STONEWALL NOISE ORCHESTRA, HELLAMOR, FAT CHICK SUICIDE
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 16. März 2009
Der berüchtigte Montag, Semesterferien (mit der Folge stadtfliehender Studierender), dazu ungenügende Werbung (die Tour wurde aus dem fernen Hamburg [x-why-z] organisiert): dies dürften die Gründe für die absolute Minuskulisse beim heutigen Konzert von Stonewall Noise Orchestra gewesen sein. Handverzählte 20 Leutchen verloren sich heute in einem der führenden Konzertkeller der Mainmetropole! Einer von denen streckte mir zum Gruße ein Freibier entgegen: der Drummer von Hellamor, wie sich später herausstellte. Leider waren wir clean und mit ziemlich leeren Augen und Köpfen gekommen...
»Pocket« und »Flexible« waren uns entgangen. War aber nicht weiter dramatisch, denn was wir mit Nummer 3, »Not Dead Yet«, hörten, würde sich wie ein roter Faden durch die nächste halbe Stunde ziehen. Der Taunustrupp FAT CHICK SUICIDE servierte eine blitzgescheite bis tiefgründige Pampe aus Rotzrock und Alternativrock, der mich sowieso nie interessierte (AC/DC und Konsorten eingeschlossen). Mit Ausnahme eines sachte angestonerten Stücks auf gedrosselter Geschwindigkeit namens »Sweet A« glich eine Nummer nahezu exakt der anderen: dreckig, krawallig, pseudorebellisch - und auf Dauer stumpf. Hinzu kam die - mit Verlaub gesagt - trantütige Darbietung der vier Pykniker aus dem Speckgürtel vor Frankfurt, die in bunter Schlabberkluft so rein gar nichts hermachten. Also Amok laufen wird von denen gewiß niemand. Aber der Schlagzeuger wurde verabschiedet: auf eine längere Reise nach Asien, wo er sich alle möglichen Geschlechtskrankheiten einfangen wird. Und für die größte Aufregung überhaupt sorgte der Niktotin- und Bierkonsum des ungemein unbegabten Sängers. Das Ende ließ viel zu lange auf sich warten. Nach einer Dreiviertelstunde war die fette Henne dem Freitod geweiht.
 
