FAITH AND THE MUSE, DIODATI
D-Frankfurt am Main, Das Bett - 12. August 2010
Peanut und ich sind mal wieder zusammen ins Bett gegangen. Um nach Monaten des Körperdrills mal wieder den Rhythmus des Untergrunds zu spüren. Besagtes »Bett« steht jetzt aber nicht mehr in Frankfurts altem Sachsenhausen sondern zwischen Fabrik- und Lagerhallen und dem Autohaus von Maserati und Ferrari im häßlichen Westen der Stadt. Pragmatisch, funktional und vor allem ungleich geräumiger ist das neue Bett. 450 Leute sollen reinpassen. Und heute gastierte die US-Wave/Gothic-Legende Faith and the Muse! Für mich ein Wiedersehen nach 16 Jahren, als ich sie - damals durch Bierdunst - als Eröffner für das Art/Industrial-Projekt Das Ich in der »Batschkapp« sah.
 
Voll der Freude mußte aber erst mal viel Geduld aufgebracht werden. Weil der Troß auf seinem Weg von Berlin nach Frankfurt im Stau stand und erst 19 Uhr am Main angelangt war, verzögerte sich der Einlaß etwas. Die Türen öffneten sich nicht 20 sondern 21.15 Uhr. Gottlob hatten sich die dicken Wolken des Tages just zur Abendstunde abgeregnet. Somit mußte die draußen Wartenden keine Güsse über sich ergehen lassen, sondern durften für die Dauer eines Stündchens den in der Hitze aufsteigenden Dampf inhalieren. Zu allem Unheil waren wir dann auch noch braungebrannt und in dunkelgrünem Doom-Fetzen und nicht-schwarzer Hose aufgekreuzt, und damit die zwei einzigen »Bunten« unterm Schwarzvolk. Überall nur Vogelscheuchen in schwarz, schwarze Edelkluft mit eingestickten Symbolen in weiss, schwarze oder blaugefärbte Krähennester auf kahlen Schädeln, fahle Gesichter, verhüllte Haut, und zuweilen auch ein abschätziger Blick für unsere Querschlägerei. Rund 150 Darkies füllten das Bett letztlich locker auf. Geschlecht weitgehend unbekannt. Aber alle waren höflich. Der Eintritt lag bei 15 Talern, ein Silberling der Helden schlug ebenfalls mit 15 zu Buche, ein Doppelter mit 20 Talern.
 
