TANKARD, PERTNESS, PRESTIGE
D-Frankfurt am Main, Batschkapp - 9. Januar 2026
Am Tag war Wintertief „Elli“ über Hessen gezogen. Abends herrschten dann Werte um Null und es regnete, als ich mit Frau Peanut vom Frankfurter Berg zur Spielstätte in Frankfurter-Seckbach aufbrach. Unterwegs wimmelte es vor Menschen. Viele zogen mit Bier in der Hand gen Süden ins Waldstadion zum Heimspiel der Frankfurter Eintracht gegen Borussia Dortmund. Metalfans, die zur Batschkapp im Osten wollten - natürlich ebenfalls mit Wegbier vorglühend -, mußten mit ausfallenden U-Bahnen klarkommen. Gerade noch pünktlich zur Vorgruppe trafen wir vor der triefend nassen, tiefschwarzen Konzerthalle am Ende der Welt ein. Eine reifere Dame an der Abendkasse knöpfte uns nach bestandener Leibesvisitation siebzig Piepen ab. Dafür bekamen wir zwei der kultigen, kleinen Batschkapp-Karten - die wir im Vorraum gegen die von Tankard gewohnten, stilvollen Hartkarten eintauschen duften. Grob geschätzt tausend Leute machten die Halle zu zwei Dritteln voll. Neben Bikern vom MC Pfalz und Cliquen aus der Region waren unter anderm Anhänger aus England angerückt - der Hammer! Das Gros quetschte sich sardinengleich vor der Bühne. Jemand schwenkte unentwegt eine schwarze Fahne mit der Aufschrift METALITY, nahezu jeder trug ein Textil von Tankard. Echte Metalheads mit langen Haaren indes sah man kaum. Headbanging war ohnehin nur im hintersten Winkel möglich. Dafür gab mir ausgerechnet beim Tankard-Hit „Chemical Invasion“ deren Manager Buffo am Merch die „Five“. Paradiesische Zustände bot die Bar: Dort verwöhnte die „Kapp“ ihre Gäste anläßlich ihrer fünfzigjährigen Existenz mit Special-Bechern zum Mitnehmen inklusive Bierfüllung zu 3 statt 5 Euro 50 pro halbem Liter. Aha?! Geht doch!
Am satten Klang der Kapp durften sich zuerst die von Gerre als „finnische Legende“ geadelten PRESTIGE berauschen. Prestige hatten sich 1987 gegründet, allerdings Anfang der Neunziger aufgelöst, und erst nach mehr als einem Dutzend Jahren neu formiert. Doch mit den Brüdern Karppinen, Vokalist Kytölä und Rhythmusgitarrist Yrlund stand die Urbesetzung vor uns - vier gefestigte Männer in schwarzer Kluft und mit Bärten und blonden Haaren bis zum Arsch. Jene entpuppten sich als wunderbar gespielte Speed-Thrash-Geschichte mit nostalgischem Zeitkolorit und dem kauzigen, dunklen Flair ihrer finnischen Heimat. Die ganz große Oper waren die Suomis vielleicht nicht, aber mit ihrem einfachen, raserischen Metal, schon fast vergessenen kurzen, schnellen Liedern kaum über drei Minuten, und einer Überdosis Testosteron, unterhielten Prestige blendend. „Whats is the most important word in our finnish language?“ frug Kytölä - um sie selbst mit einem sechsmaligen „Perkele!, Perkele!, Perkele!, Perkele!, Perkele!, Perkele!“ zu beantworten. Der TEUFEL führte gewissermaßen das Kommando - und „Punishment“ den letzten Hieb!
Trotz unheiliger Witterung waren PERTNESS aus dem über vierhundert Kilometer entfernten Berner Oberland angereist - und hatten ihren Anhängern für den Weg aus den Schweizer Alpen ins Herz Deutschlands sogar einen Fanbus mit minimum neun Einstiegsorten klargemacht. „Hallo zusammen, wir sind Pertness aus der Schweiz!“, lautete die Vorstellung vorm zweiten Lied „Cold Wind of Death“. Auch bei Pertness handelte es sich um Urgesteine. Allerdings waren mit Vokalist Schluchter und Sechssaiter Zurbrügg nur noch zwei vom Gründungsjahr 1993 an Bord. Wie schon die Finnen rochierten auch die skurille Zöpfe und schwarze Röcke tragenden Eidgenossen wild übers Podest. Vier Rauchsäulen stiegen aus dem Boden empor. „Swiss Highland Metal“ titulierten sie ihren wuchtigen, mittelschnellen Power Metal mit Folk-Flair. Pertness kamen mit viel Herz und Aufwand, aber kaum neuen Ideen als Tankards „Freunde aus der Schweiz“. Das berühmte „Wer hat´s erfunden?“ galt für sie nicht. Locker nebenher geguckt werden konnte die „Keckheit“ jedoch allemal. Nach einer Dreiviertelstunde und „Frozen Time“ war Sense.
„Fünfzig Jahre Batschkapp, der geilste Klub auf Erden! Und vierundvierzig Jahre TANKARD! Und wir waren nie weg!“: So klang Gerres kleine, unter die gehende Laudatio, eingestreut in eine unfassbare Zeitreise ab dem Jahre 1982 n. Chr., ein wahres Feuerwerk an Granaten und auch einigen Überraschungen. Obwohl seine vergötterten und treu besuchten Adlerträger im nahen Waldstadion zeitgleich gegen Dortmund antraten, kredenzte Gerre heute Tankards alte und neue Lieder. Allein schon das von der Menge mitgeschriene Intro „Seek & Destroy“ von Metallica jagte einem Schauer übers Kreuz - bevor mit „One Foot in the Grave“ und „The Morning After“ der Sturm losbrach. Während Gerre, Andi und Frank die kommenden 105 Minuten wie von der Tarantel gebissen übers Geviert rannten, galoppierten und rotierten, erlebten Peanut und ich den Zufall, den jüngst dazugestoßenen Schlagzeuger Lücking vorm Auftritt als stoischen Hünen hauteng bei uns stehen zu haben. Zelebriert wurde natürlich genau das, was Frankfurt von Tankard will. Dabei hielt die Thrash-Metal-Hatz aus der Heimatstadt durchweg die Spannung, war knackig, wendungsreich und hatte keinen einzigen Durchhänger. Daß bis auf „Need Money for Beer“ vollständig auf Dämlichkeiten verzichtet wurde, tat der Schau verdammt gut! Selbst „Freibier“ kam heute dreistimmig gesungen überaus finster, fast brutal rüber. Wenngleich wir erneut vergebens das Übergänsehautlied „Days of The Gun“ erhofften. Dafür trat unerwartet Gruppengründer Thorwarth im Endteil ans Mikro: „Die Metal-Community steht für Frieden, Toleranz und Freiheit!“ Seine Worte standen klar und fest im Raum - und Gerre brachte es auf den Punkt: „Heavy Metal ist Liebe! Tschüss (Cheers) bis zum nächstenmal!“... um final die auf Tankards Grabsteinen stehende Eintrachthymne „Schwarz-weiß wie Schnee“ nebst dem Speedster „(Empty) Tankard“ von der Kette zu lassen. Mein achtes Ritual mit den Tankards der Neuzeit endete kurz vor Mitternacht.
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
PRESTIGE
(20.00-20.42)
1. Ready?
2 Force of My Hate
3. You Weep
4. Offender
5. Exit
6. Innocent
7. Blessed Be
8. Ei Ihraa Mun Lautaselle
9. Maggots
10. Punishment
 
