|
Erinnerungen Die Wunden des Krieges klafften noch, Dresdens Straßenzüge lagen noch in Ruinen gebombt, als in einem Mittwinter in Sachsen ein neuer Mensch ins Leben gerufen wurde. Freunde würden ihn später »Vitus« rufen. Das Hügelland zwischen Dresden und dem Erzgebirge war die Heimat. Ein Haus aus schwarzem Holz vor den wuchtigen Bäumen und hellen Lichtungen des Poisenwalds. Ein Ort, wo die Sommer voller Schmetterlinge und Glühwürmchen waren, wo Holzfeuer unter der glitzernden Sternenkuppel brannten, und wo der Winter meterhohe Schneewehen brachte und Eisblumen auf die Fenster zauberte. Ein Garten war da. Apfelbäume hatten da gestanden, Holunder, Kirschen, Pflaumen und duftender Flieder. Die Sträucher waren voller Beeren, Federvieh war da gewesen, ein Hund und Kaninchen. Am Zaun stand eine Laube voller Stroh zum Träumen, und im Keller parkte ein uralter himmelblauer »Adler«. Das Beste war freilich der Dachboden, eine wahre Fundgrube voller Altigkeiten. Unbeschwert und glücklich und frei waren diese Tage. Alles vorbei, alles Geschichte. Geblieben ist ein Blumenhügel von den Großeltern. Der Sozialismus siegt In Zeltlagern, im Knistern von Fackeln und bei Fahnenappellen, lernte der Pionier Vitus was Kameradschaft, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind. Keine Stände, keine Klassen, keine irdischen Vorgesetzten - der Weg war vorgezeichnet und sicher, der Kopf kurzgeschoren und das Blauhemd gebügelt rein. Nur Manieren besaß er keine. Ein Minuspunkt das Fach Betragen. So richtig schlug seine Stunde immer erst nach dem Unterricht. Er liebte das Körperliche. Als Rabauke gefürchtet, hatte er in etlichen blutigen Prügeleien den Thron des Klassenstärksten erobert. Wehrsport sollte ihn wie in einer Vorahnung für den späteren Lebenskampf schulen und stärken. Aber er zeichnete auch gern und baute Drachen und Flieger. Dresden In den frühen Siebzigern endeten die Abenteuer als Pimpf auf dem Lande. Seine Familie siedelte in die zauberischste Stadt der Welt über. Wer in Elbflorenz heranwächst, wird entweder Künstler oder Athlet. Da ihm zum Spielen eines Instruments die Geduld fehlte, fiel die Entscheidung gegen das Geistreiche. Und so wurden alle Kräfte gebündelt und - nicht zuletzt unter dem Einfluß der Heimat als Nation der Elitesportler - fortan in die organisierten Bahnen der Leibesertüchtigung gelenkt. Durchs Stahlbad, Kapitel I: Kampf Judo mußte es sein. Mit zehn Jahren und schmächtigen sechzig Pfund schloß sich Vitus dem »Sanften Weg« an und wurde Judoka. Rasch waren ihm Seoi-nage und Tomoe-nage in Fleisch und Blut übergangen und der 4. Kyu erlangt. Voll von rohem Kampfgeist reihte sich Sieg an Sieg. Technisch überlegene Gegner folgten - und lehrten ihn, daß es im Judo nicht nur auf Mut und Kraft, sondern auch auf taktische Klugheit und Disziplin ankommt. Damit aber stand Vitus auf Kriegsfuß. Immer öfter verließ er die Tatami nun mit einer Niederlage. Letztlich war es eine Verletzung, die das Kapitel Kampfsport beendete. Doch hielt sich die Enttäuschung in Grenzen: Der Drill auf verwanzten Matten und in stickiger Hallenluft hatte ihm ohnehin die Lust am Judo geraubt. Der junge Bruder setzte den Weg fort und wurde Dan-Träger und Judolehrer. Durchs Stahlbad, Kapitel II: Linientreu bis ans Ende 1975 wechselte Vitus zum Radrennen über. Die Teufelskerle der Landstraße hatten es ihm mächtig angetan, das Zusammenspiel von Muskelkraft und Maschine. Die Fanfare der Friedensfahrt wurde seine erste große Liebe. Tief fasziniert stöberte er im Keller einer Bücherei in einem vergilbten Lehrbuch über den Radsport. Das Ziel: Staatsprofi werden. Hartnick und Drogan, die Vorbilder. Doch der Traum stand unter keinem guten Stern: Die Aufnahme in die Eliteschule KJS blieb ihm verwehrt. Mit 14 