GUERILLA, THE HIGGINS, LEIDKULTUR, TAXDODGERS
D-Nürnberg, Z-Bau (Kunstverein) - 10. März 2006
Die Doom-Serie »Low Frequency Assault« hatte uns mal wieder nach Nürnberg verschlagen. Und wenn man schon mal an der Pegnitz weilt, darf´s auch gern noch mehr Untergrund sein: etwas Punk in der Punkhochburg N! Der in Gostenhof beheimatete Punk & Hardcore-Laden »Concrete Jungle« feierte Geburtstag. Den ersten. Mit einem Konzert sollte der Anlaß stilecht gefeiert werden. Austragungsort war der »Kunstverein« in der Südkaserne.
 
Frei nach dem Serviettenaufdruck unseres Pensionsgasthofs »Wo aber der Wein fehlt, stirbt der Reiz des Lebens« (Euripides), hatte ich mich mit meinem Mädel etwas heiß gemacht, und bei Quecksilber unter Null um neun die Frankenstraße 200 erreicht. Wo wir dann auch gleich zwei Punketten beim winterlichen Pullern an die Kasernenmauer stören mußten. Im Klub trafen wir auf die üblichen, von der Gesellschaft verstoßenen Punks mit ihren abstehenden Haaren, den Nietenlederjacken und dem etwas anderen Benehmen. Einer von ihnen trug ein Onkelz-angelehntes Hemd mit den Lettern »Der dicke Polizist - Gehasst, verdammt, verarscht«, ein anderer steckte in Clockwork-Orange-Kluft (korovaweisser Overall, Bowler, Springerboots). Das Ganze lief unter dem Banner »Zona Antifascista« und dem Wandgekritzel »Wählt Schnapsionalsozialisten« und kostete 6 Oi!
Um 21.06 Uhr machten die TAXDODGERS aus dem seit heute offiziell zum Geflügelpestsperrgebiet erklärten Erlangen-Höchstadt den Anfang. Fast pünktlich! Für Menschen ohne Uhren eine reife Leistung. Lag vielleicht an der straight-edgigen Nüchternheit, welche die Taxdodgers vorlebten. Die sich doch eigentlich »Drinking Class Punkrock« auf die Fahne geschrieben haben. Drinking Class Punkrock: Da denkt man doch unweigerlich an Singen und Tanzen und Trinken unter der schwarzen Piratenfahne. Aber nicht nur jene, nein, auch die schwarz-weiss Karierte wurde gelegentlich gezückt. Erwiesen sich die Taxdodgers (übrigens englisch für Steuerhinterzieher) doch als rabaukig nach vorne abziehender Street Punk mit ´nem gewissen Funken Rotzrock drin. Als Verkuppelung tiefgelegter 77er Punkgitarren und dreistimmigem, kratzig-gröligem Gesang. Mit dem Ergebnis eines satt abgehenden Lärmgebräus pickepackevoll mit Anarchie. Das sich das fränkische Publikum in gewohnt zurückhaltender Euphorie armverschränkt gab, kratzte die Gruppe wenig. Mogli, Andreas, MaG und Schnupfer kredenzten das klasse »Decadent« und den gut reinhämmernden »Sniper Boy« mit ähnlich viel Hingabe, wie den vermeintlichen Hit »Modern Youth«. Das geilste, weil im Düsenjägertempo abgehende Teil, hatten sich die vier fürs Ende aufgehoben: Nach 35 Minuten hieß es »D.C.W.«
 
