THE HIDDEN HAND, SHEPHERD
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 21. Juli 2003
Scott »Wino« Weinrich ist die Lichtgestalt des Doom. Wino hat sein Leben dem Doom vermacht. Sein sagenumwobener Weg begann 1978 mit dem Marylander Powertrio Warhorse, die sich später The Obsessed nannten. Von 1986 bis 1990 sang Wino bei Saint Vitus die Alben 'Born Too Late', 'Mournful Cries' und 'V' ein - allesamt Stilpräger des Doom Metal. Nach Krach mit Chandler floh er aus Kalifornien und ließ The Obsessed aufleben. Der Klassiker 'The Church Within' (1994) entstand. Doch dann kam der Absturz. The Obsessed zerbrachen, Wino vestieg sich in Rauschmitteln und lebte auf der Straße. 1997 erstrahlte er mit Shine (den späteren Spirit Caravan) neu. Auch ein Seitemsprung mit Lost Breed sei erwähnt. Spirit Caravan versanken im Drogenrausch. Seit 2002 ist Wino nun mit zwei neuen Projekten unterwegs: mit den Tennessee-Doomern Place of Skulls und der Ostküstenverschwörung The Hidden Hand. Damit endet dieser kleine Exkurs - Maximum Wino!
 
Vor 16 Tage trafen wir Wino mit Saint Vitus auf dem Festival With Full Force. Dort ließ ich mir mit einem Filzstift ein Autogramm direkt auf die Haut geben, um damit 16 Tage später in Dresden zum Tätowierer zu gehen. Seit 16 Tagen hütete ich Winos Schriftzug wie mein Augenlicht... Vorm Frankfurter Klub »Nachtleben« angekommen, stieß ich mit Peanut auf Hulle nebst seinem Mädel Tanja. Ex-Doomschreiber Müller gesellte sich dazu. Und auf den Stufen hinterm Bus hockten mit Kolb und Greili zwei Mitglieder der Baseler Sludgedoomer Tollwuet. Schon jetzt stand ich geschätzt einen Meter neben mir. Als dann auch noch Wino aufkreuzte, drehten die Sinne endgültig durch. Ich hatte Wino von seinem Saint-Vitus-Auftritt ein Album mit 80 Bildern zusammengestellt, gab´s ihm - und verabschiedete mich zur Doomwolke 7. Hulle schrieb mir am anderntags, daß er es »witzig fand, mich so glücklich/nervös/angespannt etc. zu sehen, nur weil ich den Herrn gesehen hatte«.
Ab 21.30 Uhr tauchten wir ab in eine Nacht voller Magie. Berlins Doom-Quadriga SHEPHERD leitete ihn ein. Vor einem halben Jahr hatte ich mit einem gewissen »Kanzler« in Sachen Hellhound-Backstocks zu tun. Erstmals in natura sah ich den Mann bei besagter Vitus-Audienz auf dem WFF. Shepherd gaben sich auf ihrem Einstand 'Laments' anonym. Nur die Instrumente wurden verraten: »Shepherd is: guitars, bass, drums and vocals.« Ich konnte es mir eigentlich denken, und heute wurde das Rätsel gelüftet. Der Kanzler selbst war der oberste »Schafhirte«. Wie auf der famosen Platte, eröffnete auch in echt das cathedral-schrille »Healing« den Reigen. Mit »Wednesday« folgte eine neue sterbensschöne Walze. Und im Keller brüteten über vierzig Grad. Bassist Nico tropfte der Schweiß vom Griffbrett, und der Kanzler äußerte: »Ich glaub´ es ist Zeit, die Klimaanlage einzuschalten!« Nur weiter voran! Kohl fauchte in Hardcorepositur und der Rest aus Spree-Athen goovedoomte mein Hirn mit dem monstereruptiven »Suburban Boogie« auf große Reise (und die sollte erst weit nach Mitternacht enden). Auch wenn ich der einzige Shepherd-Fan im Nachtleben war: Shepherd zählen zu den besten Doomern im Osten. Der bedrohliche, mit Growl- und Folkpartikeln vollgepumpte Mammut »Black Faced Witch« und ein Rattenzermahler namens »Monday« folgten. Alle hart an sieben Minuten kratzend. Wino lehnte kopfwiegend am Bühnenrand. Doch Clubgigs folgen dem ewig gleichen Muster: Der Vorgruppe werden höchstens 45 Minuten eingeräumt, mag sie auch noch so gut sein. Die Preußen hätten mit ihrem Auftritt eine große Schau beim Doom Shall Rise abgezogen - im Nachtleben war früh Schluß. Shepherd endeten mit dem sludgig startenden und im Kosmos endeten Dreizehnminüter »The Coldest Day/The Story of the Holy Drinker«. Fünf nach zehn boxte der Kanzler den Mikroständer mit lautem Knall vom Geviert, sprang von selbigem, stürmte durchs Publikum und verschwand. Frust? Provokation? Jubel gewiß nicht! Zumindest das abrupte Ende eines einwandfreien und grundehrlichen Auftritts!
 
