THUNDERSTORM, SEMLAH, MIRROR OF DECEPTION, FORSAKEN, DREAMING, DOOMSHINE
D-Crailsheim-Triensbach, Turnhalle - 7. Februar 2003
PROLOG
 
Doom Metal. Ende der Siebziger hatte alles begonnen. Mit den sakrosankten Saint Vitus. Zwei Dekaden später, kam es im Februar 2003 zum bis dahin größten Treffen der Szene, dem ersten Festival über zwei Tage: DOOM SHALL RISE! Die Musiker Jochen Fopp (Mirror of Deception) und Frank Hellweg (Well of Souls) sowie Klubbetreiber Roman Astalosch (Eiche) machten den Traum wahr. Schauplatz sollte die von Astalosch geführte Rockkneipe im süddeutschen Crailsheim sein. Am 28. Juli 2002 waren 16 Gruppen nominiert, die mit Verzicht auf Gage vollständig auf eigene Kosten antreten würden. Das DSR finanzierte sich nur durch die Besucher (Zweitageskarte: 20 Euro) und Händlerumsätze. Am 15. Oktober begann über Internet der Kartenvorverkauf. Ich selbst rührte im Vorfeld als Flugblattverbreiter die Werbetrommel. Foppi hatte mir 500 Exemplare geschickt. Weil die ursprünglich für die »Eiche« gedachten 200 Karten im Nu vergriffen waren, wurde eine Warteliste eingerichtet. Wer sich bis zum Jahresende eintrug, war einer von weiteren hundert Erlauchten. Mit 92 Musikern und Crew waren es im Endeffekt 400 Leute. Zu viele für die Eiche. Mitte Januar war am Ortsrand von Crailsheim mit der Turnhalle von Triensbach ein tauglicher Ersatz angemietet. Damit stand dem Fest des Doom nichts mehr im Wege. Selbst das Revolverblatt aus Dortmund widmete dem Spektakel mit einer halben Seite der Januar-Ausgabe eine gewisse Aufmerksamkeit. Stappert und Glas waren die rasenden Reporter vor Ort. Der Anhängerschaft sollten die Tage im Zeichen des Maskottchens Gargoyle unauslöschliche Erinnerungen bringen.
 
Doomerstag, 6. Februar
 
Schon die Reise war ein Abenteuer. Von Frankfurt waren wir (Peanut und Vitus) einen Tag vorm großen Ereignis mit der Eisenbahn gen Süden aufgebrochen. Den Moloch vom Main aus den Augen verloren, empfing uns hinterm Spessart eine schöne andere Welt - eine Winterwunderwelt aus glitzerndem Weiß und gedämpften Geräuschen. In der zweiten Nachmittagsstunde war das zwischen Nürnberg und Stuttgart gelegene Crailsheim erreicht. Wirbelnde Flocken schufen eine Szenerie für den Doom, wie sie besser nicht sein konnte. Sämtliche Privathäuser, Gastwirtschaften und Hotels waren seit Langem restlos überfüllt. Die aus allen Himmelsrichtungen einfallenden Anhänger hatten dafür gesorgt. Wir selbst hatten uns für den Brauereigasthof »Engel-Keller« entschieden. Dort warteten bereits drei in verbindendem Schwarz Gekluftete. Als wir dazustießen öffnete der Wirt die gute Stube und einer der Langhaarigen rief erfreut: »Ich rieche Bier!« Vom Gebälk prangten Sinnsprüche wie »Bier mäßig genossen, schadet auch in größeren Mengen nicht«, die Zimmer hatten Fernseher und über den Hof lag der kurze Weg in die Familienbrauerei. Kurzum: gediegenes Quartier, genau richtig!
 