Feuerpause. Und Erkundigung meinerseits beim einlassenden Mädel nach der Besucherzahl. Welche diese dank eines kleinen mechanischen Zählwerks auf exakt 194 bezifferte.
Ein Zitat von Orwells 1984 ziert die in 100%iger Eigenarbeit, just zum Konzi fertiggestellte Debütplatte von LEIDKULTUR: »If you want a picture from the future, imagine a boot stamping on a human face - for ever.« So und nicht anders sind LeiDkultur! Ein Trupp wie eine finstere Vision, ein Trupp wie ein Stiefeltritt in die Fratze des Hominiden. LeiDkultur - bestehend aus den Nürnbergpunx Pommes (Bass und Gesang, und nebenbei ein Punk wie aus dem Bilderbuch), Chris (Gesang), Flo (Schlagzeug), sowie den Sechssaitern Elmar und Nase - entfachten von der ersten Sekunde an ein unerhörtes Kreuzfeuer aus knallhart surrenden und scratchenden Stahlsaiten, sich überschlagendem Schlagwerk und räudiger, oft vierstimmig herausgeblaffter Aggressivität. LeiDkultur bewegten sich in der Grauzone von schnellem Punkrock und hochenergetischem Hardcore Punk. Und sie sangen gegen alles und jeden. Von der Abschaffung der Arbeit als lebensbestimmendem Thema, von Terror und manipulativen Medien, vom Streben nach einem selbsbestimmten Leben, von Nazis bis hin zu einem deutschen Misanthropen namens Papst. Jeder Song ein Sprengsatz. Keiner länger als zwei Minuten. Und jeder wurde mit kurzen, schlichten Worten mitten in die Wohlstandsfresse gedroschen. LeiDkultur, ich sag nur: Spikes, Killernieten, Aufrütteln, Aufwühlen und Kampf. Und zum Dank ein wilder Rempeltanz davor. Die sehr beeindruckende Uraufführung dauerte 34 Minuten. LeiDkultur waren PUNK galore!
 
Hurtig wie die Auftritte, so auch der Umbau. Zehn Minuten waren vergangen...
... als um 22.55 Uhr der Sänger der Nächsten in breitem Schwoabisch verkündete: »So, eba no uff dor Audobah, jädschd hier bei eusch: THE HIGGINS.« Auch die Higgins waren als fünfköpfiges Kollektiv aufmarschiert, aus Aalen kommend übrigens. Anfangs noch bedenklich schwäbisch-bieder, ab Nummer 4 - »No Mercy for Washington Fucking DC« - jedoch umso verschärfter in Fahrt kommend. The Higgins - benannt nach dem Millionärs-Snob aus der Krimiserie »Magnum« (dem immer der Ferrari geklaut wurde) - waren die reifsten Semester des Abends. Sie strahlten ein wenig den Charme von Altstudenten aus, und baten auch etwas kultivierter zum Tanz. Kultivierter, melodiöser, hymnischer, und letztlich doch tief im Geiste des alten England-pUnKs verwurzelt. Sprich gnadenlos in die Fresse gehend. Ich nenn´s mal Gute-Laune-Punkrock. Vom Stil her zumindest. Denn die Higgins führen nicht nur Gutes im Schilde. So durfte sich bei »Bush vs. Schicklgruber« (Vergleich des Präsis mit Hitlers Vater) jeder seinen Rückschluß ziehen... Herausstecher waren in meinen Augen das Lied für alle Biertrinker »I don´t like Champagne«, das Pseudo-Heroes-Zitat »I don´t Care« (Lieblingsgruppe der Higgins), sowie die Singalong-Nummer »Who the Fuck are You?!« Die Schwaben zockten 35 Minuten und waren mit ihren Koffern ebenso rasch davongeschlichen, wie sie erschienen waren.
 
