DUTCH DOOM DAYS XI
 
CELESTIAL SEASON, WORSHIP, GORILLA MONSOON, POEMA ARCANVS, FAAL, STARVE
NL-Rotterdam, Baroeg - 21. Oktober 2012
Sonntag, 21. Oktober (2. Tag)
 
Drei Tage allein in Rotterdam: Da kann man vor Langeweile sterben - oder schon wieder in Eile für die Fortsetzung im Baroeg sein. Aufwachen, Blick aus dem Fenster - in der Nacht war Regen gefallen -, Koffein geschlürft, die Kroketten aus »Inkie´s Snackbar« ausgeschieden, ein Dauerlauf am Hafen vorbei an der Kunsthalle - wo vor einer Woche die Gemälde der Avantgardisten Gaugin, Monet und Matisse geraubt wurden -, den Gerstensaft des Vortags ausgeschwitzt, etwas Hygiene, und dann drängten die Uhren schon wieder zum Aufbruch. Wieder mußte ich in den sauren Apfel beißen und ein Cab anfordern. Ich kam zu spät im Pavillon am Spinozaweg an, hatte diesmal aber kaum was verpaßt. Liegengelassen hatte dagegen ein anderer etwas: M07 von Bunkur (erneut versteinert und mit dem Blick in den weiten Raum) hatte am Vortag seinen Baß vergessen und war heute noch mal nach Rotterdam gefahren. Die Unterstützerszene hatte sich halbiert. Insgesamt fanden sich nur um die 50 Leute ein, darunter mein Schwippschwager, der »Lange« vom »Heavy Duty Dresden«.
STARVE hatte ich vor elf Monaten beim »Low Frequency Assault« in Nürnberg erlebt - und als Eintagsfliege abgetan. Ich war mir gar nicht sicher, ob das diesmal dieselben Starve waren. Aber diese Starve servierten dieselben Lieder um den Schmutz, die Gier, das Unrecht und die Angst auf dieser Erde wie damals: »Cacophonous Skrieking«, »Black Sludge«, »Wasteland« - nur um Welten besser! Um nicht zu sagen: Mit dem heutigen Auftritt im Baroeg stieg die Rotte aus Utrecht in die Ehrendivision des Sludge Metal auf! Der Klang, die Körpersprache, die Performanz, die Stimmung im Baroeg: alles war um Klassen besser! Heisere Schreie in hardcoriger Schale krachten auf dräuende Bässe und ein treffendes Shirt von Conan, und nonstop Adrenalin, Aktion und Bums ließen den kleinen Saal nur so beben. WG, MS, GF und JJ hatten eine viertel Stunde später angefangen. Der strenge Ablauf gab eine Spieldauer bis 15.30 Uhr vor. So kam es, daß der böse Onkel vom Mischpult unmittelbar vorm letzten Stück aufs Geviert stürmte, den Auftritt abwürgte, und Starve den Plattmacher »Hard to Forget« in einer verstümmelten Art runterbretterten.
FAAL (deutsch: Fehler) waren meine großen Hoffnungsträger. Etwas Esoterisches, was für die Seele sollte es sein. Und dann waren die Erwartungen fast zuschande gemacht, bevor alles begann. Neben einem gestandenen Vokalisten mit langen Loden und einem ebenso reifen Gitarristen mit Ziegenbart bis zum Nabel hatten sich Minderjährige und Sektenkinder geschart: an der zweiten Gitarre und dem Bass zwei Buben mit Lockenkopf und Nervenflattern, dazu ein pickeliger Trommler und eine pubertierende Prinzessin hinter der Orgel. Um 16.08 Uhr wurde vernebelt. Damit versank die lausige Optik. Fortan regierten nur noch die Klänge. Und die waren durchaus beeindruckend. Nijhof, Koorengevel, Vervest, Mook, Jumelet und Grimminck brachten den ersehnten Weltuntergang aus Funeral Doom und Black Metal, der sich auf dem Neuwerk 'The Clouds Are Burning' befindet. Aus den Lautsprechern dröhnten der Wahnsinn und die pure Finsternis, ein Weltenfall in vier Akten von je zehn Minuten. Starker, beim Titel »Tempest« auch etwas zu bombastischer Tobak, der aus gruftigen Instrumenten entsprang, und von harschen Schreien und tiefem Geröchel durchschnitten wurde. Am Ende stand ein langes Fiepsignal, das Ohren bluten ließ - und eine Mutter, die ihre Kinder auf der Bühne mit Blumen beschenkte.
Erst langes Gerede, und dann kaum Ideen: POEMA ARCANVS waren vom Arsch der Welt (Chile) gekommen, und glänzten mit den aufwendigsten Vorbereitungen. Keine andere Gruppe beanspruchte den Ton-Onkel derart wie die zwergigen Mattenträger aus dem südamerikanischen Santiago. Auf Doom Death hatten die Programme des Baroeg eingeschworen. Die Gruppe selber fand Autopsy (Death Metal), Voivod (Thrash) und Candlemass (Doom Metal) gut. Und so in etwa läßt sich auch die Ausrichtung umschreiben. Nach einer Pause, die sich wie holländischer Sirup zog, gaben sich die Chilenen als Rebellen, waren treu ihrem Naturell sprunghaft, ungeordnet und leicht erregbar. Mal war man auf NWOBHM getrimmt, mal wurde gethrasht, mal gedoomt, überwiegend jedoch gedeatht. Dazu strahlten quietschbunte Lichter; Finger wurden als Teufelsanbetung gen Himmel gereckt. Aber für das alles kamen sie dreißig Jahre zu spät. Manche im Publikum wippten locker mit (die, die immer im Baroeg sind), für den Rest (die Doomer) herrschte in diesem schrägen Chaos Langeweile. Aber Poema Arcanvs und die Hauptgruppe sollten die einzigen Ausfälle bleiben. »Thank you, good night!«
