ANGST, DIE TRAKTOR
D-Frankfurt am Main, Jugendhaus Hausen - 11. Dezember 2004
Der Fluß Nidda. Eine Baracke in Ufernähe. Im verwucherten Grenzland zwischen Rödelheim und Hausen - auch »Brenner« genannt -: das Jugendhaus Hausen. Peanut und ich wohnten nur einen Steinwurf entfernt - und waren trotzdem nie dort. Dank einiger seit Wochen an Rödelheims Hauptkreuzung baumelnder Plakate mit dem Aufdruck »Achtung! Deutliche Texte. Angst - Totgeglaubt« kam es heute zu unsrem ersten Besuch in der »Lula 338«. - Um acht liefen wir bei frostigen Temperaturen in den 150 Leute fassenden Bau in der Landmannstraße ein. Im gemütlichen Ambiente aus Holzbohlen, Teppichen und Plüschsofas, inmitten von Pärchen noch mit dem Silberblick vom Sonnabend-Sex in den Augen, zwischen Freundeskreisen, Altpunkern, Pit-Bull-Geklufteten, bierselig grinsenden Rödelheimprolls und anderen Nichtsnutzen: auch die befreundete Promotusse Evelin mit dem in schwarzem Rammstein-Kapu steckenden Jörg von Soleïlnoïr. Für Letzten gab´s ein Wiedersehen mit alten Kollegen: Jörg war mal bei Angst. Rund 80 Leute waren gekommen, wobei der Altersschnitt um die vierzig dem Ort spottete... Draußen wurden Würste gegrillt, zu Trinken gab´s Hansapils aus Flaschen (1,50 Euro der halbe Liter) und Ebbelwei von der Kelterei nebenan (ein Liter von Althenn´s für 2,50 Euro). Das Stöffche floß in Strömen und alle hatten sich lieb. Heile Welt in Krankfurt!
21.05 Uhr standen DIE TRAKTOR auf der ebenerdigen Bühne. Die Traktor gibt´s seit zehn Jahren, ihren Namen hat man zig Mal gehört, aber sie noch nie zu Gesicht bekommen. Nach einem Dank für die Einladung an Angst, wurde das Geheimnis um den Untergrundkult durch den zackig nach vorn krachenden Punkrocker »Es ist vorbei« gelüftet. Arne, Mikesch, Stan und Harrison stellten sich auch noch amtlich vor: »Wir sind Die Traktor aus Frankfurt.« Und die vier wichen keinen Deut vom eingeschlagenen Kurs ab. Die »Lula« war voll von fliegenden Punkgitarren, wirbelnden Stöcken und gefühlvollen bis ironischen Texten, mehrstimmig und auf Deutsch. Die Hosen auf Speed trafen auf die Ärzte in Emo-Optik: so etwa. Der Funke sprang auch im Handstreich über. Es wurde nach Lust und Laune getanzt und getrunken, und vom Plakat hinter den Traktoren himmelte einen das Pinup-Girl vom Neuwerk 'Wieder zuhause' an. Gleich Arnes erste Ansage war ergreifend und ging so: »Ein Song, der mir ganz besonders am Herzen liegt. Für immer PUNK!: 'Komm laß uns gehen'.« Darauf hatten die Männer »eins aus den Achtzigern, zwar von einer Frau gesungen, aber wir können es besser: 'Paula Abdul'.« Das Teil darauf gebührte der Musikindustrie. Hoffend auf Gehör schenkten die Traktoren den Plattenfirmen ihre ganz spezielle Sympathie: »Wir scheißen auf den Labelcode!« Ein weiterer rotziger Punker folgte durch »Tiefgekühlt«. Darauf forderte Arne: »Wir brauchen drei Bier, das ist elementar wichtig. Wir zahlen auch. Es soll ja nicht heißen, die Band kommt nur zum Saufen her.« Und da man schon beim Thema war, gab´s ein kleines Wett-Trinken: Arne gegen jemand aus dem Volk. Exen eines halben Liters zum Preis einer CD. Der Typ aus der Meute siegte. Mit »King of Lose« und dem einer speziellen Angst-Person gewidmeten »Ich will poppen, mal von hinten, mal von vorne« folgten weitere schöne Punkrocker. Dann war Schluß - und Zugaberufe. »Okay, machen wir. Der Traktor muß rollen!« Zum einen gab´s die Ballade »Sie war so häßlich wie die Nacht«. Zum anderen den berührenden Höhepunkt, ein Lied übers Abschiednehmen durch »Bevor ich sterbe«. Und final den von allen zusammen wild herausgeschrienen, 30sekündigen Turbotraktor »Trekker fahr´n«. Die Traktoren rammelten eine volle Stunde.
 
