EISREGEN, PUNGENT STENCH
D-Frankfurt am Main, Batschkapp - 25. Januar 2006
Wie die Jungfrau zum Kind waren wir zu diesem Konzert gekommen. Über Nacht war ein Elektrobrief aus Salzburg eingetroffen: Susanne, die Freundin von Our Survival Depends On Us-Gitarrist Thom, teilte mit, daß Osdou-Stimme Mucho gerade mit Pungent Stench auf Tour in Frankfurt wäre. Und zwar in der Batschkapp (Susanne: »Welch´ dämlicher Name«). Mucho würde sich freuen, »mit mir ein oder mehrere Bierchen trinken zu können.« Falls ich kommen würde, würde er mich auf die Gästeliste setzen...
 
Mit dieser Nachricht überstürzten sich die Ereignisse. Erst ein Anruf auf Muchos Funktelefon: vergeblich. Darauf ein Anruf in der Batschkapp: mit einem Teilerfolg. Eine hilfreiche Doro versprach, Mucho Bescheid zu geben, sobald der auftauchte. Am frühen Nachmittag erfolgte dann der Rückruf von Mucho. In der Kneipe der Batschkapp, dem »Elfer«, wollten wir uns treffen. Osdou-Anbeterin Peanut durfte natürlich nicht fehlen...
 
Wegen von Neuschnee verwehten Straßen schlugen wir erst kurz vor acht im Elfer auf. Keine Spur von Mucho. Und keine Chance, ihn anzurufen: der Elfer besitzt keine Fernsprechanlage. Die Barfrau hatte sich aber erbarmt und war rüber in Backstageraum gestiefelt. Wo zwar die Pungentstenchler abhingen. Aber kein Mucho. Also weiter warten. Bis Mucho eintraf. Um einfach mal für sich allein zu sein, war der eine Runde um die Häuser von Eschersheim gezogen. Und jetzt hatten wir uns gefunden: Wiedersehen nach Osdous genialem Livedebüt beim Novembers Doomsday im fränkischen Langenzenn vor zwei Monaten. Heute war Mucho in Funktion eines Promoters und Roadies gekommen. Wir sprachen über Gott, Doom und die Welt. Nicht alles ist für alle gedacht. Nur soviel: In der Hitechwelt Mitteleuropas soll es noch Menschen geben (junge Menschen!), welche in Bergdörfern und auf Bauernhöfen leben, die Öfen und Herde mit Holz befeuern, deren Fernseher nur zwei Sender empfangen, die keinen Computer besitzen, und die am Jahresende auf entlegenen Alpgipfeln Schneehütten bauen, um fern jeglicher »Zivilisation« für drei Tage Mittwinter zu feiern... Die Zeit verging viel zu schnell. Fast wäre der eigentliche Anlaß, die »Prostitour 2006«, zur Nebensache verkommen. Aber Mucho mußte für seine Stenchler auf die Bühne...
 
