THE DEVIL IN MISS JONES, KLOTZS
D-Frankfurt am Main, AU - 2. Mai 2003
Tanz in den Mai - mit Punk in der AU! Zuvor jedoch mußte Platz im Frostschrank gemacht werden. Der Sekt mußte weg, ein Fläschchen »Rotkäppchen«, das die Zeit seit Silvester überlebt hatte! Pünktlich zum feuchten Aufbruch bagnn es dann auch von Oben wie aus Kübeln zu schütten. Und so lief ich mit meinem Mädel pitschnaß bis auf die Knochen halb elf im besetzten Haus von Rödelheim ein. Zum für längere Zeit letzten AU-Konzi waren rund 50 Leute gekommen. Welche sich nicht aus den erwarteten Stachelpunks rekrutierten. Nein, der Keller wurde heute von Langhaarigen, Furchtlockenträgern und Grottenpunkern bevölkert!
Der verregnete Maiabend wurde um 22.45 Uhr von i.n.g.e., nuevo und pffffmmmpf, kurz: KLOTZS, eröffnet. Von Klotzs existiert ein auf 100 Stück begrenztes D.I.Y.-Minialbum namens 'Kill Me!' Dies zum Bekanntheitsgrad. Welchem Stil frönt die Gruppe aus dem Siegerland? i.n.g.e. brachte Licht ins Dunkel: »Wir sind verkopft. Deshalb singen wir über Postfächer. Und nicht über Dinge, die andere singen.« »Postfach« war richtungsweisend: Klotzs sind Noise Punker, die von Lebenskrisen, Beziehungskisten, Zwängen und Unterwerfung beeinflußt sind. Msn kommt in der Muttersprache, mal still und im nächsten Moment komplett ausbrechend. »Postfach« bsw. startete punkrockig und endete fast schon speedmetalisch. i.n.g.e. rief: »Das Nächste handelt von dem Ort wo wir her sind, der nicht mal der Erwähnung würdig ist.« (Klotzs stammen aus Netphen.) Das Stück hieß »Samplerbeitrag«, es schloß mit den Worten »Grau wie du, grau wie Frankfurt, grau wie ihr alle, die ihr nichts besseres verdient habt«, und erinnerte verdammt an die Düsterpunks Fliehende Stürme. Und bisweilen schimmerte bei Klotz auch ein gewisser Campino durch. Kreuzüber ging es in eine 30-sekündige Krachattacke »über die Oberflächlichkeit und Schnellebigkeit der Zeit«. Natürlich gab´s auch ´ne Haß-Tirade ( »Ha!« ), und eins über eine enttäuschte Liebe, das raserische »Immer noch da«. i.n.g.e. vermeldete, er habe ´ne »Serviceliste im Bankenviertel von Fuckfurt« und »Ihr seid keine Lemminge, ihr seid alles Einzelpersonen!« Vertont war dies durch »Gleichgewicht«. Eine verknorzte Experimentalballade ließ uns ein wenig Luft holen... bevor es weiter ging, mit einem erneut an die Stürme angelehnten, superschönen und heftig ausartendem Wavepunker. Eine Ska-Nummer voller wehmütigen Erinnerungen schloß sich an, es pfiffen zwei Speedgranaten durch die AU, eine über den »Prager Frühling«, die andere über Ängste in der Nacht: »Schafe«, und i.n.g.e. wünschte schon mal »Viel Spaß mit dem Naturereignis The Devil in Miss Jones.« Den Höhepunkt, den hatten sich Klotzs für´s Finale aufgespart: einen mit wunderschönen, sphärischen Gitarren beginnender Emopunker, der in einem achtminütigen Riffgewitter endete. Titel: »Punkt 1«. Der Frontmann war hier völlig in sich versunken. Nach einer Stunde waren Klotzs durch. Und alle hatten aufgestellte Haare.
