SECRETS OF THE MOON, VREID, KAMPFAR, KRAKOW
D-Frankfurt am Main, Nachtleben - 2. Juni 2011
[666] Während heute Meuten von Männern bei hellichtem Bombenwetter mit Leiterwagen oder Fahrradanhängern voller Bier durchs Grüne kurvten - heute war Männertag, Herrentag, Vatertag oder die Himmelfahrt des Nazareners, je nach Art und Glaube - wartete abends im Erdloch unter der Konstablerwache auch schwarzes Metall: Der 'Black Path' hatte drei Gesalbte ins »Nachtleben« geführt. Für 20 Euro konnte man bei Kampfar & Co. sein. Aber nur achtzig wollten das. Es waren die klassischen Kuttenträger, Träger von Hemden voller Runen, Zecher mit langen Loden und Tattoos, und auch einige Lachnummern vom anderen Geschlecht, die sich eingefunden hatten.
Der Abend begann mit einigem Verdruß. Nicht wie überall angekündigt - um 20.00 Uhr - sondern um 19.30 war der Beginn für die Norweger KRAKOW gewesen. Krakow: Ein Schelm, wer dabei Böses denkt! War mir zwar bewußt, aber in dem Moment egal: Wir hatten über eine Viertelstunde versäumt. Welch ein Ärgernis, denn die Klangproben »Drifter«, Monolith und »Coronated Kind« waren grob auf Crowbar oder Gorilla Monsoon getrimmt! Auf Doomcore also!! In echt erwiesen sich Krakow dann allerdings mehr wie Entombed zu deren Death-Rock-Zeiten: das Rudel aus Bergen rockte und headbangte auf Vollgas - bis wir erschienen. In unserem Beisein wandt man sich zu längeren, auf Sparflamme brennenden Instrumentalpassagen hin... bis Krakow in vollständiger Belanglosigkeit erstarben und Frontmann Frode die finale Todeskapsel mit dem Rücken zum Volk gekehrt servierte. Nur 35 erlebten Krakow. Ein müdes »Frankfurt, thank you.« beschloß nach 30 Minuten die Schau.
Mit den Nächsten nahm das Verwirrspiel seinen Lauf. Denn ab 20.23 Uhr stand dann plötzlich die an dritter Stelle erwartete, altgediente Horde KAMPFAR vor uns. Kampfar (norwegisch für Odin) brachten uns die infernalische Strömung des Black Metal. Schnelle, schnörkellos nach vorn gepeitschte Takte und heisere, wahnsinnige Schreie schufen eine sehr winterliche, schroffe Ausstrahlung. Inhaltlich sind Kampfar dabei von Anbeginn der Natur und der Blutlinie ihrer nordischen Ahnen von der Zeit der Runen und Wikinger bis ins Hier und Jetzt verbunden. Manche ihrer Lieder, besonders die der ausgehenden Neunziger, wie das düstere »Troll, Dod og Trolldom«, waren dabei auf Norwegisch. Von Kampfar hatte ich mir viel erwartet - und wurde auch fast vollständig befriedigt. Musikalisch waren Vokalist Dolk, Sechssaiter Verschoor, Baßgitarrist Bakker sowie Trommler II13 tadellos, nur leider störten die bemüht bösen Klischees. Emporgereckte Fäuste, gebleckte Zähne, rausgestreckte Zungen und die immergleichen plakativen Parolen wirken auf Dauer tödlich. Zwiespältig blieb auch die Erscheinung Dolks, der seine feminine Figur in ein strumpfartiges Beinkleid gezwängt hatte und in Verbindung mit seiner platinblonden Mähne eher einem Neutrum vom anderen Ufer als einem heidnischen Kämpfer glich. Doch am Ende zählt die Musik, und die war astrein! Kampfar lärmten 45 Minuten. Eine flammende Ansprache und die Wegweisung ins Nordreich durch die Paganhymne »Ravenheart« bedeuteten das Ende.
Auf Hochglanz poliert, aber nicht ganz so schrill, vielmehr einen ganzen Ton tiefergelegt, kam die Black-&-Roll-Brigade VREID daher. Nachdem es bei Kampfar rund 60 waren, hatten Vreid mit geschätzten 80 die meisten Besucher. Auch Vreid (gesprochen wie geschrieben, deutsch: Wut) stammten aus Norwegen. Sture, Strom, Hváll und Steingrim schritten einen sehr wendungsreichen Pfad zwischen stampfenden Feuerzeughymnen wie »Fire on the Mountain« und pfeilschnellem Geknüppel wie »Speak Goddamnit«. Hin und wieder schlichen sich dabei auch Kniefälle vor Burzum zu deren Polterzeit ein. Rauhes Geröchel verlieh den schwarzen Klängen einen obskuren Charme. Insgesamt waren Vreid für mich aber nur ein Mummenschanz aus Neu und Alt, Schwarzmetall im Niemandsland und bestimmt nicht mehr als eine Episode. So vorhanden, hätte ich gern die Vorspultaste gedrückt. So zogen sich Vreid aber über eine gefühlte Ewigkeit. Abgestoppt waren es 60 Minuten. Der Schrei nach Zugabe blieb wie bei allen anderen Gruppen zum Glück aus.
Fast minutengenau mit der »Running Order« machten sich um 22.50 Uhr SECRETS OF THE MOON ans Werk. Den Secrets war unerwartet der Ruhm der Hauptgruppe zugefallen, und sie waren nicht (!) aus Norge, sondern aus Osnabrück, Germania, angerückt (weshalb man sich nicht als Dresdner offenbaren durfte - der Abstieg...). »Seraphim is Dead«: So hieß der Auftakt, und alle, die wissen was ehrlich ist, lagen den Secrets fortan zu Füßen. sG, Ar, LSK und Thelemnar waren die mit Abstand glaubwürdigsten Akteure. In S.o.t.M verbanden sich drei Männer und eine Frau mit Haaren bis zum Arsch zu einer hochästhetischen Einheit wie aus einem Guß. S.o.t.M kommen ohne martialisches Gehabe aus. Es spricht nur die Musik, ein komplexes, spirituelles Geflecht aus Dunkelheit, Mystik und Unendlichkeit, wie es im Black Metal einzigartig ist. Jede Note schafft einen Tiefgang, der sonst nur im Doom erlebt werden kann. Auch mein drittes Zusammensein mit den Mondkriegern wurde zu einem unvergeßlichen. Es ist immer wieder ungemein unter die Haut gehend, wie sich sG förmlich in das Mikro hineinfleht... um sowas wie die Rachegöttin »Nemesis« oder den »Ghost« zu beschwören. Nachdem ich mit meinem Weib am Mittag schon ein Marathontraining auf Tartan durchgezogen hatte, ist mir nach drei Stunden unter der Erde leider etwas die Luft ausgegangen. Dem Plan folgend, betrug die »Show Time« für Secrets 60 Minuten. Nach einer großartigen ersten halben Stunde, und nachdem Schwierigkeiten mit der Technik einen leichten Abfall bewirkten, haben wir uns aus dem Keller abgesetzt.
 