Auch Peanut und ich, wir machten uns auf. Durch die jungfräulich-weisse Pracht in die nachtschwarze Kapp hinein. Grob übern Daumen gepeilt waren 300 Gesichter - überwiegend Schwarzkittel, mit breitkrempigen, schwarzen Hüten bestückte Burschenschaften und ähnliche Satansbraten, paar Metalheads und auch einige Stachelpunx (!) - anwesend. In der Kapp herrschte sozusagen reichlich Bewegungsfreiheit.
Ab 21:15 gaben sich PUNGENT STENCH die Ehre. Pungent Stench sind Death Metal. Deathmetaller der ersten Stunde. Die Gruppe existiert seit 1988! Ihr Markenzeichen ist der etwas spezielle österreichische Humor. Ein Humor mit Grenzberührung zum Morbiden, Kranken und Perversen. Unvergessen das Cover des 91er Albums 'Been Caught Buttering' mit den beiden in der Verwesung befindlichen Männerschädeln beim innigen Zungenkuß. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften trat schnell auf den Plan - und schlug zu! Später ging man dann auch mal getrennte Wege. Bis es anno 2001 zur Wiederauferstehung kam. Mit von der Partie heute: die von Anbeginn dazuzählenden Martin »El Cochino« Schirac (Gitarre/Gesang) und Alex »Mr. Stench« Wank (Schlagzeug), dazu der neue Basser, Reverend Mausna. Sonst haben sich die Uhren für den Dreizack aus Wien keine Sekunde weitergedreht. Stench sind tiefster Todesblei wie vor nunmehr knapp zwei Dekaden. Sprich: ein Sound aus krud-derben Vokalen mit tiefgestimmten und schnell gespielten Rumpelinstrumenten, der in purer, ehrlicher Handarbeit ohne technischen Firlefanz zelebriert wird. Der wilde Einführer »Bonesawer« aus dem Jahre 1990 war der beste Beleg. Und PS gingen gar noch einen Schritt weiter zurück, ins Jahr 1989, zur Trennscheibe mit den einstigen Weggefährten vom Disharmonic Orchestra. Mit dem fast schon grindcorigen Wirbelsprenger »Pulsating Protoplasma«. Ja, man erinnert sich gern an diese Zeit! An eine Zeit, der mit dem Neuwerk 'Ampeauty' frischer Atem eingehaucht wird. Mittels dem deathrockigen Groover »Amp Hymn« zum Beispiel. Oder dem panzergleichen, fast schon doomigen Plattmacher »No Guts No Glory«. Auf dem Podium wehten die langen Haare, blanke Oberarme ließen die Muskeln spielen, und beim packenden »Deadly Medley« flogen dann auch erstmals vor der Bühne die Extremitäten. Es gab Anlaß zum Abtanzen. Wie mit dem von »bows« und »wows« verzierten, glamourösen »Extreme Deformity«. Pungent Stench sind schräge Kreaturen. Und der Tod ist bei ihnen nicht das Ende. Das Ende war ihnen heute erst nach diversen Zugaben vergönnt: drei Mal mußten die Jungs noch ran. Zugabe eins war eine Huldigung an die Damenwelt: El Cochino gestand, den ganzen Tag verpennt zu haben. Er sei aber sicher, daß es auch in Frankfurt davon einige gäbe, von den Lustdamen, den »MILF«s. Die zweite, das Mentors-Zitat »Four F Club«, wurde mit »um, dos, treis« feurig-südamerikanisch eingeleitet; und der heftigst geforderte »Klyster Boogie« besiegelte nach 66 Minuten eine furiose Deathmetaldemonstration der rabenschwarzen Pungent Stench! Wobei sich der reverende Blondie Mausna im ultraschnellen Riffinferno bald den Schädel abbangte, und El Cochino mit hinterm Kreuz gespielter Gitarre eine kleine Hendrix-Show abzog. Endgeil! Endkrass! Endkultig!
Zwei Fahnen in den Thìringer Landesfarben Rot-Weiß wurden gehißt. Für EISREGEN aus Tambach-Dietharz, für Roth (Gesang), Bursche Lenz (Gitarre), Morbach (Bass), Theresa Trenks (Geige) und Rony Fimmel (Schlagzeug & Orgel). Auch die Damen und Herren aus dem Osten zählen mit elf Jahren Bandgeschichte schon zu den alten Eisen der Szene. Und auch Eisregen standen im Visier der Zensur. Gleich die zwei ersten Langeisen ('Krebskolonie' und 'Farbenfinsternis' , darunter »Meine tote russische Freundin«) landeten auf dem Index. Es darf kein Stück davon gespielt werden. Die Gründe: Menschenverachtung, Frauenfeindlichkeit, Verrohung, faschistische Tendenzen. Was Eisregen so beklemmend macht, sind deren deutschen Texte. Welche, nicht schwarzmetallüblich rasendschnell herausgekeift, sondern - wenn auch übel gekrächzt - so doch phonetisch überaus verständlich kredenzt werden. Dies zum Ruf - den Mucho entschärfte: »Eisregen nehmen sich selbst nicht so schrecklich seriös. Was ihnen selbst Angst macht, ist die etwas verwirrte Anhängerschaft, die das ganze teils bitterernst bis fanatisch aufnimmt«...... Die Offenbarung folgte ab 22:33. Unter Teufelsgrüßen aus dem Volk, unter rammsteinigen Marschsymphonien und dem Wachruf einer Fanfare, krächzte Roth, der Sänger: »Heut´ ist ein schöner Tag: Ich schaufle mir mein eignes Grab.« Das »Leichenlager« folgte. Immer wieder unterbrochen von vehementen Eisregen-Rufen aus den Mündern zweier Hundertschaften der loyalen Gefolgschaft. Der Rest hatte das Weite gesucht. Denn allzu sehr schimmerte die rammsteinsche Propaganda durch, welche sich einzig durch den Einsatz von Geigen und Schalmeien und bisweiligen Schwarzmetallschreddereien von den Helden unterschied. Eisregen waren mal Black-, mal Elektro-, mal Folk- und mal Mittelalter-Metal. Mal alles zusammen - und final nichts von allem. In Altdeutsch und mit rollendem R, so frug Fronter Roth die Massen: »Mochtet ihr noch ein Teil erhalten?« Aber ja doch. Etwas zum Abtanzen, zum Schwingen der müden Körper im Tanz, zum »Glockenseil« etwa. Und wieder lautstarke »Hail«-, »Eis-re-gen!« und »Jetzt oder nie!«-Rufe zum Dank. »Manche Beziehungen sind von Anbeginn zum Scheitern verurteilt. Manche enden am Grund eines Sees«, dies die Ankündigung zum stampfenden »Tränenmeer«. Und die Warnung: »Ihr lebt im falschen Land! In unserem Land regiert die Zensur! Seid ihr nicht alle ein wenig blutgeil?« Und als Gegenbeweis zur Frauenfeindlichkeit durfte jemand vom Publikum seiner Angebeten auf der Bühne einen Heiratsantrag machen. Es folgten Ekligkeiten wie die »1000 toten Nutten« und »Herzblut«, und vom Pest-Zyklus »In der Grube« und »18«. (18: die numerische Volljährigkeit? Oder der Kode für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet: AH?) Es gab noch ein Lied mit ernstem Hintergrund. Die Ansage ging so: »Ihr könnt euer Leben leben wie ihr wollt. Ihr könnt es beenden. Den Wind stört das nicht. Er weht westwärts!« 23:30 haben wir uns zurückgezogen...
 