Im aufkommenden Abend unternahmen wir einen Bummel durch die Altstadt mit ihren vielen Schänken voll mit Zechern, nur die gesuchte Rockkneipe »Eiche« wollte keiner kennen. Dafür rief an einer roten Ampel jemand aus einem Auto heraus meinen Namen. Üppige Figur, Vollbart und lange blonde Haare bis zum Ende der Welt: Doom-Shall-Rise-Macher Jochen Fopp mit seinem Mädel Suza am Steuer. Ich ließ die beiden wissen, wo wir logierten, und eine Stunde später - wir lehnten gedankenversunken am Tresen - ging der »Engel« auf und eine Gestalt gleich einem Waldschrat grüßte aus dem Hintergrund: »Wir sind´s schon wieder.« Das war Herr Astalosch. Im Schlepptau: Foppi und DSR-Merchandiser Joe. Nun waren wir im Inneren Zirkel des Doom! Im Feuerschein des Kamins, mit gehörig Kribbeln im Bauch und den Göttern an einer Tafel, haben wir gegessen. Landestypisch mit Spätzle und Maultäschle. Wir redeten über alles Mögliche, und es war so gut. Die Zeit verging wie im Flug. Später mußte noch jemand nach Triensbach, um Bauten und Technik für den großen Tag zu richten. Ich blieb zurück und könnt´ mir noch heute die Haare dafür raufen. Andererseits wäre ich einfach zusammengebrochen. Mit dem Vernichten von Bier fand der Tag sein Ende. Engel braute achtzehn Sorten... Um Mitternacht lagen wir im Bett.
Der Engelkeller
Die Halle
DOOM SHALL RISE I, 1. Tag
 
Freitag, 7. Februar
 
Die Nacht war gut weggesteckt. Um zehn wartete eine Holztreppe tiefer das Frühstück. Sonne schien durch die Fenster und ließ die Engel in den Seideln gülden funkeln. Und weil der Kaffee so schön langsam durch die Maschine lief, wurde das Frühstück zu einem zweistündigen, feudalen Mahl mit allem Pipapo! Nach der ausgiebigen Stärkung haben wir einen Streifzug längs des Bächleins Jagst über die schneeglitzernde Hohenloher Ebene und den »Hexenbuckel« in die Altstadt unternommen. - Nachmittags trudelte die Münsteraner Clique um Reverend Odd im Engelkeller ein. Später auch noch ein Doom-Oldie aus Sachsen-Anhalt: um die 50, kahlgeschorener Kopf, Stoppelbart, bullige Statur, schwarze Klamotten. »Kalle«, sein Name. Damit hatten sich Menschen auf derselben Wellenlänge gefunden. Kalle sollte für uns auf Jahre ein enger Freund werden. Mit Kalle war der junge Grunge-Fan Jo angereist. - So um sieben herum machten wir uns mit dem Autobus auf den Weg. In jenem hockten zwei aus Mannheim, die ihr Logierhaus mit Semlah teilten. Deren Sänger wiederum, soll schon in aller Herrgottsfrühe in der Lobby zu tief ins Glas geguckt haben; niemand wußte was vom eingemeindeten Triensbach; und ein großes Helles hieß hier »Halberle«! Ja, in Schwaben ticken die Uhren anders.
 