PERTNESS
(20.58-21.41)
Intro
1. Words of Lies
2. Cold Wind of Death
3. Foggy Dew [Charles O'Neill]
4. From the Beginning
5. Farewell to the Past
6. Towards the Abyss (New song)
7. My Prophecy
8. Metamorphosis
9. Frozen Time
Outro
 
TANKARD
(22.07-23.52)
Intro: Seek & Destroy [Metallica]
1. One Foot in the Grave
2. The Morning After
3. Rapid Fire
4. Ex-Fluencer
5. Need Money for Beer
6. Rectifier
7. Rules for Fools
Intro: Time Warp
8. Time Warp
9. Beerbarians
10. Die With a Beer in Your Hand
11. Octane Warriors
12. Chemical Invasion
13. A Girl Called Cerveza
14. Freibier
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Intro: R:I:B:
15. R.I.B. (Rest in Beer)
16. Zombie Attack
17. Schwarz-Weiß wie Schnee
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18. (Empty) Tankard
Outro
Auf Peanuts und meinem Heimweg stand - ein ausfallender Bus war schuld - noch die Pilsstube „Zur Post“ als Eschersheims Eintracht-Fankneipe No. 1 im Weg. Zwei Dutzend friedliche Fußballfans ließen bei flimmernden Bildschirmen zu später Stunde noch einmal das dramatische 3:3-Unentschieden gegen Dortmund an sich vorüberziehen. Irgendwann gegen halb drei Uhr nachts knipsten wir das Licht in unserem ausgekühlten Holzhäuschen „auf dem Berg“ aus. *burp*
 
 
Heiliger Vitus, 12. Januar 2026