SUBHUMANS, SPECKNECK
NL-Rotterdam, Exit - 11. April 2010
Wer ausharrt, gewinnt! Unter diesem Schlagwort stand für uns dieser Punkgig am Abend eines anstrengenden Tages. Schließlich hatten wir in den Mittagsstunden den großen Rotterdam-Marathon hinter uns gebracht. Die Sause danach hatte uns Pim von den Rotterdoomern Officium Triste ausgesucht. Etwas Subkultur zum Andenken an den Ort des Marathons muß immer sein. Als Einheimischer wußte Pim am Besten, was in der kurzen Zeit in R´dam für uns zu tun wäre. - Nach den ersten Bieren seit Monaten (noch auf dem Hotelzimmer), und einem Umtrunk in einer Hafenkneipe, hatten wir um 21.20 Uhr per Taxi das »Exit« im Vergnügungsviertel »Lijnbaankwartier« erreicht. Eine splitternde Bierflasche, über die die Karre rollte, war das untrügliche Zeichen für die Ankunft in der Mauritsstraat 173. Für länderübergreifende fünf Einheitseuro waren wir an Bord. Zwischen 40 und 60 Straßenkämpfer waren anwesend. Darunter auch ein Klubtrottel, der sich mit Almosenblick im Auge reihum vor jedem aufbaute. Obendrauf eine Handvoll übel stinkender Nietenpunks.
 
Das »Exit« präsentierte sich aber eher geleckt denn verzeckt. In den schwarzen Wänden werden offenkundig nicht nur Klubgigs sondern auch Elektrofeten durchgeführt. Eine Tapete in schwarz-weiss mit den Cramps hat da gehangen. Kurios auch allemal: der vollverglaste »Backstage«-Raum, in dem die Protagonisten wie Dirnen in einem Schaufenster zu beobachten waren. Die Musiker ihrerseits, genoßen von ihrem Glaskasten aus einen ungehemmten Blick auf das Treiben der Komplizen auf der Bühne. In Holland hat man keine Geheimnisse! Aber es wirkte auch alles wenig authentisch!
»Hey-hey-hey!« Mit diesem Schlachtruf hatte Schlag 21.30 Uhr die Vorhut SPECKNECK - drei Mannen und eine sympathische Vrouw aus Sliedrecht in den Niederlanden - begonnen. Speckneck (deutsch: Speckhals) hämmerten bodenständigen Punkrock in den Raum. Mal treibenden, mal melodischen, überwiegend aber Straßenpunk der schnellen Gangart. Harte Gitarren, harte Schreie, ironisches Gegrins und der nötige Schuß Aggression: Damit waren alle Klischees erfüllt, und so viel konnte man im Exit auch nicht falsch machen. Speckneck waren auffällig unauffällig, sie waren schnell unterwegs - und nach 14 Nummern binnen 24 Minuten leider auch ebenso schnell vergessen. Immerhin hatten uns Marchel, Dietrik, Mier und Ronny die hohe Parole des Tages spendiert: »De Aanhouder Wint« (Wer ausharrt, gewinnt)!
»The SUBHUMANS. Hey!« Das war um halb elf der Gruß der Helden der Nacht. Die Gruppe mit dem schönen Namen hat sich schon in den frühen Achtzigern gegründet. Neben den Sex Pistols und The Clash wurden die Subhumans sogar als sowas wie die Spitze der Bewegung angesehen. Zum Reichtum der Genannten haben es die Subhumans unterdessen nicht gebracht. Dafür krankt es an Ideen und Ausstrahlung. Aber immerhin lebt man noch! Blickfang in der Rotte war ganz klar der mit Philosophenbrille, Pilzfrisur und weit aufgerissenem Rachen wie ein Mix aus Joey Ramone und Iggy Pop wirkende Dick. Hingegen seine Mitstreiter Bruce (Piratentuch), Phil (Stoppelbart) und Trotsky (Mönchsglatze) leidlich blutarm wirkten. Zumindest heute. Nein, statt auf schrägem Glamour Made in England lag das Augenmerk vielmehr in den Inhalten. Die Ansprachen der Subhumans (alle in feinstem Londoner Akzent) waren sowas wie ein Rundumschlag gegen das System, gegen das Finanzkapital, gegen die Bankenschanden von London, gegen die Industrie, gegen das Internet und die digitalen Informationen überhaupt (ein Kampf Don Quijote versus Windmühlen). »Musikalisch« operierte man meist im absoluten Hochgeschwindigkeitsbereich nah am Hardcore, der zuweilen auch vom Ska-Punk und Reggae des Übergangsprojekts Citizen Fish unterwandert war. Die Perlen der Nacht trugen Namen wie »I Don´t Wanna Die«, »´Till the Pigs Come Round« und »Mickey Mouse Is Dead«. Old School pUnK mit intellektueller Note: das waren die »Untermenschen« aus UK! Zwanzig Piepel übten sich im Rempeltanz. Und etliche skandierten »We want more Subhumans (Wir wollen mehr Untermenschen)!« Nach 52 Minuten (23.22 Uhr) war die rasende Schau vorbei.
 
Der Rotterdam-Marathon endete in einem ziemlichen Besäufnis für mich. Am Ende waren wir derart durch den Wind, daß wir nicht mehr wußten, wo Süden ist. Für die drei letzten Kilometer des Tages mußten wir ein zwielichtiges Taxi nehmen.
 
 
Kampfläufer Vitus, 20. April 2010
(Fotos: Vitus)
SET SPECKNECKS
1. Time to Show
2. Shitty Blue Pants
3. Punkrock is Dead
4. Told You So
5. (Fuckin´ on the) Beach
6. Zombie Chicks
7. Gay Dog
8. Demolition Derby
9. Das Gespenst
10. De Aanhouder Wint
11. Back on Time
12. Wasted
13. Rocketdog
14. Papendrecht Boy
 
SET SUBHUMANS
1. Not Me
2. GGW
3. Can´t Hear the Words
4. Internal Riot
5. Power Ames
6. Joe Public
7. Reason for Existence
8. Labels
9. Nothing I Can Do
10. Germ
11. Rats
12. Drugs
13. Subvert
14. Culture
15. New Age
16. I Dont´t Wanna Die
17. Too Fat Too Thin
18. ´Till the Pigs Come Round
19. Evolution
20. Mickey Mouse Is Dead
21. Parasites
22. Apathy
23. No More Gigs
24. Religious War