, SYRACH, PROCESSION
D-Göppingen, Chapel - 18. April 2009
Sonnabend, 18. April (2. Tag)
 
Ein Nickerchen von fünf Stunden... die orale Einführung ebenso vieler Hopfenkaltschalen, eine improvisierte Vesperplatte für die Doomer, dazu Wegbier aus Südwestdeutschland (eine Clique aus dem Saarland spendierte uns zum Aufbruch eine Tüte voller »Herber Frische« aus Homburg. Die Geste hat mich wirklich umgehauen!)... Überfahrt im großen Taxi... und dann standen wir wieder mitten im Doom, in der Chapel, wo das Bier und der Doom nie ausgeht...
PROCESSION
(15.02-15.42/ohne Gewähr)
1. Raven of Disease
2. Like a Plague Upon the Earth
3. The Funeral of an Age
4. Down the River of Corpses
5. The Road to The Gravegarden
6. Incinerate
Strömender Regen mit zaghaften Sonnenstrahlen draußen. Drin zwei Hundertschaften im taghellen Licht. Dazu ein »Hello, we are PROCESSION!«: Die Farce der letzten Nacht war Geschichte... Auf der Kanzel tummelten sich drei verschlagene, bullige Burschen, von denen einer (der Trommler) indianisches Blut in den Adern hatte, und ein anderer (der Sechssaiter und Sänger) tags zuvor - von Zeitzonenkater und Bier völlig zerstört - zu unseren Füßen am Boden der Chapel geratzt hatte (ein Wunder, daß der schon wieder stehen konnte!). Procession zelebrierten nicht den erwarteten Funeral Doom sondern Doom der alten Machart. Ein truedoomiges Sturmgebraus aus schweren Aparillos voll finsterem Krawumm kreuzte sich mit einer sehr leidenschaftlichen Stimme und dies mit der gebührenden Kraft der Langsamkeit. Als Vergleiche seien Troikas wie Reverend Bizarre oder The Gates of Slumber genannt. Procession waren von sehr weit her gekommen, aus Chile. »It took us twenty fucking hours to get here«, so Frontmann Plaza. Und es wäre verdammt betrüblich gewesen, hätten die Amigos den Weg vom Ende der Welt ins Hohenstaufenland verfehlt. Procession waren ein Knaller!
SYRACH
(16.02-16.46)
1. The Firm Grip of Death
2. The River´s Rage
3. A Dark Burial
4. A Mourners Kiss
5. Stigma Diabolikum
6. Curse the Souls
Heia Norge! Das einzig originelle an SYRACH waren die Tarnnamen. Ripper Olsen, Captain-8, The Fat Trout (Single Malt), sowie Suleiman: Das hatte was! Ferner wollten die vier nicht so recht zünden. Allzu stumpf und armselig und zigmal erlebt kam ihr Death Doom daher. Nachdem man es erst auf die brutale, grunzende Tour früher Paradise Lost versucht hatte, startete man ab der Mitte einen treibenderen, hymnischen Versuch, der entfernt an die späten Wikingerballaden von Bathory erinnerte. Aber das war nichts, wir kannten das. Syrach zogen teuflische Grimassen, sie schüttelten die Schädel, und die Meute machte gute Miene zu einem allenfalls lauen Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod.
TORTURED SPIRIT
(17.02-17.40)
1. Dagon´s Children
2. Sorrow in the Stone
3. Man and the Spider
4. Arkham Sanitarium
5. Halls of the Blind
6. Into the Demiurge
7. Broken Man
8. Outro
Von TORTURED SPIRIT war mir nur bekannt, daß sie jüngst Konzertgänger derart verprellten, daß diese geschlossen den Abzug in den Raucherraum vorzogen, und der Wirt daraufhin erst das Bierzapfen einstellen mußte, um die Leute zurück vors Geviert zu bewegen... Heute war aber Doom Shall Rise - und da ist alles anders! Die Westfalen um den baskenbemützten Reverend Odd, den wilden Headbanger MetalB und Trommler Markus brillierten mit einem bestechend transparenten und erfrischendem Doom Metal der alten Schule, der durch eine spezielle Art von Obskurität, Wucht, und der Nähe zu Scott Reagers seinen ganz eigenen Reiz bezog. Bei Tortured Spirit habe ich regelrecht mitgelitten, denn ich weiß, wie es ist, wenn sich alles gegen einen verschwört. Oddy ist Doom-Shall-Rise-Inventar der ersten Stunde, Bandkameraden haben ihn sitzen lassen, Konzertgänger mißachteten ihn. Aber er hat nie aufgegeben. Tortured Spirit, Gequälter Geist: der Name war immer Programm! Der Auftritt beim DSR war phänomenal. Er machte alles wieder gut!
B.SON
(17.45-18.20)
ohne Gewähr:
1. III
2. VI
3. V
