SOLACE, HASHTRONAUT
D-Dresden, Chemiefabrik - 10. Mai 2026
„Gehst nicht so oft weg?“ Nachdem mir eine der beiden Lolitas hinterm Tresen angesichts mangelnder Bierkenntnis gleich zu Beginn den Phallus abgeschnitten hatte, konnte der Rest des Abends nur besser werden. Und der stand unter wirklich seltsamen Vorzeichen: Zwei Stoner-Gruppen aus USA, Abendkasse zwanzig Euro, dazu Frauentag und ein leckerer Drink aus Kirsch, Becherovka, Zitronenlimo und Limette mit Namen „Pieschen Primel“ zu sechs, sowie Merch zu schmalen Talern - und dennoch fanden sich nur maximal fünfzig in Dresdens „Chemo“ ein. Hashtronaut enterten die Bühne vor fünf Augenpaaren...
Die weite, leere Halle wirkte für das Dreigestirn um Dan Smith, Kellen McInerney und Eric Garcia überdimensioniert geradezu. „We are HASHTRONAUT from Denver, Colorado“, lautete die fast bescheidene Vorstellung zur sonnenhellen Stunde von 19 Uhr 40. Licht tut weh! Doch im Geviert herrschte wohltuende, nur von Nebel und grünen Strahlern durchbrochene Dunkelheit - eine ideale Umgebung für die Hashtronauten aus dem Wilden Westen der USA. Mit transzendentalen Echos und einer hypnotisch malmenden Langsamkeit hatten mich jene beim ersten Hören sofort an die vor drei Dekaden vergötterten Stoner-Doomer Sons of Otis erinnert. Und heute fühlte ich seit einer kleinen Ewigkeit sowas wie Schmetterlinge im Bauch. Wortfetzen aus dem Off leiteten das für mich phänomenalste und krachendste Doom-Ritual der letzten Zeit ein. Schon beim Überlied „Carcinogen“ blieb kein Stein auf dem anderen. Alle drei legten eine atemraubende Performanz hin, der Gitarrist bog sich manisch mit verstörend ins Kopfinnere gedrehten Augen, der bullige Trommler hämmerte mit großer Wucht stoische Beats im Hintergrund, derweil der bärtige Frontmann mit sludgemetallisch verzweifelten Schreien und wirbelnder Mähne dem Spektakel nichts schuldig blieb. Peinlicherweise mußte ausgerechnet ich als Methusalem der Nacht die Schüchternis Dresdensias als einziger haarewirbelnder Groupie im ersten Sturm durchbrechen. Hashtronaut waren eine Dreiviertelstunde blanker Wahnsinn, Stoner-Doom auf höchstem Niveau, und spätestens die Slowburner „Lung Ruiner“ und „Dweller“ hatten bei wohl allen dicke Gänsehaut erzeugt. Obwohl oder gerade weil sie noch ein totaler Geheimtipp sind, und sie den wohl bescheuertsten Namen und eines der banalsten Logos aller Zeit haben, sage ich es hier mit zermorphender Macht: Hashtronaut, Vertreter des Sternenbanners, hatten mächtig Eindruck hinterlassen!
Mit „High, we are SOLACE from New Jersey“ zündete in der Blauen Stunde kurz vor neun bereits der Hauptakt die Nachbrenner. Solace waren die Triebfeder meiner Adjutantin Goddess of Doom Peanut. Wenngleich Solace überhaupt keinen Doom kredenzten. Tempo und Rhythmus waren auf Stoner-, Southern- und Hardrock in Manier der Neunziger geschnitten. Goatsnake, Down und Crowbar schimmerten durch. Die Geschichte war also nicht neu, aber zum „Trost“ machte die Umsetzung Solace zu einem der besseren Auftritte artverwandter Heavy-Trupps. Mit ihrer Gründung 1996 sind Solace Teil des US-Untergrunds zu jener Zeit. Pech prägte deren lange Geschichte: sieben Schlagzeuger, zerstörte Aufnahmen, schwere Krankheiten, abgesagte Touren, Auflösung und der Tod ihres Sängers Jason, dem sie mit einer Neuabmischung des Albums „Further“ einen Gruß ins Himmelreich sandten. Leider wirkte dessen Nachfolger etwas blass, balancierte jedoch ein Tablett Schnaps aufs Geviert, den die fünf auf Jason tranken. In Gestalt des nicht wiederzuerkennenden Gitarristen Tommy Southard (langer Bart statt langer Haare), war heute auch nur noch einer aus der Urbesetzung dabei. Doch Southard verströmte Charme und Stil und wurde vom zitternden Wallebart seines Ebenbilds Justin Daniels an der Twin-Gitarre kongenial unterstützt. Eine zehnminütige Schallwellenorgie aus dröhnenden Trossen, Plaudereien der Akteure untereinander, und Southards in die Höhe gereckter Sechssaiter schufen einen doomigen Ausklang! Nach einem „Thank you, good night!“ gingen Solace von der Bühne.
 
 
((((((Heiliger Vitus)))))), 16. Mai 2026
.:: ABSPIELLISTEN ::.
 
HASHTRONAUT
(19.36-20.22 / Reihenfolge ohne Gewähr)
1.RIP Wizard
2. Cough It Up
3. Lung Ruiner
4. Dead Cloud
5. Carcinogen
6. Dweller
7. Loose Raviolo
8. Void Walker
9. 30 Seconds
10. Marsquake
 
SOLACE
(20.50-21.45)
1. Spiral Will
2. Desert Coffin
3. Fettered to a Stone
4. A God Changes His Plans
5. The Light is a Lie
Wrath Intro
6. Khan (World of Fire)
7. Suspicious Tower
8. Indolence
9. Whistle Pig
10. King Alcohol
11. Bog Iron Jam