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5. BONN-MARATHON, 10. April 2005 ¤ AUFBAUKAMPF Frankfurter City-Halbmarathon, 6.3.05 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| STRECKE ¤ VORBEREITUNG ¤ MARATHON ¤ STATISTIK ¤ BILDER | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Opjepass, de Prinz kütt! (Totentanz in Bonn) Nach der Endzeit von 3:12 Stunden in Frankfurt wollte ich im folgenden Frühling die Schallmauer der 2:59 knacken. Pflichterscheinen auf den Festen des Doom im April hemmen leider immer den notwendigen ungestörten Aufbau für die zeitnah stattfindenden und ans Herz gewachsenen Marathonläufe im Weiltal, an der Oberelbe und in Mainz. Auch die Großen von Hamburg und London würden erneut ohne mich steigen. Aus diesem Grunde beschloß ich ein Ausweichen auf einen frühen Marathon direkt am Saisonauftakt. Nachdem die Wahl ursprünglich auf Freiburg gefallen war, beschloß ich nach der Hälfte der Vorbereitung eine Ummeldung: vom leichten Höhenprofil am Oberrhein - zur vermeintlich schnellen Piste am Mittelrhein mit einem Start im »Bundesdorf« Bonn. Im Zuge meiner Ausreise aus der DDR war ich 1984 zum bis dahin ersten und letzten Mal in Bonn. Da man in Bonn von einer gezielten Rekrutierung kenianischer und äthiopischer Spitzenathleten absieht, hat der Marathon den Charme eines großen Volkslaufs bewahrt. Mit 7000 bis 9000 Teilnehmern will sich Bonn jedoch unter den ersten Zehn der deutschen Marathonläufe festsetzen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| .:: DIE STRECKE ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Bonns Marathon begann auf dem Markt mit dem ehrwürdigen Bonner Münster. Direkt nach dem Startschuß führte die Kennedybrücke über den Rhein zu einer Stippvisite in die Ortsteile Beuel und Ramersdorf. Wieder zurück in Bonn-Zentrum verlief die Route über die Rheinpromenade stromaufwärts an den einstigen Regierungsbauten entlang durch Gronau, durch Plittersdorf und Rüngsdorf nach Mehlem. Nach dem Wendepunkt in Mehlem ging es über Lannesdorf, Pennenfeld, die Diplomatenstadt Bad Godesberg, durch Friesdorf, Dottendorf und Kessenich sowie die Südstadt, die Nordstadt, Auerberg und Castell zurück zu Start und Ziel auf dem historischen Markt. Die Ellipse einmal quer durch die Stadt war amtlich vermessen, sie verlief fast durchweg auf Asphalt und barg keine großen Aufgaben. Die Zeiten wurden durch das im nahen Bergisch Gladbach beheimatete Zeitmeßsystem »Champion-Chip« erfaßt. Streckenrekordler war seit 2003 Michail Minuchin aus Rußland mit 2:14:43 Stunden. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| .:: DIE VORBEREITUNG ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Gewöhnlich arbeiten Sportler mit Übungsleitern und Trainingskameraden zusammen. Marathonläufer jedoch nicht. Langstreckenläufer sind Individualisten, die nach Büchern üben. Derweil am anderen Ende der Welt die Fibeln von Arthur Lydiard und Rob de Castella Verkaufsschlager wurden, und in Amerika Jeff Galloway zum Guru der Jogger aufstieg, folgte man in den 1960ern hierzulande erst dem Laufpionier Dr. van Aaken, und später vor allem den Ratschlägen Herbert Steffnys. Neuester Lehrmeister ist das »Internet«, wo seit 1991 ein gewisser Peter Greif als der Erleuchtende gilt. - Mit meiner zwölften Marathonvorbereitung ging ich mit Übungsleiter Greif (Bestzeit 2:24 Stunden und A-Lizenz) neue Wege. Greif lebt im dunklen Harz und seine