DOOM OVER EDINBURGH II
 
OFFICIUM TRISTE, PANTHEÏST, EYE OF SOLITUDE, MARCHE FUNÈBRE
GB-Edinburgh, Bannermans - 12. März 2016
Sonnabend, 12. März (2. Tag)
 
Im Gegensatz zum leckeren »Edinburgh Gold« im Bannermans (Pint für 3 Pfund 85, rund fünf Euro), hatte Petrus wie immer »grey and cloudy« geflaggt. Aber die Welt bietet zum Glück auch warme und weiche Orte... Um sieben standen wir wieder im Bannermans. Dort war alles beim Alten. Nicht ganz. Denn ein besoffener alter Furz in häßlichem grauen Strickpullover, der ins Waschbecken pinkelte, und ein von diesem Schwein angezettelter Rempeltanz, hätten heute fast Fäuste fliegen lassen. Nur weise Zurückhaltung verhinderte es. Nachdem wir am Vortag bereits dem Ulmer Jungen Gideon wiederbegegnet waren, kam´s heute zu einem weiteren Aufeinanderprall mit einem Bekannten vom Vorjahr. Vor genau zwölf Monaten hatte Rab bei jeder Gruppe in der Frontreihe wild durchgebangt. Derselbe Kerl trug noch immer denselben farbenfrohen Ringelpulli und dieselbe Metalkutte, jedoch waren seine Dreads zur Hälfte ausgefallen, auf seinem Skalp steckte eine Brille und seine Bewegungen erinnerten an einen Hundertjährigen. Rab war ein Wrack, das nur noch das Wort »fuck« kannte, das die »Scottish farmers« beschwor, und das mich selbst beharrlich mit einem gewissen »The Duke« verwechselte. Hinterm Mischpult stand wieder Rob, der Bassist bei Karma To Burn und The Exploited. Halb acht war wieder Götterdämmerung......
Obskure Kerle, ein Wandbild voller Skelette, Eloquenz (sogar im Schotten-Slang!), hohes Tempo: Der Death Doom von MARCHE FUNÈBRE sollte die Meute in die richtige Laune bringen. Und mit dem ersten Schlag auf die Trossen hinterließen die Flamen auch einen erfrischenden Eindruck. Ganz nebenbei absolvierten sie heute ihren 97. Auftritt. Drei fehlen noch zur Valhalla. Zuvor in Edinburgh zelebrierten Vandenhoeck, Blommé, Egberghs, Iolis und Lefebvre jedoch ihre bisher wenig bekannte Version von Doom, und rifften, trommelten, schrien und headbangten ihr Set - beginnend mit dem Neuwerk »The Garden of All Things Wild« - in einem anderen Licht in die Odinburger Unterwelt. In Sachen Magie und Aura blieb in der niedrigen Grotte des Bannerman Luft nach oben. Selbst das zerbrechliche »Crown of Hope« war heute mehr Death als Doom. Doch dank der hingebungsvollen Präsenz seines Kommandos, allen voran eines berserkergleich agierenden Bassisten, gelang es Marche Funèbre, ihren diesmal über weite Strecken schnellen Metal greifbar und fesselnd werden zu lassen.
EYE OF SOLITUDE hoben die Nacht in eine ganz andere Dimension. In der neunten Stunde lag das Geviert in tiefem Schwarz vor uns. Außer sechs brennenden Kerzen war nichts mehr zu sehen. Auch nicht der später spärlich illuminierte Wald mit den sechs an Bäumen hängenden Menschen im Hintergrund. Londons Neagoe, Antoniades, Gough, Davies und Ferraro zelebrierten die absolute Dunkelheit und ultimative Zeitlupe. Manisch doomig am Anschlag, durchweg theatralisch und mit wahnsinnigem Tiefgang wälzte sich ihr Lugubrious Doom Death in die Katakombe, und rüttelte Gläser von den Tischen (die wie durch ein Wunder nicht zerbrachen!). Gleich mit den ersten Klängen lag der Verfasser dieses Rapports meditierend zu Füßen des nicht minder ekstatisch headbangenden Gitarristen. Eye of Solitude doomten mich in die Katharsis. Mehr gib´s nicht zu sagen. Worte können dieses Gefühl ohnehin nicht umschreiben. Eye of Solitudes spirituelle Düstermesse in vier Akten währte eine volle Stunde. Die letzten Worte ihres Sängers lauteten: »Thank you Scotland, you were fucking amazing!«
Meine Haßliebe zum Funeral Doom pendelte heute eindeutig zur Liebe hin. Denn PANTHEÏST waren eine Gruppe, die etwas zu Sagen hatte. Für den alten griechischen Philosophen Kostas Panagiotou begann dies im Jahre 2000 mit der Gründung von Pantheist, für Frau P. und mich anno 2004, als wir die Stilkoryphäen erstmals beim Doom Shall Rise (R.I.P.) erlebten. Damals in völlig anderer Besetzung. Heute wurde Kostas von den Saitenmännern Cunha und Obradovic flankiert. Hinterm Schlagzeug saß Dan. Das Hauptquartier wurde von Flandern nach London verlegt. Im Mittelpunkt stand indes ganz klar Kostas, der hinter seinem riesigen Keyboard mit eindringlich klarer Stimme wie ein Prediger hinter der Kanzel das Zepter führte. Kaum weniger Beachtung fand der wild headbangende Gitarrist, der von der eigenen Musik ein ums andere Mal fast umgehauen wurde. Der Auftritt der »Allgötter« war dramatisch und von biblischen Ausmaßen wie im Stück »Don´t Mourn', was allein eine viertel Stunde währte. Dabei ließ die Nähe zu den Protagonisten die bestürzenden Inhalte geradezu beklemmend lebendig werden.
Hinten ist die Ente fett... Als einer der Lockvögel lieferten OFFICIUM TRISTE die opulenteste Vorstellung des Festivals ab. Obgleich der Ikonenstatus, den die 1994 in Rotterdam formierte Gruppe genießt, augenscheinlich noch nicht bis nach Midlothian durchdringen konnte. Daß die Liederauswahl frei von Überraschungen war - geschenkt. Sie waren in Schottland ohnehin unbekannt. Nichtsdestotrotz gestand der Vokalist seine Inspiration durch die britischen Metalbands der frühen Neunziger, und schenkte der Meute eine ausgewählte Schönheit durch Chorus of Ruin´s »Headstone«. Meine Adjutantin gestand später, noch nie im Leben so geheadbangt zu haben. Trotz ungewohnter Optik, die noch nicht ganz rund und aus einem Guß wirkte (neben Pim Blankenstein, Gerard de Jong und Niels Jordaan standen mit William van Dijk und Theo Plaisier zwei Neue auf der Bühne), und bis auf wenige Ausreißer (der etwas übermotivierte junge Gitarrist, ein chrombesetzter Bassgurt als unnötiges Glitzer-Beiwerk, das auch noch riß...), traf der Death Doom aus den Niederlanden immer den richtigen Ton zwischen pointierter Trauer und Tristesse und bodenständigem Realismus und Zusammenbruch. Das verrottete »My Charcoal Heart« besiegelte die packendste und glaubhafteste Darbietung, die ich je von Officium erlebte. - Nach der Glocke zur »Last order« wurden ein Uhr nachts alle aus dem Bannerman rausgeschmissen. Am Morgen fuhren die Holländer quer über die englische Insel nach Newcastle und begaben sich dort auf die 16stündige Bootsfahrt nach Amsterdam, und von dort weiter nach Rotterdam. That´s Doom!
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
MARCHE FUNÈBRE
(19.38-20.28)
1. The Garden of All Things Wild [unreleased]
2. As in Autumn
3. Lost (In the House of Doom)
4. The Dark Corner
5. Crown of Hope
 