Um sieben war die Turnhalle Triensbach, ein ältliches Gebäude auf einer Anhöhe im Nirgendwo, erreicht. Die Türen standen seit einer Stunde offen und dementsprechend herrschte Trubel davor und darin. Draußen Freaks und Fans in Schwarz soweit das Auge reichte, und im Saal dann auch ungezählte Langhaarige. Dazu zwei Händlerstände von Rock Bottom Ulm (Anziehsachen) und Psychedoomelic aus Österreich (Tonträger). Im Handumdrehen war Herr Hegedüs durch mich um sechs Scheiben ärmer. Und so schnell wurde der mich auch nicht los. Letztlich luchste ich dem Herausgeber der Doomfibel ein ganzes Dutzend Raritäten ab. Alles Doom, was sonst! Und ´nen neuen Antischick bekam ich auch: vier Fetzen aus den Händen der blonden Holländerin von Rock Bottom. Zum Dank bekamen wir Sitzplätze auf Chantals Tischkante. Nach Jochen erblickte ich mit Frank Hellweg den nächsten Musiker und zugleich dritten Strippenzieher des Doom Shall Rise. Auch er ein angenehm normaler Mensch. Und dann war es plötzlich soweit. Halb acht hallten die ersten Klänge durch die Halle... der historische Augenblick... Götterdämmerung!
SET DOOMSHINE
(19.35-20.20)
1. Where Nothing Hurts But Solitude
2. Creation
3. Venus Day
4. Trouble Fire
5. Valiant Child of War
6. Sleep with the Devil
7. Shine on Sad Angel
DOOMSHINE gebührte die ehrenvolle wie schwierige Mission des Eröffners. Doomshine liessen von 19.35 bis 20.20 die Zeit still stehen. Vier Kumpels aus dem Raum Ludwigsburg, die sich seit Ewigkeiten kennen, aber erst neulich zusammen fanden: Holz, Podgurski, Fisch und Schlaps. Mit Epic Doom ging es auf die Startrampe, das mächtige »Where Nothing Hurts But Solitude« schlug das Buch der Träume auf. Tim besang den Ort, an dem nichts mehr schmerzt, nur die Einsamkeit, und messerscharfe Gitarren verliehen seinem symphonischen Organ den nötigen Schutz. Dem metallischen Auftakt im Geiste von Solitude Aeturnus folgte der Doomrocker »Creation«. »Venus Day« schloß sich schwerelos dahingleitend an. Doomshine doomten virtuos und verdammt heavy, einzig die Technik spielte zur frühen Stunde noch nicht so recht mit. Dem Klang fehlte die Kraft, und Gitarren und Gesang wurden vom Schlagzeug fast erdrückt. Ich traf einen völlig entspannten Mirror-of-Deception-Fronter Siffi. Der schwäbelte es auf den Punkt: »Des isch Kinderzimmerlaudschdärge.« Für die schepprige Beschallung konnten die Burschen nichts. Das war das Schicksal der Vorhut. Aber hey, einen Triumph konnte Doomshine keiner nehmen: Sie hatten mit Holz den Mann mit den absolut längsten Haaren in ihren Reihen. Sein arschlanger Rotschopf ließ keinen Zweifel an Doomshines Liebe zum Doom. »Trouble Fire« hob das Tempo an, und mit dem bissigen »Valiant Child of War« ging es zurück in die stillen, aber tiefen Wasser der Melancholie. Das schräge »Sleep with the Devil« transportierte Zeug aus alten Tagen in die Meute und die Hymne »Shine on Sad Angel« rundete den Reigen vom Leuchtenden Niedergang erhaben ab. Die Mystikmaschine aus Süddeutschland fand großen Gefallen unter den 400 Doomstern. Noch gibt es keinen Tonträger. Ich bin gespannt, was das Debüt bringt! Shine on Sad Angel, shine on!
 
