SLOWDRAG, SOLEÏLNOÏR, PORNOHEFT
D-Frankfurt am Main, Sinkkasten - 26. Juni 2005
Der intellektuelle Liebesgott J. Beck hatte Peanut und mir Freikarten für seine Soleïlnoïr im Rahmen des Liederabends »Support Your Scene 57« im Sinkkasten zu F geschenkt. Kurz vor neun waren wir dort. Und wie bei meiner letzten Visite in Frankfurts Innenstadt - vor etwa 666 Jahren - lungerten auch heute zwischen dem Beton und den Glaspalästen der Zeil die schnorrenden Punks mit ihren aufgestellten Haaren herum. Alles wie immer. Doch nicht im Sinkkasten. Nur 50 Leute stellten im nicht selten mit 450 Menschen gefüllten Saal eine überaus spärliche Kulisse. Die Übertragung des Confed-Cup-Halbfinales der »El Tri« (Mexiko) gegen die »La Albiceleste« (Argentinien) erwies sich als Straßenfeger...
Fünf nach neun beschlossen Vink Sperber, Sif Dishes und Fish Dipn, alias PORNOHEFT, loszurappeln. Jemand hatte mal gesagt, Pornoheft seien Brachial Avantgarde Noise Punk. Ich nenn´s einfach Gummizellen-Punk. Wer Lieder wie »Mein Schuh«, »Des Medel«, »Ohne Gehirn«, »Bum Bum«, »Beitrittskandidat« oder »Nähmaschine« verzapft, sich uniform in Spannbettlaken hüllt, und nach der halben Schau untereinander Gitarre und Bass tauscht, kann nicht alle Hühner auf der Veranda haben. In der Welt von Sif, Vink und Fish herrschen Humbug und Coolness gleichermaßen. Inhalte gibt´s kaum. Eher ´nen Kauderwelsch aus pille-palle »Uh«s und »Ah«s mit durchgeknallten Kastratenschreien und gutturalem Gegrunz. Aber an den Saiten und den Pauken, da sind die Pornophilen aus Bembeltown Genies! Pornoheft schlagen mit heftig rasselnden, hochenergetischen Punknummern, die kaum die Minutengrenze erreichen, mitten in die Schnauze. So war es im Winter im ExZess, und so war es heute im sommerlichen Sinkkasten. Eine Besucherin war vom Esprit der Pornohefte so verzückt, daß sie von der ersten bis zur letzten Sekunde wildeste Luftsprünge und fakirgleiche Verrenkungen in der Nische vor den Klos vollführen würde. Pornoheft zockten eine knappe Stunde. Nach dem Hit »Udu«, nach »Ödipuss« und der Siechheim-Ode »Meine Oma liegt im Sarg« war Schluß.
22.05 Uhr ging der Clash der Stilarten vor nunmehr 80 Leuten in die zweite Runde. Rabenschwarze Finsternis und ein Meer aus Nebel lagen nun im Sinkkasten. Und aus den Lautsprechern drangen diffuse Geräusche. Verstörende Töne, die unvermittelt in die Irre führen können. SOLEÏLNOÏR hatten sich mit »Intruder«, »Twentythree?« und »Resistance« auf ihre Reise in die Unterwelt gemacht. Mit altbewährten Schwermetallkrachern also. Aber Vokalist Maggod, Gitarrenzauberer W. »Erde« Erdmann, Tiefsequenzer J. Beck und Kriegstrommler J. Reinschmidt hatten auch neuen Stoff mitgebracht. Das schwerdrückende, neometallische Halluzinogen »487« zum Beispiel. Oder »Offal« und »Epitaph«. Alles Irrsinn vorm Herrn, kopfschüttelnd verfolgt von den Groupies Slowdrag (die die Einzigen vorm Podest waren). Bis der exzentrische Furchtlockenmann Maggod mit einem »Hat jemand Lust zum Moshen?« dann doch einige Sonnengenießer auf den Tanzboden zerrte. Frankfurts führende Düstermänner erlebte ich heute zum fünften Male. Es war ihre strahlendste Schau, eine Vorführung wie aus einem Guß. Und wie stets bei Soleïlnoïr, folgte nach sechzig Minuten das Spektakel schlechthin: die mit Überlänge versehene Lärmlawine »Dust«. Es war schon unverschämt geil, wie sich der Trupp im Kegel kreuzender Suchscheinwerfer nach und nach auflöste und sich am Ende nur noch Beck und Erde mit Riffkanonaden bombardierten. They were here to destroy us!!
 