THE DEVIL IN MISS JONES. Begnadeter Name. Benannt nach ´nem Porno über ein unzüchtiges Frollein. Oder dem Syndrom, daß Frauen periodisch zu neurotischen Zickenterroristen mutieren läßt. Dachte ich - und dachte fast richtig. Klotzs hatten ja aufgeklärt. »Trau keinem der fünf Tage unkontrolliert blutet und danach immer noch lebt«, so der Volksmund. Heute sollten wir jemand trauen, der seit zwei Dekaden Punk macht und keine Spur tot ist. Solange nämlich rumort »Der Teufel in Frollein Jones« schon in Gestalt von EA80. Erster Auftritt 1980, daher der Name. TDiMJ-Kopf Martin »Junge« Kircher war Vordenker der Legende. Bei den Teufeln bekommt er als M (Gitarre, Gesang) Schützenhilfe von M (Gitarre), A (Baß) und M (Schlagzeug) unterstützt. Alles klar? Die vier Mönchengladbacher hatten Wave Punk from Hell mitgebracht. »Wir sprechen eure Sprache gut, weil wir schon seit zwanzig Jahren in euer Land kommen«, so eine kalte Roboterstimme Schlag zwölf zum Gruß. Den Auftakt machte eine düstere Ode an die Stones´, das zu »No Sympathy for the Record Industry« umgetextete *Ooo, who, who*-Sympathy for the Devil. Einschließlich erster Vokale aus dem Munde von Junge. Die irgendwo zwischen den Sisters und Danzig liegen, und damit völlig einzartig im Punk sind. Mit »Handyman Kill« folgte ein Punkrocker alter Machart, und darauf das schwer vertrackte »Love Me«. Neben mir lümmelte eine Horde androgyner Edelpunker, Geschlecht unbekannt. (Peanut tippte auf männlich.) Darauf bliesen zwei Highspeedkiller durch den Keller. Zum einen »The Cool & the Fucked Up«, zum anderen »Love is a Punk«. Hernach wurde es abstrakt: Trommelwirbel setzte ein, schwoll an, und sphärische Gitarren setzten sich darauf, bis sich dieses Teil zu einem bizarren Wall aus Melancholie aufgetürmt hatte. »Territory« nahm mich im Sturm. Und Darkies bewegten sich im wilden Ausdruckstanz. Darauf wieder geradeaus Vollgas, mit »Riot«. Und als Junge im Volk stehend seine ausschweifend geile Rückkopplungsorgie zu »Hey Jesus« improvisierte, war die Mauer endgültig gefallen: Die Teufel hatten mich zum Headbangen angestachelt (und das haben keine Punker zuvor geschafft)! Die fulminanten Rocker »Neutro« und »Class Road« forcierten den Wahnsinn, und die lange Riffattacke »Is No Shock« raubte mir die Sinne endgültig. Es war gegen eins, als der schwarze Mann nach »The End of All Stories« atemlos keuchte: »Das war´s. Dankeschön. Es hat viel Spaß gemacht mit euch!« Doch die AU wollte mehr! Der »Hollow Way« führte in die Verlängerung. Und wieder erklärten die Teufel »Das war´s. Unser Sänger is leer!« und verschwanden. Mit Ausnahme von M. Der hatte nicht genug und pfiff die Kameraden zurück. Hälfte zwei der Zugabe begann sinngemäß so: »Wir spielen einen Klassiker, einen von Slade: »Come on Feel the Noise.« Ein cooles Teil im Stile Korns schloß sich an. Nur ungleich rauher und ehrlicher als all die Nu-Metal-Kokser zusammen! Und so dröhnte und krachte es bis halb zwei. Bis Miss Jones nach dem Pillenrocker »Skypocket pt. 1« ausgeblutet war. Die Westdeutschen entpuppten sich als eine der famosesten Punk-Kapellen hierzulande!
 
Am Tresen kühlten wir uns ab. Klotzs signierten meine Schallplatte, das Schankweib holte extra für mich Weissbier aus dem Keller, und nach dem gemütlichen Killen von vier Halben hatten sich alle Wolken verzogen, und die vorerst letzte AU-Sause ging in ihre nächste Runde. Halb drei war für uns Abmarsch.
 
 
Heiliger Vitus, 3. Mai 2003
(Abbildungen: Hl. Vitus und Peanut)
Au-Volk mit Vitus