Seit meinem letzten Gorilla-Besuch 2008 hat es einige Veränderungen gegeben. Der langjährige Gitarrist Phil wurde durch K.K. ersetzt! Dazu hatte sich Jack Sabbath nicht nur von seinen Haaren, sondern auch von seiner Sechssaitigen getrennt, und bedient nun eine mit dem Aufkleber HURE. Und: Heute Abend belferte man drei Brandheiße, darunter einen Doomer, ins Volk, die keine Sau kannte. Wiedererkennen durfte dagegen bei den festen Größen, wie der Entombed-Anflehung »Night of the Wolverine«, dem »Damage King«, dem Todesrocker »Death Revolution« und dem Drogenappell »Codeine Commander« einsetzen. GORILLA MONSOON machten körperlich einen extrem fitten Eindruck. Das gilt für den Drumster ebenso wie für den fast schon buddhistisch ausgezehrten Bassisten Chris. Überbordende Aktion, lässige Gesten, hämische Sprüche, schlüpfrige Äußerungen, Nutten ahoi!: Gorilla Monsoon standen nie für depressiven Stoff, dazu ist das Leben viel zu kurz - und endlich ja sowieso. Vielmehr stiften die Dresdner mit ihren Liedern ironische Hoffnung, und ihr etwas höher gepulster Stoner Doom war schon immer eine Heidenfreude für die Headbanger dieses Planeten. Besser als Viagra sind Gorilla Monsoon sowieso. Eine schnell abzischende Hetzjagdversion von »Born to Lose« setzte nach vierzig Minuten den Schlußpunkt.
Beklemmende Meriten wiesen WORSHIP auf. Worship entstanden 1998 und sind damit Urheber der wohl depressivsten und niederschmetterndsten Stilart: dem Funeral Doom. Mit dem Urmitglied »Fucked-up Mad Max« Varnier sprang 2001 in Toronto der ehemalige Vokalist von einer Brücke in den Tod. Nach zwischenzeitlicher Auflösung bedienten heute neben Gitarrist und Vokalist D. »The Doommonger« Vaross als zweitem Originalmitglied drei Leute von Beyond the Void die übrigen Apparillos: Satachrist die Gitarre, DoomNike den Bass, sowie Sepulchralis das Schlagzeug. In dieser Konstellation kamen Worship nur hakelig vom Fleck, fanden im Laufe des Auftritts jedoch zueinander. Wobei Folgendes galt: ziemlich glatt, einstudiert und wenig glaubhaft (für die Begleiter). Und: schlichtweg abgeklärt oder die Lethargie auf zwei Beinen (für den Doommonger). Ein Temperamentsbolzen war der Fronter mit seinem schwarzen Kopftuch jedenfalls nicht. Aber das würde auch nicht passen, denn bei Worship geht´s um den Tod. Nachdem ein gewisser »Klaus« die letzten Zweifel technischer Natur beseitigt hatte, waren die Münchner um 19.49 Uhr Rotterdammer Zeit in ihre Darbietung gestartet - und um 20.49 Uhr am Ende. Dazwischen lag ein 60minütiger Höllentrip aus schaurigen Vokalen, Instrumenten von wagnerianischer Wucht, desillusionierten Augen und unbeantworteten Fragen. Es ging schon in Ordnung, aber mit Ruhm befleckten sich die Deutschen nicht.
Als Hauptgruppe hielten die in den frühen Neunzigern als Death-Doomer formierten, heute jedoch eher dem Gothic Metal zuzurechnenden CELESTIAL SEASON her. Ehrlich gesagt, hatte ich mich von vornherein nicht für die vormaligen Wunderkinder aus den Niederlanden interessiert, und wäre nach Worship am liebsten mit Gorilla Monsoon nach »heeme« gefahren. Meine Landsmänner gaben sich an der Bar die Ehre. Auch von dort hatte man einen Blick aufs Geschehen. Celestial Season wurden von zwei Rubensweibern an Bassgeige und Geige beherrscht. Dazu tummelten sich vier Männer mit langweiligen Tribaltattoos und Fasonschnitt auf den Brettern. CS gab´s also als Sextett, das sich wie ein Kammerspiel im Schwarzromantiklook präsentierte. Man spielte das Studioalbum 'Solar Lovers' aus dem Jahre 2009 und etwas mehr ab: einen argen Mummenschanz aus Metal und Klassik, und nur für Fans, die 80 Minuten geballten Kitsch dulden. Celestial Season waren die Einzigen, die eine Zugabe bringen durften. Rund fünfzig haben die »Himmlische Zeit« bis zum bitteren Ende durchgehalten. Punkt 23.37 Uhr waren die Niederländischen Doomtage XI Geschichte.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
STARVE
1. Homesick
2. Cacophonous Shrieking
3. Black Sludge
4. White Sludge
5. Starve
6. Wasteland
7. Hard to Forget
 