An der Erfahrung gemessen, hätten Soleïlnoïr die Hauptdarsteller sein müssen. Erde hatte mir aber schon vorm Gig gesagt, daß Soleïlnoïr aus Prinzip weder beginnen noch enden...
... Und so kam es, daß die Jüngsten der Nacht zum Rollkommando wurden. Obwohl ich mit SLOWDRAG in der selben Stadt wohne und Frankfurts »Szene« ein Dorf ist, war mir die Rotte aus dem Gallusbunker bis auf die Proben aus dem Netz völlig unbekannt. Jene unterdessen, haben es in sich! Slowdrag versprachen knochentrockenen Stoner Rock vom Schlage alter Fu Manchu! Das Tanzen hatte ich mir nur für Slowdrag aufgespart. Endlich mal vier Langhaarige: wann hat man das heute noch? Pietsch, Witt, Tosh und Buxi legten mit »Overcome« den Schalthebel dann auch gleich um - auf eine ungleich schleppendere Gangart. Dafür stand auch das Meisterstück, die mit kojotiger Heiserkeit und unter allerdollstem Mähnewirbeln und Verbiegungen zelebrierte Stonerwalze »Mindfuck«. Wenngleich Slowdrag in der Folge für mein Doomerherz etwas zu lässig, zu heavyrockig durch die Botanik galoppierten - wie in »(driving like in) GTA« -, und sich einige Hakler einstellten: Slowdrag haben was! Bei Slowdrag sind es keine drallen, sich lüstern auf Chromboliden räkelnde Bikiniblondinen, es sind weder bekiffte Blumenkinder, und auch keine Trucks auf endlosen Highways durch die Wüste. Nein, im Gegensatz zu vielen ihrer Stonergenossen verfügen Slowdrag über eine sehr kritische Attitüde. Slowdrag lesen einem Herrn Bush die Leviten, und es geht um sowas wie Alltagsödnis und Selbstzerstörung. Auch wenn das heute nicht nur Funkenflug waren - aus dieser Gruppe sollte was werden. Kein Quatsch! No Tosh! Das Antikriegslied »Ramallah Rumble« mischte zur Mitternacht den Sinkkasten endgültig auf.
 
Wir taumelten raus, in die stickige Nacht der Großstadt: in den Siebenschläfer. Siebenschläfer? Schlafen 195 Jahre lang - und aufwachen in einer besseren Welt!
 
 
Heiliger Vitus am Siebenschläfer 2005 (27. Juni)
(Abbildungen: Hl. Vitus; Autogrammkarte: Geschenk von Pornoheft)
SET PORNOHEFT
1. Büro
2. Rattengift
3. 601
4. Tina
5. Der Sturz
6. Tschechien
7. Griechenland
8. Mein Schuh
9. M/Bari/Janne/A
10. Des Medel
11. Bor
12. Ohne Gehirn
13. Amuletto
14. Europageblendet
15. Mousse Au Chocolat
16. Bum Bum
17. Beitrittskandidat
18. Nähmaschine
19. Seoul
20. Du
21. Kennedy
22. Brötchen
23. Schlecht f. Geschäft
24. Kutter
25. Udu
26. Elefantenkuh
******
27. Meine Oma liegt im Sarg
28. Ödipuss
 
SET SOLEÏLNOÏR
1. Intro (CD1)
2. Intruder
3. Twentythree?
4. Resistance
5. 487
6. Intro (CD2)
7. Offal
8. Epitaph
9. Life On A Thread
10. Nucleus
11. Interlude
12. Intro CD3)
13. Nurutrus
14. Eyes
15. Dust
 
SET SLOWDRAG
1. Intro
2. Overcome
3. Mindfuck
4. Rmdmdm
5. Moving On
6. (driving like in) GTA
7. Pressure
8. Slowdrag
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9. Ramallah Rumble