Pause. Bassist Jonas vom Orchestra kam auf mich zumarschiert. Um mir seine Wiedersehensfreude nach dem Groovedevilgig im fränkischen Altenkunstadt kundzutun. Schlappe drei Jahre ist das her! Sänger Lars-Inge wiederum bekreuzigte sich, uns nicht sofort beim Betreten des Klubs erkannt zu haben... und er erzählte mir von den unheilvollen Dämonen, die lange in seinem Kopf spukten, und wegen denen er zwangsweise ruhiggestellt aus der Band ausgeschieden war. Ein schwarzes Kapitel, was Singe und mich einte. (Und Singe hat nach wie vor Probleme in Menschenvolk zu sein.)
»Guten Abend Frankfurt! HELLAMOR Highdelberg!« Nach diesem knochentrockenen Gruß und den ersten Tönen war zu befürchten, daß es nun die ganze Zeit so weiter geht, wie es mit den schon vergessenen Fat Chick Suicide endete. Denkste, Puppe! Nach der Ausmerzung gewisser technischer Probleme kamen die dem Staub von Calamus entstiegenen Ralf, Nino, Mitja und Adrian gewaltig ins Rollen. Ab 22:04 schlug die Glocke für Stoner Rock galore. Und zwar für Stoner Rock, der aus dem Kontrast von warmen, wuschigen Fuzzgitarren und einem rauhen, bissigen Wolfsgeröchel einen sehr einzigartigen Reiz bezog. »Speed & Cocaine« war solch´ ein Bastard aus psychedelischen Melodien und abgefahrenen Wah-Wah-Effekten einerseits, und diesem völlig wahnsinnigen Hirnnektar, den sich der Sänger mit beschwörend weiten Pupillen und berstenden Halsschlagadern aus der Seele schrie. Mag sein, daß Hellamor den einen oder anderen mit ihren Songs for the Dead und diesem stilunüblichen, kauzig-verschrobenen Charme vor den Kopf stoßen, mich hatten die vier von Anfang an in ihren Bann gezogen. Es war alles zupackend und authentisch, wie von der Straße! »Place in Heaven« wiederum bestach durch das geil gefrickelte Sechssaitenbiest des langhaarigen Nino (der als einziger Headbanger auch etwas fürs Auge bot), und bei »Empty Eyes« war es der Blues der Mundharmonika, die Ralf ganz unorthodox aus seiner Hosentasche genestelt hatte. Man spricht hier von Kult! Und einem lockeren Mundwerk um die neue, nicht vorhandene EP! Ja, und nachdem der Lichtmann dem Sänger dann auch noch das gelbe Licht aus der Fresse genommen hatte, war der Weg final frei - für den paranoiden Pillenrocker (und vorweggenommenen Plattmacher dieses Abends!), für »Prozac Happiness«. Abgrundtiefgefühlsanarchistisch - so wie eine Höllenliebe, das waren Hellamor!
Welcome to Germany! Nach einer tollen Nacht im belgischen Aalst, erwartete die Heavy Stoner Rocker STONEWALL NOISE ORCHESTRA aus der schwedischen Eisenstadt Borlänge heute die tobende Hölle von Frankfurt am Main. S*N*O, sprich: Singe, Snicken, Jansson, Jonas und Mr. Pillow, starteten mit dem schmerzlich-klaustrophobischen »Unknown of Me«, um gleich darauf mit der atemberaubenden fliegenden Festung »Superfortress« das genaue Gegenteil durchs Nachtleben zu jagen. Das unmittelbar folgende »Skyscraper Monument« wiederum stand für den stonerrockigen Gegenschlag vom Neuwerk 'Constants In An Ever Changing Universe', welches seinerzeit Mother Miserys Hermansen einsang, und das von den Auswüchsen des Humanoiden mit all seinen Konsequenzen handelt. Neben den doomigen »As My Sun Turns Black« und »Dedications« kredenzeten S*N*O heute auch drei Lieder, die mehr in Richtung Heavy Rock gingen und damit auf dem Drahtseil zwischen Underground und Massengeschmack (und somit dem Kommerz) balancierten. Desweiteren dürfte (nicht nur bei mir!) die distanzierte Selbstinszenierung des Leadgitarristen etwas verwunderlich erschienen sein. Herr Snicken - frisch erblondet und bis zu den Zehenspitzen bunt tätowiert - erstarb heute ein wenig in seinen bizarren Veitstänzen, die er anscheinend nur für sich zelebrierte. Doch ich will nicht mosern: S*N*O, das war ein weiteres Mal eine Actionlawine aus gleichermaßen monströsen wie glamourösen Melodien, groovenden Riffs, düsteren Fiktionen und fünf wild rochierenden Herzen. Frankfurt war vielleicht nicht der geniale Trip, aber geniale Figuren waren dies allemal. Die dritte Halbzeit bestand aus einem treibenden Heavyrocker namens »Dynamo«, der aber keine Ode an den Fußballklub in Dresden war, sondern ein metaphorischer Trip durch das Elektrisierende des Lebens.
 
Beim Entfernen um Mitternacht zählten wir vier Leute, die treppauf am Bistrotresen herumhingen. Einer der führenden Szeneklubs Frankfurts wurde heute also von 25 Personen beehrt. Eine Erkenntnis, die meinen Gedanken an die Errichtung eines Doomladens endgültig welken lässt!
 
 
Heiliger Vitus, 20. März 2009
(Fotos: Hl.Vitus)
SET FAT CHICK SUICIDE
1. Pocket
2. Flexible
3. Not Dead Yet
4. ATF
5. 20 Ways
6. She´s on Fire
7. Rusty
8. Handsome
9. In a Band
10. Locate Sound
11. Sweet A
12. Wilma
 
SET HELLAMOR
1. Falling
2. Liar
3. Speed & Cocaine
4. Place in Heaven
5. Empty Eyes
6. Not Here
7. Prozac Happiness
 
SET STONEWALL NOISE ORCHESTRA
1. Unknown of Me
2. Superfortress
3. Hollow Parade
4. Skyscraper Moment
5. Venus Travel Agency
6. Sideshow Messiah
7. All Systems Go
8. As My Sun Turns Black
9. Dedications
10. Broken Pills
11. Clone Baby
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12. Dynamo
13. Blue Garden