KYLESA, SAVIOURS, RED FANG, THE ATLAS MOTH
USA-Chicago, Reggies Rock Club - 12. Oktober 2009
[666] Unbekannte Stadt im fernen Amerika. Dazu die ersten hirnverkehrenden Flüssigkeiten seit Ewigkeiten... Eines der abgewrackten Cabs hatte uns halb sieben sicher zu den »New Rock Headquarters« im gottverlassenen South Loop von Chicagoland kutschiert. Dort war im Halbdunkel der 2109 South State Street ein flacher Ziegelbau voller Graffitis und Plakate auszumachen: das gesuchte »Reggies«. Mit Bar, Club und Ladengeschäft in einem. Unten war der »Music Joint«, eine Musikkneipe mit Bar und Grill, untergebracht. Rechts daneben der »Rock Club« mit der Livebühne. Und unterm Dach: der größte Indie-Laden der Stadt, der »Record Breakers«.
 
Nach Vorzeigen einer »ID« (Altersnachweis), einem Crashkurs zur Hausordnung, dem Anlegen eines Armbands mit Aufschrift Over 21 und dem Entrichten von 14 Dollar (umgerechnet etwas über neun Euro) waren wir willkommen im Club. Schien sich bei dieser Lokation um ein ausgeschlachtetes Lichtspieltheater der Fünfzigerjahre zu handeln. Ausladende Balkons mit prachtvollen Sesseln, bequeme Sitzemporen und ein geneigter Tanzboden erlaubten eine ungehemmte Sicht von jedem Punkt des Raums. 400 Leute dürften reinpassen, auf intime 120 schätze ich die Zahl des Abends. Das Bier »Schlitz« gabs zum Low-Budget-Preis von 4 Dollar pro Gallone. Eine der streng limitierten Demo-CDs, der neue Silberling im edlen Pappschuber und ein Hemd von Atlas Moth kosteten mich gerade mal 24 Dollar (16 Euro). Und nach dem dritten Schlitz verstand sich sogar der amerikanische Bartender mit mir blind. Germoney, einfach nur »Fuck you!« und Scham und Schande über dich!
THE ATLAS MOTH - die Atlasmotte: Der Name brachte mich schon etwas ins Grübeln - waren der Grund, ausgerechnet dieses Venue zu beehren. (Zur weiteren Wahl standen immerhin Cock Sparrer im Rahmen des fünftägigen »Riot Fest«, und keine anderen als Nachtmystium). Aber die Motten aus der Gotham von Illinois (Chicago) versprachen das Lebenselixier, den Doom. Genauer gesagt, dessen fiesen Onkel Sludge Core! Fünf ungesund wirkende Kauze mit speckigen Loden, Ziegenbärten, massig Tinte unter der Haut und einem irritierenden Führerschnauzer, boten einen wüsten Terror aus vier Gitarren und einem vampirischen Geschrei und Gekeif, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Optisch unterlegt war dies von explizit-kranken Schwarz-Weiss-Filmen im Stile EyeHateGods (anfangs tanzende nackte Damen, darauf groteske humanoide Mißbildungen und Freakgeburten, schließlich brutale Mörder und durchtrennte Körperteile). Der Sound spannte sich von kurzen, bissigen Parts über zerstörerische Verzerrungen bis hin zu deliriösen Dröhnorgien. Bei alledem befaßten sich Stavros, David, Andrew, Alex sowie Drumist Anthony mit eher abstrakten, irrationalen Dingen. Allegorien erzeugten die gewollte Distanzierung vom Hier und Jetzt. Es waren Endlösungen wie »...Leads To A Lifetime On Mercury« mit denen The Moth unsere Geister ab 19 Uhr in ein nächstes Dasein in einem anderen Universum flattern liessen. Leider nur für die Länge eines Groschenheftes (30 Minuten).