Anleitungen sind Quäl-, Schleif- und Striezpläne vorm Herrn. Nachdem ich meine Basisdaten nebst 40 Euro übermittelt hatte, lag am 15. Januar Greifs erster Vier-Wochen-Plan in meinen Briefkasten. Ich war nun Mitglied im 1100 Sportler umfassenden Greif-Club, einem Laufverein mit Deutschen Meistern, Landesmeistern und sogar Weltmeisterschafts-Siegern. Ich hielt Greifs Leitfaden in den Händen. »Kein Sklavenblatt«, wie er beteuerte. Doch nichts anderes war es. Zwölf Wochen lang würde ich den Greif´schen Weisungen unbedingten Gehorsam leisten. Tag für Tag, vierundachtzig Mal. Die CHRONIK vom 17. Januar bis 10. April: 1. Wo. (88 km): Nun ging es also los. Für die Einstiegswoche sah der Marathon-Plan T5Z (die Ziffer steht für die Anzahl der Wochentrainingstage) »67-75 km so oder so ähnlich schon oft absolvierter Dauerläufe« vor. Ich lief 88 Kilometer, einschließlich eines extensiven 30ers am berühmten und gefürchteten Langen Tag. Zudem erfolgte die Anmeldung für den unverzichtbaren Aufbauwettkampf, der beim Frankfurter Halbmarathon geplant war. 2. Wo. (55 km): Gleich der erste lange Kanten hatte Konsequenzen: Mit Schmerzen im Hüftgelenk (resp. im Ischiasnerv) konnte ich drei Tage lang nur Regeneration machen. Der Rest war viel Alkohol und Musik, und kaum Sport und Schlaf. Denn auch in diesem Jahr sind wir wieder nach Nürnberg gefahren, zum »Low Frequency Assault«, dem Gipfeltreffen des Extrem-Dooms. (Greif hätte mich an die Wand gestellt.) Allerdings ließ ich mir einen Lauf nicht nehmen, und zwar die zehn Kilometer vorbei an den winterweissen Dutzendteichen »Rund um das Reichsparteitagsgelände«. Vorgabe waren 68-75 Kilometer - ich erreichte läppische 55: Hausfrauenliga! 3. Wo. (114): Die Gelenke, Sehnen und Bänder hatten sich den Umfängen angepaßt. Sie waren adaptiert, wie man so schön sagt. Und wie von Geisterhand genommen, gingen alle Schmerzen. Mit zwei Märschen über die große Runde jenseits der »30« und insgesamt 114 Wochenkilometern war der Trainingsrückstand weitgehend aufgeholt. 4. Wo. (95 km): Es wurde schnell. Extensive Wiederholungsläufe wie 4 x 3000 Meter in 4:25 Min./Kilometer waren absolutes Neuland für mich. Es war mörderisch und ich hatte nur noch Muskelkater. Vorgabe: 82-91 Kilometer - gelaufen: 95 Kilometer. 5. Wo. (112 km): Mit dem Marathon-Joker-Plan begann die Vorbereitungsperiode II, die direkte Wettkampfvorbereitung und zugleich die Zeit des umfangreichsten und härtesten Trainings. Mit einem 15-km-Tempodauerlauf ging es gleich richtig ab. Der Übungsleiter räumte ein, es sei »schlimmer als in der Fremdenlegion«. Wie wahr, wie wahr... 93-106 Kilometer waren angewiesen - ich machte 112. Und noch etwas: Bei Greif schnappt man nicht einfach so reflektorisch nach Luft. Nein, man rennt mit der Neuen Atemtechnik (NAT). Vom Pneumothoraxinvaliden 2001 - die Kurpfuscher in Weiss hatten mich bereits abgeschrieben - zum Powerbreather 2005! 6. Wo. (118 km): Schnee, Stürme, Eisplatten und ein schmerzender Meniskus. Nach der Nettigkeit von 3 x 4000 Meter Wiederholungsläufen in der Vorwoche, liebkoste mich der Übungsleiter nun mit 4 x 2500 Meter. Ich hatte das Gefühl, Greif will einen Bahnläufer aus mir formen... Mit moralischer Unterstützung meines Laufkameraden Jockel steigerte ich die Kerneinheit von 35 auf 40 Kilometer. Und - um Himmelswillen - auch die Geheimwaffe Endbeschleunigung auf den letzten drei ließ ich nicht weg! Der Trainergeneral hatte 93-106 Kilometer gefordert - ich machte 118. 