Am Ende traf ich wieder auf Siffi. Aus Verlegenheit fehlten mir nunmehr die Worte.
SET DREAMING
(20.40-21.25)
1. Homage to an Empty Young Man
2. Treadmill
3. New Bernd
4. Mother Matilda (Pink Floyd)
5. Hello
6. Way Home... (of the schizoid astroman...)
7. Shooting Gallery (St. Vitus)
8. By a Hair´s Breadth
9. Blurred Truth
DREAMING liessen von 20.40 bis 21.25 die Zeit still stehen. Ursprünglich sollten an dieser Stelle Subversion erscheinen, doch die hatten mit Dreaming getauscht. Dreaming zählen zur Speerspitze im deutschen Doom. Ihre Heimat ist die sächsische Motorenstadt - besser Doomcity - Zschopau im tiefen Wald. Was auch immer die Troika aus Sandro Uhlmann, Thomas Schulz und Thomas Becker anpackt: es strotz vor Charisma. Die Musik von Dreaming ist spartanisch, verdammt heftig, emotional und hat einen speziellen, leicht morbiden Beigeschmack. Manchmal schimmern auch Parallelen zu Saint Vitus durch. Aber Dreaming sind total eigenständig. Sie haben zwei verschärft gute Vokalisten in den Reihen. Etatmäßiger Frontmann ist der agile Uhlmann, doch auch Schulz kauzt immer mal wieder ins Mikro. Meine Landsmänner starteten mit einem dunklen Verzweiflungsschrei - der »Homage to an Empty Young Man«. Lichter in Schwarz und Weiß zauberten intensive Effekte, und die Verstärker glühten nun endlich. Weiter ging es mit der Feuerwalze »Treadmill« und der Neunummer »New Bernd«. Das Zusammenspiel funktionierte kompakt und unglaublich taff. Pink Floyds psychedelische »Mother Mathilda« beförderte vorübergehend an alte Zeiten. Dabei immer wieder eingestreut: Dreamings Markenzeichen - die jähen, markerschütternden Schreie. Das sehnsüchtig-spirituelle »Hello« schloß sich an, und Thomas besang den »Way Home«. Ja, und schließlich gab´s den Kniefall vor den Helden durch Vitus´ »Shooting Gallery«. Noch eine Götterode gefällig? Dreaming intonierten »Born too late«, beließen es jedoch bei einem Riff... und gingen ins finstere »By a Hairs Breadth« über. Die Jungen präsentierten noch den treibenden Doomrocker »Blurred Truth« und Sandro verriet mir später, daß im Sommer ein neues Langeisen erscheinen wird. Dreamings Werke 'Smirten Prøben' und 'Tý Vølœý' waren lange unzertrennlich mit meiner heimischen Anlage verrostet. 'Tý Vølœý' zählt zu meinen dreißig Allzeitfavoriten. Heute sah ich die Helden erstmals in Aktion. Und sie waren noch großartiger als erhofft.
 