BLACK SHAPE OF NEXUS. Ich sage nur: gefeiert und zerrissen, vulgär, revolutionär, gewalttätig, düster und magisch. Diese Attribute gepaart unter konsequenter Mißachtung des Massengeschmacks macht die große Einsatzstaffel aus dem Südwesten des Landes so fasziniernd und einzigartig. Für mich waren B.Son von vornherein die wahren Hauptfiguren dieses DSR. Aber heute war alles etwas anders. Wie stets bei den spirituellen Gruppen des DSR, strahlte auch heute rechtzeitig zu B.Son (und nur zu B.Son!) die Sonne einer Lichttaufe gleich in die Chapel. Auch fuhren B.Son ihre gewohnt schweren Geschütze auf. Plattmacher, die sich zwischen ideologisch korrektem Drone-, Sludge- und Ultra Doom verorten lassen. Heute waren sie kompakter, weniger experimentell, weniger zornig. Sänger Malte hatte sein schockierendes Kehlkopfmikro weitgehend durch ein herkömmliches Gerät ersetzt und wurde fortan auch prompt als »Rockstar« bepöbelt. Man hat die Bewegungen und Aktionen der Mannheimer schon zupackender und radikaler erlebt. Und dennoch waren B.Son die erste Formation, vor der ich bedingungslos kapitulierend die grauen Zellen geschüttelt habe. B.Son waren Adrenalin bis die Kirche splittert.
THE LAMP OF THOTH
(19.12-19.52)
1. The Lamp of Thoth
2. Oath Sworn on the Ashlar Stone
3. Sing As You Slay
4. Blood on Satan´s Claw
5. Hand of Glory
6. You Will Obey
7. Frost & Fire
Geiler konnte es nun nicht mehr werden! Oder doch? The Overtly Melancholic Lord Strange, Randy Reaper und Lady Pentagram, kurz: THE LAMP OF THOTH, dürften nicht nur mich wie vom Donner gerührt haben... Der in unserem Land noch völlig unbekannte, gemischte Dreizack aus UK erfüllte die Luft mit drängenden, kristallklaren Vokalen, hämmernden Gitarren, sehr wirkungsvollen Trommelhieben und einem Schuß Priest und Venom. Die Engländer huldigten der viktorianischen Vergangenheit ihrer Insel, auf der sich bekanntlich allerlei Skurriles, Obskures und Mythisches zugetragen hat. Inspirationen dürften sie zur Genüge haben. (Ich hab mich mal schlau gemacht: The Lamp of Thoth steht für einen mittelalterlichen Hexensabbat.) TLOTH waren Charisma und federleichte Traurigkeit von sehr vehementem Nachdruck und der Lautstärke einer Metalband. Das war unerwartetet und für mich schon ziemlich berührend.
SEMLAH
(20.06-20.46)
1. Halycon Years
2. Axioms of Life
3. Realms Unknown
4. Silent Sermons in the Plastic Church
5. Into Nothing Gone
6. Havoc
SEMLAH waren Teil der Doom-Shall-Rise-Premiere vor sechs Jahren und hatten dort in erster Linie Aufmerksamkeit durch den Sänger erregt, der der Legende folgend beim Auftritt voll bis unter den Helm war; und der später bei einem Autounfall auch noch schwere Rückenverletzungen erlitt. Während Joleni heute bestens auf dem Posten schien, war es nun Bassist Wilbur, den man mit hochrotem Kopf am liebsten in ein Sauerstoffzelt gelegt hätte. Mit ihrem progressiven bis angejazzten Doom Rock hatten Semlah erneut kein leichtes Spiel. Trotz der Tatsache, mit Johnson den Mann mit den längsten Haaren im Doom zu haben, waren die Schweden einmal mehr so was wie die Grauen Mäuse der Veranstaltung. Es mangelte ihnen schlicht an Ausstrahlung und Originalität. Letztere bewies Wilburs früherer Raven-Kumpel Renfield, der Semlah in einem Fetzen mit dem hübschen Aufdruck »Fuck You You Fuckin´ Fuck« unentwegt vom Bühnenrand aus aufputschte. In einer Dankesgeste schleuderten Semlah im Finale ihrerseits zwei Hemden in die Meute.
OMEGA MASSIF
(21.15-21.55)
1. In der Mine
2. Arcanum
3. Unter Null
4. Totengebirge
Licht ist Verdruß. Zum ersten und einzigen Mal wurde die verdammte Beleuchtung ausgeschaltet und die Bühne verdunkelt. Nicht wegen Fliegeralarm, sondern für das Ambient-Doom-Kommando OMEGA MASSIF. Die Mainfranken setzten in meinen Augen den Paukenschlag des sechsten DSR. Ab 21.15 Uhr entführten uns vier Männer auf eine postapokalyptische Wanderung durch eine beklemmende, häßliche Welt, in der es eigentlich kein Überleben geben kann. Es waren regelrechte Achttausender, die Melchers, Schmittfull, Bilic und Rath da vor uns auftürmten. Rein tönerne Landschaften, die ganz ohne einen menschlichen Laut und ohne übertriebenen körperlichen Aktionismus auskamen. Einfach nur zwei allgewaltig improvisierte Gitarren, Baß und ein markantes Schlagzeug in absoluter Zeitlupe. Die Lieder fingen langsam an, waberten sphärisch vor sich hin, wurden aber wie eine Lawine immer größer, und überrollten am Ende alles. Fallen und sich Davontreibenlassen mit Omega Massif war das Elixier der Stunde. »In der Mine«, »Arkanum«, »Unter Null« und »Totengebirge« bedeuten für mich und viele andere viermal die totale Selbstaufgabe (gestört nur durch einige Fickfehler, die mit Macht nach vorn drängten). Kann es in dieser Welt ein glückliches Ende geben?
VOODOOSHOCK
(22.10-22.55)
1. Marie´s Sister´s Garden
2. Feeding Flames With Letters
3. The Golden Beauty
4. Please Let All Truth in Your Heart
5. Funeral Farewell
6. Tomorrow´s Bloom
7. Fountain of Freedom
8. Diamond Queen