Die Punkette vom Einlaß gab die neue Besucherzahl bekannt: »225!« Damit war der Kunstverein ordentlich gefüllt. Aber immer noch so, daß man sich bewegen konnte.
Kurz nach Mitternacht huschten fünf Schatten an mir vorbei. Fünf mit Sturmhauben maskierte, schwarze Gestalten. Welche wie aus dem Nichts durchs Publikum auf die Bühne stürmten, und kurz und knapp verkündeten: »Wir sind die GUERILLA! Wir sind die Antifa! Wir sind die Besten!« Und dann ging der Punk ab. Genauer gesagt, der Hardcore Punk. Denn das was die Guerilla abzog war die Ultrabrutale pur. Eine lodernde Brandflasche aus lichtschnellen und donnernden Instrumenten und hochpolitischen Inhalten. Chaos, Terror und Widerstand. Formuliert mal in subversivem Doitsch, mal in wütendem Englisch. Mit klaren Botschaften »Gegen die Festung Europa« und »Gegen den Staat und jegliche Religionen. Und somit Für die Mohammed-Karikaturen!« Die Guerilla sind Kämpfer gegen Autorität und für Freiheit und Selbstbestimmung. Und sie taten dies mit gereckten Fäusten und sehr geübten Karate-Tritten (Wie zu vernehmen war, ist die Band, der »Anti Fascist Action Rock«, nur eine der Aktionen von Guerilla. Die Vermummung ist das Resultat von Hausbesuchen. Und mein Versuch, die Abspielliste abzulichten, wurde von einem Mitglied mittels Fußdraufstellens unterbunden.) Die Guerilla hatte ein ultrabrutales Szenario losgetreten - und bekam einen ultraturbulenten Pogo zurück. Nein, es war kein Pogo. Es war eine Orgie der Gewalt, der totale Krieg. Jeder gegen jeden! Weshalb sich die schwarze Brigade zu einer Durchsage genötigt sah: »Ihr könnt tanzen. Ihr könnt diven. Aber schlagt euch nicht die Schädel ein!« Zu spät für einen Punk, der kurz darauf, wie ein Schwein blutend, zum Concrete-Jungle-Stand kam. Wo man einen ausgeschlagenen Zahn diagnostizierte (aber auch nicht helfen konnte). Peanut und ich, wir waren am Feuer, in meinen Augen war die Guerilla die bedrohlichste Formation aller Zeiten, und deshalb zogen wir den Rückzug in die Winternacht vor. Wir quetschten uns unterm froststarren Märzhimmel etwas Veganisches in die ausgehungerten Bäuche... und Minuten später, exakt 0.38 Uhr, stürmte die Guerilla ins Freie. Mit dampfenden Körpern unter schwarzer Kluft und über die Gesichter gezogenen Sturmhauben. Fünf schwarze Schatten. Ein Sturm über den Kasernenhof... und das Untertauchen in der Nacht von Nürnberg. Keiner hatte sie gesehen. Niemand wußte, wer´s war...
 
 
Heiliger Vitus, 15. März 2006
(Bilder: Hl. Vitus)
Das Virus
Mit seiner unersättlichen Gier
Mit seiner Feindschaft gegenüber Leben
Mit seiner offenen und versteckten Gewalt
Mit seiner offenen und versteckten Unterdrückung
Mit seinen Ablenkungs- Überwachungs- und Kontrollmechanismen
Mit seiner manipulierenden allgegenwärtigen Propaganda
Mit seiner Fähigkeit von sich abhängig zu machen
Es muss gestoppt werden - Her mit der Immunität
(aus der Guerilla-LP 'Virus Macht')
ABSPIELLISTE TAXDODGERS
1. Decadent
2. Loser Team
3. Streets of Mine
4. Traffic Jam
5. Sniper Boy
6. ´Til We Get Caught
7. ´95
8. Remember
9. Working Class
10. Modern Youth
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11. D.C.W.
12. Rusty Clowns
 
ABSPIELLISTE LEIDKULTUR
1. Guantanamo (Kuh-Bah)
2. Paranoia
3. Hail the New Dawn
4. Attitude
5. Neues
6. Fascist Scum
7. Markus Mon Amour
8. Stierkampf (Stierkampf)
9. Boykott
10. Neues
11. Stand Up
12. 21st Century
 
ABSPIELLISTE HIGGINS
(ohne Gewähr, da improvisiert)
1. Neues
2. Fuck the Law
3. No Mercy for Moscow and for Berlin, No Mercy for Washington Fucking DC
4. I don´t like Champagne
5. Different
6. Sad Boy
7. Maximum Rock´n´Roll
8. Bush vs. Schicklgruber
9. I don´t Care (Pseudo Heroes)
10. Just Fuck You
11. Who the Fuck are You?!
12. Where You Wanna Go?
 
ABSPIELLISTE GUERILLA
(Geheime Verschlußsache!)
1. Urban Takeover
2. Ugac
3. Grenzen weg
4. Choose Your Side
5. Modern Generals
6. Need Your Love
7. Dirty Flowers of the East
8. Artificial Eyes
9. Fight the Power
10. One Family
11. Gestank
12. Freedom Fighters
13. The Beginning
14. The Streets are Ours
15. Breaking the Law
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16. Freiheit für Konsum
17. Industriegebiet