MARDUK, NAPALM DEATH, FINNTROLL, VADER, THE BLACK DAHLIA MURDER, BELPHEGOR
D-Frankfurt a.M, Café Royal - 16. Dezember 2004
[666] Gipfeltreffen von Black, Death und Grind. Vom 5. bis 19. Dezember zogen unter dem Banner »X-Mass-Festivals-2004« die Horden Marduk, Napalm Death, Finntroll, Vader, The Black Dahlia Murder und Belphegor über Europa. Heute hielt der Kreuzzug im Rhein-Main-Gebiet. Dabei sollte das Ganze ursprünglich in der 1000 Besucher faßenden »Live Arena« von Münster bei Darmstadt steigen. Dann hatte sich mit dem über 1300 Plätze verfügenden Frankfurter »Café Royal« aber ein noch größerers Objekt gefunden. Und dies mitten im Zentrum der Mainstadt an der Einkaufsstraße Zeil - und an welch einem Ort! In den Endfünfzigern als »MGM« eröffnet, später Frankfurts führendes Lichtspielhaus und Originalschauplatz für den »Schattenmann«, hatte der ehrwürdige Filmpalast »Royal« im Jahr 2003 den Kampf gegen die computergesteuerte Neuzeit verloren, wurde erst von Technodiscos entweiht, und heute hielt auch noch die Schwermetallmusik Einzug in den rotsamtenen Bau.
 
28 Euro mußte der Metaller blechen. Dank der befreundeten Organisatorin Frau (D)Evi(l) durfte ich mit Höllenfürstin Peanut 333 umsonst rein. Halb sechs hatten sich die Pforten geöffnet. Hundert Antichristen, Blackmetallunatics, Deather, Kuttenträger und andere schwarze Seelen waren vor Ort. Aber es wurden mehr, ungefähr 700, darunter die Rock-Hard-Späher Albrecht und Buffo, sowie die Düstermetaller Jörg und Erde von Soleïlnoïr.
BELPHEGOR 18.00 - 18.30
Der Belphegor - ein Dämon in Frauengestalt - wurde von der Hölle auf die Erde geschickt, die Menschen von Gier und Neid zu säubern. Er verzweifelte jedoch an der Bosheit des Zweibeins und zog die vergleichsweise erträgliche Hölle dem irdischen Leben vor. So die Überlieferung. Nicht aus der Unterwelt, sondern aus Salzburg, Österreich, war der nach dem Dämon benannte Spähtrupp angerückt - um mir das Herz bluten zu lassen. Nichts gegen Belphegor und Death Metal, doch wo noch zwei Jahre zuvor die Schlacht um Mittelerde zu Tränen gerührt hatte, lärmten heute vier in Kampfuniformen und Stiefeln steckende und mit Kreuzen, Drudenfüßen und Schwarztattoos bestückte, langlodige Extremmetaller. Welch ein Frevel! Wegen zu langem Herumumdoomens vorm heimischen Laufwerk war mir ein Teil der apokalyptischen Slayerriffs und Berserkervokale entgangen. Sieht man von den in tiefster österreichischer Mundart vorgetragenen Vermeldungen - wie: »Vor vier Toagen hoams uns a E-Gitoarrn gestohln - Fukk the Blood of Christ!« - ab, so waren die alten Haudegen aus Rot-Weiß-Rot durchaus passabel. Der zentral agierende Frontkrieger Hel(l)muth röchelte wie am Spieß, und Torturer sowie die sich den Schädel abbangenden Axtmänner Sigurd und Barth metztelten mit viel Kawumm räudige Aggressionen durch den Saal. Das war´s dann auch schon, von den »Necrodaemon Terrorsathans«. Final hieß es - unter Fists in the air - kurz und schmerzlos: »Dankeschön Leute, bye!« Ach ja, Gasmasken hatten die Kameraden mitgebracht: auf 999 Stück begrenzt, 35 Euro das Stück.
 
Kurzes Hallihallo mit Meister Buffo, Plappern über den matschigen Sound (respektive die miese Beschallung im voluminösen Saal), und Vernichten von Binding Nulldreil für dreiste 3,50 Euro. Wer sich außerhalb versorgen wollte, dessen Karte verlor die Gültigkeit.