schon zu alt? War das Umfeld unsicher? War er »politisch nicht tragbar«? Der Grund blieb im Dunkeln. Zudem zerrte der in Scherben liegende Bund der Eltern an seiner Seele. Das Essen mußte er sich selber machen und beschränkte sich oft auf zuckerbestreute Butterbrote. Doch Vitus hatte Glück in der Wahl des Radklubs. Im Arbeiterklub Aufbau Dresden-Mitte - als Excelsior Dresden zu den führenden Bahnrennern des Altreichs zählend -, in einer alten Baracke zwischen Reifenkleber, Kettenöl und einem klapprigen Kompressor, der Luft in die Bahnrennmaschinen hämmerte, traf er einige der besten Männer, die ihm je begegnet sind. Freunde, die mit ihm durch Dick und Dünn gingen. Wie oft er sie vermißt! Blitzende Speichen, ein Rennlenker und Schalthebel aus Alu, ein schmaler Ledersattel, flinke Schlauchreifen, das Trikot noch von der Oma abgenäht, eine Rennlizenz für die Kleine Jugend, stolzes Rundendrehen auf dem Zement der Dresdner Radrennbahn. Doch auch Stürze, Sepso-Tinktur und Wunden bis aufs rohe Fleisch: Dies alles brachte die erste Saison. Im Winter erfolgten dann wieder mörderharte Krafttübungen und Treppen- und Waldläufe in den Elbhängen und der Dresdner Heide. Die Sportler hatten Eiszapfen in den Haaren und naße Schuhe, und die Kameradschaft war ohnegleichen. So was verbindet für immer! Auf die gründliche Durchbildung in Schnee und Kälte folgte der Lohn mit vorderen Ergebnissen in der Großen Jugend. Bald drehte sich Vitus´ Leben nur noch um Radrennen. Für Trainingslager wurde er vom Dienst freigestellt. Treten bis das Laktat in die Muskeln schießt, bei Wind und Wetter, bei Staub, bei Regen, bei Wind und Sturm: dies die Vorgabe. Vom Leipziger Tiefland zu den Hügeln der Oberlausitz, von den Bergen Nordböhmens in die Ebene der Niederlausitz: kaum ein Katzenkopfstück, kaum ein Schlagloch, keine sächsische Chaussee, die er nicht kannte. Mit 19 die Beförderung zu den Amateuren. Veni, vidi, vici: Getrieben vom »He-he-heee!« der Meute die erste Siegerschleife bereits im zweiten Rennen. Erzielt mit einer neuen Straßenmaschine. Zusammengesetzt aus schwer zu erstehenden Teilen. Rahmen und Sattel waren aus der Tschechei eingeschmuggelt; Tretlager, Pedale, Gangschaltung und Naben original Campagnolo, die Bremsen Made in West-Germany. Nur im Kreise der Erlauchten, in einem der acht geförderten Sport-Clubs, den SCs der Leistungsklasse, war für ihn kein Platz. Delegierungen wurden ignoriert, seinem Verein fehlte die Lobby. In der Hoffnung auf den Durchbruch erfolgte der Anschluß an eine Sportgemeinschaft mit dem Nimbus mehrmaliger DDR-Meister in ihren Reihen, an die mythisch verklärte Querfeldein-Hochburg Dynamo Dresden-Nord. Stolz trug er nun die weiße D-Rune auf weinrotem Grund. In der Kaderschmiede Dynamo herrschte Zucht, Ordnung und Leistungskampf - nur an Kameradschaft haperte es. Freunde hatte er nun nicht mehr. Stattdessen das miese Gefühl, alle im Stich gelassen zu haben. Der alte Geist war gestorben, und der Geldgeber VP-Bereitschaft schränkte seine Aufmerksamkeit zur Abteilung Radsport ein. So scheiterte die Teilnahme an den bedeutenden DDR-Auswahlrennen schon an der Anreise. Wie ohne Auto zum Startort kommen? Entscheidende Zähler im Punktesystem waren futsch. Zwei Unfälle überschatteten diese Zeit: Einer seiner Freunde fand den Tod, ein anderer blieb gelähmt für immer. Der Versuch, über eine Parteimitgliedschaft und eine Offizierslaufbahn bei den Sportsoldaten des ASK Vorwärts Frankfurt unterzukommen, scheiterte. Weil der entscheidende Funktionär nicht informiert war, würde er später erfahren. Aber was nutzt das, wenn alles vorbei ist? Der Abgang von der »Fahne« erfolgte in Unehren. Im verflixten siebenten Jahr ... hatte Vitus den Kanal voll. Dazu spielte ihm eine Überdosis Testosteron einen