Zu vorgerückter Stunde war es Showtime für die süddeutschen Psychedelic Groove Doomer VOODOOSHOCK. Dia Allianz um Ex-Naevus-Kopf Groebel, der nach neuerlichem Tausch der Rhythmussektion heute von Bassist Müller und dem bei Earth Flight ausgestiegenen Engelhardt unterstützt wurde, brillierte wie schon beim ersten Doom Shall Rise mit Charme und Erfahrung. Groebels Stimme hat absolut nichts von ihrer eindringlichen, fesselnden Art eingebüßt. Im Gegenteil. Der Mann wirkt von Jahr zu Jahr drahtiger und bestens in Schuß. Die ehemals im entrückten Cathedral-Doom verwurzelten Kompositionen haben mit dem zweiten Album einen weiteren Schritt hin zum Psychrock unternommen. Auf 'Marie´s Sister´s Garden' lag heute auch ganz klar das Augenmerk. Wobei auch ein drückender Doomrocker wie »Tomorrow´s Bloom« zu seinen Ehren kam und die seligen Zeiten von Naevus noch mal aufleben ließ. Voodooshock haben unverschämt schön gegroovt und dürften mit ihrer anspruchsvollen Musik auch außerhalb der Doomkultur Erfolge feiern.
LORD VICAR
(23.13-0.12[?])
1. The Spartan
2. The Last of the Templars
3. Born of a Jackal
4. A Man Called Horse
5. The Funeral Pyre
6. Into a Burning House
Den Abgesang bestritten zwei auferstandene Sänger von Saint Vitus! Zum einen Lord »C.O.D.« Chritus. Zum anderen dessen Vorgänger Wino. Chritus sollte zuerst ran. LORD VICAR nennt sich das neue Glück. Wobei »Lord« für den unnatürlich hohen, ekstatischen Klagegesang von Count Raven steht, und »Vicar« für die ehemalige Gitarre von Reverend Bizarre, welche von »Vicar« zu »Inverted« (Peter Inverted) konvertierte. Vervollständigt wurde die finnisch-schwedisch-englische Crew durch »Iron Hammer« Myllykoski sowie Centurions-Ghost-Trommler Millsted. Klingt schwierig, tönte in echt aber überaus einfach. Lord Vicar haben die Markenzeichen ihrer früheren Gruppen nur vereint (was ja legitim ist). Das Resultat hebt die Doomwelt nicht gerade aus den Angeln, war aber ein sehr amtlicher Doom Metal im Geiste der genannten Traditionalisten. Hymnische Oden an die nordische Heimat bildeten das textliche Rückgrat. Visuell im Mittelpunkt stand ganz klar Blondschopf Chritus, der mit seiner gestenreichen Untermalung alle Blicke auf sich zog, und der mir auch der geistige Motor schien. Chritus ist ein Mensch wie ich. Vor Ewigkeiten unter Terra Firma in einem Kellerklub in Frankfurt kennen- und schätzen gelernt, wiederholte sich die Erkenntnis spätestens seit gestern - als ich Chritus wiederum gottverlassen an einem Tischlein in der Krypta sah. Leute würden sagen: Der pflegt seine Depressionen. Aber Chritus ist ein tiefes Wasser, einfach nur mal die Schnauze halten. Wer sich schon mal eine Zeit lang in einen Wald bei Stockholm zurückzog, muß ein Großer sein. Ein Mensch, der stark im Herzen ist und die Einsamkeit nicht fürchtet! Hail dir, Chritus!
WINO
(0.23-1.33/evtl. nicht ganz richtig)
1. Release Me
2. Punctuated Equilibrium
3. The Woman in the Orange Pants
4. Smilin´ Road
5. Eyes of the Flesh
6. Wild Blue Yonder
7. Secret Realm Devotion
8. Water Crane
9. Gods, Frauds, Neo-cons and Demagogues
10. Silver Lining
Die geballte Faust aufs Herz legend. Wortlos. Allein mit dieser Geste hätte es WINO belassen können. Und es fällt mir verdammt schwer, auch nur ein Wort über die folgende Stunde zu verlieren. Immer wieder wird der Begriff »Kult« bemüht. Tote Helden müssen neu erwachen. Saint Vitus wollten sie alle haben, den Schnee von gestern. Vor sechs Jahren bekam das Volk seine Heiligen. Der »United Ein Time Gig« auf dem With Full Force sollte das unwiderruflich einzige und letzte Ereignis mit den Unberührbaren sein. Leider ist Wino ein zu guter Mensch, um seine Dienste zu versagen. Ungezählten Gruppen und Seitensprüngen verhalf er mit seiner magischen Aura und diesem einzigartigen, alles durchdringenden Timbre zu Ruhm - bis jene nach kurzer Zeit schon wieder zu Staub zerfielen. Nicht anders wird es dem Projekt »Wino« ergehen, das sich dem Doom Rock der obsoleten Obsessed verschrieben hat. Zu groß war die Kluft zwischen Alt und Jung, Original und Kopie, Legende und Episode. Das harte Leben hatte tiefe Spuren in Winos Gesicht gegraben. Er trug eine Brille, Schnurrbart, sogar seine Haare sahen geküßt aus. Heute hatte er einen blutjungen Bassisten, der etwas »born too late« für Wino wirkte, sowie den alldominanten Trommler der Stonerrocker Clutch um sich geschart - um seinen eigenen Mythos zu ruinieren. Schlafende Drachen sollte man nicht wecken. Das Doom Shall Rise hatte schon bessere Hauptgruppen gesehen! Um 0.45 Uhr haben wir uns bei Regen und Finsternis davongestohlen.
 
