COLOURFUL GREY, FREEZEEBEE, SISKO, VERLEN
D-Frankfurt am Main, Sinkkasten - 30. November 2007
Abschied ist ein bißchen wie sterben... Für den letzten Novembertag 2007 hatte eine der Frankfurter Underground-Instanzen zu ihrer letzten Schau gerufen: Die Indie-Punk-Rocker Colourful Grey warfen nach zwölf Jahren und 200 Konzerten das Handtuch. Schauplatz war der in Mainhattans Innenstadt befindliche »Sinkkasten«. Und viele waren dem Ruf von Lemhöfer, Werth & Konsorten gefolgt. Eine Woche vor Tag X waren die Vorverkaufskarten vergriffen. Am Ende sind fünfzig umsonst zur Abendkasse gepilgert. 21 Uhr war der Kultclub mit 450 Leuten ausverkauft!
 
So gesehen hatten Peanut und ich noch Schwein, als wir kurz nach halb neun noch Karten erbeuten konnten. Im Preis von einem Zehner war der letzte und mit Abstand düsterste Silberlinge der Helden enthalten: 'Colourful Grey Says Goodbye And Thanks For All The Love'. Dazu haben CG an diesem Abend ihr komplettes Band-Arsenal verhökert. Alles. Kompletti. Neben dem Glück mit dem Karten hatten wir ferner den Luxus, die Schau wie in einem Kino, in Reihe 2 direkt vor der Bühne sitzend, erleben zu dürfen (der Sinkkasten ist teils mit alten Kinobänken bestuhlt).
 
Dem Anlaß gebührend, hatten sich Colourful etwas Spezielles einfallen laßen: Im Vorprogramm sollten vier befreundete Gruppen je zwei Titel von Colourful Grey covern; im Anschluß würde es einen Film geben; bevor dann - last and (!) least - die Protagonisten selbst in Aktion treten würden. Aus den vier Unterstützern wurden letztlich drei: TRAGIC VISION blieben fern.
Verlen,
Sisko,
FZB
Von den CG-Köpfen Boris und Philipp als »Maximum Scorpions, Led Zeppelin und Black Sabbath« anmoderiert, waren es somit VERLEN aus den Büschen und Bergen vor Frankfurt, die um 21 Uhr den Leichenschmaus eröffneten. Verlen hatten wir vier Jahre zuvor auf dem »Maingold-Festival« als extrem laute und noisige Neo Grunger erlebt. Heute war alles anders: Crib, Joel, Foe und Simon kamen überaus antiquiert hardrockend daher. Nach den beiden CG-Covern (die gewiß niemand erkannte), verkündete ein psychedelisch hingehauchtes »Yeah« einen Bühnenumbau und die zweite Gruppe der Nacht. Sehr originell...
 
Soleïlnoïr-Sänger Maggot erreichte die Räume des Sinkkasten. Ein knappes »Vitus!« an meine Adresse sollte unsre erste und letzte Begegnung bleiben. Anschließend war Maggot wie vom Erdboden verschluckt...
 
Kurios ging es weiter. Die aus Kroatien stammenden Brüder SISKO - die gewöhnlich als Gothic Rocker ihr Unwesen treiben - sollten ebenfalls zwei CG-Nummern beisteuern... konnten aber definitiv nur eine. Nachdem sich Bruno und Igor mit Unterstützung des Bootleg Version-Kürbis an der Gastgitarre, knietief in A.O.K.´schem Nothingcore-Pannen-Unfug durch Nummer 1 gemogelt hatten, sollte es eine unerwartete Wendung geben. Glich doch die zweite - »Western Suburbs« - einer glühenden Doom-Walze in bester Saint-Vitus-Manier! Es war verdammt geil, wie sich der langhaarige Sänger nicht nur optisch, sondern auch stimmlich, der Doomkoryphäe Wino gleich ins Mikro hineinschwur. Der Sinkkasten erstarrte regelrecht in Totenstille, und selbst die Hühner haben mal für zwölf Minuten ehrfürchtig den Schnabel gehalten. 21.48 Uhr waren Sisko aus Frankfurts westlichem Vorort Höchst mit diesem absoluten Glanzlicht vorbei...
 
