ORANGE GOBLIN, GRAND MAGUS, WITCHCRAFT
D-Münster-Breitefeld, Live Arena - 27. Juni 2004
27. Juni. Siebenschläfer. Der Sage folgend, hatten sich anno 251 sieben junge Christen auf der Flucht vor Kaiser Decius in einer Berghöhle versteckt. Sie wurden entdeckt, bei lebendigem Leibe eingemauert und schliefen 195 Jahre lang. An einem 27. Juni wurden sie wiederentdeckt, erwachten und starben alsbald...
 
Ein wenig Schlaf hätte auch mir nach drei Tagen voller Alkohol, schlechter Luft und Doom gut getan. Nicht 195 Jahre, schon 7 Stunden wären schön gewesen. Es sollte nicht sein: Der Herr der Schwarzen Sonnen, Jörg, und Frau (D)Evi(l)in hatten einen Freak namens Rainer, Peanut und mich spontan zu einer neuerlichen Spritztour in Sachen Schwermetallmusik eingeladen. Anlaß: ein Konzert mit drei Gruppen von Lee Dorrians Doomfirma Rise Above. Destination: Hessens neue Megametalhalle »Live Arena« in der Dieburger Mark.
 
Um sieben rollten wir in Südhessen vor. Die »Arena« - Neuland für mich - war im Stile der 80er Jahre eingerichtet und verfügte über mehrere Räume und thingartig angeordnete Sitznischen. Mit 950 Menschen war das Faßungsvermögen angegeben - und eine Handvoll hatte sich eingefunden. 18 zählte ich anfangs, später waren es 30. In der Halle tobte also die Hölle! Aber wenigstens hat die Pausenbeschallung mit Trouble und Candlemass gepaßt. Wir tranken Altbier, und die Stonerrocker Uwe und Matte von The Great Escape, sowie der vom Mattenträger zum Hare-Krishna-Jünger konvertierte Ex-Rock-Hard-Kolumnist M. Müller stießen dazu.
WITCHCRAFT - vier blutjunge Menschen namens Pelander, Hoyles, Henriksson und Arnesen - beschworen, daß sie »nicht aus dieser Zeit und diesem Raum sind und sie mindestens dreißig Jahre zu spät geboren seien.« Worte, die schon Saint Vitus aussprachen... Sei´s drum. Mit einem akzentfrei hingehauchten »Guten Abend, Germany! Wir sind Witchcraft aus Schweden!« und dem selbstbetitelten Düsterrocker begann um 20.30 Uhr eine Reise zurück in die Siebziger des vorigen Jahrhunderts. In eine Welt aus Black Sabbath, Pentagram und Witchfinder General. Im steten Wandel zwischen Sinister, Sensibel, Folkig und Hippiesk - mit schwer melancholischen Unterton - folgten perfekt reanimierte Psychedeliker wie »The Snake« und »Her Sisters They were Weak«. Vier Knaben, die zur besagten Zeit noch in die Windeln schissen, dümpelten in jenen Sümpfen herum, in denen sich einst die Urahnen des Doom auslebten: in drogendurchtränkter, puristischer und obskurer Gitarrenmusik. Wobei sich der Sänger wie ein gewisser »Prince of Darkness« mit Stimmbruch anhörte. Es war witzig und ergreifend zugleich. Witchcraft wollen die reinrassigsten Doomrocker der Neuzeit sein, sie verweigern sich jedem Hokuspokus der Moderne. Pentagram huldigten sie, mit »Please Don´t Forget Me«. Und einen »Song especially for Germany« hatten sie: »It´s so Easy«. Leider wirkte die Schau reichlich steif. Ausgenommen bei »The Unholy«, welches Pelander ohne Gitarre, nur singend, mal tief introvertiert, und mal unter sehr eindringlichen Gebärden zelebrierte. Der treibende Geniestreich »No Angel or Demon« rundete die Sitzung nach dreißig Minuten ab. Witchcraft entpuppten sich als Pimpfe mit Herz und Riesenpotential!
 
