FRANKFURT CITY JAZZ BAND
D-Frankfurt am Main, Anglerheim Rödelheim - 24. August 2011
Nichts ist für immer. Auch Orte mit schönen Erinnerungen sind eines Tages nur noch Schatten. Seit 1994 war »Staff« der Chef einer lauschigen Schänke namens »Anglerheim Rödelheim«. Fast zur gleichen Zeit hatte ich mit meiner Freundin eine Behausung in Rödelheim gefunden. Ungezählte Male waren wir Gäste bei Staff gewesen. In jener alten Baracke am Ufer der Nidda, die da anstelle eines Bootshauses aufgebaut wurde. Ein schmaler Weg führte zwischen dem Häuschen und dem Fluß vorbei, auf dem sich im Sommer ein unendlicher Strom aus Pedalrittern und Läufern beobachten ließ. Pappeln, Eschen und Eichen säumten die Böschung hinunter zum Wasser. Am anderen Ufer lagen die Wiesen des Brentanobads, hinter der Niddabrücke der Stadtteil Hausen. Drei Meter unter der Böschung floß lautlos die Nidda. Wie oft sind wir hier versumpft?! Auch den Rappern vom »Rödelheim Hartreim Projekt« hat´s früher hier gefallen. Ein Messingschild am Stammtisch blieb als Andenken. Der niedersächsische Macher des »Doom Shall Rise« war mit uns auf einen Riesenbembel Apfelwein hier... Oft bis weit nach Schluß hatte uns Staff mit kühlen Stöffchen versorgt. Das Anglerheim war einer unserer Lieblingsorte in Frankfurt. Nach 17 Jahren gab Staff auf. Zu wenig Umsatz. Das Aussterben der Typen. Wertewandel. Eine veränderte Welt. Womöglich auch der Ausbau des Nidda-Uferwegs zur pfeilschnellen Durchgangspiste für die Radfahrer. Und am Ende schlechtes Essen.
 
Blitz und Donner waren heute über Frankfurt gezogen. Am Abend hing eine dräuende Nässe in der Luft. Bäume ließen ihre Äste wie in Trauer in die Nidda hängen. Der Abschied von Staff und sein letztes Jazzkonzert hatte noch mal fast 60 Leute heraus gelockt. 36 Leute zählte ich im Innenraum des Anglerheims, Peanut kam im Biergarten auf 18. Durch die Bank ältere Semester, auch zwei in der Fremde hängengebliebene Schwarze. Hin und wieder tauchten ein paar Frankfurt-Marathon-Trainierer aus der Dunkelheit auf dem Uferweg auf.
 
Staffs Abgesang von Rödelheim - zugleich auch als Totengedenken an einen Jazz-Veranstalter aus Rödelheim gemacht - sollte die PETER FEIL BAND bestreiten. Feil mußte dann aber als Posaunist der hr-Bigband kurzfristig in der Stadthalle Baunatal ran. Staff blieben drei Tage um einen bekannten Klarinettisten anzurufen, der in aller Eile eine Combo zusammentrommeln konnte.
Drei Männer mit Klarinette, Trompete und Waschbrett, dazu eine reife Dame hinterm Klavier: so hatte sich das unbekannte Projekt aus Frankfurt und der Wetterau aufgestellt. Und zwar »unplugged«, mit altmodischen Notenblättern und ohne jeden Firlefanz. Es war kaum Zeit zum Üben, aber alles lief wie am Schnürchen. Jazz ist Herzenssache und in der Regel sind die Musiker Meister ihres Instruments. Das Konzert begann um 20 Uhr, es teilte sich in drei Blöcke von vierzig Minuten, dazwischen lagen jeweils zwanzig Minuten Pause, in denen man mit den Nachbarn ein Bier trank oder am »Ol´ Man River« Nidda eine qualmte. So ergab sich gleich nach dem ersten Teil die Gelegenheit zu einer Befragung, bei dem sich das Quartett in meinem Beisein auf den Gruppennamen FRANKFURT CITY JAZZ BAND einigte. Die Pianistin hatte die Idee, und damit war die Taufe perfekt. Als Hommage an die Vorbilder aus Louisiana spielten die Citys für uns New Orleans Jazz (und nicht - wie vermutet - Dixieland!). Wunderbar prickelnd, federleicht und leise drangen die handgemachten Töne vom Inneren hinaus in die Nacht. Wer drin kein Stühlchen ergattern konnte, durfte sich am Fluß des Jazz erfreuen. Durch die offene Tür und die Fenster konnte man die Musiker im hellen Innenraum auch von außen gut erkennen. Eine ganze Latte vom Jass der 1900er-Jahre wurde da mit Herzblut und frankforderischer Schlitzohrigkeit serviert. So erfuhr das Publikum, daß Satchmo »Sister Kate« nur des Geldes wegen komponiert und selbst nie gespielt hatte. Der Klarinettist unternahm Ausflüge durch den Biergarten und über den Nidda-Uferweg zurück ins Anglerheim. Eine Frau mit Spendendose für ein Hilfswerk schloß sich an. Nach dem mittleren Block leisteten uns wiederum der Trompeter und die Pianistin Gesellschaft - um Kompetenz in Sachen Schwermetallmusik zu beweisen. Man benutzte Worte wie »Thrash Metal« und »Brasilien«. Im Schlußteil machten die Citys ohne Klarinette als Trio weiter - und nach einigen Zugaben war Staffs letzter Rödelheimer Jazz-Abend kurz nach 23 Uhr ein für alle Mal Geschichte. Am 31. August war das Anglerheim ausgeräumt und dichtgemacht. Nur die Nidda interessiert das nicht - die Nidda fließt weiter.
 
 
Text und Bilder: Heiliger Vitus im August 2011
ABSPIELLISTE FRANKFURT CITY JAZZ BABD
(nicht alle wurden gespielt)
1. Hindustan
2. Frankie & Johnny
3. Shine
4. I Cant´t Give You Anything But Love
5. Jambalaya
6. Basin Street Blues
7. Darktown Strutters Ball
8. See, See, Rider
9. Tell Me Your Dream
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10. When You´re Smiling
11. Sister Kate
12. China Boy
13. St. James Infirmary
14. Bill Bayley
15. Careless Love
16. Down in Honky Tonk Town
17. Summertime
18. Streets of the City
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19. When You and I Where Young, Maggie
20. Corinne, Corinna
21. Big Butter and Egg Man
22. Blues My Naughty Sweetie
23. Old Stack O´Lee
24. Golden Leaf Strut
25. After You´ve Gone
26. St. Louis Blues
27. Sheikh of Araby
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28. Exactly Like You
29. Tishomingo Blues
30. By and By
31. Isle of Capri
32. Some of These Days
33. Avalon
34. Girl of My Dreams
35. In the Sweet Bye and Bye
36. Buddy Bolden Blues
37. Weary Blues
38. Pallet on the Floor
39. Algiers Strut
40. Tin Roof Blues
41. Dr. Jazz
42. Baby, Won´t You Please Come Home
Die Nidda und das Anglerheim Rödelheim am Morgen