7.Wo. (103 km): Aufgrund der vermeintlich flacheren und schnelleren Strecke sagte ich am 1. März meinen Start beim Freiburg-Marathon ab und meldete mich zum Bonn-Marathon! - - Dem Verwöhnprogramm für die ganz Harten (3 x 3000 Meter in 12:21 Min.) sowie 17 x 400 Meter am Stück, folgte am Sonntag der wegweisende Aufbaukampf... | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER AUFBAUKAMPF ::. 3. FRANKFURTER CITY-HALBMARATHON, 6.3.05 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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8. Wo. (120 km): Seelenkranke Möchtegernführer und irdische Vor-Gesetzte wollen einem das Leben vermiesen. Es gibt soviel Wahnsinn auf der Welt, soviel unnütz verschwendete Zeit, Kraft und Gesundheit! Wenigstens Väterchen Frost half mir durch weiterhin feines Spätwinterwetter. Und Peter Greif tröstete mit einem Lächeln und schnellen 6 x 1000 Meter in 3:51 Min. pro Kilometer (ich mußte in Form kommen!). Sonnabend dankte ich mit 37 Solokilometern, wovon die letzten neun mit Endbeschleunigung waren. Damit war das Wochenprogramm um 23 Kilometer übererfüllt. 9. Wo. (120 km): Mit der Vorbereitungsperiode III, begann die Endphase. Fortan wurde Gewicht gemacht. Nachdem geistige Getränke schon länger tabu waren, herrschte nun vier Wochen die totale Abstinenz! Neben den obligaten Kohlenhydraten und Proteinen wurde die Energie aus Sellerie, Kohlrabi, Möhren, Salat und anderem Grünzeug bezogen. Aus Viehfutter sozusagen. Neben dem Regenerationsbooster Frubiase warf ich zur Nahrungsergänzung die Wunderalge Spirulina und den Fettkitzler L-Carnitin ein. Am Wochenbeginn standen die 17 verhaßten Tempoläufe über 400 Meter an. Doch in der Wochenmitte kam der für März vorausgesagte Formdurchbruch! Die Vorgabe von 4 x 2500 Meter in 10:08 Min. war ebenso machbar, wie der extensive 35-Kilometer-Lauf mit 12 Kilometer geistesstärkender Endbeschleunigung bis unter 4:42 Min./Kilometer. Motiviert durch meine radelnde Freundin hängte ich ein Kilometerchen dran. Laufzeit für 36 Kilometer: 2:48 Stunden! 10. Wo. (130 km): Gipfelwoche und Formkrise! Beim montäglichen Holger/Olga-Meier-Zerbrösel-Lauf (Maximaltest über 10 Kilometer) streikte die Stoppuhr, und auf der großen Runde gab es Differenzen mit Peanuts Fahrradtachometer. Somit waren zwei wichtige Einheiten ins Blaue gelaufen und ein leichter Schaden für die Psyche entstanden. Mit dem einsetzenden Frühling wurden die Laufstreckem nun auch wieder von bellenden Vierbeinern, Horden fetter Nilpferde und Blindgängern auf Drahteseln blockiert. Hier gilt: Wer zuerst haut, siegt! Ferner winselte der ganze Knochenapparat um Gnade. Einmal hingelegt oder hingesetzt kam ich vor Nacken-, Kreuz-, Hüft-, Knie- und Zehenschmerzen kaum noch hoch. 11. Wo. (115 km): Die Phase der Konsolidierung. Nach zweiwöchigem Herumexperimentierens mit Mineralstoffen und Magnesium, mit der Alge Spirulina, mit L-Carnitin und dem Vitamin B, war ich zu einem wandelnden Dopinglabor mutiert. Doch keine Spur von Fortschritt. Ganz im Gegenteil: Ich war platt wie eine Flunder. Nachdem sich im Fußgewölbe auch noch ein befremdliches Kribbeln einstellte, setzte ich sämtliche Substanzen ab. Der marathonendzeitweisende 15-km-Supertest war die letzte geknallte Einheit, und der letzte 35-Kilometer-Lauf stand ganz im Zeichen von Erhalten und Erholen. 