Wir standen 60 Minuten im Eisregen. Laut Mucho währte er 75 Minuten. Im Anschluß wollten wir uns zum Bier im Elfer einfinden. Daraus wurde nichts. Weil - wie so oft in der Unordnung des Untergrundes - mal wieder alles anders kam: Mucho mußte bis Mitternacht Dienst an der Livefront tun. Peanut und mich rief die Pflicht der »Arbeit« fünf Stunden darauf. Doch nichts wäret ewiglich...
 
 
Heiliger Vitus, 26. Januar 2006
(Abbildungen: Hl. Vitus)
SET PUNGENT STENCH
1. Bonesawer
2. Fuck Bizarre
3. Pulsating Protoplasma
4. The Amp Hymn
5. Splatterday Night Fever
6. Deadly Medley
7. Viva la Muerte
8. Extreme Deformity
9. No Guts No Glory
10. Sick Bizarre Defaced Creation
11. Dead Love Body
******
12. Got MILF?
13. Four F Club
14. Klyster Boogie
 
SET EISREGEN
1. Mein Eichensarg
2. Leichenlager
3. Am Glockenseil
4. Hinein ins Tränenmeer
5. Blutgeil
6. 1000 tote Nutten
7. Herzblut
8. In der Grube
9. 18
10. Nichts wäret ewiglich
... und mehr...