Ich stürzte das erste Bier - süffiges »Franken-Bräu« für zwei Euronen.
SET FORSAKEN
(21.40-22.30)
1. Kindred Veil
2. A Martyr´s Prayer
3. Via Crucis (The Way of the Cross)
4. Carpe Diem
5. Where Angels Have Fallen
††††††
6. Wither the Hour
FORSAKEN liessen von 21.40 bis 22.30 die Zeit still stehen. Malta ist die Heimat und Forsaken gibt es seit 1991. Zu den Anfängen waren sie als Blind Alley noch in der wüsten Welt des Prog Metal daheim. Vieles vom Kreuzfeuer des Metal lebt bis heute in Forsaken fort. Mit »Kindred Veil« ging es unbändig, fast schon übertrieben, los. Erster Einpeitscher war dabei der kleine, unter einer obsoleten Hardrock-Mähne steckende Vokalist. Jener Leo Stivala hatte als hyperventilierender Kobold mit heroischer Stimme und wildbeschwörenden Grimassen die Halle fortan in ein Tollhaus verwandelt. Keine der sechzehn Gruppen würde die Begeisterung wie Forsaken finden. Einerseits waren die Leute denkbar gut drauf, andererseits war der Orden aus dem Mittelländischen Meer aber auch überirdisch stark. Forsaken prügelten den »Martyr´s Prayer« herunter, und sie durchlitten den Kreuzweg, die »Via Crucis«. Umwerfend auch die Saitenmänner. Vor lauter Ungestüm verlor der bullige Bassist immer wieder die Balance und mußte vom noch schwergewichtigeren Moogzauberer aufgefangen werden. Der wiederum schuf mit hupenden Kirchenorgeln ein ewigliches Flair. Es war völlig durchgeknallt und das Podium viel zu eng für die fünf Powerdoomer so far away. Selbst ein Stadion hätten die in Asche gelegt. Der Sound war dunkel, dramatisch und oft ungeheuer raserisch, und der wuchtige Klumpen »Carpe Diem« sowie das kathedralenhafte »Where Angels Have Fallen« besiegelten das Spektakel. Trotz strikten Vorgaben durften Stivala, Vukovic, Bell, Gatt und Ellul einen Bonus zelebrieren. Die Donnerballade »Wither the Hour« war zur letzten Botschaft auserkoren. Forsaken, Malta, waren eine faustdicke Überraschung und der Abräumer überhaupt. Anderntags sollte Foppi mir erzählen, daß Leo ihm nach der Schau überglücklich um den Hals gefallen sei. Nie zuvor standen die »verlassenen« Inselkinder vor so viel Publikum.
SET MOD
(22.50-23.40)
1. Leaves
2. Veil of Lead
3. Weiss
4. Distant
5. Mirrorsoil
6. Entgleiten
7. Asylum
8. Vanished
MIRROR OF DECEPTION liessen von 22.50 bis 23.40 die Zeit still stehen. Die Söhne der Stauffer, meine Brüder im Geiste, hatten es schwer. Die von Forsaken aufgeputschte Anhängerschaft vor sich und herbe Verluste im Vorfeld verschmerzend: Erst hatte Sänger Baumi nach zehn Jahren sein Ausscheiden verkündet, dann verschlug der Dienst Trommler Drescher wenige Wochen vor dem großen Tage nach Amerika. Auch Kloidls Einsatz blieb lange ungewiß. Zumindest der Bassist durfte mitwirken. Ohne Lamentieren steckten Foppi und Siffi all die Hiobsbotschaften weg. Ebenso die Bürde der Festivalorganisation. So was gelingt nur den Großen. Und zu denen zählen die Esslinger seit 1990. MOD sind die Kronprinzen des Epic Doom. Sie schlagen eine sehr feine, philosophische Klinge. In ihrer Welt leben die ganz tiefen Gefühle. Und die entladen sich in wunderschönen Harmonien. Monatelang hatte ich dieser Stunde entgegengefiebert - jetzt war es soweit! Gleich das doomrockige »Leaves« schoß mir die Endorphine nur so in die Adern und sorgte für Gänsehaut pur. Weitaus melancholischer kam da die zerbrochene Liebe »Veil of Lead« daher. Jene Pein, schleppend und nebelverhangen wie ein empfindlicher Novembermorgen. Mirror senkten die Gitarren zum Boden. Alles noch schwerer machte der erste Doomer auf Deutsch, »Weiss«. »Weiss« ist täuschende Schönheit, intoniert über würdige zehn Minuten. Ich wiegte das Haupt, mit feuchten Augen. Kaum Erleichterung verschafften die bleierne Sinnsuche »Distant« und das schwebende »Mirrorsoil«. Das zweite Lied in der Muttersprache folgte: »Entgleiten«. Auch »Entgleiten« ist in Metaphern verhüllter Weltschmerz pur: »Klammernd an verpesteter Luft/Entgleite ich meiner selbst/Gedanken - Labyrinth der Sehnsucht/Verschüttet meine Sinne.