FLIEHENDE STÜRME, DRITTE WAHL, UNGUNST
D-Frankfurt am Main, Café ExZess (Halle) - 28. Dezember 2002
[77] Anarchie-Symbole, Anarchie-Sterne, Antifa-Banner, an der Bühne ein Transparent mit der Losung »Regionalen Widerstand globalisieren«, Schwarz und Rot die regierenden Farben: Das »Café ExZess« ist die selbstbestimmte Revoluzzerhochburg der Frontstadt F...
 
Für den heutigen Dezembertag hatte das Zentralorgan »Copy Riot« zu einem Besuch der schwarz-roten Heilsarmee geladen. Punk aus deutschen Landen stand auf der Tagesordnung. Wobei der vermeldete Beginn von 19 Uhr dem Zweck diente, den Rubel rollen zu lassen: Im Café konnte man die Zeit zwischen massig Ton- und Ideologieträgern totschalgen und in der rückseitigen Konzerthalle wartete Flüssiges von Licher, der halbe Liter zum Ramschpreis von zwei Mark. Um acht verloren sich zwei Hundertschaften im einstigen Gasthaus/Lazarett/Luftschutzbunker/Kino/Bäckerei/Reinigungs- und Kinderwerkstattsgebäude. Davon ein Drittel Schwarzkrähen und zwei Drittel Buntvolk. Unschicke Menschen in schwarzer Lederkleidung, mit Eisennieten, Nadeln und kriegerischen Stachelfrisuren. Selten zuvor hatte ich solch eine geballte Macht Iros erblickt. Gleichsam hatte dies etwas beruhigendes. Weiß man doch aus zwei Jahrzehnten Subkultur, daß Punker in erster Linie auf Spaß und Musik aus sind. Die perfiden Gewaltbereiten verbergen sich hinter nichtssagenden Gesichtern. Hinter dem Netten von nebenan. Das macht Punkkonzerte immer zu einem Ritt auf der Rasierklinge. Zum einen teilt man viele Ansichten der Anti-Kultur, andererseits lauern immer latente Konflikte. Aus Zuneigung ist ruckzuck Haß geworden!
Gegen 20.40 Uhr stellte sich die erste Gruppe vor: »Wir sind UNGUNST aus dem in Frankfurt wenig geliebten Offenbach.« Der wilde Auftakt »Eingekesselt« gab die Marschrichtung vor: Ungunst sind Straßenpunker. Punks mit Dosenbier in der Hand, mit rüden Kraftausdrücken und massig Abneigung, Anarchie und Rebellion im Bauch. Antitypen, welche auf einer Linie mit den Roots von 77 sind, und die dessen Werte hochhalten. Die da lauten: anti Obrigkeit, anti Nazis, anti Polizei, pro Chaostage und pro Saufen. Und dies brachten Marco, Kai, Kalli und Big mit simplen, aber drastischen musikalischen Mitteln im schroffen Stakkato auf den Punkt. Der Mob sprang, schubste und pogte, junge Punketten wälzten sich vor Freude auf dem vermüllten Hallenboden. Zwischen bedeutungsschwangeren Titeln wie »H´95 (Ja da vorne fahrn die Bulln)« und »Wut im Bauch« pöbelte der Vierer immer wieder provokante Straßenschlachtparolen in die Meute, die letzte Zweifel an der Ausrichtung ausräumten: radikale Verachtung und Ablehnung des Spießertums und dessen Normen und Regeln. Für meinen Geschmack bisweilen ein wenig banal, zu heruntergekommen, und dennoch: Ungunst fanden nicht nur meine Gunst. Das war vierzig Minuten packender Rumpelpunk aus dem sozialen Abseits, ein zielgerichteter Stiefeltritt in die Fratze der Gesellschaft!
 