Streich: Bisher mußte seine Jugend immer frei von Schwächen sein. Jetzt wollte er Mädeln haben und gedopte Getränke. Nach einer langen Latte von Erfolgen (54 mal auf dem Treppchen), zuletzt aber etlichen Aufgaben in Folge, begrub er den großen Traum und vermachte seine Rennräder mit den Tränen kämpfend einem Freund. Im Herbst ´82 kam der radikale Ausstieg aus elf Jahren im System des DDR-Leistungssports - im Nachhinein die schwerste und schönste Zeit seines Lebens! Fall und Flucht Fortan war der junge Mann nonkonform. Doch er verspürte keinen Zorn gegen die Heimat. Nein, nur aus Bitternis über die Sportführung, dazu noch reichlich blauäugig, gab er sein Parteibuch zurück. Die Konsequenz: Strafversetzung von einer hübschen Stelle im Außendienst in die Fabrikhallen der Stadt. Vitus war raus aus der Spur. Er war nun eine Person non grata. Alkohol, Schlägereien, verlorene Linien, verlorene Lieben: ein Rattenschwanz negativem Mists folgte. Illusionen zogen ihn nun in ferne Länder, die »Freiheit« (ohne zu wissen, was die in der Wirklichkeit bedeuten würde). Beim Versuch, der Heimat den Rücken zu kehren, schwebte er in großer Gefahr: Vitus geriet in die Fänge der Staatssicherheit. Der Westen holte ihn raus. Von der Hölle in den Himmel - und zurück!! Ankunft im Schlaraffenland 1984, im ersten Morgenlicht, der Weg über die Mauer. Ins Leere. In eine Odyssee durch ein Blendwerk. Vitus´ erste Anlaufstelle im Westen: eine Animierbar. Das erste neue Zuhause: Nürnberg. Und ein vager Versuch, die Radkarriere wieder aufzunehmen. Verdrogte schwarze Afghanen und rote Libanesen entführten ihn jedoch. Randale und Flucht im letzten Moment. Die Mauerstadt Berlin, die nächste Destination. Wieder eine Reise ins Ungewisse. Im Nebelmeer nahe Festung Spandau Asyl bei Rastafaris und eine Episode mit Sweet Leave Mary Jane. Die gab sich als Suchtdroge zu erkennen. Abermals der Aufbruch keine Minute zu früh. Heimweh legte sich auf Vitus. Er litt wie ein Hund und verwünschte all die Hirngespinste, die ihn aus Sachsens Schoß fortgerissen hatten. Auf der Suche nach einem neuen Dach überm Kopf strandete Vitus im Winter ´84 rein zufällig im Fixerparadies Frankfurt am Main, Stadt der glitzernden Wolkenkratzer: im Hadejott, Amüsierviertel Altsachsenhausen. Lohndirnen mit sündigen Lippen lockten ihn in ihre Laufhäuser. Wanderhuren standen da rum. Zur Begrüßung im Paradies durfte er eine Weile im Badischen verschnaufen, umhegt und verführt von lüsternen Kurfeen. Nach Blutwechsel und totaler Aufrüstung Rückkehr in den Alltag mit hellem Bier und Southern Comfort. Etwas Kredit, eine Frau - schwarz, weiss oder gelb: was darf es sein? Fünf, sechs wunderbare Jahre..... Frankfurt, Kapitalistan Doch etwas im Märchenland stimmte nicht. Was in Nürnberg und Berlin noch unterschwellig geschlummert hatte, wurde in der Revolverstadt Frankfurt täglicher Horror: zu viele Farben, Kauderwelsch aus verschleierten, unästhetischen Kreaturen, absolute Nichtigkeiten, ethische Vergewaltigung und multinationaler Haß. Die halbe Stadt fremder Herkunft, jeder fünfte arbeitslos. Das war ihm fremd und entfachte nur abgrundtiefe Verachtung. Auf der anderen Seite prallte Vitus auf die Maschine Mensch. Auf ein »Leben«, dessen einziger Inhalt die »Karriere« ist, beruflicher Ruhm und Geldverdienen, verbunden mit täglicher Unterwerfung. Er erkannte das kriecherische Wesen des Volkes im Westen, und wurde konfrontiert mit Lügen über Lügen über seine Heimat. Kurzum: multikriminelle Horden auf der einen Seite, auf der anderen die Fratze des Mammons, und mittendrin gleichgeschaltete Schafe und Vasallen auf der Suche nach Lob und Anerkennung. Ein Panoptikum aus Heuchelei und Schleimerei, aus Betrug, Raffgier und allgegenwärtigem Haß. Frankfurt: Stadt ohne Sterne