THE BLACK DAHLIA MURDER 18.45 - 19.15
»We are The Black Dahlia Murder from Detroit, Michigan« hieß es dann, und: »Come on everybody, I wanna see you move!« Auf der Rampe standen fünf pummelige Mittzwanziger, die sich nach einem bizarren und nie aufgeklärten Mord an einem Hollywood-Starlet der 1940er Jahre benannt haben (der Dame wurde der Mund bis zum Ohr aufgeschlitzt). Das ließ Unheilvolles vermuten, es begann mit »Unhallowed« auch drückend - verflachte danach aber erheblich. Trotz wildem Schädelschüttelns und irrer Veitstänze fabrizierten die USAler einen reichlich blutleeren Dämon im Gemenge zwischen melodischem Death Metal und modernem Metalcore. Mit einem Frontmann Trevor Strnad, der in fast schon paranoider Manier unentwegt zwischen Gegrunze und Gekeife umher pendelte. Die Lieder hießen »Closed Casket Requiem«, »Miscared« und »Thy Horror Cosmic« - und außer einem Dutzend Bangwilliger vermochte der neuzeitlich-neurotische Bastard niemand aus dem Sessel zu reißen. »Come on, you fuckin´ pussies, let´s go!« und »Come on motherfuckers!«: dementsprechend sauer schien Strnad auch zu sein. Und BDM-Hemden sollten wir uns zulegen - um die Tour zu unterstützen. Es folgten noch »When the Last Grave has Emptied« und die unter vielen Teufelsanbetungen zelebrierte »Blackest Creation«. Mit einem »Thanks, good night!« beendeten die Vertreter des Sternenbanners ihre erste Schau auf dem Boden der Alten Welt.
VADER 19.30 - 20.15
Die ersten richtig guten Töne zimmerten Vader aus Polen. Schon beim Stimmen der Trommeln hagelte es Begeisterungsstürme. Stuka-Sirenen, Flakfeuer und detonierende Bomben leiteten als »Intro« ein. Doch gleich beim ersten Schlag auf die Gitarre sprang eine Saite. Doch war das Problem rasch behoben, und nach einem akzentfreien »Frankfurt, Guten Abend!« ging der Death Metal alter Machart ungehemmt ab. »Dark Transmission« und »Silent Empire« hießen die ersten schweren Geschütze, die auf die nun 700köpfige Anhängerschaft niederprasselten. Auch das Geschwader aus dem Osten gab sich uniform schwarzgewandet und mit Haaren bis zum Arsch die Ehre. Vader taten sich 1986 zusammen, und erst 1990 - als der Death Metal schon im Sterben lag - erschien ihr Demo 'Morbid Reich'. Peter, Mauser, Novy und der verletzungsbedingt durch Daray ersetzte Trommler Doc haben sich durch Beharrlichkeit nach ganz oben gespielt, und zählen heute zu den führenden Deathern weltweit. Ihr Stil ist ein Verbund aus obsoleten Possessed, apokalyptischen Slayer und brutalen Todes-Growls. Mit »Dark Age« ließ das ungestüm mähnekreisende Kommando das ungestüm schnelle und gleichsam betagteste Ungetüm nach vorne abdonnern. Dazu den »Firebringer«. Und immer wieder euphorischste Abfeierungen vom Volk und Dankesworte in Germanisch durch Leitwolf Peter: »Vielen Dank! Danke!« Mit »Crucified Ones« waren es acht rohe Wirbelsprenger, die Vader abgefeuert hatten. Peter salutierte »Vielen Dank! Wir kommen zurück! Auf Wiedersehen, macht´s gut! Danke!« Und eine Zugabe war drin, vom Erstwerk, ein letzter gnadenloser Schädelspalter, und ein letztes »Vielen Dank, Deutschland!«
 
In der Pause drängten zwei junge Puppen ins rammelvolle Knabenklo. »Entschuldigung« - »Is mir scheißegal, ich muß pissen.«
FINNTROLL 20.30 - 21.15
Nun füllte sich die mit 50 Metern für den Underground absolut zu voluminös geratene Bühne endlich mal: mit dem sechsköpfigen Volkstanz-Ensemble Finntroll. Was soll ich sagen - auch alle in rabenschwarzer Kluft steckend, nur mit anderen Tönen im Gepäck. Die Trolle aus dem hohen Norden köcheln aus Death- und Black Metal, nordischer Folklore und der finnischen Polkavariante Humppa ein ganz eigenes Gebräu. Eines was nicht jedem schmeckt - aber die Promillezahl steigert. Zwei deathige Teile machten heute den Anfang im Programm der von zwei Schicksalsschlägen schwer gebeutelten Finnen. Auf vereisten Pfaden ging´s in die trinkselige Synthieschunkelei, mit »Fiskarens Fiende« und »Trollhammaren«; dann in etwas Düsteres mit »Jaktens Tild«; stampfend weiter mit »Nattfödd«; auch mal ein Abstecher zum Black Metal mit »Long Winter Tail«; und was Folkiges mit »Eliytres«. Als Zugabe ein noch neues Beelzebub-Ständchen - »a bit different« - wikingermässig mit Schwarzheimergekeife und markigen Evil-Zeichen unterlegt: »A Diner´s Bark«. Dazu eine rockige Nummer, die nach etwas Geklautem klang.