Wie in der ersten Nacht, nahmen wir ein paar Schluck beim schwulen Griechen im »Adler«. Durch Worte im jugendlichen Leichtsinn kam es zu einer heiklen Situation zwischen jemandem aus unserer Gruppe mit einem Russen. Fäuste hätten fliegen können - aber auch Messer oder Kugeln. Ich war heilfroh, mit Peanut um halb drei unbeschadet in die Falle zu krabbeln.
Epilog
 
Sonntag, 19. April
 
Sattes Grün, strahlblauer Himmel, laut rufende Vögel - es war wiedermal ein unbegreifliches Zeichen: Drei Tage hatte der Himmel zum Doom geweint, der Doom war vorbei, und wo eben noch alles dunkel und naß war, explodierte jetzt wie durch Zauberhand die strahlende Schönheit. Unser Frühstück wurde in die frische Luft verlegt. Wir feierten den Abschied unter gleißender Sonne. In der zwölften Stunde zogen Kalle, Micha und Robert im roten Audi der Sonne entgegen nach Osten; Peanut und ich gingen per Bus und Zug nach Frankfurt. Unterwegs begegneten uns noch Cosmic-Lava-Kumpel Timo, der Malte und Micha von B.SON, sowie zwei Iren vom Pagan-Altar-Fanclub.
 
Danke
an Peanut, die mir den Aufenthalt in Göppingen finanziert hat. Ohne sie wäre das DSR VI ohne mich über die Bühne gegangen.
 
Kuß und Schluß, Vitus.
 
 
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Worte und Bilder: Heiliger Vitus, 24. April 2009