am Himmel! Metal, Drogen und Onkäls Allein die Sonne kennt ihren Weg. Für direkten und aggressiven Krach hatte Vitus schon immer ein Faible. Und so sendete der Gott des Donners ihm nun sein metallisches Refugium. Regierten im Osten die Puhdys, Black Sabbath, Led Zeppelin und Deep Purple seinen Plattenapparat (für ein Vinyl blechte man im Osten übrigens ein Viertel seines Monatsverdiensts), so infizierte ihn im Westen die Schwermetallmusik von Van Halen, Judas Priest und Iron Maiden. Mitte der Achtziger wurden Speed- und Thrash Metal auf die Rasse Cro Magnon losgelassen - von Klangkünstlern seiner Generation. Metallica, Slayer, Overkill und Megadeth zogen ihn in ihren schwarzen Untergrund und gaben seinem Leben einen neuen Sinn. Dunkle, nach Bier und Nikotin riechende Klubs, wurden zu neuen Fluchtpunkten. Flackernden Leuchtgeschossen gleich, knallten nihilistische, von lichtschnellen Gitarren und donnernden Bässen und Trommeln angefeuerte Lieder aus den Endstufen. Lange Haare, Bomberjacke, Stahlkappen, Kluft mit Botschaft und tätowierte Totenköpfe schützten sein Inneres. Vitus war verrückt nach Metal, er atmete und lebte ihn. Bös´, böser, böhse Onkäls: Weisse Teufel mit aufrechten Tönen brachten ihm den Stolz zurück. Mit provokanter Attitüde schocken. Zorn und nie endenwollender Haß auf alles und jeden peitschten das Adrenalin durch seine Adern. Zuschlagen ohne lang zu überlegen. Blut, Gewalt und Selbstzerstörung. Der Schmerz im Kopf war ein vertrautes Gefühl. Jede Woche ein Ausflug ins Jenseits, von Experimenten mit »H« bis zur Tranquilierung mit Pillen. Und nicht selten dabei auch ein Flirt mit dem Tod. Dreimal landete er in der Notaufnahme, die Übernachtungen bei den Freunden und Helfern nicht dazugerechnet. Aber Vitus war zum Leben verurteilt. Mit Speck fängt man Mäuse Mitten in die Melancholie des Herbstes 1989 läutete der schicksalshafte 9. November mit dem Mauerfall den Endzeitgong ein. Im Oktober kam der verhängnisvolle »Beitritt« der DDR zur BRD. Deren Volk hatte sein Herz dem Teufel verkauft - um nun selbst ins Verderben zu rennen. Usurpatoren aus dem Westen hatten im Osten Germanias die Macht ergriffen. Gekrümmte »Treuhänder« zogen aus, alle Errungenschaften seiner Heimat eiskalt und rücksichtslos auszumerzen. Eigentumsverhältnisse wurden neu geregelt. Parasitäre Lumpen raubten Vitus Haus und Hof. Vergessen ist das nicht! Neue Lieben Im November ´92, auf dem Höhepunkt der Drogenkarriere, trat das zauberhafteste Geschöpf der Welt in Vitus´ Leben: ein anmutiges Mädchen mit langem, hellblondem Haar, geheimnisvollen, dunklen Augen und leuchtend weißer Haut. Die klärte ihn nicht nur über Punk und Grunge auf. Nein, sie versüßte ihm das gesamte Erdendasein. Nichts war mehr wie zuvor. Sie und ferne Götter haben ihn in den beiden Metaldekaden immer wieder von üblen Substanzen gesäubert. All die schweren Gedanken gingen. Er verliebte sich unsterblich. Aber das ist eine andere Geschichte..... Der Heavy Metal zerfiel Anfang der Neunziger zu Staub. Nur eine Handvoll wackerer Helden läßt ihn weiter atmen. Vitus erinnerte sich an den schon totgeglaubten Doom Metal. Nachdem ihn die erste Welle des Doomladens um Candlemass und Trouble nicht sonderlich anmachen konnte, verknallte er sich Anfang der Neunziger um so mehr in Cathedral, EyeHateGod, Solitude Aeturnus und Saint Vitus. Er verschwand in der Spiritualität der wahnsinnig traurigen, schleppenden Endzeitklänge. Gemacht in einer Welt von Nebel und Finsternis, die nur von Feuer erhellt wird. Vitus versank in Ozeanen voller Tränen. Endgültig resignierend vor der Grausamkeit der Wirklichkeit. Und war dennoch geheilt. Im Wissen, daß jemand genauso denkt und fühlt. Doom ist Freundschaft und Wärme. Vitus ist süchtig nach Doom! Heuern und