« Foppi durchlebte den Auftritt von Anfang an äußerst emotional. Sein Schopf verhüllte sein Antlitz. Aber kurzer, das Haar nach vorn pustender Atem, ließ vermuten, wie schwer ihm ums Herz war. Allein diese Optik war die totale Entwaffnung. Siffi regierte klampfend und unmenschliche Klagetöne zeugend an der Front. Sein vibrierender Kehlkopf, gleich dem schwarzen Inneren eines Didgeridoo, kündete das schwermütig-schwelgerische »Asylum« an. Und Kloidl, der stoisch mähnewirbelnde Mann am Bass, bildete dazu den ruhenden Pol in der Spiegelwelt. Wacker auch: der kurzfristig von Mandragora eingesprungene Marco hinterm Drum. Mit dem von weinenden Gitarren durchzogenen »Vanished« schlossen die Schwaben den Laden der Verdammnis. Ihre letzten Worte: »You could just be/away for a while/but you could as well be ... dead«. Klitschnaß und ausgepumpt verliessen meine Freunde den Podest. Ich war dem Weinen nah, sowas Ergreifendes! Jochen kam zu uns. Mit verschwitztem Haar. Um zu fragen, wie es uns gefallen hat. Peanut war sprachlos: »Sehr gut«, das war alles. Und ich war kalt wie ein Stein, paralysiert, mirrored... was auch immer. Wir lebten die Gefühle im Stillen.
SET SEMLAH
(0.10-0.50)
1. Suffering in Silence
2. Stale
3. The Realm Unknown
4. Vortex
5. Silent Sermons in the Plastic Church
6. Serenity´s Domain
7. Banished
8. My Ruin
SEMLAH liessen von 0.10 bis 0.50 Uhr die Zeit still stehen. Schweden, dem dunklen Land im Norden, entstammen Lichtfiguren wie Candlemass und Raven. Und Semlah. Seit vielen Jahre werkeln die Männer aus Uppsala schon im Untergrund. Semlah existieren aber erst seit 2001. Leitwolf ist der frühere Bassist von Count Raven, Tommy »Wilbur« Eriksson. Semlah paßten in keine Kategorie. Mal kamen sie experimentell daher, mal progressiv, mal episch, mal rockig, mal heavy und zuweilen alles zusammen. Unorthodöxer Power Doom heißt die wüste Semlahwelt. Ein Blätterteiggebäck diente als Pate bei der Namensgebung. Vielleicht waren es ja auch Space-Kekse, die den Sänger Joleni so euphorisch machten... Den Eingeweihten nach war Nilsson nämlich zugedrogt wie eine Haubitze. Der Auftakt mit »Suffering in silence« und »Stale« war durch Wilburs frickelig-surrenden Bass beinahe Free Jazz. Doch Doomer wollen Doom! Und die düster klagende Macht »The Realm Unknown« rückte die Welt dafür ins rechte Licht. Knattergeil kam darauf die stimmungsvolle Passage mit »Vortex of Regression« und »Silent Sermons in The Plastic Church« daher. Siffi quasselte mit mir und uns entging etwas von »Serenity´s Domain«. Egal. Immer wieder grüßte der kahlköpfige Joleni auf Deutsch ins Publikum. Und er sang roh, kraftvoll und überaus beeindruckend. Ebenso erste Kajüte: Berghs Arbeit am Schlagwerk. Und dieser Baß... dieser Baß... Schließlich hatten Semlah durch den langmähnigen Hünen Johnson auch noch am Sechssaiter einen dabei, der weiß, wie´s geht. Johnsons maschinengewehrartige Salven bei »Banished« und »My Ruin« sorgten im Finale noch mal für offene Münder. Semlah waren esoterischer Stoff, Doom wie reifer Wein.
 