In der Pause traf ich einen alten Bekannten: den vormaligen Rock-Hard-Doomexperten Müller, der speziell wegen den Stürmen angerückt war.
Seid bereit - immer bereit! Wenn der Osten ruft, folgen wir! Ab 21.35 Uhr bliesen meine Landsmänner aus der Deutschen Demokratischen Republik zur Speed-Punk-Attacke: Gunnar, Busch´n und Krel, oder auch die DRITTE WAHL aus Rostock. Ihr erstes Konzi gaben die drei bereits 1988, damals noch im absoluten Untergrund der DDR. In jenem Staat, in dem - anders als in der BRD, in der »Dritte Wahl« für einen recht- und mittellosen Bürger steht - »Dritte Wahl« der Begriff für produktiven Ausschuß war. Über Flüsterpropaganda war der Saal mit 300 Piepeln nun ansehnlich gefüllt. Ungunst hatten eingepeitscht, nun liessen die Mannen von der Waterkant ihrem Frust freien Lauf. Schiff ahoi, ihr Helden! Mit »Sonne & Meer« stachen die Hansestädter in See, und mit knallharten Riffs zu »Dritte Wahl« und »Rausch« nahmen sie Fahrt auf. DW sind ein explosiver Mix aus rasendem Metal, giftigem Punk und kritischen Texten. Ein Ritt auf Adrenalin. Vor der Bühne tobte der Pogo. Flaschen rollten über den Grund. Eine Ode an die Heimatstadt folgte. Und Käptn Gunnar mahnte, daß sich Drogenkonsum im Alter rächt. »Hash« unterstrich es. Mit prallen Segeln und irrem Tempo pflügte Dröönlands neues Flaggschiff durch die Sturmflut. Voraus das Überlied »So wie ihr seid«. Der langhaarige Busch´n türmte mit ´nem Bass-Solo gewaltige Wogen auf. Ein Gitarrensolo im Punk? Ja! Und es flutete. Mit Macht! Dritte Wahl präsentierten sich frisch, bescheiden und voller Charme und Herz. Am Ende war es die Zeit, die dem Kampf für eine bessere Welt ein Schnippchen schlug: Um Mitternacht mußte alles vorbei sein. Und Gunnar hatte keinen Bock auf Bullerei. Die letzten Schlachtrufe wurden komplett von zwei Punkern aus dem Volk in die Mikros gebellt: Gänsehaut pur. Und so ganz ohne Zugabe kamen die »Ropiraten« dann auch nicht davon. Zwei Cover waren auserwählt: »Liebeslied« von den Toten Hosen. Und »Wenn ein Mensch lebt«, die Filmmusik, welche die Puhdys vor langer Zeit der tragischen DEFA-Romanze »Paul & Paula« beisteuerten. Ich sag nur: feuchte Augen, ganz nah an der Ostsee! Es war eine tolle Sturmfahrt der Hansekogge. Die Sonne geht im Osten auf!
Schlag elf war es Zeit für FLIEHENDE STÜRME. Eine Stunde verblieb den in schwarzer Kluft vor schwarzem Hintergrund stehenden Düsterpunks aus Stuttgart. Die Stürme. Es gibt sie schon sehr lange. 1981 haben sie sich gegründet. Damals als Chaos-Z. Sie sind sozusagen Punks der ersten Stunde. Kern des Kommandos waren die Brüder Löhr. Der eine, Thomas, ist seit 1995 nicht mehr auf dieser Welt. Der andere, Andreas, hat den Spirit in unsere Zeit getragen. Kniehl und Münch waren seine Mitstreiter im Jahre 2002. Fliehende Stürme sind eine Gruppe mit Tiefgang. Mit ungeheurem Tiefgang. Die Stürme sind die perfekte Kreuzung aus dem Zorn des Punk und der Melancholie des New Wave: ein Totentanz auf Wave Punk. Mit seiner ganz eigenen Stimme, einer Stimme aus kontrolliertem Haß und rationaler Emotionalität, zelebrierte Andreas seinen Abgesang auf die Gesellschaft. Mechanisch-kalte Gitarren und ein riesiges, maschinengleich hämmerndes Schlagwerk schufen einen endzeitlichen Lärmwall. Lieder voller schwerer Gedanken erfüllten das Ex, ganz persönliche Seelenhöllen wie »Das Chaos brütet«, »Später« und »Killerblau«. Die Stürme sind anders! Traurig. Deprimierend. Und umgehend schlug die Euphorie der Meute in Betroffenheit um. Kein Rempeltanz mehr! Statt dessen betretenes Schweigen. Muß einer viel Scheiße in unserem Land durchlebt haben. Weltschmerz wie ihn die Stürme vortrugen, kann man nicht erfinden! Die Freitodpunker »Kampf« und »Wenn Du mich siehst« jagten mir die nächsten Schauer übern Rücken. Stuttgarts schwarze Seelen ließen wirklich allen das Blut in den Adern gefrieren. Andreas bewahrte vor der totalen Depression, indem er mehrmals frug, ob der Bass zu hören sei. Jemand erwiderte: »Welcher Bass?« Er gab´s so weiter und setzte mit »Blauer Mond« die Talfahrt durch die Verlierergeschichten fort. Am Ende kreuzten fünf Skinheads in der roten Kommune auf. Doch nichts passierte. Zehn Minuten nach Mitternacht fiel der finale Fangschuß. Bis zu jenem Dezemberabend war ich mit den Stürmen nicht vertraut. Schande über mich! Fliehende Stürme haben mich aufs Allerheftigste angefixt. Killerblau dem Ende entgegen!
 
Ex, wir kommen wieder!

 
 
Heiliger Vitus, 29. Dezember 2002
(Abbildungen: Hl. Vitus)
 
 
Nachlese 1:
Dank Andreas Löhr wurde ich in den Folgewochen Besitzer des kompletten FS-Bandkatalogs. Die Scheiben sind in meinem Kit festgerostet!
 
Nachlese 2:
Fliehende Stürme haben sich im Juni 2003 entschlossen, nach Portugal umzusiedeln.
 
In Memoriam:
Dritte Wahl-Bassist Busch´n ist nach langer, schwerer Krankheit in der Nacht zum 17. Januar 2005 gestorben. Busch´n wurde nur 35 Jahre alt. Ruhe in Frieden, Busch´n!