Während der Unterbrechung konnte ich paar Worte mit Kohl wechseln. Die Aktion mit dem Mikro ist ´ne Marotte von ihm und er »fühlte sich einfach nur blutleer«.
ABSPIELLISTE SHEPHERD
1. Healing
2. Wednesday
3. Suburban Boogie
4. Black Faced Witch
5. Monday
6. The Coldest Day / The Story of the Holy Drinker
Halb elf ging die Sonne auf - Wino trat ins Licht! Vor zwei Wochen von 25 000 angehimmelt, wollten heute gerade mal 66 Leute die Seele des Doom sehen. Wino nahm´s locker und lächelte ein verschmitztes »es sei heiß wie in Los Angeles« in die Runde. Winos Begleiter hießen Bruce Falkinburg und Dave Hennessy. Der Langmähnige, der wie ein Schamane aus anderen Zeiten wirkt, wurde von zwei Grünhörnern mit Hochschulcharme unterstützt. Fürs Auge ein krasses Komplott, musikalisch aber eine bestens geölte Maschine. Nomen est omen. Treu dem namensgebenden Buch »The Secret World Government or THE HIDDEN HAND« - einer Metapher für die heimliche Weltmacht -, fügten die Amis ihrem Doom Rock Systemkritik hinzu. Nachdem Wino mit 42 nochmal seine Gene weitergab, ließ er nun auch seiner Meinung zu Regierung, Korruption und den Rothschilds dieser Welt freien Lauf. Feuer frei! Das eindringliche »Falconstone« jagte mir die erste Gänsehaut nur so übers Kreuz. Egal was Wino tut: es sprüht vor Leidenschaft. Vom orgiastisch groovenden »Tranquility Base« an, war nur noch Durchdrehen angesagt. So tanzten die Männer von Tollwuet und ich im Schulterschluß an der Front zum zornigen »Bellicios Rhetoric« den Veitstanz. Die Fragen um »Damyata« ließen uns die Köpfe rütteln. Darauf gleich der nächste Anstachler - durch das punkige »Screw the Naysayers«... Jetzt war es Zeit, was zu ändern: »Sunblood« schickte uns zurück in verschrobene Obsessed-Zeiten. Darauf schlängelte sich eine sehr psychedelische Instrumental aus den Lautsprechern. Beim »Last Tree« wiederum, durften wir in angestonerten Gefilden wandeln. Doch das fast schon speedmetallische »The Hidden Hand« trieb gleich darauf wieder zu umso heftigerem Headbanging an. Bis zu einer kurzen Verschnaufpause. Das war um 23.15 Uhr. Und nochmal ließ Wino seinen Sechssaiter surren: Nun improvisierte das Dreigestirn über sagenhafte 25 Minuten zu »De-Sensitized« und dem giftigen »Divine Propaganda«. Nach 70 Minuten war es endgültig vorbei. Und zwar knackig, kritisch, magisch und faszinierend!
 
Ich ließ alles wirken und hoffte, Wino nochmal zu erblicken. Und der große Mann erschien. Er kam aus dem Backstage-Raum und umarmte und drückte mich völlig erschöpft und ganz feste. Klitschnaß ließ ich mir ein zweites Tattoo vorzeichnen. Auf feuchter Haut ein Problem. Wino bat seine Crew um Handtücher, Filzstifte, Kugelschreiber... Irgendwie hatte er bemerkt, daß wir in Eile waren. Besorgt frug er mein Mädel: »You have to catch your train? You can´t come back later?« Doch mittlerweile war uns alles egal. Es waren Momente, die wir nie vergessen werden. Nach dem Full Force lernten wir Wino erneut als großartigen Menschen kennen. Als stilles, schlichtes Geschöpf. Ich hätte nur noch heulen können. - Noch lange nach der Schau klönten wir mit Roger und Greili und Frankfurter »Ebbelwei« an der Nachtleben-Bar. Auch die Doombrüder aus der Schweiz: Wahnsinn galore. Gegen zwei traten wir in einer Droschke den Heimweg an.
Vitus 666,
Wino,
El Hulle
Wino & Vitus 666
Greili & Roger
(Tollwuet) &
Vitus
ABSPIELLISTE THE HIDDEN HAND
Wino & St.Vitus für immer!
Peanut & Vitus
Nachlese:
Zwei Tage später stach uns Witschas im Dresdner Tätowierstudio »Sweet Needles« Winos Autogramm und das Vitus-V unter die Haut.
 
 
Heiliger Vitus im Juli 2003
(Fotos: Peanut und Vitus)