Vorm Abschied ergab sich noch eine Unterhaltung mit Ron vom Magazin »Not An Emergency«, der mir einige erhellende Einblicke ins Innere seiner Helden Endstille schenkte (besonders was die Nachfolge von Iblis angeht). Um 1 Uhr zog der 'Black Path' per Bus ostwärts weiter. Jedoch nicht nach Krakow, sondern ins 900 Kilometer entfernte Kattowitz. Die Ankunft auf polnischem Boden wurde zwischen 12 und 13 Uhr erwartet. 24 Stunden ging das beim »Silesian Massacre« alles wieder von vorne los. So wie jeden Abend, und das 14 Mal......
 
 
Heiliger Vitus, 4. Juni 2011
(Abbildungen: Hl. Vitus)
ABSPIELLISTE KAMPFAR
1. Mare
2. Inferno
3. Troll, Dod og Trolldom
4. Norse
5. Dødens Vee

6. Huldreland
7. Vettekult
8. Altergang
9. Ravenheart
 
ABSPIELLISTE VREID
1. Arche
2. I Krig
3. Fire on the Mountain
4. Raped By Light
5. The Blood Eagle
6. Speak Goddamnit
7. The Sound of the River
8. Wrath of Mine
9. Wolverine Bastard
10. The Other & The Look
11. Pitch Black
 
ABSPIELLISTE SECRETS OF THE MOON
(unvollständig)
1. Seraphim is Dead
2. Nemesis
3. Miasma
4. Ghost
...
Neulich an der Korova-Milchbar