In der Halle mehrten sich die Leichen. Gedoomte Burschen, die besinnungslos betrunken und bekifft zwischen Scherben und Bierlachen schlummerten.
SET THUNDERSTORM
(1.10-2.25)
1. Reality
2. Parallel Universe
3. Witchunter Tales
4. Unchanging
5. Star Secret
6. Glory & Sadness
7. Time
8. Ascension
††††††
9. Dark Knight
10. Sad Symphony
11. Electric Funeral (B.Sabbath)
Veni, vidi, vici: Wer im Genuß destruktiver Substanzen Askese geübt hatte, wurde mit einem phänomenalen Ende belohnt! Von 01:10 bis 02:25 liessen THUNDERSTORM die Zeit still stehen! Thunderstorm sind die genialste Doomtruppe, die je dem Sacrum Imperium Romanum entsprang und die Sensation der letzten Jahre überhaupt. Wann ernteten Doomer schon Bronze in einer Hitparade des Metal? Fabio »Thunder« Bellan, Sandro Mazzoleni, Omar Roncalli und Christian Fiorani gelang der Paukenschlag bei »Rock Hard«. Thunder besitzt die große Gabe, Melodien von ungeheurer Tiefe zu komponieren. Obendrein besticht der Frontmann mit einem endlos wallenden Rotschopf, mit Schick und Charme. (Als Frau würde ich auf Bellan fliegen.) Mit der brachialen »Reality« brach der Gewittersturm los. Thunderstorm headbangten von Beginn an wie entfesselt und das Publikum feierte die Rotte frenetischst ab. Ein schöner Stern prasselte danieder: die sinnliche Verlierergeschichte vom »Parallel Universe«. Durchdringend bis auf die Knochen sang Thunder die Schlüsselzeile, drei Worte nur, doch alles auf den Punkt bringend: »World of lies. World of lies. World of lies. World of lies.« Die Geschichten vom Hexenjäger traten auf den Plan, die »Witchunter Tales«. Ein Doomer alter Machart mit kristallreinen, orgiastischen Vokalen und wahnsinnig treibenden Gitarrenläufen. Schlachtgesänge für »Fabio« erfüllten die Halle. Es folgten das verschrobene »Unchanging Words«, die Groove-Maschine »Star Secrets« und die steil gehende Hymne »Glory & Sadness«. Der Blizzard »Time« brachte die Galaxis ins Wanken. Fabio und Sandro grinsten sich schelmisch an und schredderten mit unheimlicher Wucht alles nieder. Das von »Ascension« entfachte, sirenenhafte Killerriff - es wird manch einen bis ans Ende seiner Tage verfolgen... Trümmer... Sternenstaub... War das von dieser Welt? Nein, kann nicht sein! War ´ne Supernova! Dacapos waren zwingend nötig. Einen Moment nur verweilten die Italianier im Schatten. Dann regierten sie ein letztes Mal aus dem Showlicht heraus die Welt. »Dark Knight« begann als erste Zugabe schwarz wie Ruß und steigerte sich in einen irren, nicht endenwollenden Riffsturm; Teil zwei, genannt die »Sad Symphony«, bereitete mit unglaublicher Wohligkeit die Rückkehr ins Hier und Jetzt vor; und mit dem inbrünstigen Sabbath-Düsterepos »Electric Funeral« war die Squadra wieder zurück auf Erden. Thunderstorm fanden den Weg tief in unsere Herzen - und da bleiben sie für immer! Mille grazie, Temporale! Halb drei taumelte das Doomvolk hinaus...
 
... in eine frostige Winternacht im Niemandsland. Es gab Gerangel um die Taxis. Zwei Dutzend Holländer buhlten auch um Mitnahme in einer der warmen Karossen (während sich die harten Mannheimer von der Hinfahrt mit einem Schlafplatz im Verhau einer Bushaltestelle begnügten. Sie befanden, daß es darin »wenigstens nicht zieht«. Was macht einem Doomjunkie auf Endorphin auch schon ein Grad unter Null aus?!). Wir hatten eins der größten Doomfeste aller Zeiten erlebt. Wenn nicht das bedeutendste! Kalle, Jo, Peanut und ich wurden nach zwanzig Minuten Wartezeit doch noch einen Chauffeur abgeholt. Im Engel-Keller hab ich den Tag bei einem letzten Bier rekapituliert. Und schon heute war mir klar, daß sich mein künftiges Leben nur noch um Doom Shall Rise drehen wird. Halb vier bin ich im Himmel des Doom entschlummert.
 
 
>> Fortsetzung... DOOM SHALL RISE I, TAG 2 <<
 
 
Heiliger Vitus, 16. Februar 2003
(Fotos: Hl.Vitus)