SET THE ATLAS MOTH
1. A Night in Venus´ Arms
2. Grey Wolves
3. Extraordinary Claims Require Extraordinary Evidence
4. One Amongst The Wheat Fields
5. ...Leads To A Lifetime On Mercury
Im weitesten Sinne animalisch ging es weiter. Den Motten folgten ab 19.50 Uhr die Raubtiere mit den roten Fangzähnen RED FANG. Der Name könnte aber etwas in die Irre führen. Denn es wurde nun nicht reißerisch, sondern eher entspannt - manchmal auch entspannt schnell - aber immer verdammt verdrogt, verdammt dicht, verdammt drückend und intensiv. Red Fang verzauberten mit einem superschönen Heavy bis Stoner Rock irgendwo zwischen Motörhead und den Queens of The Stone Age, bespritzt mit etwas Nirvana. Das krude Organ von Lemmy, dazu die Instrumente tief im psychedelischen Stoner Doom: so etwa waren die wilden Headbanger aus Portland in Oregon. Giles, Sullivan, Beam und Sherman waren ihre Namen. Und einer von ihnen stach als obskurer Waldschrat mit abgewetzter Fender über der Schulter noch besonders heraus. Denn Gitarrero Sullivan erinnerte in seinem ganzen Habitus voll an den heiligen Chandler von Saint Vitus. Red Fang wurden hinten raus immer besser und der schon unverschämt geile »Prehistoric Dog« krönte die Show nach vierzig Minuten.
SET RED FANG
1. Reverse Thunder
2. Sharks
3. Good to Die
4. Malve Rd
5. Wires
6. Bird on Fire
7. Bunny
8. Prehistoric Dog
Die nächsten waren ein wenig geschwinder drauf. Die New Wave of British Heavy Metal traf den Stoner Metal des neuen Jahrtausends. Das etwa liesse sich zu den SAVIOURS erzählen. Die vier Langhaarigen aus Oakland, CA, wühlten in erster Linie in den Venen des 80er Jahre Speed/Thrash und fügten dem schnellen Stil einen dunklen Schimmer hinzu. Insbesondere der noch blutjunge Frontmann ragte dabei mit einer ungeheuren Energie und Lebendigkeit heraus. Zu ihren raserischen, melodischen Stahltrossen lehnten die Gitarristen oft oldschoolig wie in den glorreichen Metalachtzigern Rücken an Rücken gelehnt. Und mit ihren Songs um die »Acid Hand« hatten die Metalheads vom fernen Pazifik auch umgehend den ersten Moshpit der Nacht ausgelöst. Welcher jedoch rasch vom Saalschutz unterbunden wurde. Jawoll, in USA, da herrscht noch Zucht und Ordnung! Wie bei den Spähtrupps, so war auch der Auftritt der Saviours von extrem kurzer Dauer, nämlich einer halben Stunde. Nur vier Tage später würden die Burschen mit der Doom-Legende Saint Vitus einige Podeste der Ostküste plattmachen! Und so begab es sich...
... das zu einer Zeit, zu der sich in D´land gewöhnlich die Ersten auf die Bretter bemühen: um 21.31 Uhr - bereits das vierte Kommando zum Einsatz bereit war! KYLESA servierten ein sehr elektrisierendes Gebräu. Eines, welches zu gleichen Teilen von Attitüden des Schwermetall und Crustpunk geprägt war. Nach einem esoterischen Gebet des Drummers kreuzten sich in der Folge tiefgestimmte Heavygitarren mit rebellisch herausgerüpelten Gefühlsattacken und einem wahrhaft gigantischen Gekloppe aus zwei Schlagwerken im Hinterland. Kylesa waren sehr cool, sehr brutal, sehr zeitgemäß und ganz vorn mit einem Powergirl als Sprachrohr bestückt. Wie alle Vorigen, so zeigten sich auch die Kameraden aus Savannah, Georgia bunt tätowiert und - abgesehen von einer knappen Erwähnung des Gruppennamens - frei von jeglichem Durchsagengeseier. Alles war einzig auf eine unangenehm schroffe Grundstimmung reduziert, die bisweilen auch etwas an Black Sabbath denken ließ. Cope, Pleasants, Villegas, McGinely und als Livedrummer der komplett durchgeknallte (und gewiß nicht ungedopte) Haudrauf Kilpatric: dies der Vollständigkeit halber noch die Besetzung des Straßenkreuzers der Nacht. Kai-le-sa regierten eine volle Stunde, und Teile wie »Scapegoat«, »Hollow Severer« und »Were the Horizon Unfolds« bombten uns in den Schlaf.
 
 
Holy Vitus, 16. Oktober 2009
(Foto: Hl.Vitus)