Flow von den Punkmetallern Broken nebst Wunderheilerin Alina (mit bunten Schmetterlingen auf der Stirne) trafen ein.
21.15 Uhr erklommen die Black Magic Rocker GRAND MAGUS den Altar. Auch die kamen aus Schweden. Doch im Gegensatz zu den unauffälligen Landsleuten, stand da nun eine Horde in Leder, Denim und Eisen geklufteter Wikinger mit langen Haaren und wallenden Bärten: Janne »JB« Christoffersson (nebenbei Spiritual Beggears), Mats »Fox« Heden und Fredrik »Trisse« Liefvendahl. Die Nordmänner entfesselten mit »Brotherhood of Sleep« von Beginn weg ein höllisch wütendes Inferno, und bangten sich treu ihrem Schlachtruf »Death to Betrayers« mit Inbrunst die doomigen Seelen aus den tätowierten Leibern. Es gab nun kein Erbarmen mehr: der verwaiste Hallenboden mußte gedoomt werden. Mit ramponiertem Korpus doch mit den Greatescapes Uwe und Matte zur Seite, stürzte ich mich fortan in einen Tanz an der Front. Grand Magus´ hypnotisches Gewerk namens 'Monument' war wochenlang mit meiner Anlage verrostet. Ich kannte jede Note. Und es war schon unverschämt verrückt, wie die die Tre Kronor den Heavy-Stoner-Batzen »Gauntlet« und das zähfliessend-kühle »Never Learned« ins Auditorium zauberten - nur um gleich darauf mit »Ulvaskall (Vargr)« tief in treibendem Doom Rock zu versinken. Kein Abweichler in dieser phantastischen Linie auch der tonnenschwere Powerdoomer »Lodbrock«. Ja, und dann quälten sie sich durch die Endstufen, diese gigantischen Riffungeheuer vom neuen Album, der »Chooser of the Slain (Valfader)« und »Baptised in Fire«... Leider bedeutete der subtile Doomer »He Who Seeks Shall Find« nach einer halben Zeigerumdrehung auch schon das Ende aller Magien - noch bevor alles so richtig ins Fliessen gekommen war. Zum Abschied schrieb mir der sympathische Fox von Hand die gespielten Werke, und ich erflehe so sehr ein Wiedersehen mit Hail fucking Doom Grand Magus!!!
ORANGE GOBLIN fungierten als Sprengkommando. Genau um 22.07 Uhr warfen die Motörhead des Stoner Rock die Motoren an, um Langeisen Nummer 5 - 'Thieving From The House Of God' - zu präsentieren. Die »Orangen Kobolde« hatte ich 1999 zusammen mit Terra Firma und Cathedral auf deren »Cosmic Caravan«-Tour erlebt. Londons Langloden Ben Ward, Joe Hoare, Pete O'Malley, Martyn Millard und Chris Turner machten damals gewaltig nach Hasch und Schnaps stinkenden, brachial nach vorn donnernden Heavy Stoner Psych. Vier Jahre zogen seitdem ins Land. Außer das Mr. »Hangover« Wards Reibeisenorgan (an dem ohnehin nie etwas Nettes war), noch whiskeytriefender und kruder geworden ist, hat sich nicht viel geändert. Alle Regler pegelten im tiefroten Bereich, als der schwertätowierte Britentrupp mit »Your World Will Hate This« ungestüm headbangend die dreißig Piepel aus allen Hippieträumen riß. Für zehn war´s zu heftig, sie verfolgten den explosiven Irrsinn vom sicheren Tresen aus. Ward frönte dem Flaschenbier und rückte mit bloßen Fingern die heißen Strahler über der Bühne zurecht (das nennt man englischen Humor!), die Gitarren waren knallhart und auf tief gestimmt und die Trommeln hämmerten roh und bösartig. »Some You Win, Some You Lose« pröttelte aus den Lautsprechern. Und »If It Ain´t Broke, Break It«. Das Neuwerk ist um Längen kreativer, variabler und düsterer als der speedige Vorgänger. Frontkrieger Ward stieß gutgelaunt und mit weit aufgerissenen Augen auf den Monitorboxen balancierend die Fäuste in die Luft - und trank immer wieder Bier. Ich auch. Er honorierte die jungen Kollegen - »Witchcraft and the 80ies« -, steckte sich ´ne neue Pulle in den Mund und rüpelte »You´re Not The One (who can save rock n´roll)« in die Meute. Und so rauchten die Lautsprecher - bis die letzten Drogen in den Adern kreisten. OG gaben drei Zugaben, so die wohl »schönste« Nummer der neunjährigen Gruppengeschichte, den »Blue Snow«, sowie die Lavawalze »Crown of Locusts«. Nach einer Dreiviertelstunde waren die Kobolde aus UK krepiert.
 
Es war ein kultiger Abend in der Dieburger Mark und Grand Magus waren einfach Gott. Dankesworte gehen an Frau (D)Evi(l)in und Jörg, ohne die wir das nicht erlebt hätten.
 
Siebenschläfer. Schlafen 195 Jahre lang. Und aufwachen in einer besseren Welt!
 
 
Heiliger Vitus, 30. Juni 2004
(Abbildungen: Hl. Vitus)