Rein zufällig hatten wir in der Folge das Vergnügen mit einem Banker aus Hamburg. Ich nenn´ ihn mal »Exodus«. Exodus war Wirtschaftsflüchtling. Einer von denen, der seinem Brotgeber nach Frankfurt gefolgt war, um nun mitten im Zentrum der Finanzmärkte mitzuzocken. Exodus offenbarte sich aber auch als Musiker im klassischen Bereich, er stand auf Industrial, war Verehrer von Joy Division, und er kannte alles von Faith and the Muse. Damit war Exodus einer aus der Schwarzen Szene und Erheller unserer unkundigen Geister. Ferner wurde auch der Konzertveranstalter des Frankfurter Dark-Wave-Klubs »The Cave« gesichtet.
Endlich (21.32 Uhr) saß die Hochfrisur, die venezianische Weste und der Latex waren geschnürt, zwei romantische Kerzen entflammt: die Warmbläser DIODATI konnten ihre ersten Töne ins Bett hauchen. Diodati - bestehend aus Gwydion, Svyadi, Dr. Wonka und (wechselnd) AjNa - wandelten in den Gefilden von Neoklassik und Gothic. Ein depressives Cello vereinte sich mit einem Klavier und einer feinfühligen, würdevollen Liedstimme teils deutschen, teils englischen Inhalts. Gleich die einleitende Kammermusik »Für den Tänzer« war aber leider mehr ein Schlaflied, und das Nachfolgende sowas wie The Cure für Weiche. Diodati spielten einen Mummenschanz aus schwuchteligem Klagen, Fideln und Klimpern - und der währte zu allem Verdruß auch noch über eine halbe Stunde. Exodus, der das alles völlig ignorierte, nutzte die Zeit für den Austausch elektronischer »SMS«-Depeschen mit seiner Frau, und resümmierte, daß »die Melodie des dritten von Johann Sebastian Bach geklaut war (wie frech), und man sich auch an Dead Can Dance« bedient hatte. Bis, ja bis in das androgyne Gerippe aus Regensburg Leben kam, und Gwydion die Sinfonie mit zwei vom Blatt abgelesenen, zumindest aber etwas festeren Liebeserklärungen an Marlene Dietrich - »In den Kasernen« - und Lale Andersen - »Lili Marleen« - beschloß. Nach fünfzig Minuten machten Diodati die Kerzen aus. Mit Gwydion würde ich nie zusammen brausen gehen.
Am Anfang plätscherte Wasser und Vögelzwitschern erfüllte die Luft. Dann folgten gewaltige Hiebe durch fünf Trommler auf einmal, darunter Schläge mit armdicken Stöcken und Schläge auf eine doppelte Taiko-Trommel, die im Hintergrund aufgebaut war: Es war 22:44 Uhr, als FAITH AND THE MUSE unter dem Nebel hervortauchten und ihren Auftritt mit »Harai« und »Bushido« begannen. Auf den mystisch-pathetischen Auftakt folgten durch »Battle Hymn« und »Blessed« die ersten Nummern heftigerer Machart. »We are the underground«, betonte die Sängerin in Letztem immer wieder. Wenngleich die Formation aus Los Angeles dem Untergrund schon lange entwachsen ist. Faith and the Muse waren ein schnell wechselnder Bund von bis zu sieben Leuten, die unablässig ihre Instrumente und Stellungen wechselten. William Faith, ein verstohlener Irokesenträger unter eloquentem Zwirn und Sonnenbrille (zuvor bei den Gothic-Ikonen Christian Death und Sex Gang Children aktiv), und Rotschopf Monica Richards - in den Achtzigern bei den Hardcore-Punks Hate From Ignorance und Madhouse - nun aber mit Lavendelkleid und Klunkern geschmückt, einer ägyptischen Göttin gleich Schlangentänze vollführend, sind die Köpfe. (Faith allein bediente neben Sechssaiter und Gesang auch noch Violoncello, Mandoline, Kontrabass und Trommeln.) Ergänzt wurde das Duo heute von Mitgliedern der Post-Punker CHRIST VS. WARHOL: von Steven James an der Gitarre, von Marzia Rangel, Bass, und Geoff Bruce, Schlagzeug, die mit Kriegsbemalung und Stachelhaar allesamt an Kampfkreaturen aus Mittelerde erinnerten. Dazu gesellten sich eine zweite schrille Hexe sowie Geigenkünstler Paul Mercer. Nachdem alles Vorangegangene von Richards betörender Frauenstimme zelebriert war, durfte sich das Volk beim Donneropus »Trauma Coil« erstmalig auch an den Schreien von Faith erfreuen. Mit »Nine Dragons« stiftete Faith insgesamt zwei Mal martialische Propaganda - was diese Stücke in meinen Augen auch ganz klar zu den den Mächtigsten erhob. Ohne Frauen waren die Amis die reinsten Deathrocker! Ganz im Kontrast dazu standen dann immer wieder die rauschhaften Trips in die Welten des Folk, mal keltischen Ursprungs, mal ins ätherische Fernost. Mit das Packendste kam jedoch am Ende durch drei Zugaben, die keiner mehr erwartet hatte. Faith leitete sie Kußhände und Dankesworte ins Volk werfend ein. Und »Sovereign« und besonders »Sredni Vashtar« knüppelten den Klub zehn Minuten nach der Geisterstunde in Grund und Boden. Damit währte die Aufführung fast 1½ Stunden!
 
Exodus ist uns nicht mehr begegnet. Dafür Gwydion, der mit Faith and the Muse zusammen ins Bett durfte, und seine Lieben am Ausgang in einem devoten Tanz - einen Fächer wedelnd - begleitet hatte.
 
 
Heiliger Vitus, 16. August 2010
(Fotos: Hl. Vitus und Faith & The Muse)
ABSPIELLISTE DIODATI
1. Für den Tänzer
2. Garden of My Soul
3. Lady Medusa
4. Despair
5. You
6. Nänie
7. Tàim Sinte
8. Window to a Better Past
9. In den Kasernen (Marlene Dietrich)
10. Lili Marleen (Lale Andersen)
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11. Just a Mirror
 
ABSPIELLISTE FAITH AND THE MUSE
(ohne Gewähr)
1. Harai
2. Bushido
3. She Waits By The Well
4. Battle Hymn
5. Blessed
6. Scars Flown Proud
7. Into My Own (Infra Warrior) / Porphyrogene
8. The Trauma Coil
9. Vervain
10. The Uniquet Grave
11. The Burning Season
12. Nine Dragons / Cantus
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13. Sovereign
14. Sredni Vashtar
15. Annywn, Beneath The Waves