NAPALM DEATH 21.30 - 22.30
Die Miterfinder des Grindcore von 1982! Meine achte Begegnung mit den »Enemies of the Music Business«. Oder schon Nummer 14? Nachdem zuletzt die Haare zu großen Teilen gefallen waren, fehlte heute der Langhaarigste überhaupt - Jesse Pintado - mit einem Alkoholproblem. Beharrlich unter den Napalmtoten hingegen: Bassist Shane Embury (seit 1987), Sprachrohr Mark »Barney« Greenway, Gitarrist Mitch Harris (beide seit 1989), sowie Trommler Danny Herrera (seit 1991). Zwei heftige Anarcho-Explosionen namens »Control« und »Life« machten den Auftakt, und der traditionell mit Kurzbuxe und bandagiertem Knie auflaufende Barney stellte den Trupp kurz vor: »We are Napalm Death from Birmingham.« Mit dem Zusatz: »The next song is another war-song!« Der erste Stagediver hechtete über den Fotograben hinweg in die Meute, und die Engländer servierten etwas vom deathigen Langeisen 'Harmony Corruption': »Suffer the Children«. Ja, und so krachten sie aus den Boxen, jene aus brachialem Mahlkern und rasendem Todesstahl gemachten, systemschrottenden Geschosse, die so gar keine Kompromisse kennen. Barney fuchtelte, bellte und röchelte wie immer epileptisch über die Planken; Mitch fackelte - stoisch die Loden schüttelnd - seine harten Riffs ab; Herrera trümmerte die Kessel; und der Bassist mit dem legendären Strubbelkopf grinste einfach nur still in sich hinein. ND huldigen auf den reinen Coveralben 'Leaders Not Followers' bekanntermaßen ihren einstigen Wegbegleitern. Davon gab es das von Harris gekeifte »Lowlife« (Cryptical Slaughter) sowie »Blind Justice« (Agnostic Front). Eine Nummer von der pfeilschnellen 'Utopia Banished' folgte, und Barney propagierte ein wenig guten alten pUnK: »The next is for my glorious England... 'God S(h)ave The Queen' (The Exploited).« Nachdem Gott die Königin rasiert hatte, hieß es: »Prost Deutschland!« (mit Gänsewein). Darauf beförderten uns Napalm Death auf einen Trip zurück in die Zeit des ewigen Demo-Undergrounds. Sinngemäß in etwa mit: »Back to the eighties, around 1986/1987, to the titletrack, which is called 'Scum'.« Ein weiterer, nur Sekundenbruchteile währender, trockener Hieb in die Fratze der Obrigkeit folgte - »You Suffer« -, der obligate Anti-Nazi-Song - Dead Kennedys »Nazi Punks Fuck Off« - war freilich auch present, und nach »This is our absoluteley last song for tonight - »Siege of Power« - war der Napalmextremsplatterblast verraucht.
 
In Memoriam:
Am 24. August 2006 verlor der frühere Napalm-Death-Gitarrist Jesse Pintado den Kampf gegen die Drogen. Pintado wurde 35 Jahre.