12. Wo. (44 km): Das Finale brachte einen Schreckensmoment: Am Montag mußte ich dilettantischen Pedalrittern ausweichen und trat mit vollem Karacho in eine tiefe Kuhle. Es folgte eine Nacht voller Schienbeinschmerzen und quälender Ungewissheit. Doch der Schmerz verschwand wie er kam - in der Dämmerung des Dienstag. Im Übrigen erfolgte planmäßige Reduktion auf Regeneration und Tempogefühlsläufe in Renngeschwindigkeit. - Eine dreimonatige Ochsentour hatte ihr Ende gefunden. Greif hatte mich auf ein völlig neues Niveau gehoben. Ich kam auf 66 Übungseinheiten mit 1258 Kilometern, also im Schnitt sechs Wochentrainingstage mit 100 Kilometern. Keine meiner Vorbereitungen war so gewinnbringend. Alle Formtests deuteten auf eine Zielzeit zwischen 2:57 und 3:02 Stunden. 7 bedeutsame Grundsätze zu Greif: 1. Tempoläufe sind schneller als bei Mainstreamtrainern 2. Im Gegensatz zum Hauptstrom gibt´s kaum mittelschnelle Dauerläufe 3. Die Pausen zwischen Wiederholungsläufen sind langsamer und länger 4. Die lange Einheit ist länger als beim Hauptstrom 5. Auf der langen Einheit wird Endbeschleunigung eingesetzt 6. Die Regenerationsläufe sind langsamer und länger als beim Hauptstrom, und 7. Durch den Einsatz längerer Regenerationseinheiten erhöhen sich die Umfänge | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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.:: DER MARATHON ::. 5. RHEIN ENERGIE MARATHON BONN, 10. April 2005 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Freitag, den 8. April Nach einer romantischen Lokomotivfahrt durch das Rheintal mit der Germania, der Loreley und seinen steil zum Fluß abfallenden Weinbergen, war ich zur Mittagsstunde mit meinem Mädel in Bonn angelangt. Als Unterkunft durften wir ein privates, funkelnigelnagelneu eingerichtetes Appartement in der Wohnsiedlung Alt-Tannenbusch, direkt hinter der Tannenbuschdüne, einweihen. Nach einer strapaziösen Proviantbesorgung im Tannenbusch-Center nebst Heimtransport per Taxi, standen uns noch die Anmeldeformalitäten auf dem Münsterplatz bevor. Um keine weitere Energie zu vergeuden, bemühten wir wieder eine Droschke. Nicht ahnend, daß in dieser Stunde ein Tankwagen in Beuel eine Ladung hochexplosiven Isopropylamins verlieren mußte. Mit der Folge, daß Bonns Innenstadt abgeriegelt wurde - und wir uns im Stau über eine weitere saftige Rechnung freuten. Die Verkaufsveranstaltung Marathonmesse fand in einem Zelt statt, und erwies sich als überaus entspannt und ganz unkompliziert. Sonnabend, 9. April Wie am Vortag standen heute nur drei Kilometer mit lockeren Steigerungen auf dem Programm. Seit Mittwoch lag das Hauptaugenmerk verstärkt auf der Verpflegung. Gemäß Greifs »Profi-Ernährungs-Plan« bedeutete dies kohlenhydratreich mit Vollkornbrot, Müsli, Hirse, Reis, magerem Geflügel, Trockenaprikosen, Nudeln und Kartoffeln. Dazu hatte Peanut eine Soße aus Tomaten und Paprika (Kalium), Pilzen, Schinken und Edamer (Chrom) gekocht. Zu trinken gab es Säfte, Mineralwasser und selbstangerührte Glucosegetränke. Für eine bessere Kohlenhydrataufnahme war jedes Getränk mit Apfelessig versetzt. Die Nahrung wurde ergänzt durch L-Carnithin, Magnesium, einen Vitamin-B-Komplex und ein Proteinkonzentrat. Um zehn war Zapfenstreich. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Bonn am Morgen | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Sonntag, 10. April BONN-MARATHON! Um 4.38 Uhr war ich wach. Nach einer oralen Einleitung mit Koffein, Saft und Grüntee, sah der Renntag auch noch eine rektale Erquickung durch eine Tube Natriumcitrat vor. Die Wirkung war durchschlagend! Zum Frühstück dann zwei Brötchen, Marmelade, Honig und eine weitere Tube Natriumcitrat für eine vollständige Entleerung. Ein Vierteljahr war alles generalstabshaft geplant und wie geschmiert gelaufen - bis hierher... Um sieben brachen wir mit dem Stadtbus zum Start auf. Am Markt wurden wir rausgeworfen. Nach etwas Umherirrens war in der Rathausgasse mitten in der verwinkelten Innenstadt der Punkt zur Abgabe der Eigenverpflegung gefunden. Die Behälter waren nun aber nicht wie üblich mit Streckenkilometern, sondern mit Verpflegungsstationen beschriftet: »VS1« bis »VS9«. Ich hatte je ein Getränk für die Kilometer 20, 30 und 35 vorgesehen: In welche Boxen stellen? Also die Helfer bemüht. Jene antworteten - in einem Humor, den nur die Rheinländer selbst verstehen (einem süffisanten Singsang aus Scherz und Ernst) - sinngemäß: »Man wisse es nicht genau, könne es aber mal mit Kopfrechnen probieren.« Hieß das 42 Kilometer dividiert durch neun? Von den Bonnstern kirre gemacht, stellte ich meine Pullen in die Körbe VS5, VS7 und VS9 und versuchte - bereits im Krieg - das Adrenalin zu kontrollieren. Ich war nicht zum Spaß nach Bonn gefahren! - Um acht war die Umkleide in der Badeanstalt »Viktoriabad« erreicht. Noch quälende anderthalb Stunden bis zum Start, die wir in zwei Pferchen von drei Kubikmetern und einer Luft aus Chlor und humanoiden Ausdünstungen duchstehen sollten. Peanut und ich: 90 Minuten isoliert in zwei Spinden mit dem Mief und Palaver rheinischer Fröhlichkeit in Nase und Ohren (aber unbehelligt von Blicken und Berührungen)! Nach einem »Starter« (Getränk auf Haferbasis) unter Zugabe eines Löffels Guarana und zwei Gramm L-Carnitin dämmerte ich in der Folge mit angezogenen Beinen einem Fakir gleich vor mich hin... 8.45 Uhr - verrenkt in Hitze und Gestank - noch ein Löffel Guaranapulver... bis es 9.20 Uhr endlich Zeit war, den Motor hochzufahren, das Trikot anzulegen und sich aus dem Pferch zu schälen. Mich berührend meinte Peanut: »Du hast Fieber!« Nur raus ins Licht... ... sehen... und tief durchatmen. Bonn war klamm. Es war grau. Und es war kalt. Fünf Minuten vorm Peng unternahm ich die vorgegebene Hyperhydration mit einem dreiviertel Liter guaranahaltigem Glucosegetränk, und um 9.45 Uhr schickte Schalke-04-Stadionsprecher Piontek die 2616 Marathonläufer ins Rennen. Kilometer 0 bis 10: Bonn-Zentrum, Beuel, Ramersdorf und Zentrum START! Endlich laufen! Vom Alten Rathaus am Markt ging es über den Belderberg und die wasserübersäte Kennedybrücke zunächst hinüber ins rechtsrheinische Beuel. Den am Brückenkopf liegenden ersten Kilometer hatte ich nach 4:08 Minunten erreicht: 20 Sekunden unter Greifs Vorgabe. Noch schneller war der Folgekilometer in 4:03 Minuten. Deutlich zu schnell! Ich lief auf Hochtouren und verschoß wertvolles Glykogen. Es fehlte eine Orientierung. Den Zugläufer für die »3:00«, an den ich mich halten wollte, konnte ich im Rummel nicht finden. Damit blieb nur die eigene Uhr. An der Verpflegungsstation »VS1« strebte mir in der Gegenspur - nur wenige hundert Meter voraus - der dreimalige Bonn-Sieger Minuchin entgegen. Um Schritt und Geschwindigkeit beizubehalten, verzichtete ich aufs Trinken und schüttete mir nur einen Becher Wasser ins Gesicht. Gleich darauf folgte in Ramersdorf eine scharfe Kehrtwendung und es ging zurück durchs