EYE OF SOLITUDE
(20.47-21.45)
4 Titel, alle unbekannt
 
PANTHEÏST
(22.10-23.00)
1. Controlling Fire
2. Behind Closed Doors: Mad 20th Century
3. Don't Mourn
4. The End of the World
 
OFFICIUM TRISTE
(23.22-0.22)
1. On The Crossroad of Souls
2. The Sun Doesn´t Shine Anymore
3. Your Fall from Grace
4. This Inner Twist
5. Your Heaven, My Underworld
6. Headstone [Chorus Of Ruin]
7. My Charcoal Heart
Epilog
 
Sonntag bis Mittwoch, 13. bis 16. März
 
Für uns kam´s in den Tagen danach in der Bannermans Bar zu diversen doomigen Wiederbegegnungen. So trafen wir am Sonntag auf den Trupp von Marche Funèbre. Und zwar auf alle - bis auf den Bassisten. Als Opfer des belgischen Parodoxon war der Wallone Iolis des Flämischen nicht mächtig und hatte auf weitere Unterhaltungen mit seinen Gefährten in Englisch verzichtet. Die Belgier hatten einen Kulturtag drangehängt (unter anderem Burg, Salisbury Crags, Whisky-Experience), und der eloquente Arne verkaufte uns aus dem einige Straßen entfernten Bandbus heraus seine im Wortsinne letzten Hemden. Marche Funèbre fuhren am Montag durch den Tunnel zwischen Dover und Calais nach Belgien zurück. Noch mehr Ausdauer bewies nur das »Baroeg«- Pärchen Bettina und Erik, der Sohn von James Hetfield, welches am Dienstag über Manchester und Newcastle nach Rotterdam zurückgondelte. Desweiteren trafen wir im Bannerman einen Altrocker, der Hawkwind dreißigmal live erleben durfte, davon zweimal in Edinburgh, und sechsmal in der Besetzung mit Lemmy (R.I.P.). Wir selber verbrachten vom Donnerstag bis Mittwoch sechs Abende in besagter Bar. Der letzte wurde mit einer Bluegrass- und Folkrock-Schau um den Hauptakt Ber gewürzt. Ferner gehörten eine Seance im Tattoo-Studio »Hall of Fame«, eine abgebrochene Besteigung des »Arthur´s Seat«, und ein Besuch beim Indie-Label »Avalanche Records« zu unseren Unternehmungen.
 
 
Epilog zum Epilog
 
Nachdem mit King Goat, My Silent Wake und Witchsorrow bereits nach drei Tagen die ersten Gruppen für das DOOM OVER EDINBURH III rekrutiert waren, kam es zum »Brexit« (Ausstieg Großbritanniens aus der EU) - in dessen Folge auch die Jobs der Organisation bedroht wurden. Im Juni 2017 teilte Miguel mir mit, daß er mit Andreia in die Heimat Portugal zurückkehren wird, und es NIE MEHR ein Doom Over Edinburgh geben wird.
 
 
Subservient Hails
Miguel & Andreia
Alle Gruppen von Doom Over Edinburgh
Goddess of Doom Peanut
Sir Lord Gardner
Bannermans Barcrew
 
 
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Text: ((((((Heiliger Vitus)))))), 20. März 2016/2. Juni 2017, Bilder: Vitus & Marche Funèbre