FAAL
1. My Body Glows Red
2. The Insistence´s Wish
3. Tempest
4. The Clouds are Burning
 
POEMA ARCANUS
1. Raven
2. Average
3. Elixir
4. Aiter
5. Omniscient Opponent
6. Fading
7. Rite
 
GORILLA MONSOON
1. Neues
2. Night of the Wolverine
3. Damage King
4. 50$ Whore
5. Neues
6. Death Revolution
7. Neues
8. Codeine Commander
9. Born to Lose
 
WORSHIP
1. unbekannt
2. unbekannt
3. Graveyard Horizon
4. Fear is My Temple
5. Whispering Gloom
 
CELESTIAL SEASON
1. Cherish My Pain
2. Dancing to a 1000 Symphonies
3. Soft Embalmer of the Still Midnight
4. Body as Canvas
5. Decamerone
6. Vienna
7. Solar Child
8. The Holy Snake
9. Will You Wait for the Sun?
10. Scent of Eve
11. Fandango
12. The Merciful
******
13. Decamerone
Gracht hinterm Baroeg
Epilog
 
Montag, 22. Oktober
 
»I Don´t Like Mondays«: Schankbursche Jelle und die Bar im Hotel steuerten die passenden Klänge zur eigenen Befindlichkeit bei. Nach zig Bock-Bieren im Baroeg war ich in einer fremden Welt zu mir gekommen. Draußen... die Stadt... Rotterdam? Der Doom war vorbei, die bekannten Leute, die einfachen mit den großen Herzen: alle weg! Jetzt, so völlig allein im engen Kabuff im Seemannshaus, fühlte ich mich ziemlich beschissen. Im Kopf bellte ein Sperrfeuer und mangels Frau hatte ich Überdruck. Nach zwei Heineken war es Zeit zu gehen. Den Coolsingel mußte ich unbedingt wiedersehen; im April 2010 hatte ich auf der Ringstraße im Zentrum meine Bestzeit im Marathonlauf erkämpft. Draußen strahlte die Sonne. So trieb ich auf der Suche nach dem vergilbten Ruhm von der lichtüberglänzten Erasmusbrücke über den Löwenhafen zum gedachten Start und Ziel beim Stadthaus. Hier strömten alle Erinnerungen gleich wieder herbei. Rotterdam ist die dritte Heimat! Vom legendären Kampfgelände gelangte ich über die Lijnbaan (dem Vorbild für die Prager Straße in Dresden) in der dritten Nachmittagsstunde zum Zentralbahnhof. Dort beim Café Engel, standen wie in einer Fata Morgana zwei Langhaarige mit Gurubart und schwarzer Kleidung herum: die Schotten Calum und Roddy. Damit nahmen die Doom Days noch mal Fahrt auf. Die beiden von Mountain of Creation wollten auch was trinken - aber nur an der Bar! Und die im Engel war verdammt lang, das Bier wohlschmeckend und das Leben locker und entspannt..... Kurz vor 17 Uhr mußte ich mich von den letzten Feierbiestern verabschieden. Während die Schotten fünf Tage in Amsterdam dranhängten, rollte mein Zug nach Utrecht ab. Um 21 Uhr schlug ich im Schandviertel Frankfurt-Rödelheim auf. Ich hatte Rotterdam überlebt und war zurück im Abfall des Lebens.
 
Salutionen
Organisator Pim
Die Crew vom Baroeg
M07 (Bunkur)
 
 
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Text und Bilder: ((((((Heiliger Vitus)))))), 29. Oktober 2012