stille Beuel hin zur Kennedybrücke. Der fünfte Kilometer war nach 20:50 Min. passiert. Handgestoppte 20:50, denn auf Großuhren hatten die Macher verzichtet. Egal: Ich lag eine Minute unter der Marschtabelle, nahm nun radikal raus und ließ die in Latex gequetschten Eisenmänner neben mir ziehen. Zurück auf der Kennedybrücke, erblickte ich auf dem achten Kilometer erstmals das Trikot mit der angepeilten Endzeit. Wieder im Zentrum von Bonn angelangt, verkündete der Hase seine Renneinteilung, die eine »Pinkelpause zwischen Kilometer zehn und elf« vorsah. Das Tempo wurde vorübergehend verschärft - und damit mein Rhythmus zerstört. Durch verschlungene Gassen hinunter zum Rhein war der zehnte Kilometer erreicht. 40:45 Minuten: fast zwei Minuten zu schnell! Kilometer 11 bis 20: Gronau, Plittersdorf und Rüngsdorf Unter der Kennedybrücke stand wie abgemacht Peanut mit einem Fliegerbier. Auch junge Jecken hatten einen V-Stand aufgezogen, um mit Ausblick auf das Siebengebirge und den nebelverhangenen Drachenfelsen passend zur Tageszeit zu einem Frühschoppen mit »Früh«-Kölsch auf dem Rheinufer einzuladen. Die Reihen lichteten sich. Ein Asiat verhedderte sich und schlug mit gellendem Schrei auf die Rheinpromenade. Zwischen dem 11. und 13. Kilometer wurde mit der Villa Hammerschmidt, dem Palais Schaumburg und dem Bundeshaus die alte Machtzentrale der BRD (heute Bundesviertel) passiert. Und zwischen dem vormaligen Abgeordnetenhochhaus »Langer Eugen« und dem postmodernen Post Tower schloß der Hase wieder auf. Es ging flink. Fast schon provokant entspannt vernahm ihn sein Dutzend Lutscher informieren, daß sie »exakt auf Kurs lägen« ... und dann war der Blitz aus Bonn auch schon federnden Schrittes vorbeigezogen. Wie zum Spott die Rückenaufschrift: »Mit SportScheck laufen Sie zu 3:00«. Vielen Dank für nichts, Sportsfreund Ehlers! So lief er nun dahin, der falsche Hase im unschuldigen Weiss, vier Kilometer längs des Rheinauenparks bis nach Plittersdorf und stets in Sichtweite. Tief im Gedächtnis hatten sich Greifs letzte Worte eingebrannt: »Sieger werden im Geiste gemacht! Und es ist immer der Geist, der aufgibt!« Mein Geist wollte nicht aufgeben. Doch ich stand im Wind und verpulverte viel Kraft und Energie um das Loch zuzumachen. Definitiv zuviel davon! Ich ließ reissen und gelangte ins Konsulatsviertel Rüngsdorf. Drei Rettungswagen donnerten durch die schnieken Villen. Nichts besonderes. Wieder einer aus den Pantinen gekippt, dachte ich. Diesmal jedoch nicht! Am Kilometer 19 war ein Halbmarathonläufer vor den Augen seiner Frau tot zusammengebrochen. Im Rathaus erwog man einen R e n n a b b r u c h, verwarf den Gedanken aber angesichts der monatelangen Vorbereitung der Teilnehmer. Banal dagegen meine Verfassung: Ich hatte dem Stoffwechsel keine Chance zum Anlaufen gegeben, war vielleicht etwas dehydriert, wie auch immer: Urplötzlich hatte sich ein Krampf in meinen hinteren Oberschenkel gebissen. Ich drosselte, versuchte den Muskel im Laufen zu lockern, und brach dramatisch ein. Allein auf den zwei Kilometern bis zum Halbmarathon verlor ich drei Minuten. Kilometer 21 bis 30: Mehlem, Lannesdorf, Pennenfeld, Bad Godesberg und Friesdorf Voller Enttäuschung und einem unsagbaren Gefühl von Leere schleppte ich mich durch die gottverlassene Südperipherie mit dem Wendepunkt Mehlem und dem gezogenen Anstieg und durchs fade Arbeiterviertel Lannesdorf. Vom Rand streckte mir jemand eine