... anschließend rammelte das Crossover-Quartett FREEZEEBEE eine (nur eine!) kurze, aber umso heftigere Emo-Rock-Version unters Volk.
Um 22 Uhr war es Zeit für Lichtspiele, Zeit für 'To End All Vid´s' von und mit COLOURFUL GREY. Auf einer vor der Bühne drapierten Leinwand waren Mitschnitte im Wackelstil vom ersten Konzert 1996 als Dead Man´s Thoughts bis zum Finale 2007 zu bewundern. Der Zuschauer durfte langhaarige Punks in Bunkerräumen bestaunen; er erfuhr, wie Gitarrist Simon in Georgia zur Crew stieß; sah die Jungen bei ihrer Batschkapp-Premiere 2001; auf exzessiver Deutschland-Tour 2003; auf der Fähre von Holland nach England 2003; erfuhr, wie Musiker im hektischen Linksverkehr Londons ihre Gerätschaften vom Auto über die Straße in den Club bugsieren; und wieviele Bassisten man zwischen 2005 und 2007 verschleißen kann. All das und Unmengen Konzertfotos war in zwanzig Minuten zusammengerafft. - - Vollkommen in Weiss und zur Abwechslung mit kahlem Schädel und ohne Kajal ist Frontchamäleon Philipp samt seinen multiplen Instrumentenverrückten Boris, Martin, Simon und Dimi dann ganz in natura auf den Brettern erschienen. Auf Ansagen und Danksagungen verzichtend, brauste den 450 Anhängern ab 22.26 Uhr der altgewohnte Sound aus fliegenden Gitarren und der galgenhumorig-melancholischen Stimme entgegen. Der novemberisch-triste »The Spirit of Green« markierte den Beginn einer langen Reise über eine Gefühlsachterbahn aus Traurigkeit und Wut, aus Tempo und Tiefe, und Angriff und Rückzug. Nachdem CG im ersten Kapitel mit ihrer rundfunktauglichen Gangart um den Ohrwurm »I´m a Bear«, dem avantgardistischen »Parallel Synchronized Randomness« und dem Smith-Klubrenner »There is A Light That Never Goes Out« ein letztesmal den New Wave und Britpop erstrahlen ließen ... war nach kurzer Unterbrechung ab 23.38 Uhr mit Kapitel II der unwiderruflich letzte Akt eingeleitet. Nach einer finalen Ölung durch vom Publikum nach vorn getragenen Whisky (Philipp hatte welchen angefordert - »Guten!«), zeigten CG nun nackte Haut und bunte Tätowierungen und knatterten und rockten mit ihren garageigen Post-Punk-Nummern - allen voran »Start Today« und das destruktive »Temporarily Untitled« - alles in Grund und Boden. Das für mein Gefühl berührendste und traurigste Lied - »To End All Songs« - ließ nach sagenhaften zwei (!) Stunden (um 0.21 Uhr) die Gruppe Colourful Grey für immer verstummen. Arm in Arm am Bühnenrand umschlungen sagten die fünf Goodbye.
ABSPIELLISTE COLOURFUL GREY
1. The Spirit of Green
2. Kiss from the Underground
3. I´m a Bear
4. Date Me, Destiny
5. All Fall Down
6. Parallel Synchronized Randomness
7. Breathing a Silent Goodbye
8. Underwater
9. I Was on a Mountain
10. Turn
11. Till Death Do Us Part
12. Generation Overdrive
13. Sleeping Beauty
14. There is A Light That Never Goes Out (The Smiths)
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15. Wannabe
16. When I Scream
17. Western Suburbs
18. Start Today
19. Temporarily Untitled
20. To End All Songs
Derweil die Helden ein erschöpfendes und glückliches Abschiedsfest mit Frieden und tausend Küssen aus dem Untergrund bis Sonnabendmorgen um vier feierten, erwarteten den Berichterstatter Krieg und Leid auf dem Heimweg um 2.15 Uhr: Eins der in Frankfurt omnipräsenten Arschlöcher hatte im Nachtbus nach Rödelheim schicksalsweise unsere Wege gekreuzt - und mit ignorantem Gehabe provoziert. In der Folge flogen erst ein MP3-Player - und dann Fäuste. Die Bullerei und weiß Uniformierte waren auch noch rasch im Einsatz... und so wird die Farewellparty von Colourful Grey für den einen oder anderen ein bitteres Nachspiel haben.
 
Die Farbenfreudigen Grauen haben sich von den Bühnen dieser Welt verabschiedet. Wir alle werden folgen.
 
 
Heiliger Vitus, 4. Dezember 2007
(Fotos: Hl.Vitus)