Luftholen... und paar Worte mit dem Gitarristen, der kurioserweise vor Urzeiten mal in unserem lokalen Fahrradgeschäft geschraubt hat. Der Klub leerte sich. Jemand mit »Hefblick«-Hemd - wohl einer von Hefblick - stolperte durch den Raum. Der Name Hefblick war heute Programm... Pinkelngehen, fünfzig Meter zu Fuß durch die Nacht... ins erleuchtete DLRG-Heim. - Diversen Halbstarken aus Osmanien waren die harten Gitarren erwartungsgemäß fremd, sie blödelten über die Kluft der Angst-Leute und zogen es vor, draußen in der Kälte zwischen kichernden Backfischen riesige Joints zu drehen.
Totenköpfe, Skelette, Flammen, schrille Lichter und Nebelschwaden überm Geviert, dazu die Durchsage »Wir sind ANGST! Okay?! Rocknroll!«: Ab 22.40 Uhr ging an der Nidda die Angst um. Vor uns vier pechschwarz gewandete Altrocker mit massig Bondage, Lack und Eisen, Elvis-Brille und spitzen Schuhen am Körper: Incredible OLF (Stimme und Seventies-Gitarre), Erhan Alfa Jet (Heavy guitar), Brad Ford (Four fat strings) und Cookie Eisenhauer (Trommeln, Blech und Metall). Aber nicht Furcht ergriff mich nun, nein, die Reise ging zurück ins schöne Gestern: ins selig-rudimentäre 80er-Metal-Jahrzehnt. Na ja, sagen wir: fast. Angst machten verstaubt-stampfenden Hardrock und verbanden ihn mit Böhse-Onkäls-Attitüde (Texte) und Fick-das-Chick-Glam (der schrille Fronter) zu einer recht skurrilen Mixtur. »Stunkrock«, sagen sie selbst dazu. »Rockstar« und »Angst« machten den Anfang, und Incredible OLF ließ hämisch grinsend wissen: »Ich bin die Angst. Du kriegst mich nie mehr los!« OLF forderte Bier, machte mit der Frontreihe Stößchen und sprach: »Das nächste Stück müßt ihr nicht persönlich nehmen: 'Ich scheiss auf Dich'.« Mit heftig kreischenden Sechssaitern und reichlich Muskel- und Kampfgehabe ging es dahin, durch Drei-Promille-Mitgrölnummern wie »Totgeglaubt« und »Sado-Maso«, und OLF erklärte: »Wir haben uns ein wenig anders angezogen. Wir wollen nicht wie alle sein. Keep on rockin´ - this is for you: 'Angst fickt Dich!' » In all den kernigen bis asozialen Aggrokitsch schmuggelte sich dann aber auch Nachdenkliches, wie der Düsterrocker »Kinderficker« und das Lied über einen Freund, der plötzlich nicht mehr wiederkommt: »Ohne Dich«. Nach »Wahltag - Leck mich am Arsch« - verließen Angst das Geviert... um unter vehementen Zugabeforderungen (vor allem von den Freunden der Traktorenpunks) mit dem ungemein genialen Fehlfarben-Cover »Paul ist tot« zurückzukehren. Angst spielten ihre Titelnummer doppelt, »damit den Bandnamen keiner vergißt«, sie schissen ein Da capo auf den »Wahltag« (ein lustvoll vulgäres »Leck mich am Arsch!« inbegriffen), und nach einer Stunde, um Mitternacht, fand die Fuck´n´Roll-Schau der Angst ihren Abschluß.
 
 
Heiliger Vitus, 13. Dezember 2004
(Bilder: Hl. Vitus)
ABSPIELLISTE DIE TRAKTOR
1. Es ist vorbei
2. Jetzt kommt die Zeit
3. Wie Du
4. Rhandy
5. Komm laß uns gehen
6. Du verlierst Dein Gesicht
7. Schlaflos
8. Paula Abdul
9. Labelcode
10. Tiefgekühlt
11. Ich will nur Dich
12. King of Fools
13. 007
14. Poppen
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15. Sie war so hässlich
16. Bevor ich sterbe
17. Trekker fahr´n
 
ABSPIELLISTE ANGST
1. Rockstar
2. Angst
3. Ich scheiss auf Dich
4. Totgeglaubt
5. Sado-Maso
6. Kinderficker
7. Nicht wie alle
8. Angst fickt Dich
9. Ohne Dich
10. Wahltag-LmaA
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11. Paul ist tot (Fehlfarben)
12. Rockstar
13. Wahltag-LmaA
14. Angst