Pulle mit einem ritzeblauen Fluid entgegen. Keinen Schimmer, was es war. War aber auch unwichtig. Ich würgte das Zeug runter - und es half zumindest vorübergehend die Geschwindigkeit zu halten. Am Kilometer 25 (Pennenfeld) lag ich immerhin noch auf Kurs 3:06 Stunden. Auch noch eine klasse Endzeit. Indes der Rest zu einer bösen Marter werden sollte. Den letzten Lichtblick gab es vor der Diplomatenstadt Bad Godesberg in Person meiner Freundin, die mir am Kilometer 27 die zweite Trinkflasche reichte. Peanut hat mir angesehen, wie schlimm es kommen würde. Hätte im Prinzip auch sagen können: »Du siehst scheiße aus!« Die verbleibenden fünfzehn Kilometer waren ein Lauf in einen rußschwarzen Tunnel, eine Schmach, eine Demütigung, eine Blamage, eine Demontage, der totale Zusammenbruch. Am Rand tobte der Bönnsche Klüngel mit versnobten Karnevalisten und unzähligen Feinden des speziellen Humors. Ich sag nur »Opjepass, de Prinz kütt!«... Ganze Kolonnen von Kölsch-Bönnschen Frohnaturen reichten mich nun nach hinten durch und zertrampelten das Werk eines Vierteljahres. Wehrlos mußte ich in deren Rücken sehen. Auf einem stand geschrieben: »Die letzten Kilometer sind immer die Schönsten«. Nein, darüber konnte ich nicht lachen! Im Hin und Her zwischen Verachtung und Verzweiflung dachte ich über einen Kneipenstopp oder Aufgabe nach. Doch ich hatte keine Moneten dabei und im Ziel würde Peanut auf mich warten! Zuvor jwartete in Friesdorf mit Kilometer 30 der so gefürchtete »Mann mit dem Hammer«. Zum Teufel mit ihm, ich hatte den K.o. schon lange bekommen. Und wo der Tod schon war, kommt er bekanntlich nicht mehr hin! Mit einer Zwischenzeit von 2:14 Stunden würde noch nicht mal eine Bestzeit rausspringen. Ein Alptraum für zwölf Kilometer. Kilometer 31 bis 40: Dottendorf, Kessenich, Poppelsdorf, Nordstadt und Auerberg Dottendorf und die »VS7« mit - Herrje - einer Eigenverpflegung, einem Gnadenbrot für mich... das Gummibärchenviertel Kessenich... die ehrwürdigen Bürgerhäuser und Parkanlagen der Südstadt... das Lustschloß zu Poppelsdorf und der Arbeiterbezirk Nordstadt: Alles nicht ich, alles nie geschehen, ich war außerhalb von Raum und Zeit, man hatte mir Opium verabreicht! Eine Kinderhand klatschte meine Rechte ab. Und ein alter Mann gab noch einmal Kraft: »Komm Jong´, du schaffst es!« Ein zarter Funkenflug, der gleich an der folgenden Straßenecke von einer rheinischen Pappnase wieder erstickt wurde. Drei Kilometer vor Ultimo stoppte ich, pinkelte in den Schmutz von Bonn und erreichte in gemächlichem Trott nach drei Stunden und zwölf Minuten den 40. Kilometer. Ein halbes Jahr zuvor, war ich in Frankfurt nach dieser Zeit im Ziel gewesen! Die »VS9« hielt Wasser parat. Ich spülte mir Tränen weg: zusammenreißen für die letzten Meter! Kilometer 41 bis 42,195: Bonn-Castell und Zentrum In Castell zierten wieder ganze Menschenberge den Rand. Gesenkten Hauptes und die Augen voller Tränen schlich ich im Zuckeltrab nach Alt-Bonn hinein. Die Bonngasse: Am Morgen noch hatte ich einen Traum. Da wurde sie zur Via Triumphalis. Nun war sie der Boulevard der zerbrochenen Träume. Der finale Spießrutenlauf zwischen den Tribünen auf dem Markt ins ZIEL brachte die Erlösung. Auf die Zeit kotze, pisse und scheiße ich. Drei Tage später habe ich sie im Netz entdeckt und mich über das entgangene s c h w a r z e Trikot für das Schlußlicht von Bonn geärgert. - Den Vogel schossen die Hohläugigen aus Schwarzafrika und Osteuropa ab. Schnellster war der kenianische Massai Cimeli Chemei. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Wenigstens fand ich Peanut auf Anhieb. Wir redeten kein Wort, alles war gesagt! »Hee komme ehr nit dörch!« Im Abgang gab es fast noch eine Schlägerei mit den überaggressiven Ordnern, die meiner Freundin die Begleitung zur Umkleide verwehrten. Wegen dem langen und unklaren Weg dorthin, überließ mir Peanut zum Schutz vor der Kälte ihren Windfänger. Ein Opfer, das sie mit einer Bronchitis bezahlen sollte! ABSCHLUSS Als Schlußfeier war eine Kneipentour durch Altbonn ausgemacht. Wir haben bei Köbess Wuff in der bezeichnenden Schänke »Zum Gequetschten« deftige Hausmannskost gegessen, und im Brauhaus »Bönnsch« mit dem schottischen Läufer »Johnny-Boy« fad-bitteres »Kölsch« getrunken. Jeder zwanzig Stangen (vielleicht auch ein, zwei mehr). Montag, 11. April Der Morgen danach, das böse Erwachen. Ein Kölsch-Kater, der sich gewaschen hatte. So ähnlich muß sich Michalczewski gefühlt haben, nachdem er von Tiozzo vertrimmt wurde. Und als wäre dies nicht schon des Leids genug, wartete auf dem Bonner Bahnhof eine sich fünfminütlich um fünf Minuten verspätende Eisenbahn heim nach Frankfurt. 50 Minuten Beine-in-den-Bauch-Stehen im Wind haben das Desaster besiegelt. FAZIT Organisation: Familiäres Marathonzelt. Aber armselige Verpflegung auf der Strecke. Dafür umso größere Bevormundung und Provokationen durch Ordner. Ausstrahlung: Außer in Godesberg und im Zielbereich waren in Bonn kaum Zuschauer unterwegs. Strecke: Viele lange Geraden ohne nennenswerte Anstiege. Wirkung: Drei Monate eisernes Training wurde in wenigen Stunden zerstört. Der zehnte April 2005 war der schwärzeste und schwerste Tag meiner 16jährigen Sportkarriere. Als Trostpflaster gab es eine aufwendige Medaille (Beethoven-Kopf) und ein elastisches Laufhemd in Weiß. Bonn war in 3 ½ Stunden überrannt. Einmal und nie wieder! Für die Materialinteressierten: Ich lief mit Asics Gel DS Racer VI. Auf Nimmerwiedersehen, Bonn! Kampfläufer Vitus, 13. April 2005 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| .:: ZAHLEN UND ZEITEN ::. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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Wetter: wolkig mit etwas Nieselregen, Temperaturen um 8ºC, leichter Wind Zuschauer: ca. 200 000 Teilnehmer am Start: 5357 Teilnehmer im Ziel: 4910 Marathonläufer am Start: 2616 (M: 2214, W: 402) Marathonläufer im Ziel: 2305 (M: 1932, W: 373) Männer: 1. Peter Cimeli Chemei (Kenia) 2:15:04 2. Marek Jaroszewski (Polen) 2:15:20 3. Penuel Osoro (Kenia) 2:15:43 4. Erikson Kimase (Kenia) 2:16:38 5. Jonah Kemboi (Kenia) 2:17:27 6. Andre Toptun (Ukraine) 2:18:20 Frauen: 1. Valentina Delion (Moldawien) 2:36:47 2. Romy Spitzmüller (Deutschland) 2:39:31 3. Olga Michurina (Rußland) 2:47:32 4. Ivana Martinova (Deutschland) 2:48:17 5. Svenja Jütte (Deutschland) 2:59:31 6. Irene Michels (Deutschland) 3:04:10 Kampfläufer Vitus (Deutschland) Startnummer: 2350 Nation: GER Zeit: 3:26:09 HM1: 1:32:59 HM2: 1:53:10 Platz: 448 von 2214 bei den Männern Platz: 124 in Klasse M40 Nicht alle erreichten das Ziel lebend: Ein 38jähriger Halbmarathonläufer brach zwei Kilometer vorm Schluß - direkt vor seiner Frau laufend - tot zusammen. Herzstillstand. Ergebnisse: >> Championchip | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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