Feuern - Schuften für das Kapital Die Taler zum Leben hat er stets ehrlich verdient. Die Geheimnisse der Informationsverarbeitung erweckten Mitte der 80er Jahre Vitus´ Interesse. Bits und Bytes versprachen dereinst rosige Aussichten und waren Schlupfloch jenseits der Konventionen. Zwei Jahrzehnte war er dem virtuellen Tagwerk treu; er hat sie ertragen, die leeren Augen, stumpfen Herzen und rationalen Stimmen. All die programmierte Kälte. Tagein, tagaus. Bis er von der digitalen Revolution eingeholt wurde, und der weltumspannende Kapitalismus ihn 2008 als »Kostenfaktor« ausmusterte. Die große Depression besorgte den Rest. Mit einem Schlag mußte er die vielen kleinen Annehmlichkeiten, die das Leben verwöhnt, aufgeben. Was ihm von Kindheit an selbstverständlich war, war nun nicht mehr. Kann Not den Charakter verfärben? Heimkehr Zwölf Jahre war Vitus Sachsens verlorener Sohn. Im September 1996 sah er sein Elbflorenz erstmals wieder. Mit bis zum Hals schlagendem Herzen! Zwei Wochen im Sportinternat Dresden machten ihm klar, wo er hingehört..... Kennziffer 42195 1999 beschloß Vitus, die Psyche ein paar Gänge runterzuschalten und sich auf die alten Tugenden zu besinnen. Wollte sehen, was der malträtierte Körper noch hergibt, wieder die eigene Kraft spüren. Und zugleich auch etwas Eigenes auf die Beine stellen. Der Marathonlauf hauchte neuen Wind in den Alltag. Die 42,195 Kilometer heldischen Ursprungs. Mythos und Martyrium. Triumph des gesunden Körpers über das geistreich Schwache. Aus einer Affäre wurde Abhängigkeit. Nach einem Jahrzehnt einsamen Übens bei Wind und Wetter am Fluß Nidda, und nach einundzwanzig vergeblichen Marathonstarts, war das, was nur ganz wenige Menschen überhaupt schaffen, erreicht: Vitus kreuzte in Berlin ´08 nach 2:55 Stunden die weisse Linie und unterbot damit die mystische Schallmauer. Nur Rotterdam war mit 2:52 Stunden noch schneller. Eine andere große Vision wurde mit dem Zieldurchlauf bei den fünf legendären Kämpfen von Boston, London, Berlin, Chicago und New York zur Wirklichkeit. Und eine alte Liebe war wieder erwacht: Er fand den Weg zurück aufs Rad und genießt im schmalen Sattel eines Mountainbikes das Trommeln der Reifen auf steinigen Pfaden. Im elften Jahr der sportlichen Wiederbelebung wurde Vitus Mitglied von Spiridon Frankfurt. Seine Partnerin schloß sich unmittelbar darauf an. Seit der Jahreswende 2008 läuft Vitus täglich. Mit der Winterwende 2010 machte er seine erste Weltumrundung seit Beginn der Aufzeichnungen mit dem Frankfurt-Marathon 1999 perfekt, und im August 2011 führte er eine Läuferin aus dem Marathonland Äthiopien zu ihrem ersten Lauf über 40 Kilometer. Im Ziel angelangt, schlug die Afrikanerin ein Kreuz. Katharsis Winterweisse Tage im Februar 2003 im Hohenloher Land brachten ein einschneidendes Erlebnis - das Doom Shall Rise, das überirdische Festival der Seelenverwandten. Die Zeit blieb für ein paar Augenblicke stehen. Und im Sommer gab es im sächsischen Roitzschjora die Begegnung mit den magischen Saint Vitus. In Ehrfurcht durfte er den Idolen Dave, Wino, Marc und Armando die Hände drücken und entschwebte in den Himmel des Doom..... Last Exit Sachsen Und sonst? Die Sehnsucht nach der Heimat brennt. Nach über zwei Jahrzehnten in der falschen Zeit und in der falschen Stadt, soll der Rest wieder Dresden sein. »Scher Dich heim Alter. Endlich!!«, hat ihm ein Freund ausgerichtet. Ja, Vitus wird die Zeit zurück drehen. Wird dorthin gehen, wo alles begann, wo schon seine Familie geboren wurde, und wo auch er zur Welt gekommen und aufgewachsen war. Ein Weg, vielleicht nicht leicht zu begehen. Aber voraus wartet Dresden. Wo alles duftet, wo die Menschen vom gleichen Wesen sind; der Ort, wo die Welt noch heil ist, der Sonne entgegen............ |