MARDUK 22.55 - 23.55
Der Überlieferung folgend, erschuf der Schöpfungsgott Marduk aus Blut Menschen. Marduk erstach seine Mutter, zerschnitt ihr Herz und schied so Wasser von Land. Marduk im Diesseits sind kontroverse Gestalten aus dem Inner Circle des Black Metal. Marduk sind Kriegsfetischisten, sie stehen auf Devotionalien und Militaria aus dem Zweiten Weltkrieg. Marduks Lieder handeln von Satan, Krieg und Tod. Marduk provozieren mit blasphemischen Titeln wie 'Fuck Me Jesus', »Jesus Christ... Sodomized«, »Death Sex Ejaculation«. Ein Plattencover landete auf dem Index. Marduk reizen mit Werken wie dem Heidrich-Lied »The Hangman of Prague« und »Warschau«, mit dem Albumtitel 'Germania', mit wenig lebensbejahenden Zeilen auf Germanisch, wie »Tod und Vernichtung nach England«, mit ihrer Internetrubrik »Propaganda Ministerium«, und Marduk lassen auch mal einige im diesbezüglich sensiblen Deutschland ungern gehörte Aussagen zum »Dritten Reich« ab. Marduk stehen auf Totenköpfe. Sie sammeln Totenköpfe, singen durch, und trommeln auf Totenköpfe(n) Lieder ein. Nur Abgründiges war zu vernehmen über die Panzerdivision aus dem Nordland Schweden. 1990 von Morgan ins Leben gerufen, ist Morgan gleichsam die Konstante, der General bei Marduk. Sänger Mortuus, Basser Devo und Trommler Emil unterstützen ihn seit zwei Jahren. Und heute und jetzt standen sie vor uns, vier nachtschwarz Gekluftete mit Eisernen Kreuzen, Drudenfüssen, martialischen Patronengurten und Stahlkappenstiefeln, langen Haaren und schwarz-weiss getarnten Gesichtern: die Legion Marduk auf dem 'Deathmarch'. Ein Hailsruf und ein triumphierend gen Himmel gerecktes Luziferzeichen schloß gleich zum Auftakt den Bund mit dem Teufel. Der Tank rollte an - und die Nordmänner nahmen mich im Sturm. Aus den Lautsprechern dröhnten einförmig-raserische Stahltrossen, hyperschnelle Blastbeats und haßerfülltes Feuerprasseln. Der Gesang war eine Art Gekrächze und Geschreie mit Inhalten, die man sowieso nicht versteht. Marduk ist Ideologie. Um ein wenig illusionsreiches Weltbild, welches man am intensivsten im ersten Glied verspürt. Beim Headbanging. Was jedoch aussichtslos war, krallten sich doch unzählige Mardukanfleher Raubtieren gleich am Zaun unterm Geviert fest. Somit blieb mir der Kult um »The Black« und »Burn My Coffin« nur unter Abschädeln inmitten der Nachhut. In meinem Kreuz: ein Heer fliegender Mähnen. Auf meinem Rücken: ein Gefühl, als ob mir ständig jemand mit ´nem Besen drüberfährt. Und voraus: dieses mörderische Inferno aus ultraschnellem, ultraggressivem und ultrabrutalem Schwarzmetall. Das Kettenfahrzeug mit Führer Morgan war packend bis zuletzt. Zur Mitternacht war der alte Filmpalast dem Staube geweiht. Frau (D)Evi(l), Jörg, Erdkugel, Peanut 333 und ich entfernten uns zusammen...
 
...und liefen draußen in einen Kessel aus Freunden und Helfern. Drei Mannschaftswagen und ein Streifenwagen hatten die Schäfergasse von der Zeil abgeriegelt. Man ließ uns passieren. Es folgten abschließende Getränke mit Cappuccino, Kaffee, Cola, Energiebrause aus Österreich und Guinness im Schwulenpub »Birmingham«, sowie die Heimfahrt in der Karosse von Jörg »Deprobeat«.
 
 
Heiliger Vitus 666, 21. Dezember 2004
(Abbildungen: Hl. Vitus)